Tschernobyl: Ausfahrt mit Kindern aus dem strahlenverseuchten Gebiet (Archivversion) Mit Kawa und Geigerzähler<br /><br /> durch die Todeszone

Keine Ampeln, keine Verkehrskontrollen,
keine Speedlimits. Straßen, die in weitem Umkreis ihr allein gehören, hat die damals
25-jährige Elena im März 2004 auf ihrer kofferbewehrten Kawasaki ZZ-R 1100 erlebt. Als ganz realen Alptraum. Denn die Ukrainerin tourte
mitten durch die Todeszone von Tschernobyl. Elena passierte Geisterstädte, entvölkerte und bis auf weiteres verstrahlte Gebiete. Sie kenne ihr Risiko, sagt sie. Ihr Vater ist Kernphysiker,
er hat ihr den Eintritt ins hermetisch abgeriegelte Sperrgebiet verschafft. Dort untersucht er
zusammen mit anderen Wissenschaftlern die Auswirkungen der Strahlung.
Auf dem Asphalt der Straße sei man relativ sicher, sagt Elena. Abseits jedoch hingen die radioaktiv belasteten Staubpartikel an Pflanzen, verseuchen bis heute den Boden. Deshalb fuhr sie immer allein: Niemand sollte vor ihr feinen, lungengängigen Straßenstaub aufwirbeln.
Ihren gewagten Trip hat Elena auf ihrer sehr empfehlenswerten Homepage (www.fcdnet.org/ chernobyl) zu einer erschütternden Fotoreportage verarbeitet. 28 auf englisch geschriebene, fortlaufende Seiten als Mahnmal wider das
Vergessen. Ihre Reportage rüttelt wach, zeigt nüchtern das unfassbare – und unterschätzte – Ausmaß der Katastrophe vor Ort.
Verlassene Häuser, Dörfer und Städte fand Elena, in aller Hast evakuiert. Kinderspielzeug, Familienfotos, Autoscooter auf der örtlichen
Kirmes, alles unberührt seit dem 26. April
1986; dem Tag, als der Reaktor hochging. Damals war sie gerade erst sieben Jahre alt. Alle Einwohner im Umkreis von drei Kilometern,
ungefähr 50000 Menschen, wurden innerhalb von 36 Stunden evakuiert. In den folgenden
Wochen und Monaten siedelten die sowjetischen Behörden weitere 67000 Menschen im Radius von 30 Kilometern um. Eines von Elenas Fotos zeigt zerfledderte Teddys in einer Vorschule direkt am Kraftwerk. Der letzte Eintrag im Klassenbuch einer Lehrerin: Der Spaziergang am Samstag, schrieb sie, fällt leider aus, wegen eines unvorhergesehenen Zwischenfalls.
Rote Fahnen der Sowjets liegen verlassen, erzählen von Panik statt Mai-Paraden. Gespenstisch sind die Friedhöfe für Lastwagen und
Hubschrauber, mit denen Soldaten einst den
Beton-Sarkophag über dem geschmolzenen
Reaktor ausgebreitet haben. Die Fahrzeuge und Fluggeräte sind hochgradig radioaktiv verseucht, viele der Feuerwehrleute und Piloten in der Zwischenzeit an Krebs und anderen Krankheiten gestorben. Vermutlich halfen damals bis zu 600000 »Freiwillige«, Studenten und Soldaten, beim verzweifelten Versuch, wenigstens notdürftig zu dekontaminieren. Die meisten von ihnen wussten nichts von der enormen Radioaktivität, der sie sich aussetzten.
Heute dominiert der trügerische Friede einer nur scheinbar gesunden Natur, die sich die
rapide verfallenen Städte zurückerobert. Straßen wie vor 20 Jahren, durch die sich ab und an einmal ein paar Grashalme den Weg durch Risse im Asphalt gebahnt haben. Allein Elenas Geigerzähler demaskierte die morbide Idylle. Er gab
ihr den Takt für die Tour vor. Und das Dosimeter, das ihre gesamte eingefangene Strahlungsbelastung speicherte.
Nüchtern erklärt Elena, wie man das Sperrgebiet durchquert, ohne sich eine tödliche Strahlendosis einzufangen. Ein kalkulierbares Risiko? Zumindest das auf zwei Rädern. Kein Verkehr, kein Mensch, kaum einmal ein Tier. Einzig auf dem Motorrad ging jede Gefahr,
der sich Elena ausgesetzt hat, ganz und gar
von ihr allein aus.

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