Türkei (Archivversion) Der heilige Berg

Ararat – allein der Name weckt tausenderlei Fantasien. Christen gilt der mächtige Vulkan als Wiege der Menschheit, Motorradfahrern als Traumziel im äußersten Osten der Türkei. Doch der Weg dorthin ist weit. Und führt durch ein riesiges Land, das seit Jahrzehnten Anschluss an Europa sucht.

Tayfun macht seinem Namen alle Ehre. Mit einem kühnen Lenkmanöver parkt er seinen tiefergelegten, markant verspoilerten 3er-BMW neben unseren Motorrädern vor einem Café: »Willkommen in der Türkei. Mein Name ist Tayfun. Seid ihr aus Deutschland?« »Ja sicher.« »Wie gefällt euch mein Land? Glaubt ihr, die Türkei könne der EU beitreten?« Tayfun kommt sofort zur Sache. »Ja sicher.« »Wart ihr schon in
Antalya und Alanya?« »Ja, aber...« »Dann müsst ihr unbedingt noch nach Urfa und Göreme! Güle güle – auf Wiedersehen.« Spricht’s und stiebt kreischend mit seinem aufgemachten bayerischen Schlitten davon.
Claudia, Andreas und ich starren uns ein wenig perplex an. Tayfuns Auftritt hatte etwas von einem Wirbelsturm – kurz und heftig. Tatsächlich aber ist er nicht der Erste, der während der bereits zurückgelegten 1000 Kilometer zwischen dem Fährhafen Çesme und Alanya unsere Meinung zum EU-Beitritt hören wollte. Offenbar können es viele Türken kaum abwarten, bis ihr Land endlich in diesen Club aufgenommen wird. Entlang der Mittelmeerküste wirkt die Türkei vielerorts bereits so europäisch wie Spanien oder Griechenland – keine Spur von islamischer Zurückhaltung in den Ferienzentren, ganz im Gegenteil. Zwischen den Fünf-Sterne-all-inclusive-Anlagen herrscht Party-Laune rund um die Uhr. Bodrum oder Benidorm? Die Unterschiede sind bestenfalls marginal. Dafür fallen die Gegensätze, sofern
man sich nur wenige Kilometer weit ins
Landesinnere begibt, in der Türkei umso krasser aus als anderswo. Dort leben
die Menschen wie eh und je, kleiden
sich traditionell und bearbeiten ihr Land oft noch in Handarbeit – die Orte hinter der Küstenmeile stammen aus einer
anderen Epoche.
Östlich von Alanya werden die Traumregionen der Badeurlauber von denen der Motorradfahrer abgelöst. Die Berge des Taurus steigen direkt aus dem Meer, lassen keinen Platz für Hotels. Selbst
die Straße muss ausweichen, dreht in zahllosen Kurven durch Kiefernwälder so hoch hinauf, dass das Mittelmeer kaum noch zu erkennen ist. Die bergwärts qualmenden, mit Tomaten beladenen Laster
stören kaum den Fahrrhythmus, ein Gasstoß, und sie verschwinden in den Rückspiegeln. Als hartnäckigere Spaßbremse erweist sich die Beschaffenheit des Fahrbahnbelags. Schmieriges, von der Sonne aufgeweichtes Bitumen wechselt mit losem und tückischem Rollsplitt. Die billigste Art des Straßenbaus und in der Türkei leider die übliche.
Bei Tarsus geht’s endgültig ins Hinterland. Kurs Nord, nach Zentralanatolien. Kaum zwei Stunden später ist alles anders. Eine rumpelige Nebenstraße folgt den weiten Windungen des Ecimes-Flusses, schlanke Pappeln säumen das idyllische Tal. Weit oben stecken die 3700 Meter hohen Berge des Ala Dagar ihre schroffen Gipfel in graue Wolken. Nomaden wandern mit Treckern und beladenen Anhängern wer weiß wohin. Zwei Jungs folgen ihrer Ziegenherde, winken uns begeistert zu. Erst jetzt stellt sich das Gefühl ein, in Asien angelangt zu sein. Nach der Hektik der Südküste wirkt die Weite und Ruhe des Hochlands geradezu befreiend.
Weiter auf Nordkurs. Über schmale Straßen, mal mit, mal ohne Teer, erreichen wir schließlich den touristischen Brennpunkt Zentralanatoliens: Kappadokien. Die Natur hat rund um Göreme ein surreales Kunstwerk geschaffen, eine einzigartige Erosionslandschaft: Wind, Frost und Wasser formten das weiche Tuffgestein, schufen Höhlen, tausende von Türmchen, Säulen und Obelisken, die über 20 Meter hoch aufragen. Viele dieser eigenartigen Gebilde sind durchlöchert wie Schweizer Käse. Bereits vor 6000 Jahren hatte man erkannt, dass sich das weiche Gestein für die eigenen vier Wände prima bearbeiten lässt. Eine Wohnhöhle war schnell gegraben, Regale, Fenster oder ein Extrazimmer für den Nachwuchs ließen sich bei Bedarf rasch nachmodellieren. Im Laufe der Zeit entstanden über hundert unterirdische Städte, in denen zehntausende Menschen lebten oder vor ihren Feinden Schutz suchten. Selten wirkten die Enduros so fremd wie in diesem Teil der Türkei.
Jenseits von Kappadokien beginnt der ferne Osten. Sanfte grüne Hügel wechseln mit 3000 Meter hohen Bergen ab, die noch mit dem Schnee des Winters verziert sind. Hin und wieder ein Dorf mit einstöckigen Häusern, deren Wellblechdächer in der Sonne blinken. Namen wie Gümüsören, Yallaköy oder Hüyüklü. Nichts, was man sich merken könnte. Freundlich winkende Menschen, Kinder in blauweißen Schuluniformen, Halbwüchsige, die auf Schafe, Ziegen oder eine Kuh aufpassen. Über allem
lastet enorme Hitze – das Thermometer an einer Tankstelle zeigt 35 Grad.
Wir bunkern rasch Treibstoff, verziehen uns ins kühle Innere des Gebäudes, bestellen Tee, der sofort in kleinen bauchigen Gläsern serviert wird. Draußen knattert ein orangefarbener Fiat-Traktor an die Dieselsäule, der Fahrer tankt
ein paar Liter, schaut interessiert zu uns
herüber. Gäste sind immer etwas Besonderes, und wenn sie aus Deutschland kommen, ist ein kurzer Plausch Ehrensache. Er erzählt von seiner Zeit in einer Solinger Messerfabrik, von der Forellenzucht, die er seit seiner Rückkehr betreibt. Als wir aufbrechen und unseren Tee bezahlen wollen, ist das schon geschehen. Irgendjemand hat uns offenbar klammheimlich eingeladen. Türkische Gastfreundschaft – wir erfahren sie nicht zum letzten Mal.
Bis zum frühen Abend lassen wir uns von der Hitze treiben. Vorbei an Adiyaman bis Kahta. Einige Kilometer dahinter beginnt die Auffahrt zum Nemrut Dagi, die sich bald zu einer extrem rumpeligen Pflasterstraße auswächst. Nur rasch nach oben, bevor es vollständig dunkel wird. Der Weg endet schließlich in gut 2000 Meter Höhe kurz vor einer urigen, bewirteten Berghütte. Gut 150 Höhenmeter sind es noch zum Gipfel, doch den heben wir uns für morgen früh auf. Kaum ist die Sonne verschwunden, beißt die Kälte. Dafür ist’s in der kleinen Behausung umso gemütlicher, es gibt Tee, Fladenbrot und würzigen Ziegenkäse.
Gegen fünf in der Frühe schrillt der Wecker. Jetzt gilt’s. Zackig aus den Federn, hoch zum Gipfel, von wo der Ausblick auf den Sonnenaufgang fantastisch sein soll. Tatsächlich ist der Moment, als sich der glutrote Feuerball über den Horizont schiebt und das karge Land allmählich in schwaches Licht taucht, von weltfremder Schönheit. Schließlich leuchtet auch die Bergspitze des Nemrut, die aus einem künstlichen, etwa 50 Meter hohen Schotterkegel besteht: Das vor rund 2000 Jahren errichtete Grab des größenwahnsinnigen Gottkönigs Antiochos. Westlich und östlich des Kunstgipfels ließ der Herrscher über das Reich der Kommagene bis zu neun Meter hohe Statuen aufstellen – sie zeigen ihn in göttlicher Gesellschaft mit Zeus, Apollo und Herakles. Seit einem Erdbeben sind zwar nur noch die mannshohen Köpfe erhalten, doch der Würde dieses Ortes tut das keinen Abbruch. Den Blick auf unendlich fokussiert, strahlen die steinernen Gesichter eine magische Ruhe aus.
Pralle Hektik schlägt uns entgegen als wir die Fähre über den Euphrat erreichen. Die schwimmende Eisenplattform würde bei jedem in Brüssel ersonnenen Sicherheitstest gnadenlos durchfallen. Aber Europa ist weit weg, und hier zählen offensichtlich andere Eigenschaften als beleuchtete Notausgänge oder ausreichend Rettungsringe. Hauptsache, alle kommen mit. Was bei dem Andrang nicht einfach ist. Es dauert, bis sämtliche Autos, Minibusse und Pick-ups verstaut sind, die XT wird millimetergenau in eine Ecke gepresst, die beiden dicken BMW von Claudia und Andreas parken auf der schrägen Laderampe. Unserer Meinung nach passt keine Maus mehr auf dieses Schiff. Falsch gedacht. Rund 50 weitere Passagiere drängen sich an Bord, finden Platz auf den Ladeflächen der Kleinlaster oder den Dächern der Busse.
Abermals heißt unser Tagesziel Nemrut Dagi, nur handelt es sich jetzt um einen Vulkan in der Nähe des Van-Sees, der etwa 400 Kilometer weiter östlich liegt. Eine staubige Piste klettert über den fast 2600 Meter hohen Pass direkt in den riesigen Krater. Dort wartet eine komplett andere Szenerie: dick bemooste Lavaströme, fünf verschieden große Seen, Altschnee und schwarze Asche. Als unsere Zelte am Ufer des größten Gewässers stehen, fühlen wir uns an Island erinnert. Und bald darauf wird es auch isländisch kalt. Kurz vor Sonnenaufgang herrschen minus fünf Grad. Aber der erste Blick aus dem Zelt hätte auch für minus 20 Grad entschädigt: Überm Wasser tanzen dichte Nebelschwaden, golden vom Gegenlicht beleuchtet. Absolute Stille, nur ab und an das Rufen eines Kuckucks. Ein paradiesischer Platz, der die Welt außerhalb des Kraters vollkommen ausblendet.
Mit Macht meldet diese sich beim atemberaubenden Anblick des riesigen Van-Sees zurück. Siebenmal so groß wie der Bodensee, umgeben von zahlreichen Bergen, die ihre verschneiten Spitzen in den tiefblauen Himmel bohren. Ostanatolien zieht alle Register. Bis uns die bittere Realität Tatvans aus sämtlichen Träumen reißt. Direkt am Ufer des Sees gelegen, teilt es das Los aller größeren kurdischen Städte. Ursprünglich nur ein Dorf, wuchs Tatvan während des Kurdenkriegs weit über die ursprünglichen Grenzen hinaus, musste Zehntausende von Flüchtlingen aufnehmen, die seitens der türkischen Armee von ihrem Land vertrieben wurden. Ein trostloser Ort ist nun daraus geworden. Nichts, was entlang der kilometerlangen Hauptstraße zum Halten anregen könnte. Es gibt auch keine Uferpromenade oder Strände. Dafür müssen wir umso öfter die Pässe hervorkramen – Polizei und Militär kontrollieren überall. Dabei ist es in Kurdistan ruhiger geworden, seitdem die Regierung in Ankara 2002 europafreundliche Reformen verabschieden musste. In den Schulen darf nun endlich wieder die kurdische Sprache unterrichtet werden – ein Hoffnungsschimmer für das unterdrückte Volk.
Wir halten uns am Südufer des Sees in östlicher Richtung, passieren den 2334 Meter hohen Kuskunkiran-Pass, erspähen die Insel Akdamar samt der weithin sichtbaren armenischen Heiligkreuzkirche, eines der kulturhistorisch wichtigsten Bauwerke Ostanatoliens. Ein Anblick, der allein schon die weite Reise lohnen würde. Entlang der E 99 geht’s weiter durch die Einsamkeit der Berge. Kein Baum, kein Strauch, nur robustes Gras schafft es oberhalb von 2000 Metern, den extrem kalten Wintern zu trotzen. Einfache Dörfer mit flachen Lehmbauten rauschen vorbei, überragt von Minaretten der obligatorischen Moschee. Zu Mauern aufgeschichtete Kuhfladen warten als Heizmaterial auf den nächsten Winter. Lediglich die Satellitenschüsseln erinnern an Eurasien im 21. Jahrhundert,
ansonsten könnten diese Dörfer auch in Tibet stehen. Haarscharf führt unsere Route an der iranischen Grenze und dem Osthang des Schildvulkans Tendürek entlang, dessen Tausende von Jahren alte Lavaströme so frisch aussehen, als wären sie soeben erstarrt. Eine wilde und ursprüngliche Landschaft.
Dann steht er nach einer Kurve plötzlich vor uns: gigantisch groß, frisch verschneit und wunderschön – der Ararat, mit 5137 Metern höchster Berg der Türkei und alle bisherigen Drei- und Viertausender zu Makulatur erklärend. Lange stehen wir da, bewundern den Vulkan, um den sich fundamentale Legenden ranken. Noah soll hier nach der Sintflut seine Arche am Gipfel auf Grund gesetzt und alle Kreaturen der Erde am Ararat neu ausgesetzt haben. Die Wiege der Menschheit liegt vor uns. Unzählige
Expeditionen machten sich auf die Suche nach dem Schiff, blieben jedoch ohne
Erfolg. Egal. Wir haben unser symbolisches Reiseziel erreicht, beziehen in
Dogubayazit eine kleine Pension. Die Stadt lohnt allerdings kaum einen längeren Stopp, es sei denn, man möchte
russische Ish-Gespanne in allen Stadien des Verfalls studieren.
Kurz vor der Stadt thront indessen der prächtige Ishak-Pasa-Palast über der Hochebene. Die märchenhaften Gebäude an der alten Seidenstraße verschmelzen mit ihrer Umgebung zu einem orienta-
lischen Gesamtkunstwerk, formen
Klischeebilder aus 1001 Nacht. Die ältesten Teile des Palastes sind über 1000 Jahre alt, aber erst im 18. Jahrhundert baute sich der kurdische Emir Ishak
Pasa diese traumhafte 366-Zimmer-
Residenz. Oberhalb der Anlage liegt
ein kleines Café, in dem wir gebannt
den Sonnenuntergang verfolgen. Ein
alter Mann nimmt an unserem Tisch Platz. Er stellt sich als Mahmut vor.
Mit ausladenden Gesten erzählt er auf
kurdisch vom Ararat und vom Palast.
Zumindest verstehen wir nur diese
Worte. Europa erwähnt er nicht ein einziges Mal. Hier im Osten scheint unser Kontinent endlos weit weg. Und die EU erst recht.

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