Türkei (Archivversion) Tor nach Asien

Auf staubigen Straßen zu den skurrilen kappadokischen Felsenwohnungen im Herzen Anatoliens und weiter bis zum Berg Nemrut Dagi im Osten des Landes – ein Trip durch die Türkei weit abseits der bekannten Ferienzentren ist noch immer ein Abenteuer.

Mit voller Wucht treffen die unterschiedlichsten Ge-
rüche auf das Nervensystem. Safran, Pfeffer, Kümmel und Thymian, ein paar Meter weiter Schafskäse
und honigsüßes Gebäck, etwas später das strenge Parfüm von Meeresfrüchten. Dazu die Stimmen der Händler, das Rufen und Feilschen an nahezu allen Ständen. Der Basar von Bursa ist in jeder Hinsicht ein Fest für die Sinne und trotz aller Betriebsamkeit viel beschaulicher als ähnliche Märkte im nahen Istanbul. Die Auslagen der Goldhändler scheuen dagegen keinen Vergleich. In den Schaufenstern warten Tausende von Ringen, Ketten und Armreifen darauf, von heiratswilligen Männern oder inflationsgeplagten Geschäftsleuten erstanden zu werden.
Kurz vor Feierabend kommt dann doch noch Hektik auf. Die Rufe der Händler scheinen einen Tick lauter, und mit zusätzlichen Preisnachlässen versuchen sie, in buchstäblich letzter Sekunde noch etwas loszuschlagen. Ich genieße dieses Schauspiel, das
so typisch für Asien und den Orient ist, in vollen Zügen. Eine Stunde später ist außer trommelndem Dauerregen nur noch das Scharren einiger Katzen zu hören, die unter den Tischen nach fressbaren Resten suchen.
Auch während der Nacht fällt unaufhörlich Regen. Weil Bursa trotz des Basars keine Stadt ist, in der es sich lohnt, länger als zwei Tage zu bleiben, krame ich das Regenzeug hervor und unternehme einen Ausflug auf den nahen, über 2500 Meter hohen Uludag. Wäre der Asphalt nicht patschnass, würde dieser von Kurven gespickte Weg richtig Spaß machen. Aber der Wettergott behält seine schlechte Laune. Schon nach kurzer Zeit zieht
dichter Nebel auf, und die Sicht geht runter auf fast null, kurz
darauf ist alles weiß – überall Schnee, der letzte Nacht gefallen sein muss. Ich kapituliere.
Das anhaltend schlechte Wetter zwingt zu einer Kurskorrektur. Anstatt weiter in den Südwesten der Türkei zu fahren, geht es nun nach Zentralanatolien. Und zwar so schnell wie möglich.
Erst bei Polatli, das etwa auf der Höhe von Ankara liegt, verlasse ich total durchgefroren die Schnellstraße, peile auf einer Nebenstrecke Gordiom an, Schauplatz einer bekannten Sage: Götter hatten die Deichsel am von Zeus geweihten Streitwagen von
König Gordios durch einen kunstvollen Knoten angeblich untrennbar mit dem Zugjoch verbunden. Ein Orakel prophezeite, dass derjenige, der diesen Knoten lösen könne, Herrscher über ganz Asien werden solle. Was lange Zeit keinem gelang, erledigte schließlich Alexander der Große im Jahr 334 vor Christus: Er durchtrennte den Knoten mit einem einzigen Schwerthieb – und trat seinen Siegeszug durch Asien an. Heute erinnert noch ein
riesiger Hügel, der einst zu Ehren von König Gordios errichtet wurde, an den Gordischen Knoten.

Tags darauf lässt sich endlich wieder die Sonne blicken. Trotzdem ist es bitterkalt, was jedoch außerhalb der Sommermonate im über 1000 Meter hoch gelegenen Zentralanatolien nicht ungewöhnlich ist. Südlich von
Polatli breitet sich eine unendlich scheinende Ebene aus, die nur von einzelnen Hügeln unterbrochen wird. Durch die abgeernteten, gelben Getreidefelder entsteht der Eindruck, als sei das ganze Land mit einer feinen Goldschicht überzogen. In regelmäßigen Abständen führt die Straße vorbei an winzigen Dörfern mit ein-
fachen, lehmverputzten Häusern. Esel, Hühner und Schafe dösen im Staub. Das moderne Istanbul oder die Hauptstadt Ankara
wirken Lichtjahre entfernt von dieser Welt, in der sich seit Jahrhunderten kaum etwas verändert hat. Einzig die Kinder scheinen näher an der Gegenwart. Zumeist in blauen Schultrachten, eilen sie herbei, bestaunen die Honda, reiben Daumen und Zeigefinger aneinander und halten mit erwartungsvollem Blick ihre Hände
auf. Aber man kann nicht immer etwas herausrücken.
Bei Kulu biege ich wieder auf eine Hauptstraße ab, die erst ein Stück weiter nach Norden und schließlich um den salzhaltigen Tuz Gölü führt. Am Ufer des lang gestreckten Sees hat sich durch Verdunstung im Laufe von Jahrtausenden eine dicke, bis zu
200 Meter breite Salzkruste gebildet, die wie Eis glitzert. Eine fremdartige Szenerie, die allenfalls ein wenig an die großen
nord- und südamerikanischen Salzseen erinnert.

Schließlich gelange ich über Elay und Sofular nach Ortaköy. Die schmale Teerstraße geht hinter einem namenlosen Dorf aus Lehmhütten in einen Feldweg über, und nach einigen unbeschilderten Abzweigungen bin ich auf die Ortskenntnis der Einheimischen angewiesen. Der Erste, den ich nach dem
Weg nach Nevsehir, meinem nächsten Ziel in Kappadokien, frage, schickt mich in Richtung Norden. Kurz darauf weist der nächste Auskunftswillige nach Süden – und laut Karte liegt mein Ziel in östlicher Richtung. Schnell finde ich heraus, dass man sich am besten nur nach dem nächstgelegenen Ort erkundigt. Mal hilft mir ein alter Mann weiter, mal ein Militärposten. Ich komme also ganz gut voran, passiere den längsten Fluss der Türkei, den Kizilirmak,
und erreiche einige Stunden später schlotternd Üchisar.
Trotzdem raffe ich mich auf, noch einige Kilometer durch
Kappadokien zu fahren, eine der verrücktesten Landschaften
der Türkei. Die zahlreichen Türme aus vulkanischem Tuffgestein
sehen wie überdimensionale Termitenhügel aus: wie ein Schweizer Käse von unzähligen Höhlenöffnungen durchlöchert und von Gängen durchzogen. Das von Christen, die Schutz vor ihren
arabischen Verfolgern suchten, in den weichen Stein getriebene Höhlensystem setzt sich unterirdisch teilweise sogar mehrstöckig fort. Inzwischen sind viele Höhlen in einfache, dennoch komfor-
table Hotelzimmer verwandelt worden, in denen es sich wirklich gut wohnen lässt: In dem sehr kalten anatolischen Winter hält
sich die Wärme lange in den Räumen, während sie im Sommer angenehme Kühle bieten.
Ich nehme mir ein paar Tage Zeit, um diese ungewöhnliche Region zwischen Göreme, Ürgüp, Aksalur und Incesu ausführlich zu erkunden. Den besten Aussichtspunkt entdecke ich gleich kurz hinter Ürgüp. Nach ein paar Kurven endet die steile Straße an der Kante eines kleinen Hochplateaus. Der Blick reicht weit über die zerfurchte Landschaft bis zur markanten, einige Kilo-
meter entfernten Felsenburg von Üchisar – vorausgesetzt, die Sicht ist so klar wie an diesem Tag.
Ab Kayseri halte ich stur Kurs in Richtung Ost, peile Gürün an. Und komme mir vor wie im Kino, wo ein Film über traumhafte Landschaften läuft. Zunächst entführt mich dieser Streifen in
unglaubliche Weiten, dann tauchen plötzlich schneebedeckte Berggipfel auf, die völlig überraschend aus einer Wolkenschicht ragen. Die kleinen Dörfer rechts und links der Hauptstraße wirken gepflegt und unerwartet modern. Landwirtschaft und eine
gute Verkehrsanbindung sichern den Menschen hier offensichtlich ein gutes Einkommen.
Erneuter Szenenwechsel: Mit dem Tahtali-Gebirge sind
wieder mehr Berge in Sicht. Irgendwann steigt die Straße leicht an, überquert den Ziyarettepesi-Pass, der immerhin 1900 Meter hoch ist. Ohne ein Hinweisschild hätte ich diesen Übergang
allerdings gar nicht bemerkt. Hinter einem weiteren Pass, dem 1800 Meter hohen Mazikiran, liegt Gürün, eine jener gesichts-
losen Durchgangsstationen, wie man sie so oft in abgelegenen Regionen an den Hauptverbindungsstrecken findet. Entlang
der überbreiten Straße durch den Ort reihen sich lückenlos
mehrstöckige Häuser, deren Fassaden von Dieselruß und dem Schmutz der Straße mit einem graubraunen Schleier überzogen sind. In den Auslagen der vielen Geschäfte finden sich Obst,
Holzöfen, Autobatterien, Elektroartikel, Blecheimer und vieles mehr, was man zum harten Leben in der Weite Anatoliens
benötigt. Ich genehmige mir in einem kleinen Lokal einen Tee,
anschließend checke ich in das einzige Hotel des Kaffs ein.
Ein billiger Schuppen, dessen Zimmer besser nicht genauer
in Augenschein genommen werden sollten.

Vor dem Start am nächsten Morgen heißt es erst mal eine Eisschicht von der Sitzbank kratzen. Die Haupt-
route führt weiter durch die Berge. Zuerst recht kurvig, doch nachdem der erste Anstieg überwunden ist,
liegt das Asphaltband leider wieder viel zu gerade in der Landschaft. Die Ausblicke in Schluchten und Täler, auf schneeweiße Bergkämme und perfekt geformte Tafelberge lassen indes absolut keine Langeweile aufkommen. Vermutlich haben die Osmanen sich deshalb dazu entschlossen, hier eines ihrer schönsten
Bauwerke zu errichten. Die Ulu Cami, die große Moschee von Divrigi, begeistert durch ihre prachtvollen Portale mit unglaublich reichhaltigen Ornamenten. Dagegen verblassen selbst die Eingänge der berühmten Moscheen Istanbuls.
Auf dem Weg nach Arapkir macht mir erneut der Regen einen Strich durch die Rechnung. Nervt zuerst lediglich der schlechte Zustand der Straße, gleicht sie nach rund zehn Kilometern einer Rutschbahn: Auf dem festgefahrenen Sand hat sich eine Schicht wie Schmierseife gebildet. Als ich am Straßenrand die Karte nach einer Alternative studiere, hält plötzlich ein Pick-up. Der gute Mann am Steuer liefert mit eindeutigen Gesten wichtige Informationen: Die Verbindung nach Arapkir sei zur Zeit überhaupt
nicht befahrbar. Gut, das jetzt schon zu erfahren und nicht
erst dreißig Kilometer später. Also umkehren.
Via Kangal halte ich Kurs auf das weiter südlich gelegene
Malatya. Schade nur, dass das Landschaftskino für zwei Tage
geschlossen hat. Die Bergwelt verbirgt sich unter Regenwolken und dichten Nebelfeldern. Besser wird’s erst wieder in der Nähe von Adiyaman. Es ist zumindest trocken, als wenig später hinter Kâhta die Auffahrt zum Nemrud Dagi beginnt. Die letzten acht
Kilometer der steilen Bergpiste bestehen aus groben, uralten Pflastersteinen – eine unglaubliche Rüttelpiste, die bis auf rund 2000 Meter Höhe führt und an einer urigen Berghütte endet.
Wer weiter auf den Gipfel will, muss die letzten 150 Höhenmeter über steile Geröllhalden zu Fuß erklimmen.

Der Aufstieg lohnt sich auf jeden Fall – auch wenn
Wolken- und Nebelfetzen die von Sklaven vor 2038 Jahren künstlich geschaffene Bergspitze aus Schotter fast vollständig verhüllen. Darunter soll sich das
Grab des König Antiochus, einst Herrscher über das Reich
Kommagene, befinden, der vor seinem Tod rings um den Kunstgipfel mächtige Statuen und Felsreliefs errichten ließ, die ihn
in Gesellschaft mit einigen berühmten Göttern der Geschichte zeigen: Zeus, Apollo, Tyche und Herakles. Es existieren allerdings nur noch die mannshohen Köpfe der einst bis zu neun Meter
hohen Statuen, die auf einer nach Westen sowie nach Osten
ausgerichteten Terrasse in Richtung Horizont schauen. Beinahe scheint es, als würden die mit einer unglaublichen Ausstrahlung versehenen Gesichter auf irgendetwas warten. Ob es die zahl-
reichen Touristen sind, die oft mitten in der Nacht heraufpilgern, um den Sonnenaufgang zu erleben, ist fraglich. Im Moment bin ich jedoch der einzige Besucher auf dem Berg.
Vielleicht werde ich deshalb von dem einsamen Wachmann, der in einer engen Steinhütte haust, zu einem wärmenden
Glas Tee eingeladen. Seine Aufgabe ist es aufzupassen, dass
niemand Scherben oder gar wertvollere Funde mit ins Tal nimmt. Für den Fall der Fälle trägt er sogar eine Waffe mit sich herum.
In seiner Hütte ist es mollig warm. An der Wand über dem Ofen
entdecke ich eine Zeichnung, auf der zu erkennen ist, wie die Statuen in voller Größe aussahen, bevor sie 1954 Opfer eines verheerenden Erdbebens wurden.
Einige Gläser Tee später breche ich auf. Zum Glück hat sich der Nebel ein wenig gelichtet. Braunes, karges Bergland umgibt den Nemrud Dagi. Einzig die Kälte ist geblieben, und ich würde mich nicht wundern, wenn gleich Schnee fiele. Vielleicht ist es
am besten, entlang der Mittelmeerküste die Rückfahrt anzutreten. Vielleicht mache ich aber auch noch den ein oder anderen Ab-
stecher ins Herz der Türkei. Ein paar Urlaubstage bleiben noch.

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