Über England nach Skandinavien (Archivversion)

Schiffsmeldungen

»Newcastle–Norwegen, 26 Stunden.« Eine Meldung – vor Jahren aufgeschnappt. Knapp, sehr knapp. Und doch eindringlich genug, am äußersten Pionierposten aller Nordatlantik-Fantasien zu verankern. Fixe Idee oder ganz normales Fernweh? Jedenfalls musste die Route eines Tages fallen.

Zur Bordwand abspannen oder zum Boden? An Rahmen, Rasten, Gabelbrücke oder Gepäckträger? Mist, es ist
immer das Gleiche. Unschlüssig verknoten wir im von Lkw-Abgasschwaden durchzogenen Laderaum ein paar ölige Taue an den Motorrädern. Wie ging noch mal dieser geniale Knoten vom letzten Jahr? Verstrickungen unter Deck. In unmittelbarer Nachbarschaft entsteht eine abenteuerliche Christo-Verschnürung zwischen drei Supersportlern, die vermutlich an der ersten schweren Welle scheitern würde. Aber irgendwie
geht’s ja immer gut. Ermutigend knallen wir ZRX und Fazer zum Abschied aufs Heck und schwanken rußverschmiert an Deck.
Cuxhaven–Harwich, 18 Stunden Überfahrt. Erste Etappe einer kombinierten Motorrad-Kreuzfahrt, deren Anfang eine Schiffsmeldung in MOTORRAD/2001 markiert: »Newcastle–Norwegen, 26 Stunden.« Drei Worte, eine Zahl, sonst nichts. Eigentlich.
Und dennoch Auslöser für abwegigste Fantasien: über England Kurs auf Norwegen nehmen, die ultimative Nordatlantikrunde.
Zu Wasser, zu Lande, in der frischen Luft – na ja, bis auf die
Sache mit den Laderäumen eben.
Tutend dampfen wir in Harwich ein. Ein Stakkato von »Drive Left!«-Schildern lotst hilfsbedürftige Neuankömmlinge in den britischen Straßenverkehr. Leicht verhaltensgestört folgen wir so links wie nur möglich der anfangs kryptischen, weil numerischen Ausschilderung, versuchen, die Ortsnamen mit den dürren Hinweisen übereinzubringen: »A 12« heißt Richtung London. Dann auf der
M 25 um die Hauptstadt herum. Dort orientiert sich die Wegweisung zur Abwechslung an den Flughäfen: Gattwick, Heathrow – wo zum Teufel liegen die? Wir wollen westwärts. Southhampton, Dorcester. Der Hinweis M 3 würde ja schon genügen. Oder ein bisschen Sonne, um die Himmelsrichtung zu peilen. Doch mit schönem Wetter ist’s erst mal Essig. Laut Vorhersage liegt das Königreich unter einem mächtigen Tiefausläufer.
Tankstelle, prima. Neu orientieren, bessere Landkarten kaufen. Ein Pfund sind doch irgendwelche 1,50 Euro. Ein Euro 67 Pence. Oder war’s umgekehrt? Früher jedenfalls wog das Pfund mal
drei Mark. Kein Plan mehr. Vielleicht auch besser bei den Preisen. Sparen müssen wir woanders. Frisch ins vierspurige Verkehrsleben eingefädelt, das auf wundersame Weise völlig gelassen abläuft. Der gelernte Brite drängelt nicht, fügt sich in sein Schicksal hinterm Lenkrad, macht Platz, wenn einer blinkt. Absolut entspannt segeln wir auf West-Südwest-Kurs gen Cornwall, tauchen auf immer schmaler werdenden Landstraßen ins dauergrüne Idyll Südenglands ein. Dorset, Devon, Somerset – die Schrebergärten Londons quasi, wo es sich gestresste Hauptstädter zwischen weitläufigen Hügeln, Jahrhunderte alten Landsitzen, reetgedeckten Bauernhäusern und überbordenden Blumenkästen gemütlich machen. Briefkästen, schmiedeeiserne Wegweiser, Gartentore, alles sieht nach Antiquitäten aus. Und käme Königin Victoria per Kutsche ums Eck, würde das wenig erstaunen.
In Dorset beginnen die Hecken. Wie haushohe Mauern ziehen sich die gewaltigen Grünstreifen an den schmalen, oft haarig
kurvigen Straßen entlang. Die Übersicht sinkt rapide, von der umliegenden Landschaft ist nichts mehr zu sehen, und bei Gegenverkehr wird’s sogar auf dem Moped eng. Zum Glück fährt hier keiner schnell. Irgendwo zwischen Piddlehinton, Piddletrenthide, Affpuddle und Tolpuddle – Ortsnamen und Puppenstuben-Atmo werden immer kurioser – flutet ein Bach ungehindert die Straße. Völlig normal, wie wir erfahren. Berührungsängste mit Wasser
könne man sich in England nicht erlauben. Also gut: Visier zu, Gas. Bis zum Fünf-Uhr-Tee sind die Klamotten wieder trocken. Durch lebhafte Ortschaften, wo Trödel- neben Immobilienläden residieren, Fish & Chips-Buden zwischen Tea Rooms mit
Wedgewood-Porzellan, geht’s nach Hooke. Insider-Tipp, heißt
es, da darf man gespannt sein...
Doch welcher Empfang! Ein steinaltes Herrenhaus in einem prächtigen Park, mit Teichen, exotischen Pflanzen und Bäumen, so mächtig wie Westminster Abbey. Vom Golfstrom umspült,
badet Südengland in geradezu privilegierter Wärme, bietet zusammen mit britischer Perma-Feuchtigkeit der Vegetation paradiesische Urständ, die hier so lustvoll-üppig gedeiht wie in einem Genforschungslabor. Wir bleiben. Finden freundliche Aufnahme im Gästehaus Hooke, wandern durch stilvoll möblierte Räume,
intonieren die »Britannia« auf dem alten Klavier, blicken durch große Fenster in den Garten – betrachten den eben einsetzenden Landregen. Noch wissen wir nicht, was das heißt.
Als der Regen nachlässt, sind drei Tage rum. Und wir haben verstanden. Verstanden, warum Engländer so gerne lesen, warum sie so viel Tee trinken, so gemütliche Zimmer und keine künstlich durch die Sommerzeit verlängerten Tage haben. Trotz anhaltenden Nieselwetters schnüren wir unser Bündel. Urlaub auf der
Insel – es hat uns keiner gezwungen. Ab zur Küste. Über eher unspektakuläres Hügel- und Weideland an jenen markanten Punkt, wo das Meer unmittelbar an die Straße stoßen müsste. Zumindest laut Landkarte. Zu sehen ist davon allerdings nichts. Dichter Nebel macht die Orientierung nicht leichter. Okay: zu Fuß. Auf schmalen Ziegenpfaden und Geröll immer steiler abwärts. Harter Wind treibt Wolkenbänke, zerrt heulend an sich festkrallenden Büschen. Finstere Endzeitstimmung. Dann passiert, was man nur aus Filmen kennt: Ein gewaltiger Sturmstoß reißt den bleiernen Vorhang auf, gibt den Blick auf den Ärmelkanal tief unter uns frei. Als hätte sie diesen Auftritt seit Tagen geprobt, sticht die Sonne in See, den Atlantik in schier unwirklichem Blau erleuchtend. Mit weißen Schaumkronen rollen die Wellen über Felsen auf die lang gezogenen Sandstrände. Direkt vor uns das Naturtor Durdle Door. Hier trennt sich Großbritannien vom übrigen Europa.
Trockene Straßen, zum ersten Mal seit Tagen. Kurs Nordwest und wunderbare Kurven auf dem Weg zum Exmoor Nationalpark. Gluckernde Bäche in urwaldähnlichen Tälern, weidende Schafe auf den Hügeln, Wildpferde mit Fohlen zwischen Ginsterbüschen. Pures Idyll in der Grafschaft Somerset. Bis es wieder zu kübeln beginnt. Nach zwei Stunden hocken wir im ersten Pub, nach vier an der Tankstelle, nach fünf im Bushäuschen des Nationalparks. Als um 16 Uhr auch noch das Zigarettenpapier durchweicht ist, geben wir auf und werden in Porlock nahe der Bridgwater Bay
bei einem Bed & Breakfast vorstellig. Der Hausherr, sich sofort an seine Bultaco-Zeiten und Deutschkenntnisse erinnerd, führt uns in Nummer fünf. Direkt neben dem Flurbadezimmer mit Wanne. 25 Pfund für Kamin, Wolldecken, Mustertapete sowie Bücher und Zeitschriften für drei Wochen schlecht Wetter. Fast hätten wir das Pub verpennt. Stürmen eine halbe Stunde vor »Last Call« in die verrauchte, brechend volle Gaststube. Prächtige Stimmung, 70er-Jahre-Musik. Zwei »Stella Lager« sind bis 23 Uhr noch drin.

England und seine unerschütterliche Gastfreundschaft nehmen uns immer gefangener. Warum nicht einfach bleiben? »Newcastle-Norwegen« sausen lassen. Obwohl – nach all den Jahren? Die Neugier siegt. Entlang des behäbig dahinwallenden Severn geht’s dem Fährhafen entgegen. Bristol, Birmingham, die Midlands. Mit verrußten Industrierevieren, roten Backsteinhäusern, Weideland und Rindern bis zum Horizont. Auf den Landstraßen Traktoren der Größe mittlerer Einfamilienhäuser. Kurz vor Manchester wird definitiv klar, dass die Puppenstuben-Phase rum ist. Mächtige Türsteher vorm Pub »Red Cow«, drinnen Typen Marke Osttribüne Manchester United. Nicht ganz unser Fall. Ein Bier, dann hauen wir ab. Könnten jetzt noch in den »Weißen Bären« oder den »Schwarzen Löwen« gehen. Besser jedoch ins Bett.
Eine gute Entscheidung, denn auch so hätten wir die »Princess of Scandinavia« fast verpasst. Der morgendliche Berufsverkehr um Manchester kostet uns mindestens eineinhalb Stunden. Als Newcastle in Sicht kommt, steht die Prinzessin schon unter Dampf. Einschiffungskai suchen. »Ja, wir wollen wirklich nach Kristiansand. Nein, nicht nach Holland« – keine typische Reiseroute für Deutsche, wir sind die Einzigen. Ein Gefühl, wie auf
einem anderen Kontinent. Fremd. Und viel, viel besser als erwartet. Auf dem Boden der Tatsachen landen wir nach Eroberung zweier Leder-Fauteuils im Admiralsclub. Genauer, nach Erhalt der Rechnung für zwei 0,2er-Bier: 3 Pfund! Kein Wunder, dass an
den unzähligen Spielautomaten gezockt wird, was das Zeug hält.
Alle spielen: Männer, Kinder, sogar Greisinnen in Hut und Dirndl. Romantisch versinkt die Sonne hinter den Bullaugen, begleitet vom Scheppern eines einarmigen Banditen. Vor uns stimmt die Bordkapelle ihre Instrumente: »Seemannsbraut ist die See...«
Als wir anderntags in Kristiansand an Land poltern – eine
Pionierstimmung, als hätten wir die alte Welt neu entdeckt – wird
in den Straßencafés der sonnigsten Stadt Norwegens gerade
der Sommer in seiner strahlendsten Form genossen. 22 Grad im Schatten, Spitzenwert seit Cuxhaven. Trotzdem wirkt hier alles eine Spur kühler als drüben auf der Insel. Kühler – nicht unfreundlicher oder gar verschlossener. Weniger verspielt und dennoch fröhlicher, weniger gemütlich, aber irgendwie vertrauter. Freier. Eine Mischung aus Amerika und »old Europe«.
Keine zehn Kilometer auf der E 9, dann hat uns dieses Land
in all seiner Intensität erreicht. Wilde, unverbrauchte, große Natur, auf Anhieb präsent, während England eher im Detail zu finden ist. Das Küstengebirge steigt zunehmend an, moos- und flechtenüberzogene Felsen, reißende, Gischt speiende Flüsse. Keine
Herrenhäuser, keine Parks, kein Cream-Tea. Stattdessen Holzhütten, Wälder und Seen wie in Alaska, warme Würstchen mit Senf und Pappbecherkaffee. Gegessen wird an Holztischen, möglichst im Freien. Der kurze Sommer muss jede Sekunde gelebt werden.
200 Kilometer bis Haukeligrend, anvisiertes Etappenziel.
Davor jedoch gilt es, Lislefjell und Lagefjell zu bezwingen, eisige, von Schneeresten durchsetzte Gebirgszungen. Fröstelnd fädeln wir zwischen Krüppelbäumen hinauf. Schon knapp über 1200 Meter endet jegliche nennenswerte Vegetation, volles Kontrastprogramm zum britischen Dauergrün. Haukeligrend entpuppt
sich als eher banal, fürs Haukelifjell sind wir zu platt, ein Zeltplatz käme jetzt gut. Noch besser: die »ledige Hytter« bei Rauland. Direkt am See. Inklusive Anlegesteg und Ruderboot. In typisch
norwegischer Unkompliziertheit steht die Hütte offen. Drinnen Kochgeschirr, Kanonenofen und 50er-Jahre-Mobiliar. »Die Miete bitte in Hytter 7 hinterlegen«, informiert ein handgemaltes Schild.

Morgens hängen die Wolken so tief, dass wir’s kaum über
die Berge nach Røldal schaffen. Dick eingemummelte Biker kommen grüßend entgegen. Es ist lausig kalt geworden über Nacht. Besser wird’s erst ab Odda, wo Kinder am Straßenrand selbst gepflückte Kirschen verkaufen, während hoch oben die Eisflächen des Folgefon-Gletschers funkeln. In Kinsarvik dampft gerade die Fähre aus Utne herein, verbindet eine der Hauptkreuzungen des riesigen Hardanger-Fjords. Das ganze Dorf scheint auf den Beinen, aus den Cafés werden interessiert die An- und Abreisenden betrachtet. Kinsarvik ist Fährhafen aus Leidenschaft. Wir nehmen den Umsteiger nach Kvanndal. Von dort die steilen Pass-Sträßchen zum Sognefjord. Tief schneiden die Meeresarme zwischen den Hunderte von Meter hohen Felsen ein. Im Norden die Zungen des Jostedalsbreen, darüber immer dichter wabernde Wolken. Mist, genau dort wollten wir hin. Den Gletscher fest im Auge, quartieren wir uns im »Hytter-Camping« bei Vik ein. Pilgern zum Tagesausklang zur nahe gelegenen Stabkirche. In ihrer schiffsähnlichen Anmutung und Düsternis erinnert sie an harte Wikingerzeiten. Auffallend oft tragen die Grabsteine des umliegenden Friedhofs den Namen Hoppenstädt. Jenny markiert am
9. April 2000 den Schluss. Am Sognefjord bleibt man unter sich.
Zum Abendessen gibt’s Lachs – fast das billigste aus dem
Lebensmittelladen, nur knapp geschlagen von Himbeermarmelade in fußballgroßen Gläsern. Norwegische Grundnahrungsmittel. Draußen kämpft die Sonne gegen die Wolken, wirft Regen-
bögen über den Himmel, badet den Fjord in orangegelbes Licht, hinter dem die mächtigen, senkrecht aufsteigenden Felsen dunkel verschwimmen. Atemlos starren wir hinaus. Doch sie gibt auf, und wir wissen, der Regen hat uns eingeholt.
Oslo direkt! 300 Kilometer und keine Experimente mehr. Die letzte noch verfügbare Kabine auf »Prinzess Ragnhild« gehöre uns, versprach die Dame am Telefon. Okay – Lom und das Sognefjell könnten wir vorher noch einbauen. Nur ist das Fjell
bei Regen ungefähr so schön wie der Gotthard kurz vor der
Wintersperre. Wir tun’s trotzdem. Und tatsächlich regnet es während der vier Stunden, die wir uns durch die nebelige Steinwüste kämpfen, zwei mal zehn Minuten lang nicht. Dem grün schillernden Gletscher auf 1400 Meter fast Auge in Auge gegenüber, haben wir den höchsten Punkt unserer Reise erreicht. Mit klammen Fingern noch ein Foto, dann Vollgas zur Fähre. Um ein letztes Mal über die rutschigen Eisenrampen in die Laderäume zu tauchen und wieder nicht recht wissen, wohin mit den Tauen.
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(Archivversion)

Diese Tour kann bedenken-
los Menschen empfohlen
werden, die gleichermaßen gern zu Lande wie zu Wasser unterwegs sind. Für sie
bietet diese Route absolute Erfüllung. Und da die Fährpassagen Übernachtungskosten sparen, ist’s gar nicht mal so teuer.
D Anreise + Seewege
Nach England und Norwegen führen eine Vielzahl von Wasserwegen, wie die Fährenübersicht ab Seite 122 zeigt. Wir haben besonders lange und schöne Überfahrten gewählt. So ist Cuxhaven–Harwich mit der 18-stündigen Übernacht-Fähre von DFDS Seaways die ausführlichste Möglichkeit, nach England zu gelangen. Unser Hintergedanke: das Schiff als mobiles Hotel nutzen. Per Schnellfähre Calais–Dover könnte man die Überfahrt in einer Stunde abwickeln. Doch wohnt man nicht gerade
im äußersten Westen Deutschlands, setzt die
Anreise zu den Kanal-Fährhäfen meist ohnehin eine Übernachtung vor oder nach der Überfahrt voraus. Außerdem sind lange Überfahrten oft nicht viel teurer als die begehrteren kurzen. Der Tipp: Außenkabine buchen – der Meeresblick ist den Aufpreis zur fensterlosen Innenzelle unbedingt wert. Zumal einfache Viererkabinen mit Stockbetten meist erschwinglich sind. Rechtzeitig reservieren!
Im Gegensatz zu vielen Mittelmeerfähren wird die coole Übernachtung auf Deck mit Isomatte
und Schlafsack auf den Nordrouten in der Regel nicht erlaubt. Hier ist die billigste
Möglichkeit der Pullmannsitz.
Leider hat DFDS Seaways dieses Jahr den Rundkurs von Cuxhaven–England–Skandinavien von Kristiansand ins dänische Esbjerg verlegt. Dafür ist nun wieder Newcastle–Bergen
möglich. Allerdings mit Fjordline. Alle Details – auch für die Rückreisemöglichkeiten nach Deutschland – ab Seite 122.
D Die Strecke
Wir haben bei der Tour Wert auf größtmögliche Vielfalt und Kontraste gelegt: vom fast tropisch-mediterranen Südengland bis zum vergletscherten Hochgebirge in Südnorwegen, wo bereits Breitengrade von Alaska und Yukon erreicht werden. Wer mehr Zeit hat, kann sich außer Cornwall an der Südwestspitze noch den Lake District in Nordengland ansehen (Reisebericht in MOTORRAD 16/2002) oder schließt eine knackige Schottlandrunde an. Besonders reizvoll: die Küstenroute im Westen und Norden (Heft 7/2001). In Südnorwegen ist
man bereits im optimalen Terrain unterwegs, da dort die landschaftlichen Highlights des Landes liegen (Heft 17/2003). Hier lohnt
eher die Intensivierung als Erweiterung des
Aktionsraums. Echte Abenteurer und Kilometerfresser können aber auch die Route
über den Polarkreis bis nach Schweden und
Finnland erweitern (Heft 10/2001). Bis Russland ist es dann ebenfalls nicht mehr weit.
D Reisezeit
Die Hochsommermonate Juli und August
eigenen sich am besten, da bei Motorradreisen im Norden die Priorität auf maximaler Wärme und Trockenheit (na ja!) liegen muss. Unbedingt regensichere und warme Kleidung sowie Mückenschutzmittel mitnehmen.
D Übernachten
Wie die Länder, so die Quartiere. England ist das Land der kontaktfreudigen Menschen und damit der privaten Bed&Breakfast-Quartiere, die es ab 20 Pfund (29,50 Euro) pro Nase und mit meist üppigem Frühstück gibt. In Norwegen wird dagegen eher auf Natur und Selbstversorgung gesetzt und in rustikalen Hütten genächtigt. Beide Formen sind jeweils ausgesprochen landestypisch, daher am weitesten verbreitet und am preiswertesten. Die an den Straßen ausgeschilderten (sowie auf den genannten Karten verzeichneten) Hütten liegen häufig an Seen, Flüssen oder auf Campingplätzen. Einfache Modelle beginnen ab 30 Euro pro Nacht und sind in der Regel mit vier Stockbetten für Schlafsackübernachtung, Heizung, einer Kochgelegenheit mit Geschirr und Sitzecke ausgestattet. Sanitäranlagen sind meist separat und liegen auf (gutem) Campingplatzniveau.
D Literatur
Über Südengland informiert sehr gut das
DuMont-Reisetaschenbuch »Cornwall,
Somerset, Devon, Dorset« für zwölf Euro.
»Südnorwegen« wird in derselben Reihe
ebenfalls gut beschrieben. Wer es ausführlicher mag, greift zu »Südnorwegen«
von Reise Know-How für 19 Euro.
Karten: In England hat sich neben einer
Michelin-Übersichtskarte in 1:1 Million
die vierblättrige Regionalserie desselben
Verlags in 1:400000 bewährt, die genügend Details bei ausreichender Übersicht bietet.
Für die Tour: Blatt 503, England Süd-West,
Wales, Midlands. Kartenliebhaber finden
beim britischen Ordnance Survey Verlag (www.ordnancesurvey.co.uk) topografische
Serien in mehreren Maßstäben. Sie reichen von der Wanderkarte bis zur höhenprofi-
lierten Straßenkarte im Maßstab 1:250000.
Problem: in Deutschland schwierig zu kriegen. In Norwegen kommt Kümmerly & Frey mit
den Blättern Süd- und Mittelnorwegen I in
1:325000 zum Einsatz sowie die Skandinavien-Übersichtskarte von Mairs in 1:800000.

D Anreise + Seewege (Archivversion)

D Anreise + Seewege
Nach England und Norwegen führen eine Vielzahl von Wasserwegen, wie die Fährenübersicht ab Seite 122 zeigt. Wir haben besonders lange und schöne Überfahrten gewählt. So ist Cuxhaven–Harwich mit der 18-stündigen Übernacht-Fähre von DFDS Seaways die ausführlichste Möglichkeit, nach England zu gelangen. Unser Hintergedanke: das Schiff als mobiles Hotel nutzen. Per Schnellfähre Calais–Dover könnte man die Überfahrt in einer Stunde abwickeln. Doch wohnt man nicht gerade
im äußersten Westen Deutschlands, setzt die
Anreise zu den Kanal-Fährhäfen meist ohnehin eine Übernachtung vor oder nach der Überfahrt voraus. Außerdem sind lange Überfahrten oft nicht viel teurer als die begehrteren kurzen. Der Tipp: Außenkabine buchen – der Meeresblick ist den Aufpreis zur fensterlosen Innenzelle unbedingt wert. Zumal einfache Viererkabinen mit Stockbetten meist erschwinglich sind. Rechtzeitig reservieren!
Im Gegensatz zu vielen Mittelmeerfähren wird die coole Übernachtung auf Deck mit Isomatte
und Schlafsack auf den Nordrouten in der Regel nicht erlaubt. Hier ist die billigste
Möglichkeit der Pullmannsitz.
Leider hat DFDS Seaways dieses Jahr den Rundkurs von Cuxhaven–England–Skandinavien von Kristiansand ins dänische Esbjerg verlegt. Dafür ist nun wieder Newcastle–Bergen
möglich. Allerdings mit Fjordline. Alle Details – auch für die Rückreisemöglichkeiten nach Deutschland – ab Seite 122.
D Die Strecke
Wir haben bei der Tour Wert auf größtmögliche Vielfalt und Kontraste gelegt: vom fast tropisch-mediterranen Südengland bis zum vergletscherten Hochgebirge in Südnorwegen, wo bereits Breitengrade von Alaska und Yukon erreicht werden. Wer mehr Zeit hat, kann sich außer Cornwall an der Südwestspitze noch den Lake District in Nordengland ansehen (Reisebericht in MOTORRAD 16/2002) oder schließt eine knackige Schottlandrunde an. Besonders reizvoll: die Küstenroute im Westen und Norden (Heft 7/2001). In Südnorwegen ist
man bereits im optimalen Terrain unter
So würde Eddi Lawson reisen. Ganz sicher. Und mit Recht. Hat doch selten ein Motorrad unterwegs so uneingeschränkt Fahrspaß geboten wie die nach ihm benannte Replika. Hinter dem stilechten 80er-Jahre-Design verbirgt sich Technik auf Topniveau: ein bärenstarker Motor, Sechs-
kolbenbremsen aus der Supersportklasse und ein
konventionelles, aber perfekt funktionierendes, voll einstellbares Fahrwerk. Vermutlich
ist es genau die Allround-Ausrichtung ihrer Vorbilder, die die 2001 überarbeitete ZRX 1200 R zu solch einem Rundum-sorglos-Paket macht. Sie brettert nicht nur fahrstabil und komfortabel über Straßen aller Kategorien, sondern
bietet gute Ergonomie auch für Longdistance-Ritte.
Zusätzlich verhilft die aktive Sitzposition hinter dem
breiten Rohrlenker selbst
bei vollbeladener Fuhre zu
super Handling-Eigenschaften
und stressfreiem Rangieren in den engsten
Schiffsladeräumen. Bei einem Gewicht von
250 Kilogramm vollgetankt nicht eben selbst-
verständlich. 19-Liter-Tank plus Tankuhr und Benzinhahn sorgen bei einem moderaten Reiseverbrauch von sechs Litern auf 100 Kilometer für weit über 300 sorglose Kilometer Reichweite. Ebenso gestaltet sich die Gepäckbefestigung auf der breiten Sitzbank mit Hilfe von Umlenkrollen sowie einer kleinen Gepäckbrücke als
äußerst praktisch, und Tankrucksäcke finden auf dem flachen Spritbehälter prima Halt. Bleibt als
einziges Manko der karge Windschutz. Ab 160 Sachen ist auf der Autobahn Ende des Komfortbereichs. Die abgebildete, geringfügig höhere Zubehörscheibe hilft in Verbindung mit einem Tankrucksack noch etwas weiter, doch wem
das nicht reicht, der muss zur halbverkleideten
S-Version greifen. Die hat aber bei weitem nicht die Ausstrahlung wie Eddis Reisebike.

(Archivversion)

Die Yamaha ist die elegantere, aber auch die sensiblere Reisegefährtin von beiden. Während die bullige Kawa alle Unbilden ungerührt wegsteckt, plagen die Fazer mitunter diverse Unpässlichkeiten. Sie entstand 2001 aus einer Kreuzung des Supersportlers R1 mit dem Mittelklasse-Star Fazer 600. Die R1 lieferte
die technische Hardware, die kleine Fazer das Allround-Konzept samt konventionellem Doppelschleifen-Rahmenlayout anstelle der Deltabox. Eine gute Idee, doch mit ein paar Schwächen im Detail, die sich auch unterwegs bemerkbar machen. So ist die Sitzposition deutlich höher und vom Lenker entkoppelter als auf der Kawasaki, der Kontakt
zu Motorrad und Straße nicht ganz so einfach herzustellen. Zusätzlich löst der hohe Schwerpunkt beim Rangieren mit voller Zuladung mitunter Nervenkitzel aus. Gepäck verdaut die Yamaha trotz sehr durchdachter Befestigungsmöglichkeiten ohnehin nicht so widerspruchslos wie die Grüne und zeigt unter Last ein indifferentes und schwammiges Fahrverhalten. Bis auf die schlechte Zugänglichkeit aller Fahrwerkseinstellschrauben ist’s das aber auch schon an Kritik. In Sachen Motor und Bremsen überzeugt die Fazer mit ihren ausgezeichneten R1-Genen. Was beide Reihenvierer liefern, ist vom Feinsten und mit der harmonisch-kraftvollen Leistungsentfaltung auf Tour nahezu ohne Nebenwirkungen zu
genießen. Der Yamaha-Antrieb nervt zuweilen
jedoch mit Vibrationen in Lenker und Rasten. Der Verbrauch ist mit rund sechs Litern gleich, die Reichweite dank des 21-Liter-Tanks noch höher (fast 400 Kilometer). Es gibt ebenfalls eine Tankuhr und sogar einen Hauptständer! Das größte Plus aber fährt die Fazer auf der Autobahn ein – dank Halbverkleidung sind bequeme Dauertempi über 180 km/h möglich.

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