Uganda (Archivversion) Begegnungen im Busch

Bis vor zehn Jahren herrschte ein grausamer Bürgerkrieg in Uganda. Mit seiner Enduro entdeckte Hartmut Pönitz jetzt ein attraktives Reiseland zwischen dem Viktoria-See im Süden und den Nil-Wasserfällen im Norden.

Es regnet in Strömen. Schließlich läßt dichter Nebel den Verlauf der Straße in Richtung Unganda nur noch erahnen. Die letzten drei Wochen verbrachte ich in Kenias Hauptstadt Nairobi und las in den Zeitungen, daß die Verkehrsunfälle auf dieser Strecke fast täglich zehn Todesopfer fordern. Und trotz des Unwetters rasen Autos, Lastwagen und vollbesetzte Matatus, wie die Taxen in Kenia genannt werden, mit Vollgas an mir vorbei. Überholt wird immer, auch vor steilen Bergkuppen oder in unübersichtlichen Kurven. Kilometer für Kilometer kämpfe ich mich total durchnäßt über den rutschigen Asphalt, einfach aushalten ist meine Devise.Endlich die Grenze nach Uganda. Völlig unbürokratisch winken mich die Beamten durch. Genauso schnell mache ich mich auf den Weg in Richtung Norden nach Mbale, wo ich mit Mitarbeitern eines Entwicklungshilfe-Projekte verabredet bin. Mich interessiert deren Aufbauarbeit in einem Land, in dem bis vor zehn Jahren unter den Terror- Regimen von Idi Amin und Milton Obote ein fast zwanzigjähriger Bürgerkrieg herrschte, der das Land in ein komplettes Caos gestürtzt hatte. Doch Uganda hat sich unter dem neuen Präsidenten Museveni relativ schnell erholt, die politischen Strukturen gelten als stabil und die wirtschaftlichen Bemühungen der Regierung garantieren wieder bessere Lebensumstände für einen Großteil der Bevölkerung. Ein paar Tage später treffe ich am Kyoga-See Wayenga. Der Lehrer erwirtschaftet Geld für seine Schule, indem er Sportveranstaltungen und Konzerte organisiert. Heute findet ein Ringkampf für Frauen statt. In bunten Kleidern erscheinen die Teilnehmerinnen, viele von ihnen bringen sogar ihre Babies mit, die im Gras am Rand des kleinen Sportplatzes einen Logenplatz erhalten. Die ersten beiden Frauen stellen sich auf und Sekunden später wirbeln sie sich gegenseitig durch die Luft, bis die erste auf dem Rücken liegt. Eine Riesengaudi für alle Beteiligten.Am nächsten Morgen fahren Wayenga und ich übers Land und halten vor einer kleinen Hütte, die mitten auf einem Feld steht, und aus deren Dach es heftig qualmt. »Das ist unsere lokale Waragi-Brennerei, hier wird Schnaps aus Bananen oder Zuckerrohr gebraut.« Wayenga führt mich in die Hütte und ich muß ein Glas probieren - und werde förmlich zum Feuerspucker. Das Zeug hat geschätzte 80 Prozent Alkohol. Für einen Dollar kaufe ich einen Liter von dem Gebräu, traue mich aber nicht, davon zu trinken. Zum Reinigen der Kette eignet es sich jedoch hervorragend.Ein paar Tage später mache ich mich auf den Weg in Richtung Süden bis zur Hauptstadt Kampala und von dort aus weiter bis zum Viktoria-See, dessen Ufer mich stellenweise an die italienische Riviera erinnert. An einer Anlegestelle entdecke ich ein paar Fischer und setzte mich einfach neben sie. Aber auch sie sind neugierig und laden mich zum Essen ein. Nach einer Weile ist das Eis gebrochen und sie bombardieren mich mit Fragen: »Habt ihr auch so große Seen in Deutschland.? Gibt es auch Buschlandschaften bei euch? Wieviel Steuern müßt ihr zahlen? Habt ihr Trinkwasserprobleme? Wie sieht das Familienleben aus? Was wächst auf euren Feldern? Mit welchen Arbeiten verdient ihr euer Geld?. Meine Antworten lösen zum Teil Kopfschütteln aus - oder sie lachen. Zu meiner großen Überraschung laden die Fischer mich schließlich ein, sie bei ihrer nächsten Ausfahrt in dem Boot zu begleiten.Gegen sieben Uhr am nächsten Abend geht’s los. Der Außenborder bringt uns einige Meilen vom Ufer weg, dann werfen die drei Fischer ihre Netze aus und bereiten sich auf die Nacht vor. Sie erzählen, daß sie immer im Boot auf dem See übernachten, weil ihnen sonst die Netze gestohlen würden. Irgendwann kommen wir auf den Krieg im Nachbarland Rwanda zu sprechen, und sie berichten, daß sie täglich bis zu 300 Leichen entdeckt hätten, die auf dem See trieben, darunter auch viele Kinder und Frauen.Um fünf Uhr am nächsten Morgen ist die Nacht vorbei. Das Boot ist von langen Wasserpflanzen eingeschlossen, das Einholen der Netze gerät zur Schwerstarbeit. Erst nach drei Stunden liegen alle Netze wieder im Boot, aber die Ausbeute ist mager: 27 Fische, die auf dem Markt nur für den Besitzer des Bootes, der bereits im Hafen wartet, einen guten Erlös bringen. Die Fischer erhalten für ihre nächtliche Arbeit lediglich zehn Dollar pro Person.Wieder zurück in Kampala, von wo ich in Richtung Westen nach Lyantonde starte. Die Strecke hat es in sich. Ich durchquere ein Sumpfgebiet, in dem die Briten zur Kolonialzeit gegen das Volk der Baganda kämpften. Die Baganda tauften einen dieser Sümpfe »Kata Wazungu«, was soviel wie »Tötet Weiße« bedeutet. In diesem Gebiet haben die Briten herbe Verluste einstecken müssen, und wer die Attacken der Baganda überlebte, den erledigten Malaria oder Giftschlangen.Plötzlich donnert ein Lastwagen an mir vorbei, ich schätze mit Tempo 130 oder mehr. Um ein wenig Abwechslung in die monotone Fahrerei zu bringen, nehme ich die Herausforderung an und jage hinterher. An der nächsten Steigung schieße ich an ihm vobei. Die zwei Gesichter im Führerhaus grinsen mich an. Bergab gebe ich dann alles, 150 zeigt die Tachonadel, aber der rollende Schrott kommt trotzdem immer näher. Kopf and Kopf rasen wir die Asphaltstraße entlang bis zur nächsten Steigung, wo ich ihn wieder abhänge - ein Spiel, daß sich bis zur ersten Tankstelle in Masaka mehrmals wiederholt. Neben den Zapfsäulen gratulieren mir die beiden schließlich zum gewonnenen Rennen. »Das muß die Mutter aller Motorräder sein«, meint der eine und zeigt auf die Suzuki - ein Motorrad mit so viel Hubraum gäbe es in ganz Uganda nicht.In Lyantonde angekommen, treffe ich Nasasira. Er hat seinerzeit mit dem heutigen Präsidenten Museveni gegen Idi Amin und Milton Obote gekämpft. Er und der Präsident gehören zum Volk der Bahima, die im Süden des Landes als halbnomadische Rinderzüchter leben. Gemeinsam wollen wir zu seiner Hütte fahren, die weit draußen im Busch auf einem kleinen Hügel steht.Die letzten 20 Pistenkilometer vor Nasasiras Zuhause schaffen mich. Mit der schwer beladenen Suzuki wühle ich mich mehr recht als schlecht durch den tiefen Sand. Aber Nasasiras hatte mich schon vorgewarnt. »Wir haben Mambas, Kobras und eine hohe Aidsrate, aber wenn du bei uns sterben solltest, dann nur, weil du dir mit deiner 600er das Genick brechen wirst.« Da könnte er Recht haben. Auf seiner 125er ist er jedenfalls wesentlich flinker als ich. Zur Begrüßung wird sofort Tee gekocht. Aus einem Kanister schüttet Grace, Nasasiras Frau, eine braune Brühe in den Kochtopf. »Das ist unser Trinkwasser«, grinnst Nasasira, »aber keine Sorge, wir kochen es vorher immer ab«. Doch schon nach der ersten Tasse sind wir wieder unterwegs. Nasasria will mir seine Rinderherde zeigen und führt mich zu einer den wenigen Wasserstellen im Busch. Nach ein paar Kilometern erreichen wir das Gelände, auf dem sich bereits 500 bis 600 Rinder drängeln. Meter für Meter schieben wir uns durch die riesige Herde bis zum Becken der Wasserstelle. Hier herrscht völliges Caos. Die durstigen Viecher, die auf ihren Köpfen meterhohe Hörner tragen, sind wie von Sinnen, je näher sie dem Wasser kommen. Mit ihren Hufen wirbeln sie Unmengen von Staub auf, und der Lärm ist infanalisch. Ein irres Schauspiel.Als wir wieder in Nasasiras Hütte ankommen, wartet bereits eine Nachbarin auf ihn. Sie erklärt, daß ihr Sohn ihr in der letzten Nacht zwei Rinder gestohlen habe. Jetzt will sie von Nasasiras wissen, wie sie sich verhalten soll. Nachdem sie wieder gegangen ist, erklärt Nasasiras, das Problem dieser Frau sei kein Einzelfall. »Viele Männer auf dem Land sind heute arbeitslos und werden nicht selten zu Alkoholikern und Viehdieben, die sogar Rinder aus den Herden ihrer Familien stehlen, um sie irgendwo zu verkaufen.« Er erzählt, daß solche Streitereien vor der Kolonialzeit ausschließlich innerhalb einer Familie geregelt wurden. Das sei heute anders, denn die ehemaligen fremden Herrscher haben nicht nur neue Grenzen gezogen, sondern auch die gesellschaftlichen Strukturen verändert. Heute müsse die Frau zur Polizei nach Lyantonde gehen, und die Beamten würden ersteinmal kräftig kassieren, bevor sie etwas unternehmen. »Falls sie den Dieb dann fangen, lassen sie ihn gegen weiteres Geld wieder laufen, melden ihn als flüchtig und verkaufen die Kühe wieder an die Frau - unser ganzes System ist eben total korrupt.« Nasasira hat sich richtig in Rage geredet. »Bei uns sitzen Leute in der Regierung, die zwar in Europa studiert haben, die aber noch nie bei ihren Landsleuten im Busch waren und uns jetzt trotzdem erklären wollen, wie wir leben sollen.« Er schüttelt den Kopf, nein, in Uganda sei auch lange nach dem Ende des fürchterlichen Bürgerkrieges vieles im Argen.In den Tagen bei Nasasira lerne ich auch Joyce kennen, eine lustige und sehr selbstbewußte Frau, die mir erzählt, warum so viele Frauen so unglaublich dick sind: »Um den Männern zu gefallen, denn eine schöne Frau muß bei uns groß sein, weiße Zähne und einen flachen Busen haben und nach unten hin sehr breit werden.« Kurz vor der Hochzeit, erzählt sie weiter, würden Frauen dann 20 bis 30 Liter Milch pro Tag trinken, um später dem Schönheitsideal zu entsprechen. Fassungslos sehe ich Nasasira an: »Ihr mästet Eure Frauen wie Eure Rinder?« - »Das kann man so sagen«, erwidert der ungerührt. Ich staune nicht schlecht.Nach zwei Wochen bei den Bahima mache ich mich wieder auf den Weg. Mein neues Ziel sind die Murchison-Wasserfälle im gleichnamigen Nationalpark im Norden des Landes. Die Strecke führt bis Masindi durch eine weite Savannenlandschaft. Doch ich kann die Fahrt nicht richtig genießen. Immer häufiger habe ich starke Kopf- und Nackenschmerzen, dann wieder heftige Gliedschmerzen und kurze Fieberanfälle - die ersten Anzeichen dafür, daß ich Malaria habe. Völlig erschöpft erreiche ich den Campingplatz im Murchison-Nationalpark, wo mir die Wildhüter raten, möglichst schnell in der nächsten Stadt einen Arzt aufzusuchen. Doch vorher will ich unbedingt einen Blick auf die spektakulären Wasserfälle des Viktoria-Nils werfen, der sich hier durch eine der schönsten Landschaften Ugandas windet.Während der Fahrt durch den Park stoße ich immer wieder auf die traurigen Überreste aus der Zeit des Bürgerkrieges. Verrostete Panzer liegen neben der Straße, viele Häuser sind zerbombt oder völlig ausgebrannt. Ab und zu treffe ich auf Soldaten in zerschlissenen Uniformen, die mit ihren uralten Waffen für die Sicherheit der wenigen Touristen sorgen sollen, weil in einigen Landstrichen etwas weiter im Norden immer noch Bandenkriege stattfinden. Mir wird geraten, dort nur bei Tag zu reisen.Mehrere Kilometern führt die Straße durch den Park. Ab und zu wachsen recht und links hohe Palmen, unter deren Blättern pralle Bananenstauden hängen. Dann entdecke ich plötzlich die Wasserfälle. Gleich an mehreren Stellen hat sich der Viktoria-Nil seinen Weg durch die Felsen gebannt und stürtz schäumend über bis zu 50 Meter hohe Stufen in die Tiefe, bevor er in den Albert-See mündet. Der Lärm der Wassermassen, der von den steilen Felswänden wiederhallt, ist ohrenbetäubend. Einer der spektakulären Wasserfälle, erklärt mir ein Wildhüter, sei erst 1961 entstanden, als der Nil nach sintfluartigen Regenfällen plötzlich seinen Verlauf änderte. Er erzählt mir auch, daß weiter unten im Fluß Nilpferde, Krokodile und am Ufer Elefanten, Giraffen, Büffel und Antilopen zu beobachten seien. Doch ein Abstecher dorthin kommt für mich nicht mehr in Frage - ich muß dringend zum nächsten Arzt, weil meine Malaria-Anfälle immer heftiger werden.Völlig kraftlos setze ich mich am nächsten Morgen auf mein Motorrad, und nur mit viel Mühe kann ich die Fuhre bis in das rund 400 Kilometer entfernte Soroti steuern. Längst nehme ich die herrliche Landschaft nicht mehr wahr. Ich halte nur noch zum Trinken und Tanken. Spät nachts erreiche ich endlich die Stadt und falle total ausgelaugt in das erstbeste Hotelbett. Drei Tage lang habe ich hohes Fieber, Schüttelfrost und heftige Gliederschmerzen, erst dann wirken die starken Medikamente, die mir der Arzt verschrieben hat.Schließlich mache ich mich wieder auf den Weg nach Mbale. In wenigen Tagen geht mein Flug zurück nach Deutschland, doch während der letzten Kilometer in Uganda schießt mir eine Idee durch den Kopf - ich werde mein Motorrad bei Freunden in Mbale deponieren und im nächsten Jahr wiederkommen, um nocheinmal durch dieses fantastische Land zu fahren und um zu sehen, was aus meinen afrikanischen Freunden geworden ist.

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