Ukraine (Archivversion)

Wodka, Blaulicht und Kalaschnikow

Von wegen Café-Racer – 13 Harley-Fahrer machten sich auf den Weg in die Ukraine, um auf der Krim einen befreundeten Motorradclub zu besuchen – ein guter Anlass für eine zünftige Strandparty am Schwarzen Meer.

Aufbruchstimmung in Dresden. Unüberhörbar machen sich 13 Harleys auf den Weg, schlagen Kurs Ost ein. Erstes Etappenziel: Jelenia Gora in Polen, lockere 200 Kilometer. Rolf Stagge, Harley-Händler in Dresden, führt den Konvoi an, dessen endgültiges Ziel die Halbinsel Krim am Schwarzen Meer ist. Dort haben die »Islanders« ihr Revier, und ein Besuch bei dem befreundeten ukrainischen Motorradclub stand lange aus.Zweiter Tag, fünf Uhr morgens. Nieselregen. Allmählich wird’s spannend. Etwa 600 Kilometer liegen vor uns. Beim Aufsatteln grinst Björn aus Hamburg: »Jetzt geht’s über den widowmaker.« Was soviel wie Witwenmacher heißt. Schnell ist klar, warum die Strecke zwischen Zabrze und Krakau so genannt wird. Mehr rutschend als fahrend gleiten die Harleys über den nassen, von Spurrillen durchzogenen Asphalt – Seite an Seite mit schwerbeladenen Lkw. Irgendwie schafen es alle unversehrt bis an die ukrainische Grenze, doch es scheint unmöglich, an diesem Tag noch in das Land einzureisen: eine kilometerlange Schlange – hauptsächlich Ladas und Wolgas – steht vor der Abfertigung. Letztlich kommt es noch schlimmer. Über eine Stunde verhandeln Björn und Rolf im Zollhaus, kommen mit versteinerten Blicken heraus. Das Gruppenvisum ist aus irgendwelchen Gründen nicht für alle gültig, ausgerechnet Organisator und Tourguide Rolf wird der Grenzübertritt verwehrt. Kein Pardon. Unter den strengen Blicken der Zollbeamten lässt er den Motor an und rauscht ab. Betretene Gesichter. Während der zähen Einreiseprozedur spricht kaum einer ein Wort. Bis es aus dem 60-jährigen Alfons herausplatzt: »Mann, wäre ich bloß nach Südfrankreich gefahren.«Auf ukrainischen Boden treffen wir neben Dolmetscher Max auch unseren Begleitschutz: Sergej, Oleg und Vital, in blauen Uniformen und mit Kalaschnikows bewaffnet, sind ab nun für unsere Sicherheit verantwortlich. Während die drei Burschen lässig am Polizeiwagen lehnen, wird das Gepäck in einen Kleinbus verladen, dann geht´s mit Blaulicht nach Lemberg. Mitten in der Nacht erreichen wir unser Hotel, Wodka und Erdnüsse müssen heute als Abendessen reichen.Vorbei an verwitterten, stuckverzierten Fassaden und unter den ungläubigen Blicken vieler Passanten rollt der Konvoi am nächsten Morgen durch die einstige Habsburg-Metropole. Grobe Richtung Südosten, rund 700 Kilometer bis nach Uman. Gleich außerhalb der Stadt erblicken wir die erste orthodoxe Kirche mit ihren typischen Zwiebeltürmen. Dann führt die holprige und mit Schlaglöchern versehene Straße an kilometerweiten, zumeist verwahrlosten Feldern vorbei. Oft stehen alte Frauen mit bunten Kopftüchern am Straßenrand und bieten Erzeugnisse aus dem heimischen Garten – Melonen, Tomaten, Zwiebeln oder Paprika – feil. Klapprige Pferdekarren, Fahrräder oder selbst gebastelte Rollwägelchen dienen als Transportmittel. Wie zum Hohn blicken die Genossen Marx und Lenin über unsere Häupter hinweg in die Weite des Landes. Monumentale Denkmäler auf künstlich errichteten Hügeln.Alle paar hundert Kilometer halten wir an, um zu tanken und einen Kaffee zu trinken. Sofort versammeln sich Lkw-Fahrer, Reisende oder Bewohner aus den umliegenden Dörfern. Der 57-jährige Werner steht vor seiner Maschine und versucht, ein paar Burschen die technischen Details seiner Maschine zu erklären. Nach anfänglichem Stirnrunzeln nicken schließlich alle, und es scheint für einen kurzen Moment, als gebe es keine Kommunikationsschwierigkeiten.Am nächsten Tag stehen wieder 600 Kilometer auf dem Programm. Von Uman über Nikolajev auf die Krim nach Jevpatorija. Ermüdungserscheinungen? Keine Spur! Ganz im Gegenteil – die Spannung steigt. Auch weil unsere drei Beschützer auf einmal das Tempo anziehen. Mit teilweise 120 Sachen jagen sie über die schnurgeraden, dafür aber holprigen Straßen. Fahrer Oleg hat besonderen Spaß daran, die entgegenkommenden Autos und Pferdekarren von der Straße zu fegen. Er stellt Blaulicht und Sirene an, und über den Lautsprecher schreit er mit krächzender Stimme auf russisch immer wieder »Platz da!«Am späten Nachmittag gelangen wir über eine Brücke auf die Halbinsel Krim, fahren einem traumhaften Sonnenuntergang entgegen. Im Dunkeln und mit vom Straßenstaub rabenschwarzen Gesichtern erreichen wir schließlich die an der Westküste gelegene Hafenstadt Jevpatoria, werden gleich an den Strand gelotst – und stehen plötzlich inmitten einer Horde wilder Motorradfreaks: die »Islanders«, die uns natürlich längst erwartet haben. Allen voran Sergej, der wie ein Derwisch auf seinem giftgrünen Trike nach lauter deutscher Rockmusik tanzt. Wodka, Umarmungen, noch mehr Wodka. Es wird eine kurze Nacht.Tags darauf trudeln über hundert Motorradfahrer aus der Umgebung ein. Meist auf Java, Dnepr und Ural. Blitzsaubere Bikes, einige von ihnen liebevoll umgebaut und verziert. Die Stimmung ist auf Anhieb gigantisch. Motoräder fegen am hellen Strand entlang, es gibt gutes Essen und natürlich wieder Wodka im Überfluss. Auch das Wetter spielt mit: Gegen Mittag herrschen 30 Grad.Plötzlich, wir trauen unseren Augen kaum, steht Rolf vor uns. Er hat sich spontan in den nächsten Flieger gesetzt, um uns ab hier weiter zu begleiten. Zwar ohne seine Harley, aber das ist jetzt völlig egal. Hauptsache, er ist mit dabei, als sich die ganze Truppe mit wehenden Fahnen in Richtung Stadtzentrum in Bewegung setzt. Dort haben sich bereits mehr als 4000 Schaulustige versammelt, um diesen ellenlangen Korso zu empfangen. Es wird gestaunt und gefachsimpelt, und ganze Familien lassen sich im Sonntagsstaat stolz vor den Motorrädern fotografieren. Richtige Volksfeststimmung, und später hält sogar der Bürgermeister eine Rede, bedankt sich für den Besuch, bevor es wieder zurück an den Strand geht – um zu feiern. Mit – logo - Wodka, Livemusik, lustigen Wettbewerben und einem Feuerwerk. Die ukrainischen Biker lassen es wirklich wild angehen. Schluss ist erst im Morgengrauen.Ein paar Stunden Schlaf, dann geht´s in den Süden der Halbinsel. Die Strecke in die 90 Kilometer entfernte Hafenstadt Sevastopol´ ist ein Traum. Wir passieren Weinstöcke und Wiesen mit Obstbäumen, fahren durch Pappelalleen und üppig grüne Täler. Mit der Fähre läuft die Gruppe schließlich in die Hafenstadt ein, den Hauptstützpunkt der legendären Schwarzmeerflotte. Später rauschen wir über eine überraschend kurvige Straße durch das Krimgebirge in Richtung Jalta. Die Landschaft ist atemberaubend schön, bietet immer wieder neue Ausblicke auf das Schwarze Meer.Vorbei an tristen Plattenbauten schlängen wir uns ins Zentrum Jaltas. Was für eine prachtvolle Stadt muss das einmal gewesen sein, besonders im 19. Jahrhundert, als sich hier Adel, Kaufleute und Künstler trafen. Wir schlendern an Villen, Herrenhäusern und stuckverzierten Altbauten vorbei, von denen viele längst hätten renoviert werden müssen. Damals wie heute spielt sich das Leben natürlich an der Uferpromenade ab. Wir flanieren an unzählige Cafés und Restaurants vorbei, gelangen am Ende an einen belebten Kiesstrand. Nicht zu übersehen sind die vielen Bettler, zumeist alte oder behinderte Menschen. Die Not in der wirtschaftlich maroden Ukraine ist überall groß. Tags darauf die letzte Etappe. Ein kurzes Stück entlang der Küste, dann die letzten 90 Kilometer bis in Krim-Hauptstadt Simferopol´. Die Bikes verschwinden nach insgesamt 2400 Kilometern für den Rücktransport in mehrere Lkw. Obwohl – am liebsten wären alle auf Achse zurückgefahren. Über Südfrankreich hat niemand mehr gesprochen.
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Infos (Archivversion)

Eine Reise durch die Ukraine – und besonders auf die Krim am Schwarzen Meer – bietet eine Vielzahl von spannenden und vor allen Dingen neuen Eindrücken: Motorradtouristen haben dieses Land bisher kaum besucht, was auch an der ungewissen Sicherheitslage liegt. Alle, die die Ukraine bisher bereist haben, sind jedoch besonders von der großartigen Gastfreundschaft der Bevölkerung angetan. Aufgrund der maroden wirtschaftlichen Situation sollte man sein Fahrzeug jedoch nie aus den Augen lassen und nur auf bewachten Hotelparkplätzen abstellen. Einzelreisende, weil viel unauffälliger, können trotz allem sicherlich auf einen polizeilichen Begleitschutz verzichten.Eine Reise in die Ukraine verlangt nach etwas mehr Vorbereitung als eine Tour beispielweise nach Frankreich. Deutsche, Österreicher und Schweizer benötigen für die Einreise einen Reisepass, der mindestens noch sechs Monate gültig ist, sowie ein Visum. Bei Gruppenreisen erledigt in der Regel jedes Reisebüros diese Formalitäten. Ansonsten gilt: Das Visum sollte mindestens drei Wochen vor Reisebeginn beantragt werden. Dazu wendet man sich an die Botschaft der Ukraine, Albrechtstraße 26, 10177 Berlin, Telefon 030/28887220, Internet www.botschaft-ukraine.de. Weitere Internet-Infos über das Land finden sich unter www.travel.to/ukraine sowie unter www.wu-wien.ac.at/groups/ukraine/us.html (ukrainische Seiten, die in Deutsch gehalten sind). Wer keine Lust hat, eine solche Reise für sich oder eine Gruppe zu organisieren, kann sich an folgendes Unternehmen wenden: Trojka-EWA Marketing und Reisen GmbH, Telefon 030/2291721 (Berlin) oder 0351/877170 (Dresden). Bei Bedarf können hier auch eventuelle Begleitschutzmaßnahmen organsiert werden.Das Tankstellensystem ist relativ gut ausgebaut, bleifreies Benzin kostet zirka 40 bis 50 Cent und ist durch die Oktanzahlen 98 oder 95 gekennzeichnet. Auf vielen Strecken ist die Fahrbahnbeschaffenheit schlecht, und Straßenmarkierungen sind oft mangelhaft oder fehlen ganz. Ebenfalls keine Seltenheit: alkoholisierte Verkehrsteilnehmer.In jeder größeren Stadt finden sich entsprechende Unterkünfte. Besonders empfehlenswert: Hotel Jalta, das am östlichen Stadtrand Jaltas gelegen ist und über einen eigenen Strand und bewachten Parkplatz verfügt.

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