Unfall im Ausland Oh Backe

Ein Crash im Ausland steht bei den meisten Bikern wohl ganz oben auf der Horrorliste. Doch es gibt Tips, wie man den Schaden und Ärger zumindest im nachhinein begrenzen kann.

Es ist warm, endlich. In Frankreich ist bereits Frühling, und ich freue mich über den ersten Urlaubstag. Sicher kommt bald ein Zeltplatz. Doch statt eines Hinweisschilds taucht dieser weiße Renault auf, schießt über ein Kuppe und genau auf mich zu. Er überholt, kann gar nicht zurück auf seine Fahrbahn, ich peile zwischen Straßenrand und Auto durch, höre Reifen quietschen, eine Ewigkeit scheint innerhalb eines einzigen Wimpernschlages zu vergehen. Dann kracht es. Und dann ist es still, ich schwebe wie schwerelos, lande weich im Gras. Das schlimmste anzunehmende Ereignis eines Jahresurlaubes ist eingetreten. Es hat gekracht. Aber richtig. Ich rappele mich auf, kraxele die Böschung hoch. Wo ist meine Frau? Sie fuhr direkt hinter mir... Ich sehe ihr Motorrad zwischen Leitplanke und dem querstehenden Renault, sie steht daneben, es scheint ihr nichts passiert zu sein. Wahrhaftig sind wir beide unverletzt. Kaum zu fassen. Der Fahrer sitzt noch im Auto, das Dach ist geknickt, er bekommt die Tür nicht auf. Mehrfach entschuldigt er sich mit tonloser Stimme, als ich ihm raushelfe.Langsam finde ich die Fassung wieder und versuche, die Situation zu analysieren. Wo ist mein Motorrad? Auf der Straße jedenfalls nicht. Jenseits der Leitplanke, unten im Graben, entdecke ich es schließlich, grauslig zugerichtet. An der Unfallstelle sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld. Zeugen, schießt es mir durch den Kopf, gibt es Zeugen? Und: Ich muß Bilder machen. Den Tankrucksack mit der Fotoausrüstung finde ich irgendwo im Gras, die Kamera funktioniert zum Glück. Während ich fotografiere, mache ich eine Art Plus-Minus-Bilanz auf. Auf der Minus-Seite steht: Mopeds kaputt und der Urlaub am ersten Tag beendet. Auf der Plus-Seite: Wir sind unverletzt, ich kann so leidlich Französisch, wir haben Schutzbrief und Rechtsschutz, der Gegner ist eindeutig schuldig und einsichtig, wir haben Fotos vom Unfallort und tatsächlich einen Zeugen, der nicht nur alles gesehen hat, sondern auch bereit ist, uns zu helfen.Inzwischen ist die Polizei da und macht sich an die Unfallskizze. Auf sie werden wir uns später stützen können, auch wenn in Frankreich, wie in vielen anderen Ländern auch, bei Unfällen ohne Verletzte kein Protokoll aufgenommen wird. Für Sanitäter und Polizei sollen wir unterschreiben, daß wir nicht ins Krankenhaus mitfahren. Nachdem uns versichert wurde, daß wir auch am nächsten Tag noch zum Arzt gehen und Anzeige erstatten können, unterschreiben wir. Die - wenn auch ncit gerade üppigen - Sprachkenntnisse sind jetzt äußerst hilfreich.Und die französischen Polizisten erweisen sich als wahre Engel. Wieder und wieder wird uns erklärt, wie es weitergeht, bis wir es verstanden haben. Sie bringen uns ein ein Hotel, organisieren für uns ein Zimmer mit Telefon, einen Tisch fürs Abendessen und den Abtransport der Motorräder, zeigen uns, wo Wache und Abschleppdienst sind, tragen uns sogar das Gepäck ins Hotel.Dann sind wir allein. Ich weiß immer noch nicht, was »Constat amiable« bedeutet. So heißt das, was wir auf Anraten der Polizei gemeinsam mit dem Unfallgegner am nächsten Tag ausfüllen sollen. Ami, so viel weiß ich, heißt Freund. Ich frage mich, wie wohl der junge Franzose, der uns soeben abgeschossen hat, unser Freund werden kann.Die Knochen beginnen zu schmerzen, wir wollen zusehen, daß wir am nächsten Tag nach Hause fahren können. Mit dem ganzen Gepäck und dem Wust an Ausrüstung bleibt nur ein Mietwagen. Mehrere Anrufe bei den beiden Schutzbrief-Organisationen unserer Motorräder, ACE und Motocard, bringen Klarheit über die Kostenfrage. Unsere Heimfahrt zahlt der ACE und die Abschleppkosten schickt der Unternehmer gleich der gegnerischen Versicherung. Der Mann kennt sich aus. Ein zwiespältiges Servicebild hinterläßt ausgerechnet die Motocard, der hauseigene Spezialschutzbrief für Motorradfahrer. Angenehm ist, daß ein französischer Vertreter direkt mit dem Hotel verhandelt und die Übernachtungskosten übernimmt. Unakzeptabel ist, daß wir mit dem deutschen Motocard-Vertreter am Telefon sowohl um die zweite Nacht - die bezahlt werden muß, da wir erst abends um sechs Uhr abreisen - wie um das Frühstück handeln müssen, obwohl eigentlich alles innerhalb des Kostenrahmens und der Vertragsbedingungen liegt. Das kann ich allerdings erst zu Hause nachlesen, da wir das Kleingedruckte nicht dabeihaben.Auch beim Thema Mietwagen zeigt sich die Motocard nicht von der kundenfreundlichsten Seite. Während der ACE sofort erklärt, bis zu 700 Mark zu übernehmen, erzählen die Motocard-Vertreter etwas von 100 Mark pro Tag. Daß dies für sieben Tage gilt, unterm Strich also auf denselben Betrag hinausläuft, erfahren wir ebenfalls erst wieder zu Hause aus den Vertrags-Bedingungen. Was uns letztlich aber auch nichts geholfen hätte, kostet ein One-way-Mietwagen ins Ausland schließlich etwa 900 Mark für 24 Stunden. Ohne den ACE hätten wir ziemlich ratlos dagestandenAm folgenden Tag treffen wir unseren Unfallgegner beim Polizeiposten. Er hat einen europäischen Unfallbericht in französischer Sprache dabei - den »Constat amiable«, wie ich jetzt erleichtert feststelle - und ist immer noch bereit, alle Schuld auf sich zu nehmen. Sogar schriftlich. Die diensthabende Polizistin überreicht uns zum Abschluß einen Zettel mit ihrem Namen und ihrer Telefonnummmer, den Daten des Zeugen und eine Kopie von der Unfallskizze. Interessanterweise hat in Frankreich selbst der Verursacher eines derart schweren Überholunfalls nicht mit einer Strafe zu rechnen und bleibt rechtlich unbehelligt.Als der Papierkrieg erledigt ist, erleben wir nochmals die Hilfsbereitschaft der Franzosen. Der Hotelchef sucht uns die Mietwagenstationen im 50 Kilometer entfernten Besancon heraus, und unser Unfallgegner fährt uns sogar hin. Noch am Abend sitzen wir im Auto, jeden Knochen inzwischen schmerzhaft spürend. 36 Stunden nach Urlaubsbeginn sind wir wieder zu Hause. Der Kampf kann beginnen.Der beschriebene Fall klingt so konstruiert wie eine Rahmenhandlung für einen Artikel »Unfall im Ausland«, ist aber dem Autor tatsächlich so passiert. Außer der Tatsache, daß es gekracht hat, ist eigentlich alles gut gegangen. Allerdings muß man sich bei der Kostenerstattung in Geduld üben. Selbst wenn über die Schuldfrage keine Zweifel bestehen, sind drei bis vier Monate Schadenregulierungsdauer das Minimum. Ist die Schuldfrage nicht eindeutig klar und kommen womöglich Schmerzensgeldforderungen hinzu, können auch Jahre vergehen.Doch was tun, wenn man verletzt ist, die Sprache nicht kann, niemand Fotos gemacht hat und womöglich die polizeiliche Unfallaufnahme falsch ist? Was, wenn der Unfallgegner plötzlich alle Schuld bestreitet und es keine oder nur dünne Beweise gibt? Ganz klar: Es gibt so unendlich viele Unwägbarkeiten, daß man unmöglich alle einkalkulieren kann. Eine ganze Menge Dinge kann man dennoch tun, um den Schaden zu begrenzen.Und eines soll auch nicht unerwähnt bleiben: Auf den Leseraufruf »Auslandsunfälle« in Heft 6/1996 kamen keine zehn Antworten. Man sollte dies als gutes Zeichen werten. Und in den Zuschriften erzählten alle von großer Hilfsbereitschaft und freundlichen Menschen, egal ob Zivilist oder Polizist, egal ob sie schuldhaft oder schuldlos in einen Unfall verwickelt waren. Auch das läßt hoffen, daß der Ernstfall nicht immer zum Horrortrip werden muß.

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