Unterwegs auf der Seidenstraße (Archivversion) Das andere China

Kashgar, Himmelsgebirge, Karakorum Highway, Seidenstraße – man muss sie nicht erfinden, die faszinierenden Ecken dieser Welt. Es gilt nur, sie zu entdecken. Sie warten in Xinjiang, tief im Westen Chinas, abseits millonenschwerer Groß-städte und maoistischer Einheitskultur.

Klirrende Kälte liegt über dem Karakorum Highway, scharf schneidet der Wind durch die surreal wirkende Gebirgslandschaft – wirbelt Staub von den kargen Felsfüßen des Pamir-Massivs und erste Schneeflocken durch die Luft. Dünne Luft. Sehr dünn und klar, bereits Ende September keine null Grad mehr erreichend. Vereinzelt tief vermummte Gestalten, ein paar Kamele und grasende Yaks, dazwischen die Jurten der Nomaden – wie weiße Kleckse in die Steppen des Hochtals getupft. Stechendes Licht, sobald der Wind die Wolkendecke zerreißt, nie zuvor gesehene Farben. Allein das strahlende Türkis des Karakul-Sees.
Hier oben, 3700 Meter über Normal Null, im äußersten Westen der autonomen Provinz Xinjiang, erinnert nichts an die Wirtschaftsmacht China aus den Börsennach­richten. An einer kleinen Raststation gibt es vage nach Tee schmeckendes Wasser, kirgisische Händler bieten überdimensionale Fellmützen an, auch Talismane und Yakfett sind im Angebot. Es scheint, als habe sich in dieser Abgeschiedenheit, wo die wohl spektakulärste Etappe der alten Seidenstraße beginnt, seit Marco Polos Reiseberichten wenig verändert. Außer des Straßenbelags. Inzwischen asphaltiert, galt die 1287 Kilometer lange Karakorum-Passage bis vor Kurzem als unerbittliche, Menschen, Tiere wie Fahrwerke zermürbende Schottertortour. Legendär, geliebt und gefürchtet zugleich.
Nur noch mühsam an Höhe gewinnend, schleppt sie sich in weiten Serpentinen zum Kelasi-Pass. 3900, 4000, 4100 Meter. Die Kälte des Fahrtwinds wird beinahe uner­träglich, immer heftiger das Schwindelgefühl unterm Helm. Zähne zusammenbeißen, aushalten. Eiserner Griff um die Lenkerenden. Kein Gejammer jetzt – an die übermenschlichen Anstrengungen der Karawanen denken: Mit purer Muskelkraft sind sie da heraufgekeucht. Noch einen Gang runterschalten, Drehzahl auf Anschlag. 4300 Meter! Auf der Passhöhe gibt die Natur ein gewaltiges Finale. Bis vors Vorderrad brechen die mächtigen Gletscher des siebeneinhalbtausend Meter hohen Muztagh Ata herab. »Vater der Eisberge«, selten hat ein Name besser gepasst. Im Norden leuchtet auf fast 8000 Metern der schneeweiße Gipfel des Kongur Shan. Dahinter: die endlose Ausdehnung Chinas. 4000 Kilometer Luftlinie sind es bis zur Hauptstadt Peking.
Die steifgefrorenen Hände an den schnell abkühlenden Zylinderrippen ge­-wärmt, das Halstuch weit über die Nase gezogen. Weiter. Entlang der tadschikischen Grenze zum letzten Außenposten der chinesischen Zivilisation. Tashkurgan: das halbe Jahr Eiseskälte, ansonsten dörrende Trockenheit. Zollstationen, Kasernen, ein paar Hotels für die Wartenden und Zurückgewiesenen. Viel mehr bietet Tashkurgan nicht. Doch von hier strebt der Karakorum Highway seinem dramatischen Höhepunkt am 4700 Meter hohen Khunjerab-Pass entgegen. Der Durchstich nach Westen. Nach Pakistan. Jahrtausendelang die einzige Verbindung vom Reich der Mitte ins Abendland.
Ein paar hoffnungslos überladene Lkw kriechen vorbei, die Räder schaffen ge­-rade noch eine Umdrehung pro Sekun­de. Tage werden sie über den Khunjerab bis Islamabad brauchen. Wir leiten indessen den Sinkflug zurück zu unserem Ausgangs­punkt Kashgar ein, um von dort der nörd­-lichen Seidenstraße folgend Xinjiangs Pro­-vinzhauptstadt Urumqi anzusteuern. Eine Reise, die uns aus einer vergessenen Welt ins moderne China führen wird, be­­-gleitet von den extremsten Gegensätzen, die Mensch und Natur auf Lager haben.
Wunderschöne Abfahrtsschwünge, immer enger, je tiefer die Straße zwischen den Felsen hinunterschneidet. Stundenlang geht es zu Tal. Abermals passieren wir den kleinen Militärposten, umgeben von klapprigen Bretterbuden mit sorgsam aufgereihten Verkaufsauslagen. Kekse, Cola, Fladenbrot. Besser als nichts. In schweren Geländewagen rollt eine Reise­-gruppe aus Shanghai vor, reißt die Türen auf, zückt die Kameras: »Please, please, photo, please.« Unter größtem Amüsement drapieren sie uns vor den Motorrädern. »Please, cheese.« Echte Langnasen mit echten BMWs, das gefällt ihnen. Daumenrecken, Schulterklopfen. Noch ein Foto.

Theoretisch einheimisch, fühlen sich die wohlhabenden Städter aus dem Osten in dieser Gegend mindestens so fremd wie wir. Xinjiang gilt bis heute als Sibirien Chinas, die Strafkolonie des Landes. Arm, dünn besiedelt und härtes­-tem Kontinentalklima ausgesetzt. Freiwillig lassen sich hier kaum Han-Chinesen aus anderen Provinzen nieder. Sie kamen und kommen im Zuge von Zwangsumsiedlungen, mit denen Peking den Anteil der turkstämmigen Bevölkerung immer weiter zurückdrängt. Inzwischen machen die Han fast acht der 19 Millionen Provinz-Bewohner aus. Den Löwenanteil stellen allerdings moslemische Uiguren. Ihre Hochburg: Kashgar. Bastion zwischen Gletschern und der riesigen Wüste Taklamakan, Nabel der westchinesischen Welt, größte Oase im gesamten Land. Jeder, der etwas organisieren, regeln, kaufen oder verkaufen will, muss in diese Stadt.
50 Kilometer vor ihren Toren tritt das Gebirge unvermittelt zurück, entwirft noch eine letzte rotglühende Farbkaskade, um dann dem zusehends breiter werdenden Fluss Kaxgar He die Bühne zu überlassen. Er ist die Lebensader der Oasensiedlung, an deren Ufer so ziemlich alles wächst, was wachsen kann: Melonen, Granatäpfel, Orangen – die Märkte Kashgars sind voll davon. Das Hauptgeschäft läuft sonntags, wenn die halbe Wüsten- und Bergbelegschaft zum Viehmarkt wallfahrtet. Heute ist Sonntag! Mühsam drängen wir uns zwischen hupenden Taxis, Lastendreirädern, rollenden Marktständen und Eselsgespannen hindurch, schlagen Haken um Schafe, Ziegen, Pferde und Yaks, die hinter ihren Besitzern zum riesigen Verkaufsplatz trotten. Es gibt kaum mehr ein Durchkommen. Straßen, Märkte und Bazare gehen nahtlos ineinander über. Wo nicht gefeilscht wird, wird gebrutzelt, wo nichts brutzelt, wird genäht. Irgendwann geben wir die Motorräder auf, lassen uns zu Fuß weiterschieben.
»Medicine, Madame, good for you.« Getrocknete Schlangen, Eidechsen und anderes Getier – keiner eindeutigen Gattung mehr zuzuordnen. Rosinenberge, Bonbonpyra­miden, Gewürze, Nüsse, Teppiche, Seide. Drum herum ein Völkergemisch unterschiedlichster zentralasiatischer Abstammung: Uiguren, Kasachen, Mongolen, Tadschiken, Kirgisen, Usbeken – Han-Chinesen sind kaum zu sehen. Überhaupt erinnert die Szenerie mehr an einen Markttag im afghanischen Hindukusch denn einen normalen Sonntag in Maos Volksrepublik. Die Frauen unter Kopftüchern, teils komplett ver­schleiert, die Männer silberne Kinnbärte und bestickte Käppis tragend. Manche Ältere sogar im erdfarbenen Kaftan. Sie verhandeln in der Amtsprache Uigurisch und zahl­-losen Dialekten. Hochchinesisch sprechen die wenigsten, und auf Englisch geht hier außer »good for you« nichts. Keine einfache Sache – auch die Orientierung. Zwar geben sämtliche Wegweiser zweisprachig Auskunft, allerdings neben chinesischer in arabischer Schrift.

Kashgars B-Seite ist von atemberaubender Hässlichkeit. Kommunistisch motivierter Plattenbau. Er offenbart sich in seiner ganzen Pracht, als wir die Stadt bei Sonnenaufgang Richtung Wüste verlassen. Sonnenaufgang heißt in dieser Gegend im Frühherbst so gegen neun, da sich das zentralistische Riesenreich China eine landesweite Zeitzone gönnt. Den Takt gibt selbstverständlich Peking vor. Und wer ganz im Westen wohnt, hat eben Pech gehabt.
Mit Drahteseln, Mopeds und Traktoren schwärmen die Feldarbeiter und Baum­wollpflücker zu ihrer Arbeit aus. Auf diesen schmalen, grünen Streifen zwischen dem Himmelsgebirge »Tian Shan« und der brottrockenen Taklamakan. Gespeist wird der Boden vom Kaxgar He, beschattet von Tausenden eigens dafür gepflanzten Pappeln. Am Tag des Baums steckt jeder Bewohner der Region einen Setzling in den Boden und gelobt, sich zeitlebens drum zu kümmern. Rot leuchten dazwischen die Tomaten, weiß Abermillionen von Baumwollbüscheln. Das neue, profanere Gut der Seidenstraße. Auf überquellenden Holzkarren und todesmutig beladenen Lastern wird es in die Fabri­ken geschleppt. Die Straßenränder von herabgewehten Flocken übersät, auf­gesammelt von den Ärmsten der Armen.
Tacho 120 schnüren wir den bolz­ge­raden Highway 314 entlang. Fahrerisch keine fürchterlich aufregende Geschichte, was gut ist. Denn die begleitende Kulisse des Tian Shan fordert alle Aufmerksamkeit. Wie sich die Bergflanken in Falten werfen, wie sie in sämtlichen Rottönen brennen. 900 Kilometer soll dieses Schauspiel laut Landkarte anhalten.
Nach 220 Kilometern und der dritten Kurve des Tages das erste nennenswerte Dorf. Das sind zwei Tankstellen, ein paar reifenübersäte Werkstätten und vier, fünf dampfende Garküchen. Grob 90 Cent kostet ein Mittagessen: feurige Kebab-Spieße oder handgedrehte Nudeln mit Gemüse, chinesisch ist daran allenfalls der obligatorische Tee. Egal, es schmeckt klasse. Bulls ist schon wieder abfahrt­bereit. Bulls, der schnelle Überlandbus, der uns vorhin lichthupend verblasen hat. Geschätzte 50 km/h Überschuss. Kein Problem für Bulls, denn das Unternehmen, sagt man, sei fest in den Händen der Polizei. Vermutlich ein Fall für die frisch gegründete Anti-Korruptionsbehörde der Volksrepublik.
Vor Aksu beginnen die Fabriken. Rostige Pipelines, rauchende Schlote und eine Luft, die sich von Abgasen und Herd­feuern zusehends verdunkelt. Der Vor­stadt-Moloch eine bedrückende Melange aus öltriefenden Truckgaragen, Bauruinen und heruntergekommenen Arbeiter­wohn­vierteln. Und dann dieses Zentrum: aufgeräumt, glatt. Mit verord­neter Mao-Statue, teuren Hotels und Limousinen, nächtlicher Open-Air-Disco und illuminierten Springbrunnen. Kaum ein anderes Land lebt arm und reich so hemmungslos nah beieinander.
Hinter Aksu biegen wir von der Seidenstraße auf eine tief verstaubte Piste ab, sie soll uns ein Stück Himmelsgebirge näher bringen. 7000 Meter knackt hier die mächtige Barriere zu den russischen Teilstaaten Kirgisistan und Kasachstan. Aus der Himmelfahrt wird zwar nichts, weil die Strecke hoffnungslos in einem engen Canyon versackt, doch bis dahin hat sie Weltklasse: Paris-Dakar beim Stoffgeben im bodenlosen Staub, Utah beim Anblick der dunkelrot und orange glühenden Felsklötze, China sowieso und am Canyon-Restaurant Jodelmusik. Ein paar Motorradfahrer aus Peking hatten in Kashgar von ihrem Versuch berichtet, den Tian Shan auf einem der beiden Wege, die es laut Landkarte geben soll, zu durchqueren. Sie schilderten eine Horrorfahrt über verschneite und verschlammte Eselspfade. Das Schlimmste seien die Zweifel gewesen, jemals wieder irgendwo rauszukommen. Ein Gefühl, das in dieser Region Tradition hat.

Begib dich hinein, und du kommst nie wieder heraus.« Lange Zeit galt dies als Übersetzung des uigurischen Worts Taklamakan. Heute weiß man, dass es »Land der Pappeln« bedeutet. Aber heute kommt man ja auch viel leichter wieder zurück. Zum Beispiel auf dem Tarim Highway. Zwischen Kuqa und Korla zweigt er von der Seidenstraße ab. Am Eingangsportal herrscht Hochbetrieb. Es ist der 1. Oktober, Nationalfeiertag. Und diesen zelebriert man in China gerne mit der Besichtigung natio­-naler Errungenschaften. Der Tarim Highway ist so eine. »Die längste auf Treibsand befestigte Asphaltstraße der Welt, durch die zweitgrößte Sandwüste der Erde.« Die Zentralregierung liebt solche Superlative. Und wir lieben Sicheldünen. Also rollen wir auf der Errungenschaft mitten hinein in dieses bis zum Horizont flirrende Universum aus Sand, Geröll und Kamelgrasbüscheln. Irgendwann tauchen die ersten Dünen auf und eröffnen ein überwältigendes Meer von Sandwellen, in dessen Weiten der Tarim Highway malerisch entschwindet. Allein dafür wurde er natürlich nicht gebaut: Die Chinesen vermuten unter der Taklamakan Rohstoffvorkommen, mit denen sie die Reserven ganz Nordamerikas eindosen könnten.
Zurück auf der alten Handelsroute, die sich hinter Korla über die Ausläufer des Himmelsgebirges in furiosem Sinkflug in das Becken von Turfan stürzt. 154 Meter unter dem Meeresspiegel liegend und sommers bei Temperaturen von über 50 Grad ächzend, ist Turfan die heißeste Stadt des Landes. Bereits vor 2000 Jahren ersannen ihre Siedler ein hocheffizientes Bewässerungssystem, das in 5000 Kilometer langen, unterirdischen Kanälen Grundwasser von den umliegenden Bergen abzapft. Diese geniale Erfindung gipfelte im Beginn von Weinanbau. Eine Domäne, von der die Stadt bis heute lebt. Jetzt im Herbst fegt der Wind Staubwolken durch die Gassen, von der Hitze ist kaum mehr etwas zu spü­­ren, und die schattenspendenden Reben dörren über ihren Pergolen. Die Esels­karren von Kashgar sind wieder da, die kleinen Werkstätten und Läden. Wie die westliche Schwesterstadt war Turfan einst wichtiger Stützpunkt der Seiden­straße. Die Ruinen der alten Stadt zeugen da­von. Dschingiskhan hatte sie mit seinen mongolischen Horden überfallen und verwüstet. Ein Schock, von dem sich die Bevölkerung nie mehr erholt und Turfan an anderer Stelle neu aufgebaut hat.
Die letzte Etappe vor Urumqi und den Weiten der Mongolei. Ein letzter Pass über die schützende Bergkette, dann senkt sich die bleierne Kälte Sibiriens über uns, die nun ungehindert von Norden eindringt. Mit voller Wucht fegt plötzlich eisiger Sturm, drückt die Motorräder unvermittelt in tiefe Schräglage. Es braucht alle Kraft, sie auf Kurs zu halten. Krampfhaftes Gegenhalten, zählen der Minuten, wie in Zeitlupe verstreichen die Kilometer. Die Elemente beißen mit derselben Unerbittlichkeit zu wie zu Beginn der Reise, an den Gletschern des Muztagh Ata. Wir können uns kaum noch auf den Maschinen halten, warnend blinken die Sturmlichter an den Brücken, auf halber Strecke ein umgekippter Kleinlaster. Irgendwann tauchen geradezu tröstlich die Hochhäuser von Urumqi am Horizont auf. Die erste echt chinesische Dependance der Reise. Zu den arabischen/chinesischen Aufschriften gesellen sich nun noch kyrillische. Die kasachische Grenze ist kaum 500 Kilometer entfernt.
Nicht weit jenseits der gläsernen Hochhäuser trotzt ein metallenes Pendel dem Wind, verbunden mit einem mächtigen, silbernen Meridian. Irgendwo dort, zwischen endloser Weite, verschneiten Bergen und riesiger Hoffnung. Unter diesem Pendel ruhe der Mittelpunkt Asiens, heißt es. Willkommen im Reich der Mitte.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote