Unterwegs: Franche-Comté (Archivversion) Doubs und ich

Wo andere auf dem Weg nach Südfrankreich einfach durchbrettern, lässt es sich mit dem Motorrad grandios touren. Beispiel Franche-Comté. Hier entspringt der Fluss Doubs, dessen Kapriolen durchs zerklüftete Jura zu folgen enorm Spaß macht.

Mulhouse, Belfort, Montbéliard. Die BMW surrt über die A 36, Lyon, dann weiter in Richtung Mittelmeer. Schon zigmal bin ich auf dieser Route gen Süden gebügelt. Habe mit einem sehnsüchtigen Seitenblick den Fluss Doubs überquert – und bin weitergefahren. Irgendwann, so nahm ich mir vor, werde ich dieser wilden geschlängelten Wasserstraße mit dem Motorrad folgen. Der Stachel saß so tief, dass ich begann, Informationen über den Doubs zu sammeln. Er ist ein Temperamentsbolzen von Fluss, vollführt unglaubliche Kapriolen und pendelt ständig zwischen Frankreich und der Schweiz hin und her. Was muss da erst auf den Straßen an seinen Ufern los sein? Und nun ist es soweit. Gespannt mache ich mich auf den Weg. Will wissen, wo der Doubs entspringt, dieser stürmische Kurvenmacher und Landschaftsgestalter. Der Süden kann warten.

Während ich über die D 50 und N 57 Richtung Pontarlier kurve, lasse ich Geschichten um den Doubs Revue passieren. Um 1800, so las ich, produzierte man in Pontarlier Absinth. Das nach Wermut, Anis und Fenchel schmeckende Gebräu namens "La Fée Verte” hatte einen Alkoholanteil von bis zu 90 Prozent, wurde wegen zahlreicher Fälle von Wahnsinn 1914 in Frankreich verboten und erst 2001 in abgeschwächter Form wieder erlaubt. Der positive Aspekt dieses Getränks: 1901 kam man durch die "Grüne Fee" einem Mysterium auf die Spur. Aufgrund eines Destillerie-Brands gelangten versehentlich große Mengen Absinth in den Doubs, dessen Wasser in der Karstlandschaft um Pontarlier zum Teil versickert. Als Tage später ein anderer Fluss namens Loue nach Anis roch, wurde klar, dass die beiden Flüsse durch ein mysteriöses unterirdisches Höhlensystem miteinander verbunden sind.

Mysteriös soll auch die Doubs-Quelle sein. Also folge ich der N 57 weiter, passiere die gewaltige Felspforte bei La Cluse-et-Mijoux und das auf knapp 1000 Meter thronende Château de Joux. Dann verlasse ich die Hauptroute und fahre, Malbuisson und den Saint-Point-See passierend, nach Mouthe. Auf fast 1000 Metern Höhe, am Fuß des Mont Risoux, bricht der Doubs als relativ breites Flüsschen aus einer Felspforte hervor, bildet einen kleinen See und stürzt sich dann als wild sprudelnde Kaskade in die Tiefe. Doubs leitet sich vom Lateinischen dubius ab: ungewiss, zweifelhaft, unberechenbar. Auch der Ursprung des Flusses ist geheimnisvoll. Niemand weiß, wo er tatsächlich entspringt. Das Wasser tritt aus einer von Karstgängen verzweigten Unterwelt zutage, die man bislang nur bruchstückhaft erkundet hat.

Ein eisiges Lüftchen weht mir aus dem von Farnen und Moosen umgebenen Felsschlund des Mont Risoux entgegen. Der Doubs, der daraus hervortritt, wird bis zu seiner Luftlinie nur 90 Kilometer entfernten Mündung in die Sâone 430 Kilometer zurücklegen. Er wird mal durch Frankreich, mal durch die Schweiz mäandern und dabei Biegungen, Kehren, Serpentinen, ja sogar Haarnadelkurven in die Karstlandschaft zeichnen. Seinem Vorbild folgend, kurve ich flussabwärts an gut 1500 Meter hohen Jurabergen entlang, die ihre Flanken mit dramatisch dunklen Nadelwäldern bedecken.

Bei Rochejean weist ein Schild zum Mont d’Or, das mich über ein Winzsträßchen in vielen Schlaufen durch die Wälder führt. Eine kleine Abzweigung hier, ein Seitensträßchen dort. Ein Dutzend Briefkästen, die zu einigen abgelegenen Almhütten gehören, am Rand einer Wiese mitten im Nirgendwo. Nebel zieht auf. Ich beginne zu frösteln. Laut Landkarte muss hier irgendwo eine winzige Verbindungsstraße in die Schweiz zu finden sein. Nach dem Abzweig mit der Aufschrift "La petite Echelle” tanzen die Motorradscheinwerfer wie Irrlichter an Almwiesen vorbei. Treffen auf uralte Buchen, die mit ihren knorrigen Ästen nach mir zu greifen scheinen. Dann der Grenzübergang. Und das Schild "Für Kfz geschlossen”. Mist! Ich befinde mich in einer Sackgasse. Also zurück. Die knorrigen Buchen sind jetzt nur noch als Schemen zu erkennen. Als auch die Konturen der Fahrbahn im Nebel verschwinden, stelle ich den Motor ab und lausche dem dumpfen Kuhgebimmel in der Ferne.

Während ich beobachte, wie es allmählich Nacht wird, schält sich ein Schild "ouvert – geöffnet” aus dem Landschaftsbild. Dahinter kommen die Umrisse einer Almhütte zum Vorschein, die mir auf dem Weg zur Grenze gar nicht aufgefallen war. Ich taste mich, über Wurzeln stolpernd, näher an das Gebäude heran. Es herrscht gespenstige Stille. Durchs Fenster sehe ich einen Mann, der bei Kerzenlicht Zeitung liest. Ich klopfe an die Scheibe.

Kurze Zeit später öffnet Norbert Bournez eine knarzende Holztür, beantwortet meine Frage nach Essen und Unterkunft mit einem "bien sûr" – selbstverständlich, und ich trete erleichtert in die kaminbefeuerte Stube. Alte Schneeschuhe und Holzskier hängen an der Wand, es riecht nach Kräutern und frischen Champignons. Während der Wirt ein Schweizer Rösti brutzelt, erzählt er vom Leben auf der Alm, das er seit zwei Jahrzehnten führt. Für den Nachtisch zaubert er gleich noch einen Kuchen aus Holzäpfeln und wilden Birnen aufs Blech – verwertet wird das, was die Umgebung jahres-zeitlich zu bieten hat. Was nicht verkocht wird, wird zu Schnaps gemacht. In riesigen Zubern im Kellerraum unter der Küche gärt und brodelt es.

Für die Übernachtung steht ein Indianertipi oder eine mongolische Jurte zur Wahl. Ich entscheide mich für die mit Decken und Ofen ausgestattete Jurte, denn die soll sich sogar im Winter auf 20 Grad erwärmen. Auf dem Weg dorthin blicke ich in einen Sternenhimmel, so klar und nah, wie man ihn sonst nur in der Sahara sieht. Am nächsten Morgen trifft mein Blick auf den Dent de Vaulion, der drüben in der Schweiz wie ein Riesenzahn aus den Wäldern ragt. Da will ich hin, denn einige Male fließt der Doubs durch reinste Wildnis. Eine Verfolgung ist mangels Straßen zwecklos. So gilt es, andere Ziele in seiner Nähe suchen. Zunächst fahre ich zum Gipfel des Mont d’Or, der seinem Namen ("Berg aus Gold”) bei Sonnenaufgang alle Ehre macht. Die ganze 1500 Meter hohe Gipfelregion ringsum beginnt zu leuchten. Der Nebel zerreißt und gibt den Blick auf schroffe Felsabbrüche frei. In der Ferne setzt sich Berggipfel um Berggipfel dem Sonnenlicht aus, einer davon glänzt nicht gold, wie der, auf dem ich stehe, sondern weiß. Es ist der höchste Berg Europas, der "Weiße Berg": "Mont Blanc”.

Kurze Zeit später passiere ich die französisch-schweizerische Grenze nach Vallorbe und gebe mich in Richtung Dent de Vaulion einer wahrhaften Kurvenorgie hin. Eine Runde um den Lac de Joux muss sein, dann braust die BMW über ein kaum autobreites Sträßchen zum Dent-de-Vaulion-Gipfel empor. Die Fahrbahn zwirbelt sich schier endlos durch die Wälder, zirkelt unübersichtlich um Jurafelsen herum, um endlich auf den Gipfel zu führen. Die atemberaubende Aussicht im 360-Grad-Format ist ein weiteres Highlight, und während ich, umgeben von einer gemütlich mampfenden Ziegenherde, das Bergpanorama genieße, vergesse ich den Lauf der Zeit. Irgendwie seltsam, da doch die Gegend um das Vallée de Joux (Motto: "vivre le temps” – die Zeit leben) weltberühmt für ihre Herstellung von präzisen und teuren Uhren ist.

Völlig der Zeit entrückt scheint auch das Dörfchen Romainmôtier im Tal des Flüsschens Nozon zu sein. Von allzu vielen engen und weiten Kurven regelrecht taumelnd, komme ich über Vaulion gegen Mittag dort an. Brumme in gefühlter Zeitlupe durch die engen Pflastersteingassen zur mittelalterlichen Kirche St. Pierre et St. Paul, wo es altertümliche Fresken und aus Stein gehauene Fabelwesen zu sehen gibt. Ringsum wuchern knorrige Apfelbäume und Brombeerhecken aus verwunschenen Gärten. "Le temps fuit” steht auf der Uhr gegenüber der alten Kirche zu lesen: Die Zeit flieht.

Es ist wirklich schon verdammt spät, als ich bei Pontarlier wieder auf den Doubs treffe und ihm über Montbenoît gen Osten folge. Es geht in sanften Kurven an grünen Bergkuppen vorbei, der Fluss schlängelt sich durch blumenbestandene, sanfte Auen. Plötzlich tauchen schroffe Kalkfelsen auf, durch die sich der Doubs – eben noch ein freundliches Wald- und Wiesenflüsschen – mit unbändiger Kraft gesäbelt haben muss. Ein Schild "Achtung! Kurven auf 7 km” taucht auf, dann schneidet sich der Fluss samt Straße in schier unglaublichen Windungen mitten durchs Juragestein. Die Kalkfelsen wölben sich wie Markisen über die Fahrbahn, und ich fege voll konzentriert durch die unzähligen Kehren. Kaum habe ich mich an das wilde Ambiente gewöhnt, beginnt die "Straße der Uhren” bei Morteau, wo sich dieser dubiose Doubs eine sanfte Auszeit gibt.

Villers-le-Lac heißt die nächste Station, und hier verliere ich den Fluss zwischen unzugänglichen Schluchten. Hinter La Chaux de Fonds schließlich tritt der Doubs als schweizerisch-französischer Grenzfluss wieder zutage. Doch zunächst kurve ich über die D 464 in einer nicht enden wollenden Serpentinenfolge in die Gorges du Doubs hinab. Unten Felswände, Wälder, ein Zollhäuschen und eine mit Anglern belebte Brücke, die mich über den Fluss nach Frankreich führt. Von dort geht es in nahezu spiegelbildlichen Serpentinen wieder aus der Schlucht empor. In Charquemont lasse ich den Motor der BMW ein wenig abkühlen und suche die Landkarte nach weiteren Zugangsmöglichkeiten in die abenteuerlichen Doubs-Schluchten ab.

Der Weg führt mich wieder Richtung Villers-le-Lac, das ich über die traumhaft schöne Route Maîche, Dessoubre-Tal und La Roche du Prêtre mit seinem Aussichtsfelsen erreiche. Am Parkplatz zum "Saut du Doubs” ist für die BMW Endstation, und ich steige den Weg zum Doubs-Wasserfall zu Fuß hinab. Ein Kolkrabe krächzt, ein Bussard segelt mit spitzen Schreien über die dichten Wälder. Ein Kiosk "Au loup solitaire” – zum einsamen Wolf – lädt zur Rast ein auf dem friedlichen Weg. Dann werden sämtliche Geräusche von einem Getöse übertönt, als starteten Hunderte ungedämpfter Harley-Davidson-Motoren zur gleichen Zeit. Es ist das Wasser des Doubs, das von Steilwänden flankiert fast 30 Meter in die Tiefe stürzt.

Das Donnern des Wassers hallt mir noch in den Ohren, als ich über Le Noirmont noch einmal in die Gorges du Doubs hineinsteche, um schließlich nach Goumois zu gelangen. Ein Nest, das – seiner Winzigkeit zum Trotz – aus einem französischen und einem schweizerischen Ortsteil besteht. Stunden vergehen, ohne dass ich auf diesen verschachtelten Wegen wirklich Strecke mache. Ein pittoreskes Dorf hier, ein fantastisches Bergpanorama dort. Dazwischen kaum ein gerades Straßenstück.

In Soubey überquere ich zum wer weiß wievielten Mal den Doubs und kurve nach St. Ursanne. Situiert im "Tal der Uhren – Land der Präzision” verkündet ein Plakat in der Altstadt. Doch die Zeit scheint in dem mittelalterlichen Städtchen stehen geblieben zu sein. Steinerne Doubs-Brücke, platanengesäumte Kirche, Pflastersteingassen, Hinterhöfe, Künstlerateliers, Straßencafé. Menschen, die Individualität ausstrahlen, flanieren am Fluss entlang. Kein Wunder, dass der Doubs gerade hier eine extreme Haarnadelkurve in die Landschaft schreibt. Als hätte er dieses hübsche Städtchen noch besuchen wollen, bevor er in Richtung St. Hippolyte zurück nach Frankreich fließt.

Ich folge dem Fluss erneut über die schweizerisch-französische Grenze und gelange nach Pont-de-Roide. Die Straße wird breiter, das Doubs-Tal weitet sich, kurvig ist es immer noch. Am Abend bin ich in Baume-les-Dames. Im Prinzip ist es mir ergangen wie einst dem absinthgetränkten Doubs bei Pontarlier. Versickert in der malerischen Juralandschaft, Tage später an einer weit entfernten Stelle wieder aufgetaucht. Völlig benommen, aber um ein hochprozentiges Erlebnis reicher.

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