Unterwegs in Nordhessen (Archivversion) Jenseits von Kassel

Das Laub fällt, die letzte Tour im Jahr: einmal noch eine Überdosis Schräglagen, Landschaft aufsaugen und Straßen ehren, die voller Erinnerungen stecken. Eine Reminiszenz an die Hügel zwischen Edersee, Diemelsee und Kassel.

Es sind nicht irgendwelche Straßen, da oben in Nordhessen. Eher prickelnde Aneinanderreihungen von Asphaltmetern. Jeder voller Erinnerungen, jeder eine Perle auf der Kette möglicher Mobilität. Zu Fuß, auf Rollschuhen und dem Fahrrad arbeitete ich früher mit brennender Lunge diese Teer-Verbindungen ab. Entdeckerlust, die es nicht umsonst gab; eine Kollision Klapprad mit Deutz-Traktor bedeuteten zwei Wochen Krankenhaus in Volkmarsen. Jeden Tag kam der Doktor namens Maus ins Zimmer und versprach: „Morgen kommst du raus.“ Er versprach es zwei Wochen lang. Vierzehn Tage Verzicht auf den Genuss der Straßen und Felder im Waldecker Land. Ewig lang im Leben eines Kindes.

Dann das Verlassen des Asphalts, die Arbeit mit den Bauern auf dem Feld. Rüben-Ernte. Das erdige Aroma des Waldecker Bodens hat sich nicht nur durch Stürze in mein Bewusstsein gegraben. Bereits mit sechzehn kreischte der erste Zweitaktmotor unter mir, die Pobacken waren zusammengekniffen, das Herz pochte wild. 17 ungezogene Yamaha-Pferde ließen mich die Schallmauer durchbrechen, es war verboten. 120 auf der kleinen Straße von Külte nach Volkmarsen, am Schluss der 90-Grad-Links-Knick. Früh bremsen war lebenswichtig, nicht feige.

Das schmale Pflasterband war eine Taufe für all die vielen anderen da draußen. Straßen, die mit weniger Kuhfladen lockten, mehr Kurven, Steigungen und Gefälle versprachen. Die das Motorrad aus den Federn hoben, zusammenstauchten, die mich die fast toskanisch anmutende Hügellandschaft und die Wälder besser begreifen ließen. Jetzt konnte ich die Weite des Waldecker Landes in Drehzahlen und Schaltvorgänge gliedern, die zahllosen Rundkurse und meine eigenen Grenzen entdecken.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Immer wieder neu prasseln Endorphine, wenn ich die Kurven von Leckringhausen nach Ippinghausen angehe oder das sensationelle Asphaltgewürm von Vöhl nach Herzhausen, immer wieder entdecke ich auf zahllosen Routen neue Phänomene am Wegesrand, und mit jedem Motorrad fühlen sich die bekannten Kehren anders an. Es ist, als ob sie sich zwischendurch heimlich bewegen. Nordhessen bleibt spannend, und deswegen zieht es mich dort hin, immer wieder.

So auch heute. Die Sonne sendet letzte Strahlen über die Hügel, das Adrenalin der letzten Kurve verebbt, der Wald öffnet sich, und das Vorderrad zeigt direkt in eine Fjordlandschaft. Felsige Steilküsten, ein Hauch von Grand Canyon, wie flüssiges Gold leuchtet der Edersee dazwischen. Das Bild ist besser als die nächste Asphaltschleife, also Bremsen glühen lassen und einen Platz finden, um diese grandiose Seenlandschaft im Stehen aufsaugen zu können.

Die Reize sind vielfältig. Auf den beliebten Uferstraßen tummeln sich auch im Spätherbst noch viele Motorräder. Kratzen kaum noch mit den Rasten, bummeln eher untertourig vor sich hin. Schilder grenzen den Speed ein, was nicht schlimm ist, denn die optischen Eindrücke können durchaus mit dem Schräglagen-Endorphin konkurrieren. Der Wasserstand des Sees ist niedrig, ein Friede liegt über der Szenerie, hier hätte der selige Maler Caspar David Friedrich sofort Staffelei und Farben ausgepackt. Vielleicht taucht sogar das „Atlantis“ von Waldeck aus den Fluten: die Ruinen jener alten Dörfer, die vor knapp 90 Jahren in den angestauten Wassermassen versanken.

Auch ein Modell der Staumauer im Maßstab 1:40 könnte auftauchen. An ihm probten Ingenieure die Wasserableitung während der Bauzeit von 1908 bis 1914. Die Schlote eines alten Hüttenwerkes, in dem seit 1755 Eisenerz verarbeitet wurde, uraltes Kopfsteinpflaster der Dorfstraßen, so könnte plötzlich schlickverhangen die Geschichte des Edertals wieder ans Licht gelangen.

Vom See lösen, den Zweizylinder in frechen Schräglagen die Serpentinen nach Waldeck hochpfeifen lassen, in der Altstadt Zündung ausschalten und in ein Café einfallen, all das fühlt sich an wie eine flüssige, ununterbrochene Bewegung. Ich tauche ein in ein paar Minuten Ziel- und Zeitlosigkeit. Bis mich jemand anspricht. Es ist Paul Neuhaus, ehemaliger Ortsvorsteher, der sich mir als Fremdenführer anbietet und erzählen möchte. Über den alten Stadtbrunnen, das Beinhaus und die Lügenbank. Auch den Bombenangriff auf die Sperrmauer hat er miterlebt. Als die britischen Lancaster-Bomber in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 anflogen, war Paul mit seinem Vater draußen. „Die waren so tief, dass wir die Piloten sehen konnten.“ Drei der speziell für den Talsperren-Angriff erdachten Bomben fielen aus den Schächten. Erst die dritte riss das gewaltige Loch in die Staumauer. Die Waldecker auf ihrem Berg blieben unversehrt. Im Gegensatz zu den Menschen im Tal, über die eine verheerende Flutwelle hereinbrach, die 70 Menschen tötete und unzählige Gebäude zerstörte.

65 Jahre später wabert Nebel über dieselbe Landschaft, ich darf auf dem Weg nach Korbach nicht alle Kurven ausreizen. Korbach ist Hessens einzige Hansestadt, das historische Zentrum atmet 1000 Jahre Geschichte. Im Rock-Café „Kings“ an der Stechbahn geht die Post ab. Publikum aller Alterstufen und Nationalitäten tummelt sich hier, konsumiert Korbacher Gold-Bier und feine Portionen Rock, Blues, Folk, Jazz. Wirt Thomas Schacht steht auf Musik, besitzt Tonträger ohne Ende und organisiert Live-Auftritte. Seine Geschwister, gnadenlos überzeugte Großstädter aus Berlin und Frankfurt, können nicht verstehen, wie Thomas es in der nordhessischen Provinz aushält, doch er fühlt sich wohl hier, und sein Kulturangebot muss sich nicht verstecken. Außerdem sei das Waldecker Land eine gute Alternative zu Australien, wo er sich immer hingeträumt habe. Hat nicht geklappt, aber jetzt hab er rund um Korbach alles, was er brauche. Dabei klingt seine Stimme leicht melancholisch.

Es wird Nacht, leichter Regen spült die Düfte des Altstadt-Bodens in die Nase, es fällt nicht schwer, sich ins tiefste Mittelalter zu beamen. Was war bloß in diesem Gold-Bier? Neben dem „Kings“ liegt das Hotel „Am Rathaus“, ich checke besser ein. Der Wirt nennt sein Haus auch „Gold-Ideen-Hotel“. Er hat sich vom Thema Gold inspirieren lassen und seine Zimmer so eingerichtet, dass sich Gäste durch die Gestaltung und Dekoration immer ein wenig im Glanz des Edelmetalls sonnen können. Das kommt nicht von ungefähr, denn nur wenige Kilometer entfernt von Korbach liegt der mächtige Eisenberg. Tief in seinem Innern sollen für 35 Millionen Euro Goldreserven lagern, deren Abbau aber wohl noch mehr kosten würde.

Leicht benommen vom Goldrausch passiere ich anderntags die Continental Werke in Korbach, wo der Hersteller den Großteil der Motorradreifen produziert, und werfe mich in die Landschaft Richtung Diemelsee. Flechtdorf, Adorf, Heringhausen, Willingen, Usseln, Oberschledorn, Goldhausen, es ist wie Wellenreiten am Sunset-Beach auf Oahu, Hawaii. Das Gleiche gilt für die Südrunde Dorfitter, Immighausen, Rhadern, Dalwigksthal oder die Strecke über Altenlotheim nach Frankenau und Bad Wildungen. Neben eisenreichen Heilquellen ist die Geschichte der Kur-Metropole eng verwoben mit Hexenprozessen und Handwerkszünften.

Ich lasse mich vom Fahrtwind heilen, lege ein Spinnennetz von Strecken über das Waldecker Land und drifte am Rand des Kellerwald Nationalparks entlang. Ein markantes Wechselspiel von Bergen und Schluchten tut sich da auf, einer der größten natürlichen Rotbuchenwälder Westeuropas öffnet sich, hier ist die optimale Mischung zwischen Fahr- und Naturgenuss möglich. Wer weiß schon, dass Zwerg-, Grau- und Trauerfliegenschnäpper, Rotmilane, Schwarzstörche, Waldkäuze, Uhus und Fledermäuse gleich nebenan hausen? Versteckt auf Felsklippen lebt die Pfingstnelke, im klaren Quellwasser windet sich der Alpenstrudelwurm.

Durch die Hügel kringeln sich Sträßchen mit wenig Verkehr, sie machen derart Laune, dass ich drehe und sie noch mal fahre. Ungefähr dreißig Kilometer weiter im Norden gelange ich an den Twistesee, der im Grünen glänzt wie ein norwegischer Mini-Fjord, dann nach Bad Arolsen. Die Stadt ist Geburtsort der Schriftstellerin Christine Brückner und des Bildhauers Christian Rauch, das berühmte Barockschloss ein Genuss für die Sinne.

Genau wie die Straßen im Umland: die von Arolsen über Helsen nach Kohlgrund, die von Korbach nach Oberwaroldern, der Stretch Sachsenhausen, Freienhagen, Ippinghausen oder der Kleinst-Geheimtipp entlang des Wattertals von Neu-Berich nach Landau. All diese und zahlreiche weitere Wege sind exquisite Motorradrouten. Ein wenig Zeit, Offenheit, Umsicht, ein bisschen Toleranz gegenüber Milchkuh-Exkrementen kann genauso wenig schaden wie häufigeres Anhalten der lieblichen Landschaft willen. Dann lernt man auch Leute wie Bauer Lückel kennen, der seinen alten Massey Ferguson-Trecker wartet: „Der Motor ist wie die Erde. Dreht sich immer weiter.“ Schließlich ist das Motorrad-, Fahrrad-, Wander- und Wassersport-Eldorado Waldeck immer noch mehrheitlich Agrarland, auch wenn mir in Dehringhausen ein von Milchpreisen und desinteressierter Jugend frustrierter Landwirt hinterherbrüllt: „Melden Sie nach Berlin, die deutschen Dörfer sind bauernfrei.“

Zwar fahre ich grob die Richtung, doch ich schaffe es nur bis Kassel, gebe mir hier das Technikmuseum und eine Stadtrundfahrt, dann muss ich meiner Sucht frönen. Nein, nicht rauchen, sondern zurück Richtung Edersee. Noch einmal die Straße von Vöhl nach Herzhausen. Nein, zweimal: erst runter, dann wieder hoch. Genial. Es sind eben nicht irgendwelche Straßen, hier in Nordhessen.

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