Unterwegs in Osteuropa (Archivversion) Einmal Ostsee–Ägäis

Abenteuer gibt’s nur in Afrika oder Asien? Von wegen! Ein Trip von Polen via Tschechien, Ungarn, Rumänien und Bulgarien bis nach Griechenland ist nicht weniger spannend.

Patrick und ich haben die polnische Ostseeküste im Visier, halten stur Kurs Nord, seit wir vor einigen Tagen unsere Heimatstadt Innsbruck verlassen haben. Trotz guter Straßen entpuppt sich der letzte Teil unserer Anreise im Westen von Polen als äußerst zähe Angelegenheit: Ständig müssen wir die Triebwerke unserer Enduros bis zum Anschlag quälen, um an den unzähligen stinkenden Lkw vorbeizukommen. Schon klar, dass sich unsere Suzuki DR 650 und DR 500 kaum zum Kilometerfressen eignen, aber deshalb sind wir auch nicht hier. Unser Plan: auf Landstraßen von der Ostsee durch Polen, die Slowakei, Rumänien und Bulgarien bis hinunter an die griechischen Mittelmeerstrände zuckeln.Endlich blitzt zum ersten Mal das Meer durch die Bäume hindurch. Doch wenig später wird unsere Lust auf Sonne, Sand und Wellen praktisch im Keim erstickt: Die Strände von Sopot oder Kolobrzeg stehen in der Badetuchdichte den Mittelmeerstränden von Rimini oder Lorett um nichts nach. Nachts lassen uns die Bässe, die aus den vielen Discos schallen, kaum schlafen.Wir flüchten auf die schmale Halbinsel Hel, entdecken ein kleines Paradies. Direkt am Meer schlagen wir unser Zelt in den Sand-dünen auf. Kein Mensch weit und breit, und während sich unsere Füße im Sand vergraben, taucht die Sonne gerade in die Ostsee ein und zaubert ein orangenrotes Farbspiel an den Horizont. An diesem Abend schmeckt sogar das polnische Dosenbier ausgesprochen gut. Rundum zufrieden legen wir uns schlafen – was sich als ein sehr kurzes Vergnügen erweist. Mitten in der Nacht werden wir unsanft von zwei schwer bewaffneten Soldaten der polnischen Marine geweckt. Wir hätten sofort zu verschwinden, das sei militärisches Sperrgebiet. So schnell haben wir noch nie die Motorräder beladen.Etwas übermüdet landen wir am nächsten Tag in Danzig, nehmen uns Zeit für einen Bummel durch die schmalen Gassen der mittelalterlichen Altstadt, bestaunen die vielen prachtvoll renovierten gotischen Kirchen und Gebäude. Den berühmten Danziger Bernstein gibt es an jeder Ecke in allen erdenklichen Variationen zu kaufen: als Feuerzeug, Briefbeschwerer, Ohrring oder Schlüsselanhänger. Ob es auch einen bernsteinbesetzten Tankdeckel gibt?So attraktiv diese Hansestadt ist – der Gedanke an die Strecke, die noch vor uns liegt, treibt uns weiter. Endlos scheinende Alleen führen durch die Masuren, die Seenplatte im Nordosten des Landes. Wir rauschen durch uralte Buchenwälder und passieren hübsche kleine Dörfer. Dieser Teil Polens gefällt uns so gut, dass wir uns spontan für eine mehrtägige Kanutour entscheiden. Die Suche nach zwei geeigneten Booten entpuppt sich jedoch als beinahe detektivisches Unterfangen. Erst nach drei Tagen finden wir in Suwalki einen Verleih, der uns zwei uralte und nicht sehr Vertrauen erweckende Kanus überlässt, mit denen wir fast 100 Kilometer weit die Elk erkunden wollen. Im oberen Flusslauf schlängelt sich das schmale Gewässer, von vielen idyllischen Seen unterbrochen, durch unberührte, wildromantische Landschaften. Alaska-Feeling kommt auf. Wir zelten in kleinen Buchten und verpflegen uns mit selbst gefangenem Fisch. Bis auf den Muskelkater von der ungewohnten Paddelei fühlen wir uns einfach nur gut. Einzig Moskitos stören dieses Idyll. Das Bild ändert sich drastisch, nachdem die Elk das gleich-namige Städtchen durchflossen hat. Zwei Tage lang rudern wir durch eine dreckige Brühe. Der Eindruck von der berühmten Seenlandschaft der Masuren ist äußerst zwiespaltig. Uns zieht es zurück zu den Motorrädern.Wieder im Sattel der Enduros, schlagen wir nun Südkurs ein. Auf den Transitrouten ist die Verkehrsdichte allerdings enorm und der Straßenzustand teilweise miserabel, weil die schweren Lkw tiefe Spurrinnen in den ohnehin schlechten Belag gegraben haben. Und bei Regen verwandeln sich die schmutzigen Straßen schnell in gefährliche Rutschbahnen. Die Nebenstraßen erweisen sich dagegen als positive Überraschung: kaum Verkehr und ein erstaunlich guter Belag. Selbst für Straßenmotorräder wären diese Strecken problemlos machbar. Wir passieren Warschau und gelangen relativ entspannt in das am Nordrand der Hohen Tatra gelegene Zakopane. Beim Bier sprechen wir lange über einen verwegenen Plan, der schon seit der Abfahrt in Innsbruck durch unsere Köpfe spukt: Warum nicht durch die ukrainischen Karpaten nach Rumänien fahren? Dieser Gedanke gefällt uns immer besser, und tags darauf treiben wir die Enduros nach Przemy´sl kurz vor der ukrainischen Grenze. Leider ist die kurzfristige Beschaffung eines Visums ein Ding der Unmöglichkeit – wir hätten es lange vor Reisebeginn bei der Botschaft beantragen müssen. Also reisen wir in die Slowakei ein. Keine schlechte Alter-native. Gemütlich rauschen wir durch grüne, hügelige Landschaften, passieren Kosice und erreichen nach zwei entspannten Tagen bereits Ungarn. Trotz eindringlicher War-nungen und vieler gut gemeinter Ratschläge, lieber nicht nach Rumänien zu fahren, zieht es uns aus irgendeinem Grund dorthin. Wir fliegen förmlich durch den flachen und recht monotonen Osten Ungarns, bis wir südlich von Debrecen bei Oradea völlig problemlos in das viel geschmähte Rumänien einreisen. Ein wenig nachvollziehen können wir die Skepsis gegenüber diesem Land im Stadtgebiet dieser einstigen Industriemetropole. Die Straßen sind übersät von Schlaglöchern, von den Plattenbauten bröckelt der Putz, und wir werden von den Straßenrändern schon mal misstrauisch beäugt. Dreck und Armut sind allgegenwärtig. Nix wie raus aus dieser Stadt – und nach wenigen Kilometern rollen wir durch eine völlig andere Welt, fühlen uns in die Vergangenheit zurückversetzt. Auf dem Weg durch den gebirgigen Norden des Landes prägen schwer beladene Fuhrwerke, die von Pferden oder Kühen gezogen werden, statt Autos das Bild. Auch hier herrscht Armut, sie präsentiert sich zu unserer Überraschung aber nicht als Elend. Viele der Menschen, die wir treffen, tragen farbenprächtige Trachten, die einfachen Holz-häuser und großen Gärten wirken sehr gepflegt; und wo immer wir halten, werden wir mit einem äußerst freundlichen Lächeln empfangen. Besonders imponierend sind die vielen kleinen Märkte, auf denen wir unseren Proviant auffüllen. Lautes Markt-geschrei und exotische Gerüche hüllen uns ein, während wir uns durch die Menschenmenge drängen. Schafe und Rinder werden neben Kochtöpfen, Fahrradersatzteilen und Unterwäsche feil-geboten. Fantastisch! Unsere Begeisterung für Land und Leute wächst immer mehr. Tags darauf nehmen wir einen jungen Anhalter ein paar Kilometer weit als Sozius mit. Er entpuppt sich als völlig motorradverrückt und lädt uns schließlich zum Abendessen ins Haus seiner Eltern ein. Der Geruch von morschem Holz und Erde dringt in unsere Nasen, als wir in das Wohnzimmer geführt werden – der einzige geheizte und möblierte Raum im Haus. In der Küche gibt es nur eine einfache Feuerstelle sowie wenige, altertümliche Geräte, und unter unseren Stiefeln liegt der nackte Erdboden. Unsere Gastgeber überschlagen sich fast, um für uns ein Essen auf den Tisch zu zaubern, das sie sich selbst wohl nur zu ganz besonderen Anlässen gönnen. Die gebratenen Auberginen, Röstkartoffeln und Lammfleisch sind ein köstliches Mahl. Gerührt von dieser spontanen Herzlichkeit verabschieden wir uns von den netten Leuten, werden uns vermutlich nie für diese Gastfreundschaft revanchieren können. Immer weiter dringen wir in die Karpaten ein, erreichen Baja Mare. Was für ein Gebirge! Und was für Strecken! Bei einem Tagesausflug ohne Gepäck kommt erstmals richtiges Offroad-feeling auf. Wir biegen einfach auf den erstbesten Pfad ab – und sind plötzlich völlig allein in dieser genialen Bergwelt unterwegs. Ein Gefühl von Freiheit, dass die Landschaft nur uns gehört, macht sich breit. Die rassigen Single Trails und kurvigen Schotterstraßen tragen außerdem dazu bei, dass wir den ganzen Tag unser breites Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommen. Doch unser Übermut wird bestraft: Erst ein missglückter Drift, dann eine Bauchlandung – und schließlich der Kupplungshebel ab. Was jetzt? Kurzerhand hängen wir das Kupplungsseil behelfsmäßig am Dekompressionshebel der Suzuki ein und schaffen es so zumindest zurück zu unserem Gepäck. Ich strahle über beide Ohren, als Patrick aus der spärlich gefüllten Ersatzteiltasche tatsächlich einen Kupplungshebel hervorzaubert. Die Fahrt kann weitergehen. Auf dem Weg zum Prislop-Pass entdecken wir etwas abseits der Straße eine kleine Hütte inmitten einer Ansammlung qualmender Holzhaufen – die Arbeitsstätte zweier Köhler, die während des Sommers Holzkohle herstellen. Wir sind neugierig, halten an. Die beiden Arbeiter scheinen genauso interessiert und winken uns heran. Obwohl wir uns nur mit Zeichensprache verständigen können, sitzen wir bis spät in die Nacht mit unseren neuen Freunden bei einem Lagerfeuer, essen, trinken Bier und tauschen Geschichten und Erlebnisse aus zwei Welten aus, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Schließlich verbringen wir die Nacht in ihrer Unterkunft – einem ausrangierten Eisenbahnwaggon. Am Mittag des nächsten Tages passieren wir den 1416 Meter hohen Prislop-Pass, gelangen später in die Region Moldavia, die wegen ihrer vielen Klöster Berühmtheit erlangt hat. Eines davon besuchen wir – das Kloster von Voronet gilt als »Sixtinische Kapelle des Ostens«, so farbenprächtig strahlen die über und über mit Fresken verzierten äußeren Mauern des Gebäudes. Das »Jüngste Gericht« nimmt die komplette West-seite des Klosters ein. Von dort folgen wir einer Hauptstraße in Richtung Süden. Und erleben die andere Seite Rumäniens. Riesige, stillgelegte Fabrikanlagen, schäbige Plattenbausiedlungen und qualmende Schlote sind Relikte der Vergangenheit und das Erbe Ceau¸sescus, der als kommunistischer Diktator das Land in eine katastrophale wirtschaftliche Lage manövrierte.Zwei Tage später gelangen wir quasi auf Draculas Spuren nach Transylvanien. Den Grafen treffen wir zwar nicht persönlich; dafür machen wir Bekanntschaft mit anderen teuflischen Gefährten: den Reifenvampiren. Sechs Platten, die wir uns in Rumänien einfangen, können nur auf deren dunkle Machenschaften zu-rückzuführen sein. Vor allem bei den vielen spontanen Offroad-Abstechern zwingt uns immer wieder der eine oder andere spitze Stein zu ungewollten Pausen. Zum Glück findet sich in jedem Dorf ein »Vulkanizare«, der für wenige Lei die Reifen zusammenflickt. Das Prozedere wird bald zur Routine: Rad ausbauen, aufs andere Motorrad schnallen, einen Vulkanizare suchen, Rad wieder einbauen – mit ein wenig Glück – sind wir nach knapp zwei Stunden wieder fahrtüchtig.Ein Tag Pause in Sibiu, dem früheren Hermannstadt. Wir genießen ein kühles Bier in einem Restaurant am Rand des prächtigen, mittelalterlichen Hauptplatzes. Hier lebte einst der größte Teil der deutschsprachigen Bevölkerung Siebenbürgens. Kein Wunder, dass die Altstadt von Sibiu an die Architektur deutscher Städte erinnert. Erfreulicherweise werden inzwischen wieder viele der teilweise bereits verfallenen, wunderschönen Gebäude restauriert. Um wie geplant an Griechenlands Stränden noch ein wenig zu entspannen, müssen wir uns nun tatsächlich sputen. Den Süden Rumäniens und Bulgarien erleben wir nur aus der Transit-Perspektive, befinden uns zwei Tage später bereits in Thessaloniki. Was für ein Kontrast, als es über die Grenze nach Griechenland geht! Die typischen weiß-blauen Häuser und die warme Meeresbrise signalisieren deutlich, dass wir am eigentlichen Ziel unserer Reise angelangt sind. Aber wir brechen noch einmal in die Berge auf, um uns an die Westküste nach Igoumenitsa durchzuarbeiten. Der Norden Griechenlands erscheint ebenso unberührt wie die Karpaten in Rumänien. Andere Motorradtouristen? Fehlanzeige. Die bummeln vermutlich über den Peloponnes. Schließlich setzen wir auf die Insel Korfu, oder besser: Kerkyra, über. Die Sandstrände und das türkisblaue Wasser im Westen der Insel erinnern uns ein wenig an den – etwas missglückten – Start dieser Reise vor einigen Wochen in Polen. Nur dass wir hier tatsächlich ungestört das Erlebte noch einmal in Ruhe Revue passieren lassen können.

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