Unterwegs in Rumänien (Archivversion) Neue Wahrheiten

Vierzig Jahre, nachdem der Autor mit seinen Eltern auf Einladung des dortigen Schriftstellerverbandes in Rumänien unterwegs war, zog er erneut los. Und fuhr durch ein dramatisch verändertes Land.

Unsere erste Reise spielte in einer anderen Zeit, in einem anderen Land. Zumindest politisch. 1968 war Rumänien geprägt durch einen liberalen Kommunismus, ähnlich wie Tschechien. Was sich aber kurz nach unserer Tour, an die ich mich aufgrund meines zarten Kindesalters kaum mehr erinnere, ändern sollte. Nicolae Ceauşescu, der krimi­nelle Diktator, stürzte das Land in den Abgrund, saugte seine Menschen aus bis aufs Blut. Armut, Repressalien und Enttäuschungen bestimmten den Alltag. Vom Rumänien in den Erzählungen meines Vaters, ein Land voller freundlicher Menschen in Aufbruchstimmung, war beim Untergang des Ceauşescu-Regimes im Dezember 1989 nichts übrig geblieben. Nur dort, wo der Sozialismus kaum hinreichte, weitab der Hauptstadt Bukarest, konnte sich die Bevölkerung ihre traditionelle Lebensweise bewahren.

Fast zwei Jahrzehnte später ist Rumänien noch immer im Umbruch. Vor allem die Jungen wandern in westliche Länder zum Geldverdienen ab, doch die Mitgliedschaft in der EU seit 1. Januar 2007 sorgt nicht nur für neue Konsumtempel, sondern lässt die Menschen auch merken, dass sich Initiativgeist und Arbeit im eigenen Land wieder auszahlen. Eine der Chancen heißt Tourismus. Auch deswegen sind wir hier, Marco, Andrea und ich, aber nicht nur. Uns locken die Spuren der Vergangenheit, das Abenteuer, die Neugier.

Mit dem Autozug waren wir nach Wien gefahren, von dort mit den Motor­rädern zügig durch Ungarn und am westlichsten Zipfel Rumäniens nahe Arad über die Grenze. Formalitäten fallen seit der EU-Mitgliedschaft flach, die Vignette für den allgemeinen Straßenzoll braucht man mit dem Motorrad nicht. Wir folgen der Grenze zu Serbien, um auf die vor 40 Jahren gefahrene Route einzuschwenken. Es soll nach Timişoara gehen, dann über Reşita an den Karpaten entlang ostwärts. „Fast immer teilt sich die Straße gleich bei Ortseintritt in zwei getrennte Fahrbahnen. Dazwischen breite Blumenbeete, Rosenbeete. Jeder Ort hat seine Strada Trandafirilor, seine Straße der Rosen.“ Das hatte mein Vater in seiner Reise-Reportage notiert.


Rosen sehen wir keine, die damals beschriebene Buntheit gibt es nicht mehr. Die Straßen dagegen scheinen unverändert, sind immer noch von Pferdefuhrwerken befahren. Auch junge Leute sind damit unterwegs, über das Handy am Ohr mit dem Heute verbunden. Die Segnungen dieses „Heute“ begegnen einem auf dem Weg von den Dörfern in die Universitätsstadt Timişoara. Erst in Form einer ausufernden Müllkippe, dann entlang der Einfallstraßen mit den üblichen Baumarkt- und Imbissketten. In der Innenstadt indes der Charme aus K.u.K.-Zeiten, abbröckelnd zwar, dafür mit Atmosphäre. Der Siegesplatz mit Blick auf die orthodoxe Kathedrale lohnt einen Abstecher. Ebenso der Schlenker durchs Banater Gebirge.

Zwischen der Industriestadt Reşita und Anina mit der Ruine eines Ölschieferkraftwerks windet sich eine traumhafte Motorradstraße durch die Berglandschaft, die wie eine Mischung aus Apennin und Allgäu wirkt. Nicht weniger reizvoll: die Fortsetzung der Route entlang der Donau. Im Kurort Herkulesbad dann wieder die sichtbaren Folgen jahrzehntelanger Misswirtschaft: Ein Hotelhochhaus ist ebenso dem Verfall preisgegeben wie die Gründerzeitvillen. Weil die Straße am Cerna­Stausee nach einem Erdrutsch unpassierbar ist, bleibt nur die stark befahrene Hauptstraße 6, um nach Caransebeş zu gelangen. Erst die kurvige Piste zwischen Hateg und Hunedoara ist wieder Balsam für unsere Sinne.

„Der Straßenverkehr ist im Vergleich zu westeuropäischen Verhältnissen äußerst erholsam“, hatte mein Vater an anderer Stelle seiner Reportage notiert. Davon kann wirklich keine Rede mehr sein. Die ursprüngliche Idee, der alten Reiseroute zu folgen, haben wir rasch aufgegeben, weil die Hauptstraßen heutzutage wegen des chaotischen Verkehrs elendige Nervereien bedeuten. Die in allen Erhaltungszuständen anzutreffenden, wenig befahrenen Nebenstraßen bereiten in jeglicher Beziehung mehr Spaß. Auf ihnen rollen wir von Sebeş über Sugag auf den knapp 1700 Meter hohen Tartarau. Der ist zwar als Pass kaum wahrnehmbar, die Strecke dafür landschaftlich eine Pracht. Schade, dass der daran anschließende Urdele-Pass gesperrt ist. Waldarbeiter entschädigen uns für die versperrte Weiterfahrt mit einer Einladung zum Essen. Es gibt ein würziges Fleischgericht namens Mititei, gesprochen Mitsch, vom Holzkohlegrill.

Sibiu wollen wir nicht auslassen, also steuern wir die mit Pensionen gut bestückten Hügel südlich von Hermannstadt an, wie Sibiu auf Deutsch heißt. „Sibiu zeigt ein mittelalterliches Stadtbild, durchwirkt von modernen Akzenten.“ Daran hat sich zum Glück nichts geändert, das Zentrum der Hauptstadt Siebenbürgens ist selbst dem Abrisswahn der Ceauşescu-Ära entgangen. Durch die Niederlassung Siebenbürger Sachsen im 12. Jahrhundert ist Deutsch hier allgegenwärtig. Es gibt eine deutsche Wochenzeitung, deutsche Schulen und zweisprachige Straßenschilder.

Noch multikultureller: Sighişoara, auch Schäßburg genannt. Neben rumänisch und deutsch wird hier ungarisch gesprochen. Die weithin sichtbare Burg und der Stundturm als Wahrzeichen sind ebenso sehenswert wie der Rest des alten Zentrums. Pferdegespanne werden am Ortseingang ausgesperrt, Motorräder dürfen passieren.

Pojana Braşov, die zu Kronstadt ge­hörende Sommerfrische auf 1000 Meter Höhe, war schon vor 40 Jahren ein Fremden­verkehrsort mit vielen Hotels. Bis heute sind es noch ein paar mehr geworden. Einen Abstecher über das nahegelegene Schloss Bran können wir uns nicht verkneifen, wohl wissend, dass das brutale Vorbild der Dracula-Romane dort nie gelebt hat. Egal, der Mythos bringt Devisen. Als spannender entpuppt sich die Fahrt nach Buzau. Die Karpatensträßchen sind ein fahrerischer Genuss. Auf dem Weg nach Valenii wird es immer einsamer, die Dörfer wirken ärmer, und in den östlichen Ausläufern erreichen wir die einzigen Schlammvulkane auf dem euro­päischen Festland. Eine faszinierende, vor sich hinblubbernde Mondlandschaft.


Unsere Füße stehen bis über die Knöchel im Wasser, die Ampel an der Kreuzung in Tulcea zeigt Rot. Es gießt, als solle das Donaudelta geflutet werden. Unser Boot für den Ausflug durch das ­größte Schilfgebiet der Erde hat zum Glück ein Dach, ist aber leider zu flott unterwegs. Von der artenreichen Tierwelt bekommen wir wenig mit, dafür sehen wir viel von der Naturlandschaft am Schwarzen Meer.

Als wir uns am nächsten Morgen wieder auf die Motorräder schwingen, ist der Himmel wie blankgeputzt. Mangels Brücken über die Donau geht es mit einer rappelvollen Fähre nach Galati. Entlang der Straße Nummer 26 nach Bârlad herrscht wieder Einsamkeit. Die hügelige Landschaft um Adjud hat eine fast schon unheimliche Weite, kein Mast, keine Leitung stört den Blick. Wir sind allein mit dem Abendlicht, traumhaft schön.

Die Bukowina, ein Gebiet, das auch „die Moldau“ heißt, erreichen wir an einem Sonntag. Dennoch sind die Läden geöffnet, Bauarbeiter aktiv, während Heerscharen von Menschen in Sonntagstracht die Straßen bevölkern. Eine Schotterpiste zweigt zur Bicaz-Schlucht und zum Rosu-See ab. Wir passieren die höchsten Felswände Rumäniens. In den lang gezogenen Dörfern fällt auf, dass es so gut wie keinen Verfall gibt, alles wirkt freundlich und gepflegt. Unfassbare Straßenschäden machen die Fahrt über den Pass Petru Vodaˇ zum Abenteuer, wir sind froh um die langen Federwege unserer Enduros.

„Mittelalter und Moderne wuchern hart nebeneinander, es gibt kaum Übergänge. Wenn wir durch ältere Viertel aus der Vorkriegszeit fahren, sagt unsere Dolmetscherin jedes Mal: Das wird abgerissen, alles wird neu.“ In Piatra Neamt ist das weitgehend geschehen, nur die Gebäude um den zentralen Freiheitsplatz blieben erhalten. Richtung ukrainischer Grenze liegen die für ihre far­benprächtigen Fresken berühmten Moldau-Klöster. Weil die Kirchen für das herbeiströmende Volk zu klein waren, wurden die Bibelmotive auf die Kirchen-Außenseite auf­gebracht. Eine sympathische Gegend. Befremdlich dagegen der Tarnita-Pass: Anders als vergleichbare Strecken dieser Kategorie ist die Straße durchgängig betoniert. Des Rätsels Lösung findet sich auf der Nordseite: ein ausgedehnter Bergwerkkomplex, längst dem Verfall preisgegeben und die perfekte Endzeitkulisse. Was 1968 im Aufbau war, verschandelt nun nur noch die Landschaft.

„Gäbe es nicht Telephondrähte und Fernsehantennen, moderne Traktoren und Maschinen auf den Feldern, man käme sich vor wie auf einer Reise in die Vergangenheit.“ Stimmt. Mittlerweile sind es zwar Satellitenschüsseln, doch auf den Feldern arbeiten Menschen, da für neue Maschinen das Geld fehlt. Ähnlich archaisch mutet die Waldbahn im Wassertal bei Vişeu de Sus an. Ohne die Schmalspurbahn bekommen die Menschen das Holz nicht aus den Bergen. Die Fahrt ist ein echtes Abenteuer: direkt am Fluss entlang, schaukelnd, stampfend und auch mal entgleisend.

Die Maramures im Nordwesten sind die ursprünglichste Gegend Rumäniens, hier hat sich an den kleinen Privatbetrieben nie etwas geändert; den Leuten ist es egal, wer in Bukarest nichts für sie tut. Das Sträßchen von Vişeu de Jos nach Bogdan Voda ermöglicht einen schönen Abschiedsblick über die Landschaft, und an der Grenze hinter Satu Mare wünscht uns ein Schild „Drum Bun“ – guten Weg.

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