Unterwegs: Jura, Vercors, Westalpen (Archivversion) Mut zur Lücke

Wer im Frühjahr durchs Jura und auf die ersten Alpenpässe will, braucht Mut zur Wetterlücke. Und Lust auf allerkleinste Wegenetze. Denn es müssen nicht immer die fetten Brocken sein, um großes Motorradkino zu erleben.

"Das ist Schengen! Wir sind jetzt in Europa!" Der Alte entblößt lachend zwei nikotinbraune Zahnreihen und haut auf den Tisch, dass die Tassen tanzen. "Selbst wir in diesem kleinen Schweizer Eck gehören nun dazu!" Einen Regenschauer unter den Platanen von St. Ursanne aussitzend, radebrechen Gerhard und ich in löchrigem Deutsch-Französisch mit dem Herrn über das Juragebirge im Allgemeinen und den kleinen Grenzverkehr zwischen nordwestlicher Schweiz und östlichem Frankreich im Besonderen. In dem seit Kurzem die Schlagbäume dauerhaft geöffnet bleiben. Ein grün bemoostes Zollschild in Winkel, eine vergessene Tafel in la Motte, "Übergang zwischen 20.00 und 6.00 Uhr verboten", doch in Wahrheit sind die formalen Barrieren inzwischen Geschichte.

Aus der Bar "Cigone" reicht man zwei Kaffee, während wir über den Karten grübeln. Und einer geschätzten Million Möglichkeiten, durchs Jura zu kommen. Grob dem Verlauf der Täler und Flüsse zu folgen und dabei Pi mal Daumen auf Südwestkurs zu bleiben scheint die beste Idee. Als der Himmel aufklart, legen wir los. Und tauchen ein in ganze Kaskaden aus Grün, durch die sich die D 437 C in kunstvollen Verschlingungen über hügelige Bergwiesen und durch nahezu reinrassigen Regenwald windet. Zwischen efeuumrankten, dick bemoosten Bäumen, hellen Kalkfelsen und Flüssen aller Wasserkaliber. Aufgrund exponierter, voralpiner Westlage ist das Jura ganzjähriger Garant für maximale Regensicherheit. Es bildet die erste große Hürde für die vom Atlantik anrollenden Wolken. Vorsichtig walzt die mächtige Honda über Geröll und schlüpfrig-feuchten Asphalt, will piano, piano gebremst und beschleunigt werden. Sobald der Motor schweigt, werden zahllose Vogelstimmen und das Gluckern von Quellen, Bächen und kleinen Kaskaden hörbar. Am Doubs sammeln sich bereits die ersten Angler, in den Vereinsschaukästen die Bilder der letzten Achtpfünder, die sie hier aus dem Fluss gezogen haben.

Noch ein rostiger, hochgeklappter Schlagbaum, und wir sind wieder in Frankreich. Sogleich scheint alles ein wenig maroder und unaufgeräumter, der Fahrstil der wenigen Verkehrsteilnehmer deutlich tollkühner. Immer wieder touchieren wir die üppigen Schleifen des Doubs und seiner Schwester Dessoubre. Mal breit und klar wie Glas mit leuchtenden Flusskieseln unter alten Steinbogenbrücken, mal temperamentvoll eng zwischen Felsen und tiefgrünen Gumpen. Sie sind die Essenz des Jura.

In St. Hippolyte erste französische Insignien: markisenbeschirmte Bars mit Tischen und Stühlen vor der Tür, drinnen die summende Espressomaschine und die Männer beim Pastis, nebenan Journaux/Tabac und "Nice Martin"-Schilder, gegenüber die unverzichtbare PMU-Bar mit dem ewig dudelnden TV unter der Decke. Erste Adresse für jeden Sportfan. Hohe, graue Steinhäuser mit Klappläden in verwaschenem Grün, Braun oder Blau. Endlich Frankreich live statt nur A 36 Mulhouse-Belford–Besançon.
Hinter Morteau spielt der Doubs noch mal ganz großes Kino, gurgelt durch ein tief ausgehöhltes, helles Felsenbett, die kleine Landstraße dicht an seiner Schulter. Jenseits der mächtigen Stadttore von Pontarlier zwirbeln wir in die Hochtäler nördlich von Mouthe. Versuchen uns auf immer kleineren, selbst in der Karte kaum mehr erkennbaren Verbindungswegen. Verstricken uns zusehends zwischen Bauernhöfen, Hofhunden und neugierigen Kuhherden, nur um irgendwann auf einem wüsten Forstweg zu enden. Landschaftlich zwar hervorragend, doch weder legal noch mit der fetten CB 1300 wirklich empfehlenswert. Mühsam bugsieren wir den 258-Kilo-Brocken zurück in halbwegs befahrbares Terrain, versuchen ernüchtert, identifizierbare Straßen und Orte zu finden.

Gottlob ist irgendwann mit der D 69 wieder ein Areal klarer Wege und Wei-sungen erreicht, und wir geben Gas, um die vertrödelte Zeit wett und Strecke zu machen. Über Morez geht’s in schnellen Zügen Richtung St. Claude. Toll ausgebaut sticht die D 69 durch die Höhen des Jura und stürzt sich schließlich in herrlichen Kehren hinab in die kleine Stadt. Leider nimmt der Schönheitsfaktor mit jedem Meter rapide ab. St. Claude entpuppt sich als abtörnend industrieorientiert, das einzig passable Hotel als belegt. Bleibt nur noch "La Poste" zwischen Parkplatz, Bahnhof und Döner-Bude. 55 Euro ohne Frühstück, aber mit Stragula, Staubflusen und zwielichtigen Zimmernachbarn. Egal, wir sind todmüde.

Ein letztes Picknick an einer hübschen Wegkreuzung, dann sind es noch 4,1 Kilometer bis zum "Le Colombier". Keine Ahnung, wer oder was das ist, aber es steht auf dem Wegweiser an der Picknickbank, und die Michelin-Karte zeigt eine drohend rotweiße Schraffierung an der Stelle. Scheint sich um was Ernsteres zu handeln. Die schmale Straße minimiert sich noch einmal und schlingt dann ihre Serpentinen entschlossen wie mit dem Lasso um die vorspringenden Feldklötze. Langsam wird klar, was es mit dem Colombier auf sich hat: eine fast uneinnehmbare, gut 1500 Meter hohe Felsbarriere, die einsam zwischen Rhônetal und den auslaufenden Jurahügeln aufragt. In senkrecht gestapelten Minimalkehren nimmt die D 120 das Hindernis.

Gott sei Dank kommt niemand entgegen, denn selbst die top ausbalancierte Honda braucht nun Fingerspitzengefühl und echten Nachdruck, um pannenfrei durch die Nadelöhre zu treffen. Ein Fehler, und wir stecken im nicht vorhandenen Kiesbett. Doch souverän wie ein Arbeitselefant grollt sie hinan, bis die Aussicht ohnehin so phänomenal wird, dass kurzfristig niemand mehr ans Fahren denkt: Bis zum südlichen Horizont schimmern tief unten im Gegenlicht das Rhônetal und der Lac du Bourget.

Erst ganz unten an der Rhônebrücke setzt die D 120 den Schlussakkord ihres furiosen Spektakels. Mit glühenden Muskeln und Kühlrippen fängt uns der Lac de Bourget auf, geleitet sanft am Ufer nach Chambéry. Hinter dem sich schon bald die Welten verkehren. Was vorher in luftigen Höhen spielte, gibt sich nun quasi als Kellertheater. Jenseits von Chambéry verästelt sich ein Schluchtensystem, das fast bis Grenoble reicht. Der Jurakalk prägt auch hier noch das Spiel der Elemente. Und wurde in Millionen Jahren so nachhaltig von Wasserkräften beharkt, dass auf den kleinen Landsträßchen streckenweise kaum mehr der Himmel sichtbar wird. Tief und nachdrücklich graben hier Fluss und Straße zwischen Felstürmen, -nadeln und -domen.

Frühere Unwetter haben bereits Spuren hinterlassen und die Hauptstrecke durchs Vercors unter einem Erdrutsch begraben. Über die winzige D 31 fädeln wir uns quasi durch die Hintertür ein. Auch nicht viel besser, ihr Asphalt ist samt Leitplanke schon zur Hälfte ins Tal gesegelt. Eng an den Berg gedrängt geht es prasselnd über eine rutschige Schicht aus Geröll und Tannennadeln, bis die D 103 wieder sichere Fahrzustände erreicht. Und dann sind wir drin. Unvermittelt bauen sich die hellen Felsen plötzlich über und unter uns auf, die Straße klebt gerade noch wie ein winziger Steg am glatten Stein, zwängt sich durch Tunnels, über Felsvorsprünge oder unter Überhängen auf ihrem Weg entlang einer senkrechten, Hunderte von Metern hohen Felswand. Es ist atemberaubend. Tief unten tobt die Bourne, Verursacherin des ganzen Szenarios. Die offenbar über Jahrmillionen derartigen Schaffensdrang entwickelte, dass sie in dem weichen, erodierten Kalkgestein zusammen mit dem abzweigenden Combe Laval ein Schluchtensystem schuf, das den prominenten Vertretern an Verdon und Ardèche kaum nachsteht. Kletterseile spannen sich über die kahlen Wände, Dohlen und Falken segeln vor den Felsen, und das Dröhnen des Vierzylinders mischt sich sonor mit dem Brodeln aus der Tiefe.

Über ein letztes nadeldünnes, nun wirklich kaum mehr jugendfreies Bergsträßchen hangeln wir uns durch die gerade noch regenfreien Gorges du Nan hinab ins Isère-Tal und nach Grenoble. Dann heißt es Jackenkragen zuziehen und ran an den Berg. Die Romanche kommt in ungezügelten Wogen nur einen halben Meter unter der D 1091 angeschossen, die Fluten schwarz vor Stein und Geröll, Baumstämme wie Spielzeug auf den Schaumkämmen wirbelnd. Nicht gerade vertrauenerweckend. Inzwischen setzt auch hier der Regen ein. Wir geben Gas, wollen einfach nur weg, 2058 Höhenmeter am Col du Lautaret und schon im Tal maximal fünf Grad sind eine klare Ansage. Alpe d’Huez, Les Deux Alpes: prominente Wintersportorte und die ersten Viertausender. Ein paar Meter weiter, und der Lautaret ist erreicht. Schneepflüge kommen vom Galibier herab, hinter ihnen schließen sich die Schranken, die Berghänge rundum leuchten weiß. Wir sind am höchsten Punkt der Reise, Briançon liegt tief unter uns im Tal. Jetzt nur mehr über ein paar halblebige Sättel, dann sind wir schon in Italien, ermutigen wir uns selbst. Letztes Aufwärmen an dampfenden Kaffeetassen, noch einmal der Wetterbericht. Bald wird es schneien. Unser tapferes kleines Schönwetterfenster scheint ziemlich verschwunden. Viel Zeit bleibt uns nicht, bevor es auch in Italien losgeht. Also Gas und runter. Mut zur letzten Lücke. In fünf Stunden sind wir am Gotthard.

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