Unterwegs Kalifornien (Archivversion) Gelobtes Land

Auf dem Motorrad kann man ­den Goldenen Westen hautnah spüren und verstehen, warum in Kalifornien die sexuelle Revolution ausgerufen und das Internet erfunden wurde. Hier gibt es nicht nur Superlative und Hollywood, sondern Weite, Wüste, Wälder, das Meer und den besten Rotwein westlich von Bordeaux. Ein Roadmovie.

Flimmernde Hitze, ein staubiges Wüstenkaff an der Route 66. Mit nickender Front stoppt der schwarzweiße Streifenwagen. »Where do you want to go?« Spiegelnde Sonnenbrille, goldener Stern an der Brust, so grinst der Sheriff aus seinem staatlich verordneten Straßenkreuzer. Wir wollen, erläutern Kathi und ich, in Barstow, California, Flüssigkeit und Kalorien konsumieren.
Fünf Minuten später knistert der luftgekühlte Boxer kurz vor dem Hitzekollaps vor einem mexikanischen Imbiss. Die Besatzung, zermürbt von stundenlanger Fahrt durch die Mojave-Wüste, kühlt im Innern des Ladens schnell ab.
Hand an der Dienstwaffe, austrainiert wie Schwarzenegger in seinen besten Zeiten, schlendert der Deputy herein. »Letztlich ist alles, was in Kalifornien passiert, eine Folge des Goldrausches von 1848. Und es passiert so einiges. Jeden verdammten Tag«, erklärt er. Ein dritter Officer tritt in die arktische Klima-Kälte. Sein Bauch verrät, dass er Bier und Burger dem Fitness-Center vorzieht.
Das haben auch wir immer wieder getan, seit wir im »Golden State« angekommen sind. Kaum rollte die BMW in Los Angeles vom Vermieter-Hof, kämpften wir gegen die kulinarischen Verlockungen der 140 Nationen, die in der »Stadt der Engel« heimisch sind. Wobei Menschen aus Lateinamerika eindeutig dominieren – in ein paar Jahren wird in Los Angeles wohl wieder mehrheitlich Spanisch gesprochen werden, ganz wie zu Zeiten der Unterwerfung der amerikanischen Westküste durch die goldgierigen Spanier.
Es gibt wenig Dienstleistungsjobs in Kalifornien, die nicht von Mexikanern verrichtet werden. Auch die Bedienung des Moto­radtreffs an der genialen Straße durch die San Gabriel Mountains, die wir einen Tag vorher auf dem Weg über Victorville nach Barstow mit brisanten Kurvengeschwindigkeiten durchquert hatten, kam aus dem Land der Azteken.
In der Eishölle von Barstows klimatisiertem Mexikaner-Imbiss überbieten sich die drei Cops mit immer neuen Tipps für Sightseeing-Touren rund um ihre Stadt, doch wir müssen in größeren Maßstäben denken. Wollen noch heute ins Death Valley, gerne auch über Schotter- und Sandpisten.
Auf der Suche nach einer asphaltlosen Abkürzung vom Highway 15 zur 127 nach Shoshone konsultieren wir das GPS. Muss wohl auch unter der Hitze leiden und zeigt wirre Buchstaben: »Zzyzx«. Wir trauen unseren Augen nicht, als wenig später exakt diese Buchstabenkombination auf einem grünen Schild zu lesen ist. Der Ort Zzyzx wurde von einem Hoch­stapler gegründet, der hier mitten in der Wüste illegal als Arzt, Priester und Hotelier agierte. Nachdem der Betrüger eingebuchtet war, machte die California State University Zzyzx zum Sitz ihres Wüstenforschungszentrums. Immerhin.

Daran, dass die Mojave eine echte Wüste ist, besteht kein Zweifel. Eine unendlich karge, orange-beigefarbene Weite, begrenzt durch bizarre Hügelketten. Dazwischen dann und wann schnurgerade Pisten und, wie dekorative Punkte, die Joshua Trees. »Der Name des Joshua-Baumes geht auf mormonische Siedler zurück, die in seinen Ästen die zum Himmel erhobenen Arme des Propheten Joshua sahen«, erklärt der Reiseführer. Joshua muss viele Arme gehabt und nicht immer gerade gestanden haben, jedenfalls säumen eine Menge Propheten unseren Weg. Dann stehen noch morsche Holzpfosten in der Endlosigkeit, an denen Stromleitungen hängen. Wie kann eine hochtechnisierte Supermacht ihre transkontinentale Stromversorgung verrottenden Baumstämmen anvertrauen?
Wir wecken Klapperschlangen auf der glühenden Piste, die bald eine trügerische Sanddecke trägt. Immer weicher wird der Untergrund, immer stärker schlingert das Vorschiff der Adventure. Hitze und schlechte Spritqualität setzen dem Boxer zu, er entlässt ungute Geräusche aus seinem geschundenen Herzen. Was aber kann man tun, wenn man noch vor Einbruch der Dunkelheit in Shoshone sein will? Nichts als weiterfahren. Also wuchten wir das dicke Eisen nach Norden.
Shoshone ist klein: Tankstelle, Motel und Bar, mehr ist in dem Ort nicht zu finden, der nach einem berühmten Indianerstamm benannt wurde. Eine Mini-Oase am Rande des Death Valley. Wüstengras rollt in kleinen Büscheln über die Straße, die Zeit ist stehengeblieben. Wir gehen rüber in die Crow Bar, wo schon ein illustres Völkchen diniert.
Der amerikanische Realist Edward Hopper hätte die Szene nicht besser malen können: An der Decke rühren zwei große Ventilatoren im Dunst, in der Ecke steht ein Klavier. Falls der Strom ausfällt und der Plattenspieler nicht mehr die Hits von George Strait spielen kann. Ein Billardtisch und zwei schweigende Biker an der langen Theke setzen den einen Akzent, die alterslose, geheimnisvolle Dame mit riesigem Strohhut am ­Ecktisch den anderen. »See ya next year« sagt der Wirt, bevor die Crow Bar in der Nacht versinkt.
Wer das Death Valley befährt, sollte in den frühen Morgenstunden aufbrechen. Wir verschlafen, die Crow Bar kann uns kein Frühstück bereiten, weil sie geschlossen ist. »Next Services 72 Miles« steht auf dem Schild am Abzweig der verschwen­derisch mit Bitumen gestreiften Straße, die ins Death Valley ­abzweigt. Also bleibt nur Shoshones Tankstelle, wo wir die Adventure mit Benzin und uns mit Wasservorräten nebst den ­teuersten Cookies ganz Kaliforniens versorgen. Wie Kaviar lassen wir die krümeligen Dinger auf unseren Zungen zergehen.
Auch die Straße durch das Tal des Todes wird wie eine ­kostbare Delikatesse goutiert. Ockerfarbene Berge steigen als bizarre Skulpturen in den Himmel, das poröse Asphaltband windet sich tiefer und tiefer in das Tal, bevor der erste Salzsee auftaucht. Das Brummen des Boxers verstummt. Es ist totenstill und höllisch heiß. Aufregend knirscht das Salz unter den Motorradstiefeln, wir scheuchen einen Wüstenhasen und einen um sein Jagdglück gebrachten Kojoten auf.

Tapfer kämpfen wir uns bis zum tiefsten Punkt des Todestals und des ganzen amerikanischen Kontinents: Badwater liegt 86 Meter unter dem Meeresspiegel. Auf der einen Seite verblüffende Felsformationen, auf der anderen ein endloser Salzsee. Kochende Hitze lastet über der Szenerie. Die genaue Temperatur in Grad Celsius sollten wir erst erfahren, nachdem wir die Kleinode des Death Valley wie Artist’s Palette, Dante’s View, Devil’s Golf Course, Furnace Creek und die Sanddünen von Mesquite bestaunt und dabei alle Wasser-Vorräte aufgebraucht haben.
In Stovepipe Wells gibt es Wasser und eine Testcrew von Mercedes, die S-Klasse-Prototypen durch das Todestal quält. Glatte 52 Grad habe er gemessen, erklärt ein Ingenieur. Wir waren mit der Adventure mittendrin und haben es klaglos überstanden. Alle drei. Das konnte man anno 1849 von den Pionieren nicht behaupten, die auf ihrem Treck nach Westen diese Hitzehölle durchquert hatten und dabei fast gestorben wären. Sie waren es, die dem Tal seinen Namen gaben.
Glutrotes Abendlicht begleitet unsere beglückende Kurvenorgie über den Towne Pass, eine einsame Tankstelle in Panamint Springs taugt als Flüssigkeitslieferant für Besatzung und Bike, der Tankwart leidet unter massiver Einsamkeit und will ganz viel reden. Wir wollen lieber durch grandiose Landschaften bis Lone Pine.
Touristen bevölkern die Straßen, der überfüllte Ort steht im Zeichen von Trekking und Bergsteigerei. Die nahen 4000er vom Schlage eines Mount Whitney, die Nationalparks Kings Canyon und Yosemite können von hier aus erobert werden. ­In einer Herberge, die von einer indischen Familie geführt wird, kriegen wir erst dann ein Zimmer, als wir der Chefin schwören, dass es sich hier um unsere Hochzeitsreise handelt.
In Bishop begegnen uns pinkfarbene Cadillacs und Gold Wing pilotierende Hausfrauen, in Lake Crowley ein Gesamtkunstwerk aus Mensch und Maschine: Doc ist Vietnam-Veteran, fährt eine Harley und sieht gefährlich aus. Er liebe Flammen, gibt er zu. Auf seinem wuchtigen Leib züngeln farbig gestochene Flammenmotive. Der Shovelhead-V2 blinkt in der Sonne, Flammen lodern auf Tank, Rahmen, Rädern und Docs Lederjacke. Ein Lebenskünstler. Für uns ausgeflippt und verrückt, für Kalifornien normal. Um hier aufzufallen, muss man sich schon mehr Mühe geben als überall sonst in der Welt einschließlich New York oder Köln im Karnevalfieber. Doch alles ist ­relativ, denn Doc wiederum hält uns für komplett irre. Im Hochsommer mit dem Motorrad durch das Death Valley? »Crazy, man, absolutely crazy. That’s what it is.«
Verrückt sind auch die Verhältnisse am extrem salzhaltigen Mono Lake, dem »Toten Meer« Kaliforniens. Hier fällt die Ostflanke der Sierra Nevada in das wüstenhafte, große Becken, das sich bis nach Utah erstreckt. Ein staubtrockener Trog mit felsigen Bergrücken, ausgetrockneten Seen, Salzsümpfen und Straßen, die nirgends beginnen und im Nirgendwo enden. Der 700000 Jahre alte Mono Lake dehnt sich in einem Ozean blass­grüner, nach Wermut duftender Beifußbüsche aus. Weil die Stadt Los Angeles vor 60 Jahren dem See Wasser abzapfte, sank der Wasserspiegel, wodurch die Versalzung stark zunahm. Am Ufer stehen bis zu zehn Meter hohe, bizarre Kalkgebilde. Zu Kathis Entsetzen entpuppen sich die schwarzgeschminkten Rän­der des blauen Sees als Millionenheer widerwärtiger Fliegen.
Wir fliehen über eine Schotterpiste in einen Sündenpfuhl am Ende der Welt: Die Geisterstadt Bodie war im Jahre 1880 die Boomtown des Westens. 10000 Einwohner, zahllose Bars, Bordelle und Spielhöllen, hier regierte das Laster. Um 1860 herum hatten durchreisende Mormonen den Boden dieser gottverlassenen Gegend aufgerissen und Gold gefunden.

Die Nachwelt wandelt durch die Überbleibsel aus Holz und rostigem Eisen, wagt Blicke in die Häuser: gedeckte Tische, von wilden Nächten zerwühlte Bettlaken, Chaos auf Schreibtischen. Als seien die Bewohner gerade erst geflüchtet. Jetzt zeugt die Stadt authentisch vom Goldgräber-Hype.
War Bodie mit seiner an Katastrophen reichen Geschichte ein Stück Hölle auf Erden, so ist der Yosemite National Park ein Paradies. Nadelwälder, Wildblumenwiesen und immer wieder riesige Monolithen aus glatt poliertem Granit, ein Traum für Felskletterer und Naturliebhaber. Wer mit Motorradstiefeln die kleineren Geschwister von »Half Dome« oder »El Capitan« besteigt, riskiert Blasen, die er nicht vergisst. Genausowenig wie die grandiosen Panoramen, die sich auf der kurvenreichen Straße durch den Nationalpark alle paar Meilen eröffnen.
Über Mariposa und Keystone brummt die BMW mit uns durch eine Bilderbuchlandschaft. Kurven jagen Kurven, Wohnmobile werden düpiert, dann gelangen wir ins Central Valley, wo sich eine gigantische Agro-Industrie entwickelt hat, die nur noch durch aufwendigste Bewässerung, massiven Maschineneinsatz und tausende Tonnen Pestizide aufrecht erhalten werden kann. Die Luft ist stickig.
Kühler wird es erst im Küstengebirge um den Altamont-Pass. Hunderte weißer Windrotoren wirken auf den bronze­farbenen Bergen wie moderne Landschaftskunst. Das stimmt ein auf San Francisco, wo Kunst nicht nur hinter den Mauern von Museen, sondern als Open-Air-Galerie in aller Öffent­lichkeit stattfindet. Drei Tage genießen wir die frischwindige Metropole samt Golden Gate, Fisherman’s Wharf und dem Stadtteil Haight Ashbury. Hier hatte sich die Flower-Power-Generation in den wilden Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts mit Gewaltfreiheit, Sex, fernöstlichen Philosophien und Drogen ihr Refugium geschaffen. Es macht Spaß, mit Motorrad und Cable Car die steilen Straßen abzusurfen. Unheimlich dagegen unser morbides Downtown-Domizil: Ein riesiges Hotel, allein für uns eine halbe Etage zum Budget-Preis, einsame Flure und keine weiteren Menschen außer dem unergründlich lächelnden, Tag und Nacht anwesenden Portier. Chinesische Mafia, ganz bestimmt.
Sicher ist auch, dass die berühmteste Küstenstraße der Welt, der Highway Number One, zu den ultimativen Motorradfahrer-Träumen zählt. Wie auf einer Achterbahn geht es die wilde Pazifik-Küste rauf und runter. Wer Glück hat, bekommt bei San Simeon am Strand Einblick in den Alltag einer See-Elefantenherde und weit draußen Wale zu sehen. Kathi entdeckt See-Anemonen, die dreimal so groß sind wie die bisher größten in ihrem Leben und murmelt was von Mutationen und frühen Atom-Tests in den Weiten des Westens ...

In denen entdecken wir abseits der Küste das James Dean Memorial. Hier verabschiedete sich der berühmte Wilde samt seinem Porsche von dieser Welt. Auch wir sagen jeglicher Zivilisation »goodbye« und tauchen ein in endlose Weiten gelben Farmlands, gesprenkelt von schwarzen Angus-Rindern. Inmitten absoluter Einsamkeit gelangen wir auf kleinsten Backroads an einen der mächtigsten Brüche in der Erdkruste: die San-Andreas-Spalte, wo sich pazifische und kontinentale Platte reiben. Völlige Stille hier, doch irgendwann wird es krachen ...
Zunächst brennt es, und zwar richtig. Die undurchdringlichen Wälder zwischen Santa Barbara und dem Tejon-Pass stehen in Flammen, ein Gebiet größer als das Saarland. Seit zwei Monaten kämpft die Feuerwehr, braunrot der Himmel, feiner Ascheregen auf dem Motorrad. Bei McKittrick sind wir im Zentrum der kalifornischen Ölfelder. Skurrile Bohrtürme und schwarze Rinnsale verstärken die apokalyptische Stimmung, abgerissene Gestalten hängen am McKittrik-Hotel und im Store herum. Wollt ihr billigen Sprit kaufen? Nein, wir wollen den Schleim nicht, diesen Raffinerie-Bodensatz. Verrostete Autos, heruntergekommene Baracken. Ein anderes Gesicht Kaliforniens. Im Ort Taft haben die Menschen seit sechs Wochen keine Sonne mehr gesehen. Es riecht verbrannt.
Feuerwalzen im Süden. Kein Durchkommen dort, wir müssen nach Osten durch den Kern River Canyon. Weiter auf kleinsten Straßen durch den Red Rock Canyon State Park und die Tehachapi Mountains nach Mojave, was uns noch einmal besonders intensive Natur-Erlebnisse beschert. Kilometerlange Eisenbahnzüge der Union Pacific, fünf Loks an der Spitze, quälen sich durch die Berge und atmen aus in Mojave, wo man auf einem riesigen Flugplatz alte Boeings frisch macht. Der nach der Wüste benannte Ort ist auch Mekka der Truckdriver. Bei ihnen spülen wir den Staub mit einem kalten Drink herunter, lassen der Sonne ihren grandiosen Abendauftritt und beobachten den Aufgang der ersten Sterne. Erst die echten Himmels­-körper, dann das gezackte Blech an der Brust eines Sheriffs.

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