Unterwegs mit einem Speedway-Team (Archivversion) Für 60 sekunden nach Russland

Beim Eisspeedway dauert ein Rennen eine Minute. Genug Zeit für alles entscheidende Kämpfe. Einblicke in das Leben eines deutschen Profis, der für den Sport auf Spikes niemals rastet.

Kurz vor der russischen Grenze sackt das Thermometer auf minus vier Grad, Schneeflocken tanzen im Scheinwerferlicht, ein eisiger Ostwind weht. Die Crew an Bord des Lieferwagens kämpft gegen die Müdigkeit. Sie hat eine Mission: zwei Eisspeedway-Motorräder zu ihrem Renn-Einsatz tief im Herzen Russlands zu transportieren. Pünktlich und ohne Schäden.

Um genau 20 Uhr passieren die Männer die Grenze. Es ist die 26. Stunde einer Tour, die von Traunstein über Moskau bis in die 3400 Kilometer entfernte autonome russische Republik Mordowien führen soll. Das Thermometer fällt weiter, im Februar kein Wunder. Hinten, im Laderaum des Mercedes Sprinter, zwei tschechische Jawas, 25000 Euro teuer. Ersatzmotoren, Werkzeug, Ersatzteile und Fahrerlager-Ausrüstung sind ebenfalls an Bord.

Unmöglich, die hochgetunten Rennmaschinen anders nach Russland zu bringen. Die Reifen sind mit Hunderten von 28 Millimeter langen Spikes bestückt, und die Bikes leisten sich nicht den Luxus einer Bremsanlage. Sie gehören Günther Bauer, Deutschlands derzeit erfolgreichstem Rennfahrer auf Eis, und müssen rechtzeitig an den Start geschoben werden. Zunächst in Moskau, dann in Saransk in der besagten Republik Mordowien. Es geht um die Finalläufe der Eisspeedway-Mannschafts- und Einzel-Weltmeisterschaft. Es geht ums Ganze. Die Mission der Sprinter-Besatzung verlangt Motorrad-Leidenschaft und Durchhaltevermögen.

Günther Bauer ist Amateur, betreibt seinen Sport aber hochprofessionell. Er kommt aus Zeitgründen direkt aus München nach Moskau geflogen, während sein Team die Russland-Reise auf vier Rädern absolviert. Die beiden Mechaniker Manfred (Mandy) und Michael, der nach zahllosen Russland-Trips Mischka gerufen wird, wechseln sich alle drei bis vier Stunden am Lenkrad des Transporters ab. Außerdem dabei: Wolfgang »Mozi«, Chef-Logistiker, zuständig für Papiere, Route, Bares und Proviant.

Dienstagabend ist der Sprinter in Traunstein gestartet, für Donnerstagmorgen die Ankunft der kostbaren Fracht in Moskau vorgesehen. Pausen sind nicht eingeplant. Der Mechaniker, der gerade nicht fährt, erholt sich im Schlafsack auf der Rückbank.

Statt in einer geraden Linie über Berlin und Warschau nach Minsk in Weißrussland zu steuern, nimmt das Team die weniger gefährliche große »Nordtangente« durch die baltischen Länder bis nach Russland. An der Grenze trifft man Schicksalsgenossen: Tony Klatovsky, ein WM-Teilnehmer aus Tschechien, und Josef Kreuzberger, Eisspeedway-Junkie aus Österreich, warten auf die Abfertigung. Ähnlich wie Schausteller tingeln die Teams von Rennen zu Rennen, heimatlose Idealisten allesamt, die hauptsächlich für ihren Sport leben.

Obwohl der Computer abgestürzt ist und daher offiziell keine Abfertigung erfolgen kann, haben die Milizionäre ein Einsehen und fertigen die Rennteams per Sichtkontrolle ab. Um 22.30 Uhr übernimmt Mischka wieder das Steuer. Noch 610 Kilometer bis Moskau, und das auf schneebedeckten Straßen, auf denen der Transporter im Schritttempo um die bis zu einem halben Meter tiefen Schlaglöcher herum manövriert werden muss.

Endlich, pünktlich um 9.15 Uhr, berühren die Reifen den Asphalt des Moskauer Autobahnrings. Der Straßenverkehr in der postsozialistischen Hauptstadt hat bedenkliche Ausmaße angenommen. Genau wie die Bautätigkeit. Auch im Winter werden entlang des Rings überdimensionale Gebäude hochgezogen. Einkaufszentren, Hotels, Business-Center. Alles, womit man die neu gewonnenen Gas- und Petro-Rubel vermehren kann. Auf den Straßen begegnen einem mehr Maybach, Mercedes und Porsche Cayenne als Wolga und Lada. Das übermüdete Bauer-Team bezieht Quartier im »Yacht Club Avantgard«, der an einem zugefrorenen Ausläufer der Moskwa liegt und von Bodyguards bewacht wird. Der Freund eines Freundes hat ihnen die Unterkunft besorgt. Zeit zum Ausschlafen bleibt nicht.

In Krasnogorsk, einer Vorstadt von Moskau, findet im Zorky-Stadion die Eisspeedway-Team-Weltmeisterschaft statt. Es gibt ein beheiztes Fahrerlager in einer Wellblechhalle. Hier trifft man Kolja, einen 23-jährigen Russen der »neuen Generation«. Kolja heißt Nikolai Krasnikow, kommt aus dem baschkirischen Ufa und war schon dreimal Eisspeedway-Weltmeister. Kolja ist die Messlatte in dieser Sportart und ein Freund von Günther. Beide fahren im Beru-Team. Das erleichtert der deutschen Truppe die zwei Wochen Russlandaufenthalt ungemein, öffnet überall Türen, sorgt für rührende Gastfreundschaft.

Das Thermometer sinkt auf minus 14 Grad. Bei weitem kein Rekord. Günther ist schon bei minus 35 Grad WM-Läufe gefahren. Die Regeln sind hart: Aus der Wärme der Halle geht es raus in die klirrende Kälte des offenen Stadions. Ein Lauf dauert 60 Sekunden, dann ist alles vorbei. Fahrer und Maschine müssen schnellstmöglich zurück in die beheizte Halle.

Nach Rennende am Sonntag bricht große Hektik im Fahrerlager aus: Hastig verladen Mandy und Mischka Günthers Ausrüstung in den Transporter, noch am Abend geht es weiter nach Saransk. Die Stadt liegt 700 Kilometer östlich von Moskau Richtung Samara. Dort wird am nächsten Wochenende der erste Eisspeedway-Grand-Prix der Saison gefahren. Wieder ist also eine Nachtfahrt angesagt, und diesmal sitzt Günther selbst am Steuer. Auf halbem Weg stoppt der Sprinter in Umjok, einem Nest aus Bretterbuden entlang der Hauptstraße. Auf fünf Kilometer Länge reiht sich eine hölzerne Schaschlik-Station an die nächste. Ludmilla, Inhaberin des »Café Rallye«, bereitet auf dem Grill vor der Bude bei minus 16 Grad das leckerste Schaschlik zu, das die Crew je gegessen hat. Auf der Weiterfahrt sinkt das Thermometer im Minutentakt. Jede Pinkelpause am Straßenrand wird zur Mutprobe. Günther schützt den Sprinter-Kühler mit Pappe. Um 3.00 Uhr nachts passieren die Deutschen die Stadtgrenze des wie ausgestorben daliegenden Saransk – das Ziel ihres 3400-Kilometer-Trips ist erreicht. Die autonome Republik Mordowien, zu der Saransk gehört, hat sich hervorragend mit Moskau arrangiert. Im Eisstadion Svetotechnika wird auf den riesigen Flutlichtmasten Werbung für Putins Regierungspartei gemacht, und auch während des Rennens erinnert der Stadionssprecher die 6000 Zuschauer noch einmal daran, bei welcher Partei Mordowiens Zukunft einzig liegen kann.

Um die Bevölkerung bei Laune zu halten, veranstaltet Mordowiens Staatsoberhaupt Merkuschkin schon am Mittwoch das Rennen um den »Präsidentencup«, ein »Einladungsrennen« mit freiem Eintritt, bei dem der Sieger einen nagelneuen Lada gewinnt. 6000 Mordowiner nehmen trotz minus 8 Grad und Schneefall die Einladung an. Der Sieger heißt Kolja. Er gewinnt bereits den vierten Lada. Drei Tage später wiederholt sich das Spektakel mit den zwei offiziellen Grand-Prix-Rennen für bezahlbare 200 Rubel (fünf Euro) Eintritts-gebühr. Vor dem Rennen werden uralte Traditionen zelebriert: Schöne Damen in Landestracht überreichen den Fahrern und Offiziellen mordowinisches Brot mit Salz, das jeder Teilnehmer zum Zeichen der Gastfreundschaft probieren darf. Danach ist es mit der Gastfreundschaft vorbei: Die russischen Spike-Piloten belegen sieben der acht Plätze, die ins Finale kommen. Der Sieger heißt an beiden Tagen – wie sollte es auch anders sein – Kolja. Günther schafft es in beiden Rennen trotz etlicher technischer Probleme und eines heftigen Sturzes jeweils auf Rang zehn. Kaum eine Stunde nach der Siegerehrung am Sonntag beginnt fürs Bauer-Team die 3400 Kilometer lange Heimreise. Die Mission der Eisspeedway-Nomaden ist nie zu Ende, denn »nach dem Rennen ist vor dem Rennen«.

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