Unterwegs mit Haddaway (Archivversion) Angeschmiert

Ein Unterwegs-Porträt über Haddaway - daß der Sänger dabei Opfer für die versteckte Kamera wurde, konnte er nicht wissen.

Stell dir vor, die Sonne scheint, du sitzt auf deinem Motorrad und fährst übers Land. Ein tolles Gefühl. Doch: Nach einer kurzen Pause springt dein Bike nicht mehr an, plötzlich ein lauter Knall, schließlich dichter, weißer Qualm, der überall aus dem Motorblock dringt. Du hast Angst, daß dein Bike abbrennt, und niemand weit und breit, der dir jetzt helfen könnte. Kein tolles Gefühl. Plötzlich eine Rocker-Gang, die mit ihren aufgemotzten Harleys neben dir hält und kommentarlos hinter dem Tor des Hofes verschwindet, vor dessen Einfahrt dein rauchendes Motorrad steht. Nur eine der Sozias kümmert sich um dich, aber ihre dummen Sprüche helfen dir jetzt auch nicht weiter. Plötzlich wieder die Biker. Vor deinen Augen zerlegen sie in wenigen Sekunden ein Motorrad, das vor dem Haus gegenüber parkt, und verschwinden mit den Einzelteilen wieder hinter dem Tor ihres Hofes. Diebstahl am hellichten Tage, du traust deinen Augen kaum. Dann tauchen die Kerle nochmals auf, bieten dir an, sich um dein Bike zu kümmern und nehmen es einfach mit, um es angeblich zu reparieren - Du mußt jedoch vor dem Tor warten, weil nur Mitglieder ihrer Gang auf den Hof dürfen. Jetzt ist alles vorbei, dein Motorrad siehst du nie wieder. Dann schieben die Typen dir eine Harley vor die Füße und - du glaubst es kaum - bieten sie dir zum Tausch an, bis dein Bike wieder läuft. Eigentlich ein guter Deal, aber du hast die Hosen gestrichen voll. Nee, mit diesen wild aussehenden Burschen willst du nichts zu tun haben. Auf einmal erscheint die Polizei. Ruckzuck verschwinden die Rocker wieder hinter dem Tor. Du bist erleichtert - doch der strenge Uniformierte interessiert sich nicht für deine Geschichte. Er will nur die Papiere für die Harley sehen, die immer noch neben dir steht. Die hast du nicht. Woher auch? Aber es kommt noch schlimmer: Die Harley gilt als gestohlen, jetzt sitzt du ganz schön in der Klemme. Dann kommt noch der Kerl aus dem Nachbarhaus und behauptet, daß du sein Motorrad zerlegt hast, weil er am Straßenrand neben der Harley einen der Seitendeckel seines Mopeds entdeckt. Und immer noch glaubt dir der Polizist nicht die Geschichte von der diebischen Motorrad-Gang. Ein schlechter Traum - oder ganz einfach ein gutes Drehbuch für eine Fernsehsendung, die mit versteckten Kameras prominente Opfer hinters Licht führt. Unfreiwilliger Hauptdarsteller genau dieser war der Sänger Haddaway, der vor drei Jahren mit dem Hit »What is love« die Charts eroberte. Ahnungslos folgte er den beiden Typen, die sich um zehn Uhr am Treffpunkt in Köln als Redakteur und Fotograf der Zeitschrift MOTORRAD ausgaben und ein Porträt über ihn machen wollten, auf verwinkelten Landstraßen bis in die kleine Ortschaft Lüghausen. Dort schnappte die Falle zu, die ihm Frank Elstner und sein Team aus der RTL-Sendung »April, April« gestellt hatten. Schließlich konnte der Sänger nicht wissen, daß die angeblichen MOTORRAD-Mitarbeiter noch nie einen Fuß in das Stuttgarter Redaktionshaus gesetzt haben - der eine ist ein Kölner Schauspieler, der andere Fotograf von RTL. Er wußte auch nicht, daß die Yamaha Vmax, die er sich für die Ausfahrt mit dem Redakteur und Fotografen von MOTORRAD gewünscht hatte, vorher mit einem ferngesteuerten Zündunterbrecher und einer effektvollen Rauchbombe präpariert worden war oder daß über 20 Personen bereits seit vier Uhr morgens auf den Beinen waren, um den kleinen Hof in wenigen Stunden in ein Fernsehstudio zu verwandeln: Kistenweise wurden im Scheinwerferlicht von zwei Transportern Kameras, Bildschirme, Mikrofone und Requisiten entladen und aufgebaut, viele Meter Kabel verlegt, Requisiten aufgestellt. Ein immenser Aufwand für gerade einmal fünf Minuten, die später im Fernsehen zu sehen sein werden.Gegen neun Uhr dann die erste Probe für die Technik, die nicht nur während der Aufnahmen reibungslos funktionieren, sondern wenn Haddaway gegen elf Uhr ahnungslos am Drehort erscheinen wird, auch absolut unsichtbar sein muß. Für die Film-Crew das größte Problem, denn wenn das Opfer etwas merkt, sind wochenlange Vorbereitungen und die Dreharbeiten umsonst gewesen. Aus diesem Grund gilt die größte Aufmerksamkeit den Standpunkten der sieben versteckten Kameras, die später das Geschehen auf der Straße vor dem Hof aus verschiedenen Winkeln aufnehmen sollen: Zwei stehen hinter den kleinen Fenstern, die mit einer dunklen Folie überklebt sind, in der Toratrappe zum Hof, eine befindet sich unter einem Reifenstapel auf einem Feld gegenüber, zwei weitere werden nebenan im Führerhaus eines Traktoren versteckt, an dessen Scheiben ebenfalls eine von außen undurchschaubare Folie klebt. Die beiden letzten bekommen ihren Platz im ersten Stock des Nachbarhauses und im Vorgarten. Gesteuert werden die Kameras von der Regie, die mit Mischpult, Tontechnik, Aufnahmegeräten und acht großen Bildschirmen in eine Scheune gezogen ist. Gegen halb zehn erscheint Frank Elstner am Drehort. Der Moderator der Sendung erkundigt sich nach dem Stand der Dinge und läßt sich in der Maske für seinen späteren Auftritt zurecht machen. Seine Aufgabe wird es sein, den eingeschüchterten Haddaway am Ende der Episode mit Sekt und Blumen aus den Händen der Rocker und des strengen Polizisten zu befreien.Kurz darauf zerreißt der Klang von acht Harleys die morgendliche Ruhe. Die wild aussehenden Biker vom Eastside Chapter aus Köln waren sofort bereit, bei diesem Streich mitzuspielen und Haddaway an der Nase herumzuführen. Jetzt erfahren sie, was sich der Sender für diese Episode ausgedacht hat, und werden mit den weiteren Statisten, die als Polizist, Rockerbraut und empörter Nachbar auftreten sollen, in ihre Rollen eingewiesen. Eine Stunde bleibt noch zum Proben. Dreimal wird die gesamte Episode durchgespielt, bis auch die letzte Szene sitzt, dann verordnet die Regie absolute Ruhe, weil Haddaway jeden Moment erscheinen kann. Gespannt verschwinden alle Beteiligten vom Produzenten bis zum Kabelträger vor den Monitoren in der Regie oder einem großen Bildschirm in einem Geräteschuppen, um das zu verfolgen, was gleich auf der Straße vor dem Hof geschehen wird.Dann taucht Haddaway zusammen mit den beiden vermeintlichen MOTORRAD-Mitarbeitern auf. Der Sänger parkt die Yamaha direkt vor dem Tor zum Hof - und vor den beiden Kameras, die dahinter versteckt sind. Die beiden Journalisten machen sich sofort wieder auf den Weg, Haddaway soll ihnen in fünf Minuten folgen, damit der Fotograf an einer verabredeten Stelle Fahraufnahmen schießen kann. So weit, so gut. In der Zwischenzeit schließt ein Techniker per Funk die Zündanlage der Vmax kurz und wartet auf das Zeichen der Regie, um ebenfalls per Funk die unter dem Tank versteckte Rauchbombe zu zünden. Dann geht alles rasend schnell. Haddaway versucht die Yamaha zu starten, das Zeichen für den Techniker, eine kleine Explosion, viel Rauch und Qualm, ein erschreckter Haddaway, der wie von einer Tarantel gestochen vom Bike springt. Großaufnahne, Haddaways Augen sprechen Bände: Panik - und leises, schadenfrohes Lachen vor den Bildschirmen. Die Szene sitzt.Kurz darauf der Auftritt der Rocker. Eiskalt servieren sie den verdutzten Sänger ab, zerlegen sekundenschnell das Motorrad vor dem Nachbarhaus, schieben die Yamaha in den Hof und überlassen dem völlig überraschten Haddaway eine ihrer Harleys. Dann der Polizist. Der Bursche macht seine Sache wirklich gut, Haddaway bekommt langsam Angst, Schweißperlen laufen über seine Stirn, mehrmals beteuert er seine Unschuld - und ahnt noch immer nicht, welches Spiel hier mit ihm getrieben wird. Die Regie ist zufrieden, denn besser hätte es nicht laufen können, aus und vorbei. Das Zeichen, um den armen Haddaway zu erlösen, der mit seinen Nerven sichtlich am Ende ist. April, April.

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