Unterwegs mit Margret Amelang––––– (Archivversion) Maggies Traum–––––

Ein Autounfall änderte Margret Amelangs Leben vor sechs Jahren von Grund auf. Ausgerechnet ein altes Rallye-Gespann bringt nun fast verloren geglaubte Freiheiten zurück.

Als ich in der braven Heidelberger Einfamilienhaussiedlung das windschiefe Africa Twin-Gespann mit einer verblichenen Startnummer der ´93er Pharaonenrallye entdecke, weiß ich, daß ich richtig bin. Es paßt nicht hierher, zwischen die Astras und Corsas unter den Pergolen. Genausowenig wie die junge Frau mit den abgeschnittenen Jeans in diesen Rollstuhl. Zumindest nicht in meine Vorstellung von einer Querschnittgelähmten. Margret Amelang beginnt noch vor der Begrüßung mit den Vorurteilen aufzuräumen. Vor fünf Jahren saß die damals 25jährige nebendran, als ihr Freund sein Auto mit 120 Km/h an einen Chausseebaum knallte. Margret konnte nur noch mit der Rettungschere aus dem Wrack geborgen werden. Zwei Halswirbel sowie die Nerven für die unteren Extremitäten waren unrettbar verloren, die Steuerung der Arme hochgradig geschädigt. Nie mehr gehen, vermutlich kaum mal mehr schreiben, war die Mitteilung im Krankenhaus. Nichts war im Leben der angehenden Juristin, Sportlerin und XT 600 Ténéré-Pilotin von diesem Tag an mehr dasselbe. Nichts. Nach dem furchtbaren ersten halben Jahr des Schocks - »ich muß entsetzlich drauf gewesen sein« - setzte sie als erstes den von schlechtem Gewissen gemarterten und überfürsorglichen Freund vor die Tür und begann dann ihr Leben neu zu organisieren. »Es beginnt im Kopf«, erklärt sie, während sie sich vom Rollstuhl geschickt hinauf in den Beifahrersitz des Gespanns zieht, »du darfst nicht überlegen, was nun alles NICHT mehr geht, sondern was NOCH IMMER!« Ein junger Mann mit Igelfrisur kommt mit Helmen und Jacken aus der Haustür, hilft Margret bei den letzten Handgriffen und rangiert das Gespann auf die Straße. Sebastian, 32, KTM-Fahrer, Schrauber, orthopädischer Mechaniker und Lebensgefährte in Personalunion ist eine der Neuordnungen in Maggies Leben. Für ihn, beruflich zum Teil mit Schwerstbehinderten arbeitend, ist sie »ein vergleichsweise leichter Fall. Sie kann ja fast alles selbst«. Er hängt noch den Rolli in das selbstgebaute Gestell vorne am Boot, und los geht´s über Leimen und Nußloch gen Süden aus der Stadt hinaus. Sieht das Gespann im Stand schon ziemlich windschief aus, erweckt es fahrend den Eindruck, als falle es gleich zur Straßenmitte hin um. Die langen Cross-Federwege offenbaren die gespanntypische Asymetrie besonders deutlich. Vielleicht hatte es in seinem Rallye-Vorleben aber auch mal den einen oder anderen Überschlag. Egal, Margret sitzt grinsend in einem umfunktionierten alten Sportwagen-Schalensitz auf der offenen Plattform im Wind, vor sich den zusammengeklappten Rollstuhl, hinter sich in einer Box all die Utensilien, die das Dasein in einem ungeschützten Cross-Beiwagen erträglich machen: Wärmflaschen, Heizwesten, Regenüberzieher. Denn Margret hat in den gelähmten Körperteilen durchaus Empfindungen - auch für Nässe, Kälte und Holperpisten. Doch ausgerechnte dieses luftige Ding sollte der Schlüssel zur Welt für sie werden. In den ersten Kurven wird zum Teil klar, warum. Margret »turnt« nämlich. Mit überraschender Beweglichkeit und unter Zuhilfenahme des offenen Rohrchassis hilft sie per Oberkörperverlagerung routiniert mit, das windige Vehikel in der Bahn zu halten. Wie im Paarlauf treiben sie und Sebastian das Dreirad durchs Neckartal und hinauf in den Odenwald. Weit lehnt Margret in Rechtskurven überm Seitenwagenrad, in Linkskehren überm Soziussitz. Fast so schön wie selbstfahren sei das. 1993 entdeckten die beiden das Gespann auf einer Messe als Austellungsstück des glücklosen Rallye-Fahrers Peter Balle. Noch in der Halle schwatzten sie es ihm ab. Das oder keines. Zum einen ließen sich an der »offenen« Konstruktion alle nötigen Behindertenumbauten relativ problemlos montieren, zum andern vermittelt es »schon optisch das nötige Gefühl von Abenteuer«, wie Magret verlegen lächelnd bei einer Fotopause zugibt. Bereits in der ersten Saison fuhren sie damit nach Griechenland. Keine Kaffeefahrt, wie es scheint. »Allein die engen Treppen auf der Fähre oder die Holpergassen in den Orten mit dem Rolli zu bewältigen war eine Tortour. Für beide«, meint sie mit einer mitfühlenden Geste zu Sebastian hin. Trotzdem ging es im nächsten Jahr sogar nach Mexiko, das Gespann per Lufttransport natürlich mit dabei. Das Reisefieber hatte sie gepackt. Mit beredten Gesten schwärmt sie von den Pisten auf der Baja California, wo sie sich im Sand festgefahren hatten und nur mit Hilfe von ein paar zufällig vorbeikommenden Mexikanern wieder freikamen. Ihr Gesicht sprüht vor Leben, wenn sie davon erzählt, der mexikanische Silberschmuck an Hals und Händen blitzt hell in der Sonne auf. »Oft«, erinnert sie sich, »hatten wir richtig Schiß, daß wir´s nicht packen. Dann tranken wir morgens schon einen Schnaps, um uns überhaupt auf den Weg zu wagen.« Aber genial sei´s gewesen, unglaublich intensiv. Sie lacht verschämt, wie erschrocken über die eigene Verwegenheit. Sebastian grinst entspannt. »Es ist toll, diese Dinge gemeinsam zu erleben. Es verbindet enorm.« Der Fotograf gibt okay, wir rauchen eine letzte Zigarette und rüsten zum Aufbruch.Anfangs hieß es, Margret werde wenig mehr als im Rollstuhl dahindämmern können, so wenig war an Restmobilität verblieben. Inzwischen hat sie 70 Prozent ihrer Armkräfte zurücktrainiert, spielt in einer Rolli-Rugby-Mannschaft, fährt ein Spezialfahrrad mit Armkurbeln und schmeißt daheim fast den ganzen Haushalt. »Ich habe mich einfach nicht damit abfinden wollen, sondern das maximale aus den verbliebenen Beweglichkeit herausholen wollen«. Nur der Gerichtssaal ist momentan beruflich nicht mehr im Gespräch, »dazu fehlt mir im Rollstuhl buchstäblich das Standing«. Statt dessen berät sie nun in einer Beratungsstelle andere Behinderte in juristischen Fragen.Knatternd und von lautem Lachen begleitet nähert sich ein Roller. Zwei unbeschwert herumalbernde Teenies mit umgehängten Badetaschen sausen an an uns verbei. Ob sie nicht manchmal Angst habe, etwas zu verpassen? Nein, eigentlich nicht, lautet die verblüffende Antwort. »Ich habe intensiv gelebt, alles ausgekostet, deswegen fehlt mir jetzt nichts.« Irgendwie glaubt man es ihr. Bis ans Ende der Welt hatten ihre Eltern sie früher geschleppt, in einem gräßlichen, umgebauten Campingbus. Damals hätte es genervt - heute sei sie dankbar für jeden Moment. Wenn´s nicht auf große Tour ging, dann nahm der motorradbegeisterte Vater sie nach Hockenheim, wo die kleine Maggie schnell begriff, was Rennfieber ist. Sie erinnert sich an Wayne Rainey und seinen Unfall 1993, Querschnittlähmung, wie bei ihr. Ein Schock sei das gewesen. Sie hatte das verhängnisvolle Rennen von Misano im Fernsehen gesehen. »Meine Güte, ausgerechnet der, den ich mehr bewundert habe als alle anderen. Ich habe ihm geschrieben, aber er hat natürlich nicht geantwortet.« Ein kleines Lächeln huscht über ihr Gesicht, bevor sie den Helm überstülpt und Sebastian das Gespann auf die Straße zurückschiebt. Wir fahren noch ein Stück durch den Odenwald und dann in langen Zügen wieder hinab in die Wärme der Rheinebene. Kurz vor Schriesheim zweigen wir noch mal ab zur Ladenburg. Eine herrliche Burgruine, wo ein kleines Restaurant hoch auf den Felsen einen herrlichen Blick auf die Rheinebene bietet und die Gelgenheit für einen letzten Kaffee. Wir parken vor der großen Steinpforte, und Sebastian hilft der nun doch deutlich erschöpften Freundin vorsichtig mit einem Griff unter die Achseln in den Rollstuhl. Ihr rechtes Bein zittert heftig in einem unkontrollierten Reflex. »Die Motorradfahrer können´s halt nicht lassen«, tönt es plötzlich schneidend hinter uns. Ein älterer Herr, der die Szene betrachtet. Als sich niemand um ihn kümmert, legt er noch mal nach: »Das ist doch von einem Motorradunfall?« Margrets Bein zappelt immer noch, sie versucht mühsam, Streß und Reflex zu kontrollieren. »Oder?« Der Alte ist hartnäckig. Mir liegt inzwischen einiges auf der Zunge, aber ich halte vorsichtshalber den Mund. Das ist Margrets Ding. Nein, wirft ihm die Angesprochene schließlich mit angestrengter Gelassenheit hin, sei es nicht. Bevor die unvermeidliche nächste Frage kommen kann, entfliehen wir hinter die Burgmauern. »Die sind die schlimmste Strafe«, meint sie mit plötzlich müder Resignation. Die Glotzer, die Altklugen und die Mitleidigen, die so tun, als habe man nicht nur was am Bein, sondern auch am Kopf. »Manchmal, wenn sie mich echt damit nerven, daß diese Gespannfahrerei ja wohl ziemlich gefährlich sei, sage ich, daß es noch viel schlimmer eigentlich nicht mehr kommen könne. Dann ist meistens Ruhe.« Sie lacht amüsiert auf, als sie das sagt.

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