Unterwegs: Niederländische Deiche (Archivversion) Deiche Hollandaise

Kurvenreiche Motorradsträßchen im pfannkuchenplatten Holland, gar noch in luftiger Höhe? Aber sicher! Auf den Deichen von Rhein, Waal und Lek zwischen Emmerich und Rotterdam. Echt lecker.

Rolf und ich treffen uns wie zuletzt vor 20 Jahren früh morgens um neun Uhr bei Klingel-Willy, damals in Kleve eine der ersten Freien Tanken. Wo der Sprit zwar günstig, die Oktanzahl aber ein Lotteriespiel war. Nun, seitdem ist viel Wasser den Rhein runtergeflossen. Der Kollege aus gemeinsamen Guzzi-Le-Mans-Zeiten fährt inzwischen GSX-R 1000 K3. Bevor wir uns festquasseln, fix die Schlüssel getauscht. Somit hat der frisch gebackene Ducatisto fortan Gelegenheit, mit der Multistrada 1100 S aktueller italienischer Zweizylinderware auf den Zahn zu fühlen. Was ungefähr an der dritten roten Ampel zu einem frotzeligen „Mit dem Getriebe kannste Bilder aufhängen, so hakig ist das“ führt.

Wo wir eigentlich hinwollen? An die Nordsee, immer begleitet von Väterchen Rhein und seinen Fluten, die sich bei Rotterdam mit dem Meer vermischen. Die von Deichen gesäumt sind, auf denen es sich überraschend geschmeidig durch und über die Lande kurven lässt.

Kleve, Schwanenburg, Rindern (Josef Beuys‘ Kinderstube), die Düffelt, Kühe schwarzbunt, sechster Gang – Deutschland verschwindet im Rückspiegel. In Millingen aan de Rijn geht’s mit Holland los. Das alte Grenzhäuschen liegt im Dornröschenschlaf, Urlaubsstimmung ab dem ersten Meter. Heineken statt Diebels, in den Vorgärten schmückende Anker statt Loren wie im Ruhrpott. Ein Tipp: In der „Cafeteria De Smulpaap“ (geöffnet ab 12 Uhr) gibt es Ras-Fritten, eine Spezialität aus Kartoffel-teig, die aussieht wie Spaghettieis. Stundenlang könnte man sich über all die auffälligen Kleinigkeiten unterhalten. Oder einfach rechts abbiegen zur Ablegestelle der Fußgängerfähre nach Lobith, hochfahren auf den Deich.

Schwupp, schon stoßen wir vor in eine ganz eigene Welt. Das blasse Blau des Himmels geht, bloß durch einen schmalen grünen Strich getrennt, in das des Wassers über. Grenzenlose Weite. Auf dem Strom, nur so als Beispiel, ein Paddler mit Sonnenhütchen und ein Container-Schiff von Yang Ming, einer Reederei aus Taiwan. Auf der anderen Seite der sich durchs Gras der Deichböschungen aalenden Straße eine bescheidene Kirche neben einer Handvoll Häuser. So was kann Liebe auf den ersten Blick sein. Und der letzte auf unseren guten alten Rhein. Der gabelt sich nämlich gleich hinter Millingen in den schmalen Pannerdens Kanaal und die Waal, die ungefähr zwei Drittel der Wassermenge – nebst der meisten Schiffe – zur Nordsee transportiert. Der Waal folgen wir nun als doppeltes Flottchen.

Drei Dinge sind dabei zu beachten. Erstens Fietsers, die einheimischen Rad-fahrer; sie lieben geselliges Nebeneinan-derfahren über alles, stehen quasi unter Naturschutz und dürfen im Interesse friedlicher Koexistenz niemals zur Seite gehupt werden. Zweitens Drempels, kleine, ge-meine Sprungschanzen auf der Straße; sie sollen verkehrsberuhigend wirken und schon manche Bandscheibe geknackt haben. Drittens führen zwar alle Deiche nach Rotterdam, nur wird dabei der motorisierte Verkehr manchmal um- oder abgeleitet, beispiesweise in Keekerdom. Am Ortseingang des 600-Seelen-Nests rechtsrum, über rotes Ziegelsteinpflaster zum Duffeltdijk und der Dorfkirche, die, einzigartig in Holland, vor dem Deich steht und damit bei Hochwasser auch schon mal zur Arche Noah wird.

Wohl mindestens einen Flugzeugträger bräuchte man für die 200000 sibirischen Wildgänse, die zum Überwintern an den Niederrhein kommen und sich hier für die Rückreise einen Fettvorrat anfuttern. Ganzjährig die Augen von Naturliebhabern zum Leuchten bringen Biber, Stelzenläufer sowie Lachmöwenkolonien rund um den Baggersee Kaliwaal, an dem eine Schautafel über Flora und Fauna informiert. Natürlich nur, wenn man das Motorrad, auf dem kurvigen Geläuf ganz in seinem Element, mal zum Stehen bringt. Was angesichts des Fahrspaßes nicht eben leicht fällt.
Etwa einen halben Kilometer nach dem See rechts ab in den Erlecomsedam, eine B-Straße für maximal zwei Meter breite Fahrzeuge. Geradezu verschwenderisch der Raum, den der Fluss hier in seinem Überschwemmungsgebiet hat. Er dankt es nicht nur mit fruchtbaren Weiden, sondern auch mit lehmigem Rohstoff für Ziegelsteine, die in den vielen „Backsteenfabrieken“ der Region gebrannt werden. Die holländische Sprache ist doch immer für Übersetzungs-übungen gut. Leider ist sie damals dem Großen Latinum geopfert worden, so dass es heute bestenfalls für so etwas wie das zur Vorsicht mahnende Verkehrsschild „Vaart minderen, spaart kinderen“ reicht.Seit der Grenze bei Millingen erst zwölf Kilometer auf der Uhr, und schon Kuchenpause? Unbedingt. Im bezaubernden „Huiskamercafé Oortjeshekken“ an der Bisonbaai. Die Versuchung, dort bei Appelgebak und weiteren Leckereien den Tag beim Verstreichen zu beobachten, vorsorglich schon für die Nacht nach einer „Kamer met uitzicht op de rivier“ zu fragen, ist ziemlich groß. Zur Abkühlung vielleicht noch einen Hüpfer auf die andere Seite des Deichs, wo ein „Zwemplaats“ zum Schwimmen einlädt.
Ganz tief ins niederländische Nightlife eintauchen lässt es sich in Nijmegen, älteste Stadt des Landes, die ihren Ursprung in der römischen Siedlung Noviomagnus hat und heute dank der Universität – sowie wohl auch wegen der kolonialen Vergangenheit, Stichwort Suriname – eine beneidenswerte Disco- und Kneipenszene besitzt. Aber selbst tagsüber schwärmt (und shoppt oder flohmarktet) es sich inmitten kosmopolitischer Vielfalt prima, zum Beispiel am Marktplatz zwischen der alten Stadtwaage und der St. Stevenskerk. Nicht ganz so trubelig das Treiben an der Waalkade, einer Promenade direkt am Wasser mit großem Motorradparkplatz. Doch wir sollten jetzt weiter, womit die Überlegung, vielleicht noch mal kurz das am Ufer ver-täute „Pannenkoekenboot“ zu entern, vorsorglich im Keim erstickt wird.

Über die Waalbrücke Richtung Arnhem, dann gleich die erste Abfahrt wieder runter und in Lent rechts auf den Oosterhoutsedijk. Gut, dass nicht Samstag oder Sonntag ist, denn dann dürfen von 10 bis 18 Uhr nur Fietsers, nicht aber Autos und Motorräder die folgende Strecke benutzen. Ach, könnte man sich doch ein Stückchen von der Wolkenhimmelwasserwäldchenkurvendeichlandschaft abschneiden und mit nach Hause nehmen. Hätten Rembrandt und Co. schon Ducs und Suzis gekannt – sicher wären die Maschinen auf manchem Ölgemälde verewigt worden. So bleibt nur das flüchtige, gleichwohl intensive und unvergessliche Vergnügen des permanenten Schräglagen- und Perspektivenwechsels.

Paradigmenwechsel in Doodeward. Wie eine würfelförmige Laune der Natur liegt direkt am Deich ein Atomkraftwerk; die Anlage ist 1997 vom Netz genommen worden und muss noch 40 Jahre „ab-klingen“, bevor man die radioaktiven Teile in irgendeiner Form aufsaugen und alles zur grünen Wiese zurückbauen kann. Zügiger wird auf die Zeichen der Zeit in der „Scheepswerf Doodeward“ reagiert. Dort rückt man gerade, quasi auf dem OP-Tisch der Werft, dem Frachter „Deo Juvante“ zu Leibe, zwar nicht unbedingt mit Gottes Hilfe, dafür aber mit Schneidbrenner und Schweißapparat. Hat man hier früher manchem Kahn aufwendig fünf Meter raus-geschnitten, um vorschriftskonform mit einem Mann Besatzung weniger – und damit billiger – fahren zu können, werden Schiffe heute gerne verlängert, um 500 Tonnen mehr laden – und entsprechende Fördergelder erhalten – zu können.
Wer seine Schäfchen schon im Trockenen hat: Klappstühlchen, ‘ne krant (Zeitung) und ein kopje koffie aus der Thermoskanne – fertig ist das Rentnerglück am Ufer der Waal. Fast mit Saugpassung am Logen-plätzchen vorbei schieben sich Schiffe mit quirlendem Schraubenstrahl. Als wir das Glitzern der Wellen im Gegenlicht beobachten, meldet sich der Hunger. Wie bestellt kommt das „Eethuisje de Veerstoep“ in Ochten, ein Pommespalast mit allem, was Fast-Food-Gourmets sich wünschen. Beispielsweise Fritten Spezial: mit Ketchup, Majo und rohen Zwiebeln. Smakelig eten, guten Appetit.

Eine weitere Spezialität sind Bromfietsen und Knallertjes, lautmalerisch treffend beschriebene Mofas und Mopeds. Ein Prachtexemplar fährt der 15-jährige Denis aus Ochten. Satte zehn PS hat die frisierte 70er-Puch, die ab 20 km/h wheeliefähig ist, sofern der Pilot sein Gewicht extrem weit nach hinten verlagert.

Prins-Willem-Alexander-Brücke, Prins-Bernhard-Schleuse und die Marmeladenstadt Tiel sorgen für ein deichstraßenfreies Intermezzo, bevor es bei Ophemert wieder hoch in die Belle Etage geht. Wir flanieren jetzt durchs Obstanbaugebiet Betuwe, im Frühling ein Blütenmeer, im Spätsommer ein Paradies für Erdbeeren- und Kirschenfreunde. Und wer das Aroma von Flusswasser mag, zudem lieber Fähre fährt als über Brücken, kann sich zwischen Brakel und Herwijnen auf schaukeligen Planken übersetzen lassen. Besonders abends ein Fest für Romantiker, wenn die Waal aussieht, als hätte jemand fässerweise Gold in sie gekippt.
Um 21.15 Uhr leuchten endlich die ersten Gläser Hertog-Jan-Bier auf der Terrasse vom „Hotel ‘t Veerhuis“ in Wamel. Beim Blick auf die Speisekarte hat man die Wahl zwischen Waterbewoners und Landlopers. Von Fröschen statt einem Philips-Fernseher in den Schlaf gequakt, träumt man even-tuell vom letzten Hochwasser 1995, bevor einen morgens die Mähdrescher wecken und die Vorfreude auf Hagelslag (Schoko-ladenstreußel) zum Frühstück treibt.
Geschwind wie der Wind treiben wir unsere „Mühlen“ weiter gen Westen, wo eine ganze Armada der typischen Vierflügler geduldig auf Besucher wartet. Also nicht an der ersten Windmühle die Speicherkarte schon vollknipsen. Aber trotzdem immer mal anhalten, etwa an puppenstubigen Häuschen, die sich wie wasserscheue Katzen hinter die Deiche ducken, so dass nur noch der dichte „Fellrücken“ hervorlugt, das reetgedeckte Dach.
Damit solche Idyllen auch zukünftig sicher sind, werden die Deiche gelegentlich erhöht, ihre Kronen verstärkt. Nicht zu vergessen die stromabwärts lauernde Gefahr: Sturmfluten können die halbe Nordsee ins Landesinnere drücken. Um Tragödien wie die von 1953 (1835 Tote) oder gar die von 1287 (50000 Tote) zu verhindern, hat man die zerfranste Küste mit einem System gewaltiger Stahlschieber abgeschottet, die bei Bedarf geschlossen werden können. Für Katastrophen-Szenarien ist an einem wonnigen Maitag aber kaum Platz unterm Helm. Viel lieber denkt man an die Irische See, wenn in Kerkeneind beim zackigen Schwenk ums Kirchlein Erinnerungen an Kirk Michael und die Isle of Man wach werden; zumal, wenn eine 125er-Aprilia Chesterfield entgegenkommt und am Drempel-Sprunghügel abhebt wie auf der Ballaugh Bridge.
Ab Gorinchem wirft Rotterdam seinen Schatten mit dichter Besiedlung voraus. Also Flucht ins Gelände, quer landein Richtung Alblasserdam durch die beschauliche Welt der Seerosen und Entengrütze, der Kähne und Kanäle. Es ist Polderland, einst trockengelegt durch Windmühlen, die nicht Korn gemahlen, sondern mittels ihrer durch frühen „Ökostrom“ angetriebenen Schaufelräder das Wasser aus Sümpfen und Seen abgepumpt haben. 19 dieser technischen Wunderwerke – bis zur Erfindung der Dampfmaschine größte Energieproduzenten der Welt – stehen in Kinderdijk, dem sprichwörtlichen Mühlen-Manhattan der Niederlande.
Zwei Stunden später rollen wir durch das Hafenareal von Hoek van Holland. Hier sticht die Englandfähre nach Harwich in See, unterm Kiel vermutlich ein paar Tropfen Rheinwasser. Denn hier mündet der Fluss, der vor 1320 Kilometern in den Alpen entsprungen und auf seiner letzten Etappe noch in Nieuwe Waterweg umgetauft worden ist. Womit diese Reise enden könnte – gäbe es nicht auch jenen Teil des Rheins, der sich bei Millingen als Pannerdens Kanaal Richtung Norden verabschiedet und schließlich – nach einer Metamorphose erst in den Neder Rijn, dann den Lek – bei Kinderdijk wieder mit der Waal vereinigt. An dem geht es jetzt retour, wiederum oben auf dem Deich.

Auch dort kommt das nautische Element nicht zu kurz, ganz im Gegenteil. Bei Ameide (ver)führt vom Deich eine asphaltierte Rampe hinab an eine san-dige Badebucht. Wer kann da widerstehen? Ebenfalls am Strand spielen will die Multi-strada, ihren Namensgebern zufolge ja ge-eignet für viele Straßen. Auch für Wasserstraßen? Erst geht alles gut, dann plötzlich gar nichts mehr. Bis zur Achse buddelt sich die Belladonna ein, dann kommt noch ein Schiff vorbei und mit ihm hohe Wellen – ganz schön gemein. Tja, Pirelli Scorpions sind eben keine Conti TKC 80. Keine Chance, das Motorrad herauszuziehen, der Schlick hält es fest wie eine Krake. Eine Multistrada in Seenot. Schwacher Trost: Sie steht wie einbetoniert und kann nicht umkippen. Den rettenden Tipp hat eine Dame, die ihren Golden Retriever zum Plantschen führt: Ganz in der Nähe gäbe es eine Trekkerwerkstatt, die könne bestimmt helfen. Was sie dankenswerterweise auch tut, mit Schlepper, Gurten und anschließend sogar einem Dampf-strahler. Da klage noch mal jemand über das deutsch-niederländische Verhältnis.

Nach diesem nautischen Aha-Erlebnis verläuft der Rest der Tour recht beschau-lich. Bei Beusichem schieben sich Schiffe an Kühen vorbei durch blumenbestandene Wiesen. In Maurik staunt man über eine Schleuse sowie wilde Wasserskifahrer, wenig später sind an einem Campingplatz „Bootjes te huur“, Bötchen zu mieten. Kurz vor Rhenen erinnern bewaldete Hügel daran, dass Holland Holzland bedeutet. Zwischen Opheusden und Heteren kann man röstig (niederrheinisch für locker) die Reifen rund fahren. In Arnheim lässt sich im „Nederlands Watermuseum“ der Bildungshunger stillen oder auch ein neues Fass aufmachen: der vom Pannerdens Kanaal abzweigenden Ijssel nach Norden bis ans und ums Ijsselmeer folgen. Wir begnügen uns mit einer dreifachen Portion von Rolfs Lieblingsdeich bei Doornenburg, schön übersichtlich mit klasse Kurven und feinem Belag; von hier ist es nicht mehr weit nach Lent bei Nijmegen, man erinnert sich? Für ein Euro setzt eine Gierfähre nach Pannerden über, angetrieben früher nur von der Strömung, heute unterstützt von einem Hilfsmotor. In Tolkamer schließlich genießen wir Sate-Spießchen von „Marielle“ und sehen uns an der Rheinpromenade noch mal so richtig satt, an mächtigen Vierer-Schubschiffverbänden genauso wie an schwimmenden Hotels aus der Schweiz. Dann via Spijk, vorbei an der Ziegelei Daams, zur Grünen Grenze bei Emmerich – und wir sind so gut wie wieder zu Hause.

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