Unterwegs: Ostrfriesland (Archivversion) Kurs Nord-Nordost

Kein Stau, keine Hektik verspricht die Werbung für ein friesisches Bier. Verlockend, meinte MOTORRAD-Mitarbeiterin Sylvia Lischer und tourte durchs Land zwischen Ems, Dollart und Jade.

Auf der Holzkiste prangt in schwarzen Lettern: »Rossell Tea Limited, Gurusaday Road, Calcutta, India«. Knarzend dümpelt ein 100 Jahre alter Klipper im Hafenbecken, der einst sicher bis nach Indien gesegelt ist. Und Fischkutter Ane ankert ganz ungeniert neben dem Ems-Traumschiff Warsteiner Admiral. Es riecht nach Freiheit und Abenteuer, Kindheitsfantasien von wilden Seefahrern, die mit ihren Schiffen plündernd die Weltmeere befuhren, blühen auf. Dass sich die Crew der Warsteiner Admiral in Wirklichkeit gerade auf die abend­liche »Riverboat-Fahrt mit Tanz und Buffet« vorbereitet, wen interessiert’s?
Noch ein Blick in die mittelalterlichen Gassen der Leerer Altstadt, dann verlasse ich das »Tor Ostfrieslands« über die Störtebekerstraße in Richtung Nordsee. Kurs Nord mit dem BMW-Boxer, immer am Deich der Ems entlang, der sich wie der Rand eines Suppentellers um die weite Ebene schließt. Dass nicht nur ich für Seefahrer-Romantik empfänglich bin, zeigt sich in Oldersum. Dort hat man zu Ehren des legendären Seeräubers und ostfriesischen Volkshelden Klaus Störtebeker in einem Ge­müsegarten die Piratenflagge gehisst. Vielleicht will man aber auch nur Gurkendiebe abschrecken... Die Route nennt sich jetzt Grüne Küstenstraße, doch das Meer kommt erst zehn Kilometer weiter in Sicht.
In Emden, wo die Ems in den Dollart mündet, empfängt mich eine leichte Nordsee-Brise. Drüben, vor der holländischen Küste, sind die Konturen von Tankern und Frachtschiffen zu sehen, die Fähre nach Borkum legt vom Außenhafen ab, ein Fischkutter läuft ein und kreuzt meinen Weg in die Stadt. Klar, wer in dem von Kanälen durchzogenen Emden Vorfahrt hat: Die Ampel schaltet auf Rot, die Straße »Am Tonnenhof« klappt 50 Meter senk­recht in die Höhe, die Bahngleise daneben ebenso.
Ich bummle zum alten Binnenhafen, verweile ein wenig beim rollenden Kiosk »Emder Heringslogger«, der Krabbenbrötchen, Fischfrikadellen und Räuchermatjes anbietet. Im Hintergrund schaukeln urige Fischkutter und das tomatenrote Feuerlöschschiff Deutsche Bucht, das neben Restaurant und Museum auch noch ein Trauzimmer des Standesamts beherbergt. Doch nicht alles dreht sich hier um Wasser und Schifffahrt. Am Stadtgarten« ist »Dat Otto Huus« zu besichtigen. Komiker Otto Waalkes, geboren in Emden, stellt dort so einzigartige Exponate wie seine ersten Bartstoppeln aus.
Zurück auf der Störtebekerstraße, dirigiere ich die R 1150 R über die Krummhörn zum rot-gelb geringelten Pilsumer Leuchtturm. Es ist ein strahlender Hochsommertag. Das eine oder andere Wölkchen zieht über den stahl­blauen Himmel, der Wind streicht sanft über die Wiesen. Schade nur, dass sich die höchste Erhebung Ostfrieslands ausgerechnet zwischen Landstraße und Nordsee schiebt. Um das Meer nicht nur riechen, sondern auch sehen zu können, muss ich zwischen Dutzenden Schafen auf den Nordseedeich klettern, der – mitunter knapp neun Meter hoch – das Land zwischen Ems, Dollart und Jade nahezu lücken­los umschließt. Oben dann der Blick auf Watt, Meer und weites Land. Motorrad­jacke und Helm plumsen ins Gras, ich falle wie der Mann aus der Jever-Werbung rücklings hinterher.
Erst als hektisch läutende Kirchturmglocken die Stille der Landschaft zerreißen, rapple ich mich wieder hoch. Mein nächstes Ziel: das kleine Fischernest Greetsiel mit seinem 600 Jahre alten Sielhafen. Am Ortsende folge ich der Grünen Küstenstraße nach Eilsum und gelange prompt ins Hinterland. Nicht geplant, aber trotzdem willkommen, liegen doch hübsche Baumalleen auf dem Weg. Das topfebene Land ist mit einem Mal gewölbt, wenn auch nicht nach oben, sondern nach unten. Bei Freepsum ist Deutschlands tiefster Punkt erreicht: 2,30 Meter unterm Meere­spiegel! Die Ostfriesen machen kein großes Aufhebens drum. Nur mit Hilfe der Radweg-Beschilderung ist Flur Nummer 3, Flurstück 35 aufzu­finden. Mitten im Gebüsch kann ich dann einen Markierungsstab entdecken. Außer Deutschlands tiefstem Punkt ist auch die 24,5 Meter hohe Düne auf Spikeroog vermerkt, Ostfrieslands höchster Punkt. Und, etwa einen Meter darüber, die 2963 Meter hohe Zugspitze. Ein nicht ganz maßstabsgetreues Verhältnis zum höchsten Berg Deutschlands.
In Marienhafe, gut zehn Kilometer von der Küste entfernt, geht es an ausladenden Schiffsrümpfen vorbei: die Theaterkulisse der Störtebeker-Freilichtspiele. Als der Seeräuberhauptmann 1396 hier auf­kreuzte, reichte die Nordsee durch vor­her­gegangene Sturmfluten fast bis zur Ma­rienkirche heran. Das Gotteshaus hatte damals einen 72 Meter hohen Turm, in dem sich die Seeräuber häuslich einrichteten.
Noch einen Schlenker über Großheide, dann rolle ich über Norden zum Norddeich. Wieder ein Markierungspfosten – dieses Mal mit maßstabsgerecht eingekerbter Größenrelation. Aktuelle Deichhöhe 8,60 Meter, Deichhöhe 1906: 6,70 Meter, Sturmflut am 13. März 1906: 6,70 Meter Wellenlauf. Ohne den Schutzwall gegen die Nordsee hätte die Sonnenterrasse der Gaststätte »Moders oll Hus« in der Deichstraße schlechte Karten. Schon bei gut drei Meter Wellenlauf stünde das Wasser bis zu den Hausgiebeln. Gespannt luge ich über die Deichkrone, doch die Nordsee hat sich von der Küste zurückgezogen, hinter dem Damm sind lediglich ein paar Pfützen im Watt.
Dass auch Robben von den Launen der rauen See betroffen sind, erfahre ich in der Seehundaufzucht- und Forschungsstation Norden-Norddeich. Geschäftsführer Peter Lienau zeigt auf Steffi, Nina und 28 weitere Robbenkinder, die, nach heftigen Stürmen und Gewittern von ihren Müttern getrennt, heulend auf Sandbänken und Stränden aufgefunden wurden. Bis zu ihrem dritten Lebensmonat bleiben die Findlinge unter der Obhut von Peter Lienau, und so kommt der stolze Besitzer einer alten BMW-Polizeimaschine denn auch kaum noch zum Motorradfahren.
Während meiner Stippvisite bei den Seehunden ist die Nordsee wieder an die Küste zurückgekehrt, und beim Blick übern Deich erspähe ich die Konturen von Norderney. Zwei Möglichkeiten, das Eiland zu erreichen, stehen nun offen. Auf die nächste Ebbe warten, mich Käpt’n Willis Wattwanderung anschließen und rüberlaufen. Oder samt BMW die nächste Fähre nehmen.
Klar könne ich das Motorrad mitnehmen, erklärt mir die Dame am Schalter des Hafenbüros, fahren sei jedoch nur innerhalb eines Drei-Kilometer-Radius erlaubt. Und innerhalb dessen gebe es Ruhezonen, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Parkverbote... Okay, ich habe verstanden. Die BMW bleibt hier. Ich löse eine Personenfahrkarte mit integrierter Badekarte und gehe an Bord. Die Überfahrt ist ruhig. Die Fähre gleitet durch die Gezeiten-unabhängige Fahrrinne, kontert die eine oder andere Bonsaiwelle von entgegenkommenden Krabbenkuttern.
Am Hafen von Norderney der obligatorische Stand mit Matjes- und Krabbenbrötchen, Letzteres für stolze 4,50 Euro. Ein paar Schritte weiter der erste Fahrradverleih. Ich entscheide mich für ein ungefedertes Ostfriesenrad mit Torpedo-Dreigangschaltung und strample auf geteerten Promenaden durch einsame Kiefernwäldchen und ausgedehnte Dünengebiete die gesamte Insel ab.
Zurück vom Inselausflug weiß ich den bequem gepolsterten Motorradsattel zu schätzen, fahre weiter über die Störtebekerstraße am Deich entlang. Schafherden trotten lethargisch über die Deichkrone, Neßmersiel, Dornumersiel, Bensersiel – die schwülwarme Luft treibt einem den Schweiß auf die Stirn. Doch plötzlich zieht eine scharfe Brise auf. Souvenirverkäufer in Strandnähe sichern eilig ihre Auslagen: Leuchttürme in mindestens zehn verschiedenen Größen, Plüschrobben und anderes Getier mit der Aufschrift »moin moin«. Draußen über der Nordsee nimmt währenddessen eine rabenschwarze Wolkenfront Kurs auf die Küste.
Von Sturmflutvisionen getrieben, flüchte ich mit der BMW ins Landesinnere, als sei die Seeräuber-Equipe von Klaus Störtebeker hinter mir her. In Aurich holen mich die Wolken ein, Blitze zucken über den Himmel, Platzregen hämmert gegen das Visier. Da hilft nur eines: Abwarten und Tee trinken. Als ich die knarzende Holztür zur Teestube »Kluntje« im ehemaligen Müllerhaus öffne, weht mir der Duft von frisch gebackenem Kirschkuchen entgegen. Polsterstühle, Spitzendeckchen und ein Plüschsofa, in dem ich aufatmend versinke, bilden das einladende Ambiente. Während draußen der Wind durch die Straßen wirbelt, genieße ich bei Kerzenschein Tee, bereitet nach traditionellem ostfriesischen Zeremoniell, versteht sich. Auf der Vitrine thronen Modelle von Krabbenkuttern und Segelschiffen, ein Leuchtturm-Bild hängt an der Wand. Fehlt nur noch die obligatorische Windmühle. Aber die steht ja draußen vorm Fenster. In Originalgröße.
Zwei Ecken entfernt von hier lockt das »Fünf-Mühlen-Land« Großefehn, mein nächstes Ziel tags darauf. Ein romantisches Fleckchen mit Kanälen, die auf malerischen Klappbrücken zu überqueren sind, und hinter Rosenhecken verborgenen Backsteinhäuschen. Von dort folge ich der deutschen Fehnroute nach Marcardsmoor, eine Weile vom Torfschiff Gretje begleitet, das auf dem Großefehnkanal gemächlich schippert.
In Neuharlingersiel erreiche ich wieder die Nordsee, folge der Küste bis Harlesiel und Carolinensiel und brause dann quer durchs Jeverland nach Wilhelmshaven. Auch ein Sielhafen, nur dass hier keine pittoresken Fischkutter ankern, sondern riesige Handelsschiffe und Supertanker.
Noch ein Schlenker am Jadebusen entlang zum Vareler Hafen, dann treibe ich den Boxer an der Windallee vorbei erneut in Richtung Hinterland. Bockhorn, Neuenburg, Friedeburg die Stationen. Und schließlich: Amerika! Zwar hatte ich keinen Highway und keine grell-bunte Leuchtreklame erwartet, aber dass es nur aus einer Handvoll Häuser am Ende einer steinalten Eichenallee besteht, enttäuscht mich dann doch ein wenig. Nicht mal einen McDonald’s hat Amerika, dafür einen hinter Büschen versteckten Radwegweiser: 1 Kilometer bis Russland.
Russland sieht ähnlich aus wie Amerika, die Häuser vielleicht ein biss-chen größer, die Vorgärten aufwendiger gestaltet. Irgendwie kapitalistischer. Sogar einen Harley-Davidson-Shop gibt es hier, ein Bus-Reiseunternehmen und eine Kneipe. Der Russlandhof hat – wen wundert’s – russische Eier und »Russki-Wodka« im Angebot.
Gegen Abend cruise ich über Amerika direkt in den Sonnenuntergang. Auf end-los geraden Straßen durch weites Land. Ein Bein lässig über dem rechten Zylinder drapiert, genieße ich das friesische Lebensgefühl: kein Stress, keine Hektik, keine Staus, keine Kompromisse.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote