Unterwegs richtig entspannen (Archivversion) Locker vom Hocker

Entspannung ist Grundvoraussetzung für sicheres und erlebnisreiches Motorradreisen. Wir sagen, wie Sie während der Fahrt und in Pausen entspannen können, was mit dem Körper beim Fahren passiert, wie man richtig sitzt, sinnvoll trinkt und warum die Augen so wichtig sind.

Motorradfahren sorgt für Genuss und Spaß am Leben, deswegen fahren wir. Motorradfahren kann aber auch anstrengend und ungesund sein. Das ganze Leben ist letztlich anstrengend und ungesund, hören wir deswegen damit auf? Nein. Also fahren wir auch weiter Motorrad. Sind unterwegs, auf Reisen, genießen die Erlebnisse. Damit Leben und Motorradfahren auf lange Sicht Freude machen, müssen wir uns regenerieren, entspannen, abschalten. Weil wir nicht nur auf dem Lebensweg, sondern auch auf der Motorradreise hohen Belastungen ausgesetzt sind: Wir müssen hochkonzentriert sein, Lärmbelästigung im Helm ertragen, verbrauchen erstaunlich viele Kalorien (bis zu 8000 am Tag), verlieren vor allem bei Hitze jede Menge Flüssigkeit und setzen Stresshormone frei.

Der Ausweg aus diesem scheinbaren Dilemma bedeutet: Pause machen. Oder sich während der Fahrt immer wieder selbst beobachten: Halte ich den Lenker locker, sitze ich richtig? Oder habe ich die Schultern hochgezogen und presse die Lippen aufeinander? Unter schwierigen Fahrbedingungen, etwa im Regen, neigen wir besonders zum Verkrampfen. Dann sind Pausen um so wichtiger. Am besten jede Stunde einmal anhalten, doch dieser Rhythmus lässt sich auf Langstrecke nicht immer realisieren. Deswegen können wir auch während der Fahrt entspannen: Zunächst im Kopf, indem wir im Helm singen, sprechen, langsam und tief atmen, auch wenn es manchem albern erscheinen mag. Aber: Eine der angespanntesten Körperpartien beim Motorradfahren ist der Mund. Ihn zu lockern bringt schon viel. Für die weitere Entspannung des Körpers machen wir uns einen Vorteil des Motorrades zunutze: Anders als der Autofahrer ist der Motorradfahrer keine passive Nutzlast, sondern Teil eines sich bewegenden und in sich beweglichen Systems.

Der Pilot ist nicht in einen Sitz gepfercht, sondern genießt viel mehr Bewegungsspielraum. Den er für Entspannungsübungen nutzen kann. Und zwar während der Fahrt, ungefährlich für den Fahrer oder andere Verkehrsteilnehmer. Denn es geht hier nicht um raumgreifende Verrenkungen, es geht um feine Positionsänderungen, um An- und Entspannungen bestimmter Muskeln, die Verspannungen lösen und für Wohlbefinden sorgen. Die meisten Übungen eignen sich für geradeaus führende Autobahnen oder Landstraßen. Dabei bleiben beide Hände am Lenker, die Füße auf den Rasten und das Gesäß auf der Sitzbank.

Alle Entspannungsübungen, die man auf dem fahrenden Motorrad durchführen kann, sind auf Seite 91 noch einmal an unserem Fotomodell Corinna beschrieben. Mit welcher Übung man beginnt, spielt keine Rolle. Wir starten mit einer Maßnahme, die am ehesten mit dem sogenannten “Butterfly“ aus dem Fitness-Studio zu vergleichen ist. Dabei drücken Hände und Arme Richtung Lenkermitte, während die Lenkergriffe ganz normal umfasst bleiben. Die Anspannung erfolgt sanft und dauert jeweils nur eine halbe Sekunde. Die Brust sollte dabei herausgedrückt sein. Bei 50-facher Wiederholung im Sekunden-Abstand ist schon eine positive Wirkung zu verspüren. Die Lenkergriffe fest zu umschließen und wieder zu lösen, ist eine weitere Möglichkeit, die gesamte Armmuskulatur zu lockern.

Weiter geht es im gleichen Rhythmus mit einer An- und Entspannung der Gesäßmuskulatur. Auch dabei haben sich etwa 50 Wiederholungen bewährt, doch das ist lediglich ein Richtwert, der abhängig von der Fahrer-Fitness variiert werden kann. Wohltuend ist auch eine feine Gewichtsverlagerung von der einen auf die andere Gesäßbacke, von der das Motorrad möglichst wenig mitbekommen sollte. Brust rein, Brust raus in kaum wahrnehmbarer Bewegung oder das zarte Rollen der Schulter nach vorn wie hinten bringen Frische in die Oberkörperpartie, das Becken nach vorne drücken und wieder lösen lockert die Körpermitte.

Für die unteren Extremitäten hilft: Beide Schenkel und Knie fest an die Maschinenflanken drücken und wieder lösen, also anspannen und entspannen im Sekundentakt. Das bringt Leben in die Beine. Die Füße lassen sich auf den Fußrasten beliebig in feine Kipp- oder Rollbewegungen versetzen und wirken danach besser durchblutet. Weiter geht es mit dem Ausüben von Druck auf die Fußrasten, ganz so, als ob man aufstehen wollte. Hochdrücken, setzen und entspannen, immer wieder. Deutliche Impulse, bis zur Erschlaffungsgrenze wiederholt, beleben den ganzen Unterleib. Die Übungen sind notfalls sogar mit Sozius durchführbar. Sie können Automatismen werden, die nur noch vom Unterbewusstsein gesteuert werden. Auf keinen Fall dürfen sie die Aufmerksamkeit des Fahrers von Straße und Maschine ablenken.

Noch wirkungsvoller ist es, anzuhalten und neben dem Motorrad zu entspannen. Schon die Qualität von kleinen Touren wird durch bewusst gestaltete Pausen drastisch erhöht. Dabei geht es weniger um Rauch-, Toiletten- oder Tankpausen, sondern um eine Erlebnispause, während der man seinen Körper, sein Motorrad und seine Umwelt bewusst wahrnimmt und so seine psychischen und physischen Batterien mit Genuss aufladen kann. Ein Regenerationszeitraum, der eine noch stärkere Wirkung entfaltet, wenn man eine landschaftlich reizvolle Stelle ausgesucht hat.

Es ist erstaunlich, wie wenig Zeit man für ein paar Gymnastik-Übungen benötigt, die auf der Weiterfahrt für Wohlbefinden und größere Sicherheitsreserven sorgen. Die Wirbelsäule, durch viele feine Stöße zusammengestaucht, braucht Erholung, verkrampfte Muskeln benötigen Lockerung. Hier helfen die “Minipause“-Übungen von Fitnesstrainer Jowa Bacher. Weitere Garanten für Sicherheit und Erlebnisfähigkeit auf Reisen sind richtiges Sitzen auf der Maschine, eine vitaminreiche Ernährung, effektives Trinken und eine Regeneration der Augen, beim Fahren unser wichtigstes Sinnesorgan. Wer verkrampft fährt, hat in schwierigen Situationen seine Maschine nicht im Griff. Gelockerte Muskeln reagieren schneller und genauer auf die Anweisungen aus der Hirnzentrale. Genug Grund für ein paar Übungen.

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