Unterwegs: Schottland und Hebriden (Archivversion) Gegen den Strom

In Schottland und auf den Äußeren Hebriden gehen die Uhren anders. Niemand lässt sich stressen. Es gibt karibikartige Strände, spektakuläre Straßen, wildromantische Landstriche, Whisky, Kilts und sogar gutes Wetter. Eine nicht ganz alltägliche Motorradreise durch ein sturmerprobtes Land.

Endlich sind die Motorräder im Schiffsbauch verzurrt, lassen wir Amsterdam und das europäische Festland hinter uns. Während Uwe und ich uns wie die Kinder auf Schottland und die Hebriden freuen, ahnt keiner, dass die Seele der Lichtmaschine meiner BMW auf dem Kontinent zurückbleibt. Fähren gehören zu den besonderen Reizen einer Reise: Das Motorrad über die stählernen Rampen auf das Schiff zu bugsieren, den Bootsleuten beim Ablegen zuzuschauen, den gewaltigen Schiffsdiesel spüren, der die Aufbauten vibrieren lässt – all das macht Laune und untermauert unsere Verbundenheit mit den Kolbenmotoren dieser Welt. Wir genießen die Überfahrt an ein unbekanntes Ufer. In Newcastle geht es runter vom Schiff und weiter über Glasgow, Greenock, Dunoon. An den Ufern des Holy Loch bummeln wir Richtung Loch Fyne. Die Straße verläuft meist nur knapp oberhalb des Wassers, entlang dichter Wälder. In den Gärten vor den Häusern blüht es bunt, das tiefblaue Wasser des Meeresarms steht dazu in reizvollem Kontrast. Noch ist das hohe Gewicht des bis an die zulässige Grenze beladenen Motorrads ungewohnt, doch mit jeder Biegung, jeder Kurve werden die Bewegungen vertrauter. Als die BMW am späten Nachmittag unvermittelt ihren Dienst einstellt, befinden wir uns am nördlichsten Punkt von Loch Fyne, landschaftlich spektakulär und einsam. Nach kurzer Analyse steht fest, dass die Lichtmaschine wohl schon länger nicht mehr lädt (das kurze Aufflackern der Kontrollleuchte bei Amsterdam war also doch von Belang...), die Batterie ist vollständig leer, der nächste Ort zehn Kilometer entfernt. In der folgenden halben Stunde regeneriert sich die Batterie so weit, dass wir zumindest bis Inveraray kommen, wo wir eine Unterkunft finden. 500 Einwohner hat der Ort, und es scheint, als würden wir fast alle in den nächsten Tagen kennenlernen. Die Suche nach einer Werkstatt oder einem Ladegerät führt uns in sämtliche Hotels, Pubs und Fish & Ships-Lokale, überall bemüht man sich zu helfen, vorerst aber ohne Erfolg. Auch endlose Telefonate mit dem englischen Automobilclub AAA bringen uns nicht weiter und gipfeln schließlich in der Aussage an der Hotline, dass man uns aufgrund fehlenden Wohnsitzes in England nicht weiter­helfen könne. Ein Aspekt, den wir
bei Abschluss des Reiseschutzbriefs anscheinend nicht genügend berücksichtigt hatten. So verbringen wir den Sonntag motorradfrei mit Wanderungen durch urwaldähnliche Wälder auf die benachbarten Hügel und Berge. Im Wasser des Loch Fyne spiegelt sich Inveraray, schwerelos schwebt der Ort zwischen See und Himmel. Neidvoll hören wir von Ferne Motorräder entlang der gewundenen Küstenstraße cruisen. Am Abend schließlich die Erlösung: ein Ladegerät und der Tipp, im 30 Kilometer entfernten Oban eine Motorradwerk­statt aufzusuchen. Dort lautet am nächsten Morgen die Diagnose: Lichtmaschinenregler defekt. Ein Ersatzteil aus London könne frühes­tens in drei Tagen eingebaut werden. Zur Beratung gibt es erst mal einen Tee mit englischem Gebäck. Danach steht fest: abwarten, Tee trinken, wandern – drei Tage lang, never! Mit einer Autobatterie und einem Lade­gerät im Gepäck hoffen wir, unsere Tour wie geplant fortsetzen zu können. Aber auch mit diesem Equipment ist nach wenigen Kilometern entlang des Loch Creran Schluss, denn zwei uniformierte Ordnungshüter mit Laserpistole ziehen uns aus dem Verkehr. Kann es sein, dass uns die frisch ge­ladene Batterie schneller fahren ließ als erlaubt? Nicht doch, zwei Schelme sind es, die uns anhalten. 40 Meilen waren erlaubt, und das Gerät zeigt 41 Meilen an. Jetzt grinsen sie von einem Ohr zum anderen. Man habe nur mal testen wollen, ob das Gerät auch richtig funktioniere, und wünsche uns eine gute Weiterfahrt. Lachend verabschieden wir uns und folgen mit zwei Tagen Verspätung endlich unserer Route nach Norden.

Vor Mallaig lockt ein Campground am Sandstrand mit bizarren schwarzen Felsen zur Übernachtung. Noch bevor das Zelt steht, ist die BMW an die Stromversorgung der sanitären Einrichtungen angeschlossen. Es wird sich in den nächsten Tagen zeigen, dass ich mit jeder Stunde Ladestrom eine Stunde fahren kann, vorausgesetzt, Licht und Navigationsgerät bleiben aus und die Blinker kommen nur im Ernstfall zum Einsatz. Mallaig erinnert mit feinsten Sandstrände an sommerliche Mittel­meer-Urlaube, stilgerecht verabschiedet sich die Sonne farbenfroh im Meer. Am Fischereihafen für Nordmeerkrabben müssen wir unser Abendessen gegen die Möwen vertei­digen: Fish and Chips stehen auch auf ihrer Speisekarte. Ein weiterer herrlicher Morgen, keine Wolke am Himmel, die Batterie geladen, beste Voraussetzungen also. Sogar das Zelt ist trocken eingepackt, und wir lassen uns von der Caledonian Mac Brayne Fähre auf die Insel Skye bringen. Die Fahrt an die Landzunge von Elgol führt über kleinste Straßen entlang der moosgrünen ­Hänge der Hügel- und Bergketten. Nach jeder Kurve wechselt die Aussicht auf mal schroffe, mal liebliche Felsforma­tionen. Vom Anleger in Elgol hat man einen fantastischen Blick auf den 928 Meter hohen Bla Bheinn und den Sgurr Alasdair, der zum gewal­ti­gen Massiv der Cuillins gehört. Die Luft ist glasklar, als wolle sie dem Namen Isle of Skye alle Ehre machen. Selbst entfernte Berge scheinen zum Greifen nah, trotzdem finden sich nur wenige Mücken auf dem Visier. Wir genießen jede Kurve, jede Steigung und jede Spitzkehre. Später dann, am Macleod’s Table, fühlen wir uns nach Arizona versetzt, ein Tafelberg dominiert die einsame Landschaft, überragt wie in weiter Prärie die baumfreie, flache Umgebung. Die Hände liegen locker am Lenker, der Oberkörper neigt sich zurück, die Drehzahl fällt in den Cruising-Keller – für solche Momente sind wir unterwegs.Die Sonne begleitet uns bis zum Point Neist, gleichzeitig Leuchtturm, Herberge und Beobachtungspunkt für Wale und Delphine. Die Meerestiere lassen sich zwar nicht blicken, statt­dessen werden heute brütende Alke in den senkrecht abfallenden Basaltfelsen geboten. Ein herrlicher Nachmittag, wir vertrödeln die Zeit in dieser grandiosen Landschaft. Blauweiß gedeckte Kaffeetafeln laden am Straßenrand ein, drei Großmütterchen betreiben einen kleinen Tearoom mit einem unwidersteh­lichen Angebot an selbst gebackenem Kuchen. Daran können wir nicht vorbei, laden unsere Teller voll, und auch die BMW gönnt sich einen ausgiebigen Ladezyklus.

Die Nacht in der Kleinststadt Uig war ruhig, Ladegerät und Laune zeigen Höchststand, als wir uns zur ­weiteren Erkundung von Skye nach Portree aufmachen. Im Haupt-ort der Insel kontrastiert malerisch eine leuchtend bunte Häuser-zeile am Kai mit dem dunklen Grün der dahinter aufragen­den Hügel. Wir folgen weiter der Küstenlinie entlang mehrerer Hundert Meter hoher Bergrücken zum Kiltrock: ein weiteres Mal schwarze Felsabstürze in tiefblaues Meer. Über uns ein kreisender Adler und im Atlantik ein Fischschwarm, der 100 Meter vor der Küste das Wasser wild aufschäumen lässt. Einige Kilometer weiter spiegeln sich Meer, Sonne und Strand im Helm. Sind wir wirklich an einem der nördlichsten Punkte Europas? Noch extremer sowohl geographisch als auch landschaftlich, wird es am späten Nachmittag. Inzwischen mit der Fähre zu den Äußeren Hebriden oder genauer der Insel Harris unterwegs, schlägt mir als Geographen in Erwartung das Herz bis zum Hals. Äußere Hebriden: Seefahrergeschichten von Stürmen, Untergängen, lebensfeind­licher Extremlandschaft, Wetterküche Europas – wie viele Bilder habe ich davon in meinem Kopf. Und dann bei der Ankunft das: schneeweiße Sandstrände bei strahlend blauem Himmel, karibisches Flair, türkisfarbenes Wasser, so weit das Auge reicht, blaugrüne Inseln, die sich im Meer spiegeln. Das Spiel der Farben verlockt zum Baden, aber schon nach kurzer Berührung ist Schluss. Bei Wassertemperaturen von weniger als zehn Grad hört der Spaß bereits an den Knöcheln auf; das Wasser ist so kalt, dass es schmerzt. Zu einem Strandvergnügen ganz anderer Art kommen wir später dann doch noch, denn bei Ebbe lassen sich abgelegene Abschnitte mit den Enduros befahren. Ohne Gepäck kommt beim Driften richtig Freude auf. Einziger Wermutstropfen an diesem Abend: Der Zeltplatz ist ohne Stromversorgung.

Frühstücksstrom für die BMW gibt es anderntags bei den Standing Stones von Callanish. Während sie ein paar ­Ampere eingespeist bekommt, besichtigen wir die über 4000 Jahre alten stehenden Steine. Wirkten sie aus der Ferne eher unscheinbar, greift die Faszination, als wir zwischen ihnen stehen. Bis heute ist nicht klar, welches der eigentliche Zweck dieser keltischen Anlage war. Die eher Action-Begeisterten sprechen von Kultplatz und Menschenopfern, die Bodenständigen von Erntefesten und astronomischen Berechnungen. Die Fähre zurück zum Festland nach Ullapool erreichen wir in allerletzter Sekunde: Schlagbaum und Kassenhäuschen längst geschlossen, die gesamte Abfertigung bereits gelaufen, bahnen wir uns mit den hochbeinigen Enduros einen Weg vor das eiserne Maul der Fähre und schaffen es, die Mannschaft zu erweichen, uns trotz fehlender Tickets noch mitzunehmen Ullapool liegt am Loch Broom, wo Stechginster wächst und es Kormorane geben soll. Nicht schlecht, dennoch haben wir ein anderes Ziel. Entlang der südlichen Highlands hangeln wir uns auf schmaler Küstenstraße zum Loch Gairloch. Der liebliche Küstenstreifen wird von unwirtlichen Pässen und Bergmassiven abgelöst. Längst haben wir uns daran gewöhnt, auf den Single track roads allein unterwegs zu sein. Die Einsamkeit der südlichen Highlands wird durch manche namenlose Ruine noch verstärkt, eine leichte Melancholie liegt schon bei Sonnenschein und guter Laune über der Landschaft. Wie mag dies erst bei Dauerregen wirken? Düsteres Sinnbild solcher Stimmungen ist das Eilean Donan Castle. Das romantisch auf einer Felsnase gelegene Schloss steht stellvertretend für die zahlreichen blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Highländern mit verschiedenen Verbündeten auf der einen und den Engländern auf der anderen Seite. Im späten Mittelalter wurde hier zu Fuß, per Schiff und vom Pferd aus gekämpft, bis der Gegner aus der Region vertrieben war. Die dichten Wälder der südlichen Highlands begleiten uns auf der Fahrt um Loch Lochy. Doch leider sehen manche Wald­bereiche aus, als hätte die englische Luftwaffe Übungsziele für ihre Jagdflieger benötigt. Chaotischer Kahlschlag, zerfetzte Baumstämme, von denen die größten wie riesige Mikadostäbe kreuz und quer auf den Hängen liegen. Offensichtlich toben hier des Öfteren gewaltige Stürme. An anderen Stellen, dort, wo der Wald wieder dichter ist, hat sich die Feuchtigkeit der Luft lange gehalten, so dass Moose und Farne einen dichten Teppich bilden konnten. Selbst mannshohe Natursteinmauern verschwinden unter dem weichen Moos, und ihre Konturen lösen sich im Zwielicht auf. Wir fahren wie durch eine dunkelgrüne Röhre; wer hier vom rechten Weg abkommt, der wird wohl weich fallen.

Am nächsten Tag erreichen wir wie geplant die Fähre in Newcastle. Nicht einmal mussten wir die Reservebatterie bemühen, haben stattdessen durch zahlreiche Ladestopps die Stromversorgung so mancher Fish and Chips-Bude kennengelernt oder im Tearoom Erstaunen ausgelöst, wenn wir aus Versehen die Stromzufuhr des Kühlschranks kappten. Auf der Fähre schmuggeln wir die Batterie mit in die Kabine, damit zwölf Stunden Ladestrom die Rückfahrt nach Deutschland sichern. Inzwischen sind wir gar nicht mal mehr sicher, ob wirklich eine neue Lichtmaschine her muss. Denn die regelmäßige Suche nach einem Stromanschluss hat uns in Kontakt zu vielen hilfsbereiten Menschen gebracht, die wir sonst wohl nicht kennengelernt hätten.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote