Unterwegs: Trentino, Teil 2 (Archivversion) Hier beginnt der Sommer

Wenn der Regen nicht abreißt, die Wolken wie festzementiert erscheinen, dann bietet eine Region echte Lichtblicke: das Trentino. Was nicht nur meteorologisch gilt, sondern mit Gardasee und Sella-Ronda auch in Sachen Mega-Landschaften.

In Garmisch steht es zum ersten Mal: "Mittenwald 20 km, Innnsbruck 58, Brennerpass 97". Endlich – Italien! Wobei "Brenner" streng genommen erst mal nur 1374 eisige Höhenmeter und wahrscheinlich gerade leichten Schneefall bedeutet. Selbst hier unten dümpelt das Thermometer bei bescheidenen sieben Grad. Die Eisdiele Venezia fliegt in einsamer Leere vorbei, auf der Zugspitze drückt die Schneeladung noch bis zur Halbhöhenlage, übermorgen ist der 1. Mai. Für Motorradfahrer ein ebenso herbeigesehnter wie kritischer Termin. Aber irgendwas muss jetzt gehen – dieser Winter war einfach zu lang, zu eisig und zu arktisch. Umleitung! Mist. Fernpass gesperrt. Durch Frostaufbrüche drohen Bergstürze, sagen sie an der Tanke. Seit Ulm prasselt der Regen aufs Visier, seit Augsburg sickern eisige Nässeschwaden ins Genick. Noch 250 Kilometer bis Riva.

Der Brenner präsentiert sich in tristem Wintergrau, aber wenigstens schneefrei. Puh. Mit klammen Fingern werden die Maut-Euronen hervorgekramt, und dann geht es zwischen steil aufragenden Felsen direkt auf Südkurs. Plötzlich schimmert es durch – kaum sichtbar zunächst, dann immer intensiver, irgendwo zwischen Brixen und Bozen beginnt es, das erste Grün. Schon bald durchsetzt von weiß blühenden Obstbäumen zwischen hellen Felsen, jahrhundertealten Festungen und der mächtig anschäumenden Eisack. Der alte Flucht- und Handelsweg nach Süden. Mit jedem Meter wird es wärmer, die A 77 ist im freien Fall, enges Gedränge und Geschiebe zwischen rostigen Leitplanken. Schließlich öffnet sich das enge Tal, scheint mit einem Mal weit und luftig zu werden. Rovereto Sud, ein paar Kilometer noch, dann liegt er da, tief unten, von Felsen umrahmt und bis zum südlichen Horizont ausgebreitet, dunkelblau im letzten Abendlicht schimmernd – der Gardasee.

Am nächsten Morgen ist in den nördlichen Anrainerorten Riva und Nago-Torbole die Hölle los. Ein Mountainbike-Festival füllt alle Lokale und jeden nur irgend befahrbaren Weg, Freerider, Tourer und Downhiller durchdringen jeden Winkel. Vorsichtig den Weg hindurchbahnend, geht’s vorbei an charmant verwitterten Häusern in Gelb und Ocker, an sanft im Hafen wiegenden Yachten, vorbei an Bussen, Wohnmobilen und Touristen aus halb Europa, durch die kühlen Tunnels der westlichen Uferstraße Occidentale und schließlich steil an den senkrechten Felsen hinauf. Bis sich die Szene weitet und diesen unnachahmlichen, millionenfach abgelichteten und immer noch komplett umwerfenden Blick auf die winzige, zypressengesäumte Straße hoch über dem See freigibt, umrahmt von den verschneiten Zacken des Monte Baldo und den Surfern und Seglern darunter. Viel schöner wird’s im mittleren Europa kaum mehr.

Immer höher und tiefer scheint sich die kleine Straße in den Berg zu fräsen, bis in die letzten Trabanten der kleinen Gemeinde Tremosine, wo Touristen nur noch sporadisch auftauchen, stattdessen windschiefe Ape-Dreiräder und rostige Allrad-Pandas den Ton angeben. Der See tief unten, der verschneite Tremalzo fast auf Augenhöhe. Die XJ6 bohrt sich bis ins Val Vestina durch, und locker cruisend geht es entlang des Idro-Sees über Storo zurück nach Riva.
Dort zeigt der Tag bereits seine Lebensspuren. Vor den Bars verschlammte Fullsuspension-Bikes, drinnen glücklich-erschöpfte Kämpfer. Noch immer reißt die Autoschlange von der A 22 nicht ab, ein langes Wochenende steht bevor, und bald wird am Lago di Garda rund um die Uhr in vollen Zügen gelebt werden.

Entsprechend ist zügiger Kurswechsel gen Osten angesagt, in Richtung Monti Lessini. Dort klettert die SS 46 in prächtigen Kehren hoch zum Passo Pian delle Fugazze. 1156 Höhenmeter klingen eigentlich nach nichts, doch ausgehend von mageren 65 mediterranen Metern lichter Gardasee-Höhe gibt es da einiges zu tun. Hier beginnt das Revier der Motorradfahrer. Die kleine Bergstraße ist Einstiegsdroge der Flachland-Italiener aus den Ballungsgebieten zwischen Verona, Vicenza und Bassano und arbeitet sich sensationell zum Pasubio hinauf. Schon bald hinter Rovereto klebt ein Kirchlein in der senkrechten Felswand, vermutlich Heilsspender für all die MV Brutales, R-Einsen und Ducati, die dort ihre Rasten aufarbeiten. Auch hier herrscht Partystimmung, sämtliche Bars und Picknick-Stellen fest in Lederhand, fröhliches Winken von der Grillstelle hinter Tornante Nr. 11 und eine herzliches Danke an den Guzzi-Fahrer, der zeitweise den Rollsplitt in Kehre 6 anzeigt.

Die Strecke ist der Hammer, toll asphaltierte, wunderbar berechenbare Kehren, traumhafter Fahrgenuss. Nur selten mal ein Auto, schnell vorbei und rein in die nächste Schräge. Die Yamaha ist in Hochform, nimmt’s fast schwerelos mit Kurven aller Radien auf, nuanciert cooles Grollen zu hellem Fauchen, wenn’s drauf ankommt. Alles scheint möglich, alles ist drin, 78 PS in Bestform.
Auf der Passhöhe zweigt die alte Militärpiste zum Pasubio ab, jenem im Ersten Weltkrieg von den verfeindeten Italienern und Österreichern geradezu perforierten 2235-Meter-Gipfel an der Frontlinie des ehemaligen Dreibunds. Der obere Schotterteil der alten Piste ist gesperrt, etwas tiefer jedoch gräbt sich eine winzige, auf der Karte kaum mehr erkennbare weiße Linie an der südlichen Bergflanke entlang. Eine kurze Erkundigung im Ort, ob man bis Arsiero durchkäme. Si si, aber langsam. Tatsächlich, knapp hinter der Passhöhe liegt der Einstieg, dann entrollt sich ein Asphaltband schmal und brüchig mit abrutschenden Rändern durch den dichten Wald. Die einstmals sichernden Betonklötze hängen teilweise schon im Tal, bergseitig ducken sich Reste alter Festungsanlagen ins Gehölz.
Nach acht Kilometern ein kleines Refugio. Ja, die Strecke sei prinzipiell bis Arsiero machbar, lautet die Auskunft auch hier. Die Löcher werden aber immer tiefer, die dünne Asphaltdecke sackt teilweise halbmetertief weg, Leitplanken gibt es bereits lange nicht mehr. Doch die leichte 600er trällert souverän wie eine Enduro zu Tal, drückt locker ihr Vorderrad durch manchmal Zentimeter hohe Geröll- und Gehölzschichten. Piano, piano wollen die winzigen Bergabkehren angebremst werden, der ABS-Regelbereich setzt vorsichtig die Grenzen. Wie ein Jockey hinter dem breiten Lenker kauernd, lässt sich die Kleine angstfrei zu Tal fädeln. Kein Kilo und kein Rutscher zu viel. Klasse!
Und weil’s so schön war, bleiben wir auf "Weiß" und klettern östlich des Val Astico auf einer Winz-Piste in Richtung Asiago wieder in den Berg. Abermals ist die Straße ein Hit, diesmal in blitzsauber übereinandergestapelten Kehrenpaketen frei an der Bergflanke klebend. Extra eng, extra dicht, dafür vom Straßendienst regelrecht sauber gebürstet!

Im Eifer haben wir den Kurs aus den Augen verloren und geraten nun zusehends in die Auslaufzone des Gebirges. Riesige Talspalten öffnen sich gen Süden, und jenseits des Monte Grappa zeichnet sich bereits flirrend die Poebene ab. Wir sind kurz vor Bassano! Also Nordkurs und hinter dem Fluss Brenta entschlossen eindrehen. Schon rücken die weißen Gipfel wieder näher, und spätestens an der Südrampe des Passo di Rolle wird klar, was jetzt bevorsteht: die Dolomiten. Abends im Hotel berichtet der Sender RAI Uno von Lawinenunglücken an der Marmolada und im Fassatal. Der Frühling ist dort oben offenbar noch nicht angekommen.

Für die nächsten Höhenmeter wird alles angezogen, was der Packsack hergibt. Sieben Grad sind nicht üppig. Bautrupps bevölkern die Straßen, rücken den Frostschäden des Winters zu Leibe, der so heftig und ausdauernd war, dass Einheimische Jahrzehnte zurückrechnen müssen, wann es das letzte Mal mit dem Schnee so dicke war. Am Passo di Rolle ötteln noch die letzten Schlepplifte, hohe Schneewächten türmen sich in den Kehren, und Schmelzwasserbäche zerstäuben unter Pilot Sport und Pirelli Diablo. In der Bar am Pass teilen sich Boarder und Biker aller Coleur die Plätze. Viele Pässe sind noch zu, doch über die winzigen Übergänge di Valles und San Pellegrino geht es hoch. Unten bereits frühlingshaft duftende Nadelwälder, von der immer unverhohlener knallenden Sonne bereits warm erfüllt, oben frisch gefallener Schnee. Immer näher rücken die steil aufragenden Felsmassive, fast orange leuchtende Kunstwerke zwischen Weiß und strahlendem Himmelsblau. Kantig, hart und entschlossen wie der Tafelberg in Kapstadt – der Sellastock. Der Passo di Fedaia an der Marmolada ist noch zu, aber Pordoi- und Sellajoch sind frei. Mit 2239 und 2214 Metern gehören sie zu den höchsten Pässen der Ostalpen, verheißungsvoll und schön wie die Sünde.

Doch in Canazei im oberen Fassatal ist erst mal Schluss. Schwere Wolken sind aufgezogen, dicke Regentropfen klatschen – zu unwirtlich zum Aufstieg. Warten. Die Wiesen rundum sind noch von letzten Schneeflecken bedeckt, etwas tiefer drängt dagegen bereits das erste Grün tapfer gen Himmel. Fröstelnd hocken wir in einer zugigen Bar, die irgendwie zwischen Sommer- und Wintersaison stecken geblieben ist, zwischen Glühwein und Eiscreme, die müde Wirtin noch sichtlich vom langen Wintereinsatz gezeichnet.

Und dann ist es so weit. In der freudlosen Bar hätten wir’s fast verpasst. Strahlendes Blau dringt durch die Wolken, die Sonne schafft sich mit Macht und Hilfe engagierter Windböen Platz, der Fels ist frei, der Himmel blank geschoben. Jetzt passiert’s! Ungeduldig werden trotz inzwischen 15 Grad alle Fleece-Schichten wieder übergepellt, oben wird ein anderer Wind wehen. Elf Kilometer Serpentinen bis ins ewige Eis türmen sich vorm Vorderrad, auch hier zum Saisonstart regelrecht geputzt. Bis zum Abzweig des Pordoi von dichtem Tannenwald umfangen, dann immer luftiger und mit der blanken Westwand der Sella verschlungen. Irgendwann tritt der Wald zurück und gibt den Blick frei auf die bereits im Abendrot erglühende Felsencombo, die ihre weiße Schneemütze noch weit über die Ohren gezogen trägt. Die Straße wird immer spärlicher und schmaler, alte Steinklötze treten zunehmend anstelle moderner Stahlblechplanken, Moose und Flechten ersetzen die Krüppelkiefern, die Vegetationsgrenze bleibt zurück. Schließlich fällt die letzte Kehre und der Blick weit hinaus über die weißen Gipfel der Dreitausender der Ostalpen. Wir sind oben. Aug’ in Aug’ mit dem schlank aufragenden Langkofel im Westen und der eckig-entschlossenen Sella im Rücken. Es ist eiskalt, der Wind fährt schneidend durchs offene Visier – aber es sind die schönsten Berge jenseits des Nanga Parbat.
Und nun beginnt der sensationellste Downhill östlich des Brenners. Mit glühenden Bremsen und Reifen stürzt sich die schmale Yamaha in die schier unüberblickbare Zahl an Kehren und Höhenmetern zwischen Sella und Riva. Das Fassatal bietet noch kurz Gelegenheit zum Durchatmen, dann geht’s hinter Cavalese über das prächtige Zwischenhoch des Passo di Manghen hinab zu den Obstplantagen und in die bereits wohlige Wärme des Valsugana. Ein kleiner Hüpfer noch über einen fast verboten schmalen Nameless-Pass am Lago Caldonazzo, wo selbst Motorradbegegnungen planvolle Rangierarbeit erfordern, bis jenseits von Trento nahezu wieder Meereshöhe erreicht ist.
Es ist Sonntagabend, das lange Wochenende fast vorüber, die Straßen dicht von den Heimfahrern, während in Riva und Torbole das letzte Aufgebot der Unentwegten noch eine Runde bestellt. Keine Sekunde ungenutzt lassen. Dahinter glitzert still der See, ebenso schön im letzten Licht wie bei der Ankunft. Die weißen Mützen auf den Zweitausendern rundum sind ein wenig kürzer geworden, die Sonnenstrahlen länger, der Wind hat aufgefrischt und der Sonntag gerade noch vier Stunden. Danach beginnt der Sommer.

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