Unterwegs: Weg eines Ozeanriesen zur Nordsee (Archivversion) I am Sailing

Wenn die rauchige Stimme von Rod Stewart über die Deichkrone kratzt und eine karibische Farbenpracht das monotone Grün-Blau Norddeutschlands durchschneidet, ist es so weit: Ein Traumschiff verlässt die Werft und macht sich auf in Richtung Nordsee. Mit der Road King unterwegs zur Norwegian Gem: Der König der Straße trifft einen Edelstein der Weltmeere.

Ein mächtiges Hupen fährt in die Glieder, lässt das Herz zittern. Atemlose Stille liegt über dem Land. Dann dringt noch einmal eine unglaubliche Bass­frequenz tief in den Bauch. Majestätisch schwebt die monotone Klangwolke übers Land, verliert sich im Horizont, der hier, hoch oben im Nordwesten Deutschlands, in unerreichbaren Fernen zu liegen scheint. Und noch ein drittes Mal werden wir gefordert. Mein Daumen zuckt zum Signalhorn der Road King. Die Harley antwortet mit meckerndem Tröten – das Ergebnis kann mickriger nicht sein. Gott sei Dank versucht es Fotograf Klaus auf seiner Honda CBR 600 erst gar nicht, sondern starrt gebannt auf die sur­real wirkende Szenerie, die sich vor unseren Augen aufspannt.
Inmitten eines kleinen, nur wenige Fußballfelder umfassenden Hafenbeckens liegt ein gigantischer Koloss aus Stahl und Glas – ein Ozeankreuzer, wie er mächtiger kaum sein kann. Kennen Sie das Traumschiff? Vergessen Sie es. Oder besser: Stellen Sie es sich als Stretchversion vor. Denn die Norwegian Gem, die vor uns am Ausrüstungskai der Papenburger Meyer-Werft liegt, misst exakt 294,13 Meter und ist mächtige 32,20 Meter breit.

Mit dem Dreiklang hat Werftkapitän Thomas Teitge den Abnabelungsprozess der Norwegian Gem eingeleitet. Leinen los heißt es, dann schiebt sich das Heck des Dampfers langsam in die Mitte des Hafenbeckens. Im Rückwärtsgang steuert das Riesenschiff auf die Dockschleuse zu. Um uns herum kommt Bewegung auf. Tausende haben sich eingefunden, um dem Spektakel beizuwohnen. Vor der stählerneren Spundwand des Hafenbeckens stehen weit über hundert Wohnmobile mit Blickrichtung auf die Breitseite des Schiffs. Seit Tagen campt man hier, wartet auf den Augenblick, in dem sich der Luxusdampfer in millimetergenauer Präzisionsarbeit durch die enge Dockschleuse in das Fahrwasser der Ems schiebt. Freilich sind auch viele Einheimische aus Papenburg und der Umgebung zu Fuß oder auf dem im Norden allgegenwärtigen Hollandrad zur Werft gepilgert, um »ihr« Schiff zu verabschieden.


Wir sind am Abend zuvor auf der A 31 durch dunkles Niemandsland angereist und standen plötzlich im Papenburger Hafen vor dem strahlenden Palast. Noch schwenken die Kräne der Werft geschäftig über das Schiff, eilen Arbeiter in Blaumännern und mit gelben Schutzhelmen über das Deck, während die Crew auf dem Oberdeck das Basketballfeld einweiht. Willkommene Einstimmung, bevor es tief in den Bauch des Schiffes geht, um sich in den Wasch- und Kochküchen um das Wohl von künftig 2400 Pas­sagieren zu kümmern. Aus den Wohnmobilen rundum zieht indes der Duft eingedoster Erbsensuppe, Fernseher flimmern bläulich, und die Hymer-Kapitäne stehen vor ihrem »Dreamliner« mit Flaschenbier. Einmal auf so einem Pott mitfahren? »Nö«, heißt es da lakonisch, »wir rollen lieber selber. Uns reicht es, bei dem Spektakel zuzuschauen.«

Das ist 24 Stunden später in vollem Gange. Im Schritttempo schiebt sich die Norwegian Gem durch die Dockschleuse in das Fahrwasser der Ems. Links und rechts stauen sich Menschenmassen und staunen über eine bunt lackierte Stahlwand vom Format eines Hochhauses, die an ihnen vorbeizieht. Aus den Bordlautsprechern schmettern Sarah Brightman und Andrea Bocelli mit reichlich Tremolo »Time to say Goodbye« und drücken damit mächtig auf die Tränendrüse.

Wir starten unsere Motoren, wollen den Edelstein Norwegens auf seinem Weg in die Freiheit begleiten. Leise surrt der Nippon-Four von Klaus, während die Harley mit ihren Kolbenschlägen immerhin ein bisschen Schiffsdiesel-Flair verbreiten kann. Rechtzeitig erreichen wir die kleine Gärtnersiedung Halte, die genau gegenüber der Hafenausfahrt an der Ems liegt. Als wir auf der Deichkrone stehen, passieren gerade die letzten Meter der Bugspitze die Dockschleuse. Geschafft! Wie ein Baby hat sich das Schiff durch den engen Geburtskanal der Werft gepresst und schwimmt nun auf der Ems der Freiheit der Meere entgegen – ein bewegender Augenblick, den der Bord-DJ mit Rod Stewarts Klassiker »Sailing« nicht passender unterlegen kann.

Doch richtig Fahrt nimmt die Norwegian Gem noch nicht auf. Die Fahrrinne der Ems ist eng, kurvenreich, und die rund 40 Kilo-meter bis zur Flussmündung muss der Kapitän im Rückwärtsgang bewältigen. Drehen kann das 300-Meter-Schiff erst in der Nordsee.

Wir schauen dem Pott nach, wie er gemächlich hinter der nächsten Flussbiegung verschwindet. Wobei »verschwinden« eigentlich das falsche Wort ist. Schließlich ist das Schiff im ost-friesischen Flachland allgegenwärtig und zieht kilometerweit sämtliche Blicke auf sich. Viel Aufmerksamkeit erhalten auch die Erbauer. Auf den wenigen Flusskilometern bis zur offenen See liegen Ärger und Anerkennung dicht beisammen.

Auf der einen Seite ist da die Meyer-Werft mit ihren über 2000 Beschäftigten und zig Aufträgen, von denen viele mittelständische Handwerksbetriebe in dieser strukturschwachen Region profitieren. Denn das Schiff wird ja nicht nur aus schlichten Stahlplatten zusammengeschweißt. Zusätzlich müssen 1200 Kabinen mit Teppichen, Gardinen und Waschtischen bewohnbar gemacht, Wände gestrichen und Kabelstränge gezogen werden. Alle sechs Monate verlässt ein mit Fitnessclubs, Theatersälen und Edelrestaurants voll ausgestatteter Luxuscruiser die riesigen Trockendockhallen. Die Auftragsbücher sind über Jahre gefüllt. Und dennoch: »Wenn Meyer hustet«, so unkt ein Lokalreporter der ortsansässigen Zeitung, »liegt die Region mit »nem Fieberthermometer im Bett.«

Auf der anderen Seite sind da die Menschen, die vom Fluss leben. Wie der Deichschäfer in Nesseborg, der seine Schafe im Schatten der Werft nicht mehr zum Grasen an die Ems lassen kann, weil das Gras durch das Aufstauen des Flusses vor jeder Über-führung ungenießbar wird. Oder die Emsfischer von Jemgum, die wegen Ausbaggerns und ständiger Vertiefung des Flusses um ihre Existenz fürchten müssen. Auf unserem Turn entlang des Deichs hören wir immer wieder kritische Töne.
In dem kleinen Ostfriesenstädtchen Weener ist davon jedoch nichts zu spüren. Mühsam schieben wir uns mit Road King und CBR durch die Massen, die es in Richtung Ems drängt. Hier muss die Norwegian Gem nach der Papenburger Dockschleuse das nächste Nadelöhr passieren. Eine alte Eisenbahnbrücke ist es, die sich der reibungslosen Passage über die Ems in den Weg stellt. Bereits am Nachmittag wurde gleich ein ganzes Segment der Brücke ausgehängt, welches nun an den stählernen Trossen eines Schwimmkrans baumelt. Wer heute mit der Bahn ab Weener verreisen wollte, hatte wahrhaft schlechte Karten. Aber wozu verreisen, wenn das Spektakel vor der eigenen Türe über die Bühne geht?

Mittlerweile hat sich Dunkelheit über den Fluss gelegt, und am Deich herrscht nun Volksfeststimmung. Aus der Schwärze rollt die Norwegian Gem wie ein leuchtender Ball heran, im Nichts der Nacht flankiert von einer Melange aus Fahrrad- und Taschenlampen, die das Schiff entlang des Deichs begleiten. Auch an Bord herrscht ausgelassene Stimmung, die Ehrengäste von Werft und Reederei scheinen es ganz und gar nicht zu bedauern, dass die Jungfernfahrt der Norwegian Gem sie nicht an irgendwelche karibischen Traumstrände entführt.

Wie schon an der Dockschleuse passiert der Luxusliner die Öffnung der Brücke ohne das geringste Zucken. Anhalten oder rangieren sind Fremdworte. Unterstützt wird Werftkapitän Teitge von der Lotsenbrüderschaft Emden, gemeinsam hat man am Computersimulator alle Manöver der Überführung trainiert.


War in Papenburg die Stimmung noch von Wehmut und Abschied geprägt, herrscht zehn Kilometer weiter Partylaune. Passagiere an Deck und Passanten am Deich jubeln über die erstklassige Steuerleistung der Brückenbesatzung, deren rot beleuchteter Arbeitsplatz mittlerweile einem U-Boot-Gefechtsstand gleicht. Und die den Beifall an Land mit dem obligatorischen Dreiklang aus dem mächtigen Nebelhorn quittieren.

Auch wir schließen uns wieder der Karawane an, geben dem Pott Geleitschutz in Richtung Leer, wo sich auf der Jann-Berghaus-Brücke bereits die Schaulustigen drängen. Die Ems ist an dieser Stelle deutlich breiter als zuvor. Dennoch bietet die Klappbrücke eine der letzten Gelegenheiten, dem Ozeanriesen noch einmal richtig nahe zu kommen. Wir haben uns mit den Bikes direkt vor der Schranke auf der Brücke postiert. Nur noch wenige Meter trennen uns vom Koloss, als plötzlich die Wasserschutzpolizei, die auch auf den Brücken und Deichen das Sagen hat, aufmarschiert: »100 Meter Abstand!« tönt es plötzlich aus den Lautsprechern.

Nur widerwillig lassen wir uns mit der Meute, die der Norwegian Gem an dieser Stelle am liebsten noch einmal zärtlich über den stählernen Rumpf gestreichelt hätte, zurückdrängen. Während das Schiff wieder Fahrt aufnimmt, rollen wir mit der Road King und der CBR auf die Deichkrone direkt neben der Brücke und werden fröhlich von Manni, Andrea und Claus begrüßt. Die waschechten Ostfriesen haben es sich seit dem Nachmittag mit ihrem zum Wohnmobil umgebauten Setra-Bus auf diesem erstklassigen Ausguck gemütlich gemacht. Die Ostfriesen, über die doch so gern gewitzelt wird, nehmen ihrerseits auf eine herrlich erfrischende Art so manche dumm fragende Touristin auf die Schippe: »Das Kreuzfahrtschiff? Nein, nein, meine Gnädigste, das kommt später. Das hier ist nur so’n lütter Gastanker, der noch vorher rausmusste. Woll’n Se so lang ’n Jever mit uns trinken?«


Als die Gem, so wie es das Seerecht vorschreibt, beim Passieren der Hafenausfahrt von Leerort erneut ihr Nebelhorn erklingen lässt, ist Manni in seinem Element. Er klettert hinters Steuer seines Setra und antwortet mit gefühlten zwölf Bar seiner Bushupe. Schon besser. Die Harley schweigt beleidigt, Klaus grinst.

Der schwimmende Palast hat inzwischen ohne viel Aufhebens die Klappbrücke passiert. Auch hier jubeln die Zuschauer, Raketen steigen auf, mit Böllerschlägen verabschieden die Leeraner den flüchtigen Gast. »Wollt ihr mal das Schiff von unten sehen?« Wir vermuten wieder einen Witz der Ostfriesen, doch sie wollen uns nur zur Autobahn schicken: »Gleich fährt der Pott über die A 31. Das müsst ihr euch angucken.« Wir schwingen uns in die Sättel und machen uns auf in Richtung Emstunnel. Gerade noch rechtzeitig biegen wir auf den Emsland-Highway ein, der sich pfeilgerade vom Ruhrpott in Richtung Nordsee zielt, und fahren genau auf das Traumschiff zu, bevor wir im Tunnel verschwinden und Ems samt Schiff über uns rauschen lassen.

Wir machen uns auf, geben Gas, um die Norwegian Gem nochmals am Emssperrwerk in Gandersum bei Emden zu treffen. Das knapp einen halben Kilometer breite Bollwerk, an der Emsmündung vorrangig zum Schutz vor Sturmfluten erbaut, stellt das letzte »Hindernis« dar, bevor das Schiff mit der Einfahrt in die Meeresbucht des Dollarts die offene Nordsee erreicht. Seit 2002 ist es in Betrieb, wobei der Bau des Sperrwerks bis heute die Gemüter erhitzt: Kritiker monieren, dass damit einzig alle halbe Jahre die Überführungsfahrten der Ozeanriesen der Meyer-Werft gesichert wurden, während durch das Aufstauen Flora und Fauna des Deichvorlands nachhaltig zerstört wurden.

Mittlerweile ist es weit nach Mitternacht, doch noch immer sind Menschen unterwegs, um das Schauspiel, das sich regelmäßig alle sechs Monate abspielt, zu bestaunen. Gebannt starren sie auf die glitzernde Wand, die sich aus der Ferne heranschiebt und auch die Sperrwerk-Passage durch das problemlos meistert. Lange schauen wir dem leuchtenden Punkt hinterher, bis er sich in der Weite des Dollarts verliert wie im offenen Meer verliert. Fast ist sie in Freiheit.

Das Schiff hat uns in den Bann gezogen. Am nächsten Tag schwingen wir uns auf die Kräder, wollen den norwegischen Edelstein ein letztes Mal bei Tageslicht in Eemshaven anschauen. Durchs ostfriesische Rheiderland steuern wir in Richtung niederländische Grenze, passieren winzige Siedlungen mit winzigen Häusern und witzigen Namen wie Tichelwarf und Aaltuckerei. Auf Jemgum folgt Critzum und auf Hatzum schließlich Ditzum und Pogum. Klingt doch irgendwie logisch. Die Road King brummt zufrieden.

Bei Nieuweschans geht es über die offene Grenze nach Holland. Messerscharf und wie mit dem Lineal gezogen durchschneiden die Straßen das mühsam dem Meer abgetrotzte, fruchtbare Marschland direkt hinter den Deichen. Wie ein überdimensionaler Staubsauger verschlingt der Milwaukee-Twin das platte Land in dem verchromten Scheinwerfergehäuse.
Ideales Terrain für die Road King, denn Motorrad fahren im Norden, das ist nicht die Sucht und Suche nach Kurven. Motorradfahren im Norden, das ist pure Meditation. Körper und Geist zehn Minuten lang schnurgeradeaus fliegen lassen, bevor eine exakt im rechten Winkel abknickende Kurve zum Umdenken und Abwinkeln zwingt. Klaus kann meinen Gedanken auf der supersportlichen CBR 600 RR nur mühsam folgen und atmet immer wieder auf, wenn ihn endlich ein Kreisverkehr aus der anstrengenden Monotonie in Kauerhaltung in die lang ersehnte Schräglage zwingt.

Zugegeben, diese stampfende Flucht durch die schier unendlichen Weiten des Nordens ist nur bei strahlendem Sonnenschein und blau getünchtem Himmel ein Genuss. Wehe, es legen sich dunkle Wolken und zäher Nebel tagelang übers Land, und sagen­um­wobene Irrlichter ziehen den Wanderer ins Abseits, als wollen sie im sumpfigen Moor vom rechten Weg abbringen. Sagen aus längst vergangenen Tagen, doch einen Funken Wahrheit möchten wir Nordlichter ihnen nicht absprechen.

Wir lassen uns treiben, pfeilen vorbei an hektargroßen, nicht enden wollenden Feldern. Nur wenige Bauernhöfe geben dem Auge halt in dieser Einöde. In der Ferne stets präsent: Windräder und das grüne Deichband, das den Horizont begrenzt. Gelegentlich durchbrochen von alten Sieltoren, die einst bei Sturmfluten mit schweren Gebälk verschlossen wurden.
Irgendwann hat man in dieser Weite die Orientierung verloren, peilt nach dem Stand der Sonne und kramt schließlich das Navi hervor. Erstaunt schaut man auf das Display, ja, hier steht man direkt auf Meereshöhe.

Wir schauen uns um und sehen plötzlich den Edelstein in der Ferne funkeln, wie er majestätisch in Eemshaven an der Nordsee am Kai liegt. Mit einem Mal erscheint die Norwegian Gem wie ein gestandener Ozeandampfer. Und die Dimensionen sind wieder gerade gerückt. Am Meer ist sie nicht länger das Gulliverschiff, das sich vorsichtig durchs Liliput-Land schiebt.
Nun ist sie endlich in ihrem Element angekommen. In Gedanken legen wir noch mal Rod Stewart auf und nehmen Abschied: Leb wohl, Norwegian Gem, allzeit gute Fahrt und stets eine Handbreit Wasser unterm Kiel.

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