USA (Archivversion) Bis zum Ende der Prärie

Das Massiv der Tetons markiert am Jackson Lake das Ende der weitläufigen Prärielandschaft, die sich von Süd-Dakota bis Wyoming zieht - die Heimat der Sioux-, Shoshone- und Arapaho-Indianer.

Schon von fern höre ich den tiefen Klang der Trommeln. Schnelle Schläge, laut, rhythmisch, unheimlich. Wenig später setzt schriller Gesang ein. Vielleicht sieben oder acht Sänger schreien die alten Melodien der Sioux-Indianer in einen feuerroten Abendhimmel. Ich stehe am Ufer des Missouri und lausche lange dieser ausdrucksvollen Musik. Ein heißer, trockener Wind fegt über die baumlosen Hügel der Prärie im Lower Brule-Indianerreservat in Süd-Dakota. Langsam fahre ich in die Richtung, aus der der Gesang zu hören war. Eine breite, desolate Straße führt durch eine der ärmsten Regionen Nordamerikas. Rechts und links stehen vereinzelt schäbige Häuser aus Holz, notdürftig ausgebessert mit Plastikfolien oder groben Brettern. Halbnackte Kinder spielen in einem trostlosen Umfeld zwischen ausgeschlachteten Autowracks und Müll, der aus übervollen Tonnen quilt. An einer Kreuzung ein einfacher Verschlag, an dem blinkende Leuchtreklamen für alkohlische Getränke werben. Uralte Straßenkreuzer, verbeult und verrostet, parken in einer langen Reihe, die Fahrer lassen sich Bier und Schnaps durch die Fenster in die Fahrzeuge reichen. Trostloser Alltag in einem Reservat, keine Spur von der Romantik, die in vielen Köpfen spuckt, wenn von Indianern die Rede ist. In einem Gebäude der Stammesverwaltung erklärte mir Bill Whitedeer vor einigen Stunden die Hintergründe einer traurigen Statistik. In keiner Bevölkerungsgruppe in den USA gebe es so viele Alkoholiker wie unter den Indianern. Die Ursachen: Es ist der nicht zu verschmerzende Verlust der eigenen Kultur, die seit der Ankunft der ersten Europäer ununterbrochen mit Füßen getreten wurde. Ebenso düster wie die Vergangenheit sieht er die Zukunft seines Stammes. Fast 95 Prozent der Reservatsbewohner seien ohne Arbeit, für Schule und Ausbildung gebe es einfach kein Geld, und indianische Wertvorstellungen hätten keinen Platz in der modernen Welt der Weißen. Er weiß, daß es nur wenigen gelingt, ein Leben außerhalb der perspektivenlosen Reservate zu führen.Aber Bill erzählte auch von dem jährlichen Pow Wow, welches an diesem Wochenende stattfindet. Aus dem ganzen Land seien Tänzer, Sänger und Trommler nach Lower Brule gekommen, um die alten Lieder und Tänze der Sioux vorzuführen. Es dämmert, als ich den Lagerplatz hinter dem kleinen Ort erreiche. Im Schrittempo rolle ich auf der Harley zwischen Autos und Zelten hindurch. Große, weiße Tipis, bemalt mit religiösen Ornamenten oder Tiermotiven. Kleine Lagerfeuer brennen vor den Zeltöffnungen, Steaks und Hamburger bruzeln über den Flammen. Ich höre, wie ein alter Mann mit langen geflochtenen Zöpfen einer Gruppe von staunenden Kindern erzählt, wie er als Teenager seinen ersten Büffel erlegte - mit Pfeil und Bogen. Ein paar Meter weiter tauscht ein junger Tänzer Boots, Jeans und Cowboyhut gegen perlenbestickte Mocasins, Brustpanzer aus Büffelknochen und einen Kopfschmuck aus Adlerfedern. Mißtrauisch werde ich beobachtet. Touristen kommen nur selten nach Süd-Dakota und in die abgelegenen Reservate schon gar nicht. Doch das Interesse an mir läßt plötzlich nach. Einer der anwesenden Medizinmänner ruft über eine krächzende Lautsprecheranlage die wartenden Tänzer wieder in die kreisrunde Arena, in deren Mitte ein großes Feuer unheimliche Schatten wirft. Zum Rhythmus einer laut geschlagenen Trommel beginnen über 50 traditionell gekleidete Sioux-Indianer langsam und würdevoll zu tanzen. Wie in Trace zelebrieren sie mit einem stolzen Glanz in den Augen die seit Generationen überlieferten Tänze. Drei Tage und drei Nächte lang vergißt ein zu Sozialhifeempfängern degradiertes Volk das triste Dasein in den Reservaten. Ich fahre weiter nach Westen. Schnurgerade zieht sich der Asphalt durch die weitläufigen Hügel der schier unendlichen Prärie. Ehemaliges Indianerland, durch das einst große Büffelherden zogen, heute eingezäuntes Farmland, bibelfest und patriotisch. In den wenigen Kleinstädten kaum ein Haus, vor dem nicht die Landesfahne weht, und wo hölzerne Kirchtürme neben riesigen Getreidesilos die einzigen Bauwerke mit mehr als zwei Stockwerken sind.Langsam verändert sich die Landschaft. Unter dem Dunst einer brennenden Mittagssonne erkenne ich schemenhaft die pastelfarbenen Felsenformationen im Badlands-Nationalpark. Wind und Wetter schliffen in vielen tausend Jahren skurille Formen in das Gestein. Eine breite Straße windet sich besuchergerecht von einem Aussichtspunkt zum nächsten. Es ist irrsinnig heiß in dieser wüstenhaften Gegend. Auf einem Felsenvorsprung über einem Canyon stelle ich den Motor der Harley ab. Pötzlich herrscht eine unheimliche Stille. Nur der heiße Wind pustet feinen Sand in mein Gesicht. Ein altes Wohnmobil hält neben der Harley am Straßenrand. Der Kerl am Steuer möchte wissen, ob ich eine Panne hätte. »Nein, aber riesigen Durst.« Er grinst, steigt aus, drückt mir ein tiefgekühltes Budwiser light in die Hand. Ich reiße die Dose auf, zwei, drei große Schlücke, dann ein eisiges Gefühl im Magen, zufriedenes Nicken, und schon spendiert er die zweite Runde. Der Kerl ist in Ordnung. Allerdings schüttelt er verständnislos den Kopf, als er hört, daß ich in das nur wenige Kilometer entfernte Pine Ridge-Indianerreservat fahren will. Er mag keine Indianer, und überhaupt, das Reservat sei der größte Slum Amerikas. Für ihn ist es schlichtweg undenkbar, daß er auch nur einen Fuß auf das Land der Oglala-Sioux setzt. In Scenic gabelt sich die Straße, die Strecke nach Süden führt durch weitläufges, hügeliges Grasland bis zu der weißen Kirche von Wounded Knee im Pine Ridge-Reservat. Zu Fuß folge ich einem schmalen Pfad, erreiche einen kleinen Hügel. Rechts und links Gräber gefallener Indianer. Ein Mahnmal der Sioux. Vor 105 Jahren meuchelten amerikanische Truppen an diesem Ort sinnlos den Stamm des Häuptlings Big Foot, der sich längst ergeben hatte. Das Morden von 250 Männern, Frauen und Kindern ging als die letzte kriegerische Auseinandersetztung zwischen Indianern und Weißen in die amerikanische Geschichte ein. Ich treffe einen alten Mann, der mit seinen beiden Enkeln vor einem Stein Blumen niederlegt. Er erzählt, daß seine Großeltern bei dem Überfall hier starben. Die beiden Kids kennen die Geschichte anscheinend in- und auswendig, gelangweilt kicken sie eine leere Cola-Dose über die Wiese. »Unser Kinder wissen heute nicht mehr, wohin sie gehören« erklärt der alte Indianer mit einem strengen Blick zur Seite. »Aber was können wir ihnen in den Reservaten außer den alten Geschichten schon bieten?«Es dämmert, als ich das Reservat wieder in Richtung Westen verlassen will. Kurz vor der Grenze lockt mich ein Schild auf einen übervollen Parkplatz vor einem großen Gebäude. In riesigen Buchstaben leuchtet Casino über dem Eingang. Ein uniformierter Sicherheitsbeamter durchwühlt meine Taschen nach eventuellen Waffen, dann stehe ich mitten im überlauten Gedaddel unzähliger Spielautomaten. Die Roulette- und Blackjack-Tische weiter hinten sind vollbesetzt, in einer anderen Ecke wird Bingo gespielt. Ausschließlich Indianer bedienen ausschließlich weiße Gäste - und der Stamm verdient gut daran.Die Sioux nutzen wie viele andere Stämme ein Sonderrecht, welches es seit sieben Jahren gestattet, daß in den Reservaten Spielhallen betrieben werden dürfen. Ein Recht, welches die meisten Bundestaaten nicht haben. Über sechs Milliarden Dollar erwirtschafteten stammeseigene Casinos im letzten Jahr, Gelder, die in den Elendsregionen dringend für den Bau von Schulen oder für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen benötigt werden. Ein Casino-Angestellter bringt es auf den Punkt: »Eine bessere Entwicklungshilfe gab es bisher noch nicht.«Vor mir zeichnen sich sanft die ersten Umrisse der Black Hills gegen einen tiefblauen Himmel ab. Langsam steigt die Straße durch einen dichten Wald, in dem steile Felsen stehen. Klare Bäche, türkisfarbene Seen - Schwarzwald-Stimmung. Bis auf die Büffel, die plötzlich hinter einer engen Kehre die Straße blockieren. Vollbremsung, Motor aus, bloß nicht die Nerven verlieren. Zehn Meter vor der Harley trotten die mächtigen Tiere langsam über den Asphalt, eindrucksvoll schnaubt ein erregter Bulle Grunzlaute in meine Richtung. Ich zähle über 80 Büffel, die langsam vor mir herlaufen. Imposante Bullen, Muttertiere mit Kälbern, übermütige Jungstiere. Dann verschwindet die Herde im Wald, wie Bulldozer schieben sich die mächtigen Viecher durch das dichte Unterholz. Kurz darauf herrscht wieder Ruhe. Was bleibt, sind riesengroße Haufen auf dem Asphalt. Wenig später geht überhaupt nichts mehr. Je näher ich dem Mount Rushmore komme, desto dichter der Verkehr. Ellenlage Wohnmobile rangieren durch enge Kurven, Autos stehen dicht an dicht. Nahezu alle Zufahrtsstraßen zu dem Berg, in dessen Wand die Köpfe der Präsidenten Washington, Jefferson, Lincoln und Roosvelt gehauen wurden, sind hoffnungslos verstopft. Doch ein Blick aus der Nähe auf das monumentale Werk des Bildhauers Gutzon Borglum ist die minutenlange Suche nach einem Parkplatz wert. Kaum ein anderes Werk demonstriert besser die Unverfrorenheit amerikanischer Politik gegenüber den Gefühlen der Indianer. Wie zum Hohn heißt dieses Denkmal aus Granit »Shrine of Democracy«, Altar der Demokratie - und prangt mitten in den heiligen Bergen der Sioux, denen dieses Gebiet 1868 per Vertrag für immer und ewig zugesichert wurde. Die Gier nach Gold und Land ließ die Vereinbarung nur wenige Jahre darauf ohne Einwände der Regierung platzen, es kam zu blutigen Kämpfen, später wurden die geschlagenen Sioux in Reservate zwangsumgesiedelt. Doch die Sioux hoffen noch immer auf ihr Land, weil sich inzwischen sogar das oberste Gericht der Vereinigten Staaten mit den alten Verträgen beschäftigt.Süd-Dakota und die letzten Ausläufer der Black Hills liegen viele Meilen hinter mir. Schnurrend schiebt mich der großvolumige Twin durch die einsame Weite von Wyoming. Nichts behindert den Blick in die Ferne, kein Strauch, kein Baum, kein Berg. Nur noch flaches Gras, das auf den geschwungenen Hügeln der Prärie im seichten Wind weht. Flauschige Wolken hängen wie übergroße Wattebäusche am dunkelblauen Himmel. Lusk, Orin, Casper, Riverton, Dubois, allesamt Ortschaften am Highway, in denen der Mythos des Wilden Westen leibhaftig besteht. Cowboys reiten auf Pferden neben den breiten Straßen, jede Kneipe heißt Saloon, und im Wind River-Reservat bereiten Arapahos und Shoshonen ein großes Rodeo für das kommende Wochende vor - wenige Tage im Jahr, an denen Weiße und Indianer hier zusammen kommen. Schneebetupfte Berge und zackige Felsen unterbrechen die ruhige Monotonie der Prärie. Völlig unerwartet bestimmen die über 4000 Meter hohen Grand Teton Mountains den Blick nach Westen, ein gnadenlos vermarktetes Stück Natur nur wenige Kilometer südlich des Yellowstone-Nationalparks. Hinter Moran beginnt knallharter Freizeitstreß, so unendlich lang ist der Stau auf der Panoramastraße, die zu den besten Aussichtspunkten am Ufer des Jackson Lake führt. Ein simpler Umstand treibt mich schon am frühen Nachmittag zu unangemessener Eile, die mir einfach keinen Blick mehr auf die Wunder der Natur gestattet. Ich gehöre zu den Verzweifelten, die weder im Jahr zuvor ein Zimmer reserviert haben noch mit einem Zelt unterwegs sind. Die Lage ist hoffnugslos. Jackson, ein als Westernstadt getarntes Einkaufszentrum am Südende der Grand Tetons, ist völlig ausgebucht. Also zurück, 50 Meilen bis zum Yellowstone-Nationalpark, weitere 55 Meilen völlig genervt quer durch den Park bis zu der kleinen Ortschaft West Yellowstone. Vergeblich, die vielen tausend Betten sind längst belegt. Es ist bereits stockdunkel. Todmüde fahre ich über einen kleinen Pfad durch den dichten Wald ganz in der Nähe des Old Faithful-Geysirs, der wohl berühmtesten Dampfwasserfontäne der Welt. Obwohl nicht erlaubt, rolle ich meinen Schlafsack am Rand einer großen Lichtung aus. Kein Mensch und kein Auto stören die tiefe Stille. Nur ein kleinen Bach plätschert leise über glatte Steine.Dichte Rauchschwaden ziehen durch den Wald. Nachdem sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, mache ich mich auf und entdecke nach wenigen Metern sprudelnde Quellen, aus denen der dampfende Schwefel aufsteigt, heise vulkanische Gase, die tief im Erdinneren entstehen. Überdall dampft, brodelt und zischt es. Die Stimmung ist schlichtewg atemberaubend.Auf dem Weg zurück zu meinem Schlafplatz stockt mir plötzlich der Atem. Ein Herde Wapitihirsche zieht durch das Dickicht, nahezu geräuschlos und unglaublich majestetisch. Junge Kälber neben ihren Müttern, imposante Bullen mit hochaufragenden Geweihen. Ich lege mich mucksmäuschenstill auf den feuchten Boden, wage kaum zu atmen und beobachte die imposanten Tiere beim Grasen. Nur wenige Minuten später der dieser wunderschöne Spuk in den Bergen am Ende der Prärie vorbei.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote