Venezuela (Archivversion) Die geliehenen Bikes

Eigentlich hatten sie einen Trip nach Marokko geplant. Doch die Chance war zu gut: zwei reisefertige Motorräder, auf der anderen Seite des Globus geparkt. Zum Ausleihen. Christopher und Menno sagten sofort zu.

Alles begann im Grunde mit diesem Grillfest. Als zwei Schweizer er-
zählten, sie hätten ihre Reisemotor-
räder vor gut zwei Jahren in Venezuela
zurückgelassen. Top in Schuss und sicher
abgestellt. »Würdet Ihr sie vermieten?« –
»Ja!« Zwei DR 650, nicht offiziell eingeführt und mit abgelaufenen amerikanischen Kennzeichen. Die Sache war klar, Marokko verschoben. Kurzerhand beschlossen Menno und ich, deutsche Nummernschilder und die entsprechenden Papiere
mitzubringen. Okay, nicht ganz legal, und eine Seite im internationalen Zulassungsschein stammt letztlich aus meinem
PC, doch es funktioniert.
Monate später beginnt in Mérida die Suche nach den Motorrädern. Die Stadt mit inzwischen rund 130000 Einwohnern
ist seit meinem letzten Besuch vor zehn Jahren stark gewachsen – und verwahrlost. In den Hauseingängen schlafen viele Obdachlose. Die eine Maschine steht im Keller eines Hotels und ist offenbar seit der Heimreise der Schweizer nicht mehr gelaufen. Wir installieren eine vorsorglich bestellte Batterie, reinigen Benzinhahn und Vergaser. Worauf der Single anspringt, sich allerdings weigert, Gas anzunehmen. Also Vergaser wieder raus und eine Werkstatt mit Ultraschall-Reinigungsgerät suchen. Unglaublich, aber wahr – wir finden eine. Spät abends läuft der Motor einwandfrei. Die zweite DR parkt auf einer Hacienda außerhalb der Stadt und ist
abgesehen von etwas platten Reifen nach wenigen Versuchen einsatzbereit. Blöderweise gibt unsere neue Pumpe den
Geist auf, weshalb wir wie Vollamateure mit Platten und abgelaufenen Ami-Kennzeichen zurück in die Stadt eiern.
Am nächsten Tag geht’s los. Den zahlreichen Kontrollposten genügt ein Blick auf die deutschen Kennzeichen, um uns als Touris durchzuwinken. Schon bald verlassen wir die Hauptverbindung, rollen auf herrlichen kleinen Andensträßchen nordwärts Richtung Karibik und kurven über den 4007 Meter hohen Paso Pico El Aguila, teils mitten in den Wolken. Ohne viel Gepäck fegen die leichten Suzukis flink durch die schroffe, alpine Landschaft. Bei einer Rast amüsiert sich die ältere Wirtin über die schwer einzuordnenden Touristen und lacht herzlich durch ihr
lückenhaftes Gebiss.
Valera taucht auf, trostlos und von einem riesigen Slumgürtel umfangen.
Aus dem geplanten schönen Hotel für
die Nacht wird nichts. Es gibt weder ein schönes noch überhaupt eines. Unvorsichtigerweise geraten wir so in die Nacht, müssen bis ins weit entfernte Barquisimeto. Völlig fertig fallen wir ins Bett –
bloß nicht noch einmal bei Dunkelheit
fahren. Viele Fahrzeuge sind kaum
oder gar nicht beleuchtet.
Am nächsten Morgen ein schneller Kaffee, und durch Buschland und niedrige Wälder führt die Strecke Richtung Valencia. Kurz hinter der Stadt blockiert ein
umgekippter, völlig überladener Laster die Straße. Über einen Teppich aus Zuckerrohr quetschen wir uns vorbei. Wenig
später stoppt uns ein Polizist auf einer
XT 600. Was das für Kennzeichen seien?
Und ob es sich lohne, für fünf Wochen Motorräder zu verschiffen? Er hält uns entweder für bescheuert oder stinkreich. Ich nehme mir vor, unsere Reisepläne künftig ein wenig auszuschmücken.
Laut Karte gibt es zwei Routen von Maracay nach Choroní, einem ehemaligen Seeräuberdorf an der Küste. Zwei Stunden suchen wir die attraktivere der beiden,
nur um dann wieder in Maracay zu landen. Also doch den direkten Weg. Der so eng ist, dass ein einziger Bus jeden Verkehr zum Erliegen brächte. Kurz vor der Küste ein letzter 2000 Meter hoher Pass, bevor die Straße in den Henri Pittier Nationalpark und zum ehemaligen Piratenstützpunkt hinabführt. Die Abfahrt zur Küste ist malerisch, der Wald so dicht und grün, dass
er stellenweise den Himmel verdunkelt. Ein wunderschöner Platz, ideal für ein
paar Tage zum Relaxen am Strand.
Leider beginnt mit unserem Aufbruch der Regen und verwandelt den Asphalt
in eine gefährliche Rutschbahn. Kurz vor
Caracas blockieren erste Unfälle die
Straßen. Gottlob ist Sonntag und der Verkehr auf der Stadtautobahn entsprechend entspannt. Der Regen wird allerdings
immer schlimmer. In Naiguatá steht das Wasser inzwischen zentimeterhoch auf
der Fahrbahn. Am Ortsausgang lässt die Polizei nur noch geländegängige Fahr-zeuge auf die teilweise durch Hangab-
brüche verschüttete Küstenstraße. Glück für die Suzukis, die auch im Ausnahme-zustand noch echtes Enduro-Vergnügen auf der schmale Piste über dem Meer
bieten. Die Fahrwerke funktionieren gut, wir fahren viel stehend, driften, ignorieren vergnügt, dass der Regen uns allmählich komplett durchweicht.
Nach 80 Kilometer Piste erreichen wir kurz vor Einbruch der Dämmerung wieder die Asphaltstraße nach Higuerote. Wo
wir in ein viel zu teures Hotel einfallen, um
einer weiteren Nachtetappe zu entgehen. Mitsamt den völlig verschlammten Klamotten klettern wir unter die Dusche.
Am nächsten Morgen schüttet es
immer noch unerbittlich. Egal, Hotel und
Ort haben nicht viel zu bieten, also weiter. Wenn denn Mennos Maschine ansprin-
gen würde. Unterdruckbenzinhahn und Schwimmernadelventil sind defekt, der Brennraum ist mit Sprit vollgelaufen.
Kerze raus, Motor durchleiern – und der Single läuft. Ab sofort wird abends immer der Spritschlauch abgezogen und mit
einer alten Zündkerze verschlossen.
Nach einer trostlosen Regenetappe
mit erheblichen Navigations- und Motivationsproblemen rund um die Industriestadt
Barcelona hoffen wir auf die kurvenreiche Küstenstraße, die hinter Puerto la Cruz
beginnen soll. Doch plötzlich steht alles, nichts geht mehr. »Wir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lange.«
Wie ich dieses Lied hasse! Langsam tasten wir uns vor, wieder ein umgekippter Lkw. Gerade als wir vorbeidrängeln wollen, rieche ich Öl. Im Nassen ist es kaum zu
sehen. Ein Tankwagen, der seine Ladung auf die Straße ergießt – Öl ist der Haupt-Devisenbringer Venezuelas und drehfreudiger Antrieb von Wirtschaft und Regierung.
Bevor wir uns in der Diesellache ab-
legen, verlassen wir die Hauptstraße und fragen uns über eine wunderschöne Bergstrecke nach Playa Colorado zur Küste durch. Wenn nur nicht der ständige Regen wäre. Jetzt, Anfang Dezember, sollte das eigentlich kein Thema sein. In der Pension eines netten Kanadiers erfahren wir
indes, dass es keine klare Trennung mehr zwischen Trocken- und Regenzeit gibt.
Klimawandel auch hier.
Als wir hinter Río Caribe in Richtung der schönsten Strände des Landes fahren, klart es endlich auf. Kurz hinter dem kleinen Ort geht der Asphalt in guten Schotter über, und die Piste schlängelt sich verwegen durch das Küstengebirge. Menno kann gerade noch einer anderthalb Meter langen, grünen Schlange ausweichen. Noch eine Kurve, dann liegt tief unten die von sanften Bergen und Palmen malerisch umrahmte Playa Medina. Spontan beschließen wir zu bleiben, aber in dem
Hotelkomplex am Fuß der Hügel schlagen uns Arroganz und Preise wie im Ritz
entgegen. Dann eben weiter zur Playa
Puy Puy – wo das Hotel ebenfalls kaum bezahlbar ist. Enttäuscht fahren wir
zurück nach Río Caribe, verbringen dort die letzte Nacht an der Küste.
Über Maturín und Tamblador nehmen wir von nun an Kurs aufs Landesinnere. Vor zehn Jahren stand ich schon einmal vor diesem Militärposten an der einzigen Brücke, die über das riesige Orinoco-Delta nach Tucupita führt. Gleichzeitig das
Nadelöhr eines Großteils des Schmuggels von Süd- nach Nordamerika, entsprechend streng fallen die Kontrollen aus.
Damals brauchte ich anderthalb Stunden, um die Brücke – ohne »regalo« (Geschenk) – passieren zu dürfen. Wir zeigen unsere Reisepässe, und ich gehe auf erste
Geschenkwünsche der Zöllner ein. Nach Zahlung von umgerecht rund zwei Euro Schmiergeld hellt sich die Stimmung im Büro sofort auf. Ich nestle noch den internationalen Zulassungsschein heraus,
hoffend, dass die Nässe die letzte Seite aus meinem PC nicht angegriffen hat. Nein, alles sieht amtlich aus, und wir sind tatsächlich nach kurzer Zeit durch. Uff!
In Tucupita hoffen wir, für die Weiterreise ein paar Informationen aus dem südlichen Grenzgebiet zu Brasilien zu kriegen. Fehlanzeige. Die Stadt scheint wie leergefegt von Touristen. Egal, jetzt muss ohnehin erst eine Bootstour sein: durch das riesige Orinoco-Delta. An der Anlegestelle lädt Aurelio, unser Guide, Proviant auf
das Schiff. Darunter etliche Flaschen Bier, Rum und Cola. Bei endlich traumhaftem Wetter genießen wir die Fahrt durch die immer schmaler werdenden Flussarme. Der Kapitän, ein Indio, scheint das Delta in- und auswendig zu kennen und stoppt an einer flachen Sandbank zum Baden und Relaxen. Irgendwann steigen wir in ein Kanu um, da sich die Flussarme immer enger durch den Dschungel winden.
Mitunter liegen wir flach im Boot, um unter der dichten Vegetation durchzutauchen. Auf dem Rückweg muss Aurelio steuern, der Kapitän hat sich über die Rumvorräte hergemacht und ist total betrunken.
Ein paar Tage später sitzen wir erneut im Sattel, holpern im Schlagloch-Slalom zur Bundesstraße 10 und überqueren schließlich per Fähre den nun viel breiteren Rio Orinoco nach Ciudad Guayana. Sogar Ozeandampfer sind auf dem Fluss unterwegs. Hinter der Stadt kommt es
auf der dreispurigen »Autobahn« fast zum
Super-GAU. Auf der linken Spur ist ein Pick-up liegen geblieben, dünne Äste ersetzen das Warnschild. Im Rückspiegel sehe ich gerade noch, wie ein Sportwagen in den Pick-up einschlägt, Feuer fängt und Teile durch die Luft wirbeln. Ganz rechts außen entdecke ich Menno, völlig verstört, er war direkt neben der Kollision.
Noch einmal geht es per Boot auf Tour, zum »Salto Angel«, dem höchsten Wasserfall der Erde, mitten im venezolanischen Urwald. Geschickt manövriert der Kapitän durch die Stromschnellen des hoch schäumenden Río Carrao, rundum herrliche Tafelberge. Dann taucht mit dichtem Gischtnebel der Fall vor uns auf, tosend stürzt das Wasser aus 972 Metern herab.
Zurück in Ciudad Bolívar, steht die
letzte Etappe der Reise an. Erneut über
die 10, die einzige, 800 Kilometer lange und stark kontrollierte Verbindung, rollen wir bis Santa Elena kurz vor der brasilianischen Grenze. Mit jedem Meter Richtung Süden verschlechtert sich das Wetter.
Bei strömenden Regen schlingern wir gerade durch die ersten Kurven der Sierra
de Lema, als eine Africa Twin entgegenkommt. Wir stoppen, und der englische
Pilot berichtet, dass die Strecke durch das Amazonas- und brasilianische Grenzgebiet Richtung Merida wegen Überflutungen
unbefahrbar geworden sei. Unser Weg.
Also zurück. In »El Dorado« – der Name steht auch hier für Glücksritter, Minenarbeit und Schmuggel – erzählt der Campingplatzbesitzer, ein Schweizer, dass ihm außerdem eine Silbermine gehöre, in der derzeit allerdings ein Meter hoch das Wasser stehe. Und dass hier im Süden quasi rechtsfreier Raum herrsche. Vor zwei Tagen hätten Indios einen Minero wegen irgendwelcher Minenstreitigkeiten umgebracht, was offensichtlich niemanden, vor allem nicht in der Hauptstadt Caracas zu interessieren schien. Nachts hören
wir auf dem nahe gelegenen Río Chicanàn die Boote der Schmuggler.
Wieder in Ciudat Bolívar angelangt,
interessiert sich einer für die Motorräder. Schweren Herzens entschließen wir uns, sie hier schon zu verkaufen und per Bus zurück nach Merida zu fahren. Drei Tage später bringt uns eine sechzehnstündige Höllenfahrt zum Flughafen. Wie betäubt stehen wir am Terminal, in den Taschen den Verkaufserlös für die Vermieter. Kein schlechter Deal war das gewesen.

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