Vergessene Mopeds an der Algarve (Archivversion) Strandgut

Angeschwemmt in den Straßenschluchten von Faro, Loulé und Sagres, wie Treibgut übrig geblieben von einst jugendlicher 50er-Begeisterung – Mopeds vergessen am letzten Westende Europas. Karl Mittenzwei hat sie entdeckt.

Eine Brise vom Meer sorgt für salzige Frische, aus den offenen Café-Fens-tern dringt verlockendes Espresso-Aroma, irgendwo duften bereits die ersten Kirschblüten. Rrrääänn... das Idyll wird jäh gestört. Gnadenlos verdrängt eine Zweitakt-Abgasfahne jegliche Frühlingsdüfte, und der altvertraute Sound kleiner, ungedämpfter Zweitaktsägen lässt jedes Gespräch verstummen. 50er, ganz klar,
die Lebensader des Südens.
Ein zweiter Störenfried röhrt vorbei. Aha, ein Moped. Doch etwas ist anders
als in Spanien, Frankreich oder Italien. Marke? Unbekannt. Zustand? Abenteuerlich. Alter? Undefinierbar. Eindeutig ist
eigentlich nur der Pilot. Kategorie rauchen-
der Mittsiebziger mit Jethelm, den Klebeband gerade noch zusammenhält. Hintendrauf eine riesige Plastikkiste mit Gemüse. Richtig, heute ist Markttag... Rrrääänn... Und noch einer.
Wenn sie nicht gerade unterwegs sind, stehen und lehnen sie an jeder Hauswand, vor den Cafés und Läden, am Fischer-
hafen und unter den Parkverbotsschildern – die Mopeds Südportugals. Obwohl einst in Großserie produziert, ist inzwischen
jedes ein Unikat. Jeder Besitzer ließ sein Gefährt auf individuelle Weise »altern«. Zerbrochene Spiegel, notdürftig geflickte Bowdenzüge, ölende Dichtungen sowie Reifen in allen Stadien jahrzehntelangen Profil- und Gripverlusts. Rostrot bildet
den tragenden Farbton. Sicher, ein paar Schmuckstücke sind auch darunter, doch ein deutscher TÜVler würde kollabieren, und die Polizei am Markttag stets eine
sichere Einnahmequelle verbuchen. Denn wenn Senhor und Senhora mit ihrem
Wocheneinkauf vom Markt heimpöttern, dürften die Zuladungsgrenzen stets
großzügig überschritten sein. Aber hier – não tem problema!
Es scheint, als knatterten die Mopeds schon während der Kolonialzeit durch
die Straßen der Algarve, aber so alt sind die wenigsten. Aus den 70er und 80er Jahren stammen die meisten. Was ein
Alter bis zu 35 Jahre bedeuten kann, und das ist für eine kleine 50er eine ganze Menge. Zumal sie hart rangenommen
werden, jeden Tag. Hier zu Lande auf
Ratbiketreffen garantiert Ehrenpreise abstaubend, folgen diese Mopeds in Lagos, Loulé oder Sagres immer noch ihrer
eigentlichen südeuropäischen Bestimmung: ein preisgünstiges Transportmittel zu sein. Denn die umfassende vierrädrige Motorisierung setzte in Portugal erst
in den 80ern ein. Und so finden sich viele bekannte Namen aus den glorreichen Mofa-, Moped- und Mokickjahren auf den alten Tanks und Getriebegehäusen wieder: deutsche Importe vor allem, Sachs, Zündapp, Kreidler; einige italienische Fabrikate, hin und wieder ein Fernost-Gefährt.
Der unumstrittene Platzhirsch jedoch ist Macal, ein portugischer, außerhalb des Landes kaum bekannter Hersteller. Favorit sind die Modelle »Turismo« und »Luxo«. Die Firma hat es geschafft, als Macal Husqvarna – Motorizadas e Moto-Serras Lda. bis ins neue Jahrtausend vorzustoßen, ihre Typen M 83 sowie die verkleidete Trofeu H2O des 2000er-Jahrgang sind
auf der portugiesischen Motorrad-Website www.rotacoes.com zu bewundern.
Vermutlich wird es allerdings nur eine Frage der Zeit sein, bis all diese Originale von den Straßen der Algarve verschwunden sein werden. Denn die Jugend sitzt auf japanischen Zweirädern, gleich, ob Roller oder Rennhobel, und die Mittdreißiger quälen sich lieber mit dem Nissan
Micra durch die Altstadt. So werden die lädierten Maschinen nun weggeworfen, wenn sie nicht mehr mit Tape und Draht
zu flicken sind. Schade, gehören doch
die Macals in die Algarve wie die Vespas in die Toskana. Denn kultig sind die Zweitaktsägen eigentlich genauso.

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