Versicherungen für die Reise (Archivversion) Alles Panne oder was?

Motorrad weg oder komplett im Eimer? Zahn-weh, Zelt gestohlen? Für die Reise gibt es die unterschiedlichsten Versicherungen. Doch welche braucht der Biker? MOTORRAD hilft bei der Auswahl und gibt Tipps, worauf man achten muss.

Einfach losfahren. Ganz spontan, Richtung Süden und dann rechts weg. Ohne lange Planung, Packsack drauf, tanken, und ab geht’s. Doch halt, vielleicht doch noch eben das Navi-Gerät an den Lenker klemmen und schnell das Paket „Reiseversicherung kompakt“ für unterwegs im Internet abschließen. Drei Klicks, Kontonummer angeben, fertig. Herr Kaiser (wer war das doch gleich?) hat für viele ausgedient, etliches kann heutzutage per Mausklick gebucht werden. Einerseits praktisch, andererseits konnte man Herrn Kaiser fragen: Brauche ich dies, oder wäre jenes nicht besser? Der moderne Mensch muss nun selbst entscheiden, ob er überversichert, unterversichert oder nichts von alledem ist. Und da ist man am Ende gar nicht so sicher. Deshalb hat MOTORRAD recherchiert, welche Versicherungen angeboten werden und für wen sie taugen.

Grundsätzliches:
Noch immer gilt: Es gibt notwendige, nicht schädliche und überflüssige Versicherungen. Um Letztere zu vermeiden, müssen zunächst die bestehenden Versicherungen gecheckt werden. Risiken, die dort abgedeckt sind, werden durch eine Versicherung mit dem Zusatz „Reise“ nur doppelt versichert. Was extra Prämie kostet, aber im Schadensfall selten mehr einbringt.

Unfallversicherung
Zu dieser Gruppe gehört zum Beispiel die Reise-Unfallversicherung. Wer eine private Unfallversicherung abgeschlossen hat, ist hierüber auch unterwegs versichert. Wer keine hat, sollte vor dem Abschluss einer befristeten Reise-Unfallversicherung auch die Tarife und Leistungen der üblichen, ganzjährigen vergleichen. Denn sinnvoll ist die in jedem Fall angesichts der bereits im europäischen Ausland oftmals erschreckend niedrigen Haftpflichtdeckungssummen anderer Verkehrsteilnehmer.

Rechtsschutz und Haftpflicht
Noch längerer Name, selbes Problem: die Auslands-Rechtsschutzversicherung. Zwar verschafft nur sie bei Rechtsstreitigkeiten nach einem Unfall im Ausland den nötigen finanziellen Atem für möglicherweise langjährige Auseinandersetzungen. Doch ist man ohnehin rechtschutzversichert, gilt es, den Geltungsbereich zu prüfen. Drittes Mitglied im Bunde der gerne mal überflüssigen, weil doppelten Versicherungen ist die Reise-Haftpflichtversicherung, weil die meisten Menschen schon eine Privathaftpflicht besitzen. Und die greift auch dann, wenn man vor lauter Tüdeligkeit mitten in der Weite Patagoniens dem Reisegefährten das GPS-Gerät zerdeppert. Allerdings nur, wenn der nicht gerade der Ehepartner ist.

Gepäckversicherung
Sogar vor Abschluss einer Reisegepäckversicherung empfiehlt sich der Blick ins Bedingungswerk einer bestehenden Versicherung, nämlich der Hausratversicherung. Als Hausrat gilt oft auch das auf Reisen mitgeführte Gepäck und ist, zumindest bis zu einem bestimmten Betrag, mitversichert. Das gilt ebenso für die Habseligkeiten im Zelt auf dem Campingplatz mit Ausnahme der Wertsachen. Wozu auch die Fotoausrüstung zählt, die in der Regel extra zu versichern ist. Und das ist sehr teuer. Selber aufpassen lautet also bei diesen Dingen die Devise, was sich nicht zuletzt deshalb empfiehlt, weil Reisegepäckversicherungen im Ruf stehen, sich mit Hilfe eines komplizierten Bedingungswerks vor dem Zahlen zu drücken. Dafür sind sie meist nicht teuer oder in Versicherungspaketen enthalten. Was sie zum Klassiker unter den „nicht schädlichen“ Versicherungen macht. Interessant kann sie für Leute sein, die eine organisierte Flugreise gebucht haben: Sie erstattet „Ersatzkäufe zur Fortführung der Reise bis zu 500 Euro, wenn das Gepäck den Bestimmungsort nicht am selben Tag erreicht wie die versicherte Person“, wie der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft GDV auf seiner Ratgeberseite bescheinigt. Das ist nett, da Fluggesellschaften in solchen Fällen meist erst nach ein paar Tagen Ersatzkäufe erstatten. Ein für Motorradfahrer gänzlich überflüssiges Angebot geistert als Campingversicherung durchs Dickicht des Versicherungsdschungels. Sie schützt nämlich nicht etwa die Habseligkeiten zeltender Biker, sondern wurde speziell für Dauercamper mit Wohnwagen, Vorzelt und Gartenzwerg konzipiert.

Krankenversicherung
Zumindest für Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen zählt die Auslandsreise-Krankenversicherung zur Gruppe der notwendigen Versicherungen. Zwar übernehmen die Kassen in allen Ländern, die zur EU oder zum europäischen Wirtschaftraum gehören oder mit denen Deutschland ein Sozialversicherungsabkommen hat, die Behandlungskosten. Aber nur zu den dort üblichen Sätzen, weshalb man auf einem Teil der Kosten sitzen bleiben kann. Wo kein solches Abkommen existiert, zahlt man alles selbst, also außerhalb Europas immer. Die Auslandsreise-Krankenversicherung übernimmt diese Kosten. Sie wird derzeit schon für unter zehn Euro Jahresbeitrag angeboten und deckt innerhalb eines Jahres alle Reisen bis zu vier oder acht Wochen ab. Bei Langzeitreisenden und Auswanderern reicht sie nicht. Außerdem sollten nicht nur Kassenpatienten, sondern auch privat Versicherte die Leistungen ihrer Krankenkasse prüfen. Zahlt sie im Ausland? Wie hoch ist der Selbstbehalt? Und ist ein Rücktransport versichert?

Schutzbrief
Der Rücktransport im Krankheitsfall ist eine Leistung, die Auslandsreise-Krankenversicherung und Schutzbrief gemein haben. Den gibt es von Automobilclubs und inzwischen auch von vielen Versicherungen, oftmals als preiswerte Zusatzleistung zur Fahrzeugversicherung. Wer mit dem eigenen Fahrzeug reist, sollte auf den Schutzbrief nicht verzichten, aber auch sonst kann er gute Dienste leisten. Geboten werden meist: Pannenhilfe, Ersatzteilversand, Abschleppen, Mietfahrzeug, während das eigene repariert wird, Hotelübernachtung und bei Diebstahl oder vor Ort nicht reparablen Schäden Heimtransport der Reisenden mit Bahn, Mietwagen oder Flieger sowie Rücktransport des Motorrads (falls noch vorhanden). Die Preisunterschiede sind groß, es gilt deshalb, die Leistungen zu vergleichen. Nicht unterschätzen sollte man, dass eine gut erreichbare, mit erfahrenen haupt-amtlichen Kräften besetzte Notrufzentrale bei Notfällen fern der Heimat ungemein hilfreich sein kann, ebenso wie ein im Ausland bekannter Name so manches vereinfacht. Wichtig: Wird der Rücktransport im Krankheitsfall nur bei medizinischer Notwendigkeit erstattet (und organisiert) oder auch dann, wenn er „nur“ wünschenswert ist. In guten Schutzbriefen sind zudem Zusatzleistungen eingeschlossen wie Organisationshilfe vor Ort, Kredite für Neuanschaffung von verloren gegangenen Sachen, Vermittlung von Fachleuten, Bergungskosten oder Besuchskosten für Angehörige.

Soforthilfeversicherung
Ein geradezu rührendes Beispiel für Versicherungen vom Schlage „klingt toll, aber braucht man nicht wirklich“ hört auf den verheißungsvollen Namen Soforthilfeversicherung. Sie bietet die beim Schutzbrief unter Zusatzleistungen beschriebenen Punkte sowie den Rücktransport im Krankheitsfall. Und ist daher allenfalls interessant für Menschen, die weder Schutzbrief noch Auslandsreise-Krankenversicherung oder Unfallversicherung besitzen. Alle anderen haben die Leistungen bereits abgedeckt, teilweise ohnehin schon doppelt. Hingegen kann die Soforthilfeversicherung allein keine der drei ersetzen. Etliche der beschriebenen Versicherungen werden auch von zahlreichen Anbietern in dem eingangs erwähnten Paket angeboten. Schade nur, wenn die Deckung nach vier Wochen endet und man für den nächsten Trip nachlösen muss. Da kann ein Einzelangebot günstiger sein, das für ein Jahr gilt und nur die Reisedauer am Stück limitiert.

Grüne Versicherungskarte
Wer den (aufgedruckten) Geltungsbereich der grünen Versicherungskarte verlässt, braucht für das Motorrad eine zusätzliche, im jeweiligen Ausland gültige Haftpflichtversicherung. Diese ist in der Regel nicht eben günstig. In den Ländern, die sie vorschreiben, hat man indes keine Wahl. Ansprechpartner finden sich im Infokasten rechts. Wer für ferne Ziele sein Motorrad per Spedition ins Ausland schickt, kann sich außerdem beim Spediteur erkundigen, der meist eine Adresse im jeweiligen Land hat. Oder dieser bietet den Versicherungsservice gleich selbst an, wie etwa GS Sportreisen in München (www.gs-sportreisen.de).

Mietmotorräder versichern
Mietet man im Ausland ein Fahrzeug, sind die Haftpflichtdeckungssummen oftmals dramatisch niedriger als hierzulande. Verursacht man tatsächlich einen Unfall und das Opfer erleidet ernsthafte Verletzungen oder womöglich sogar bleibende Schäden, muss man selbst für alle Kosten aufkommen, die die oft magere Deckungssumme übersteigen. Die übernimmt dann eine Zusatzversicherung mit dem charmanten Namen Mallorca-Police. Da diese allerdings in so mancher Fahrzeugversicherung schon eingeschlossen ist, gilt abermals: erst mal nachlesen. Und den Geltungsbereich erfragen, denn bisweilen gelten auch diese Policen nur in Europa.

Urlaubsvollkasko
Die unzureichende Versicherung anderer Verkehrsteilnehmer lässt den Motorrad-reisenden über eine Urlaubsvollkaskoversicherung nachdenken. Eigentlich ein guter Plan, denn die würde auch bei einem unverschuldeten Unfall erst mal zahlen, wenn der Unfallgegner gar nicht oder eben mit einer viel zu niedrigen Deckungssumme versichert ist. Und sich gegebenenfalls die Kohle dort wieder holen. Das Problem dabei: Die wenigstens Gesellschaften gewähren kurzfristigen Vollkaskoschutz, und wenn, dann zu irrwitzigen Tarifen. Wem diese Leistung wichtig ist, der sollte beim Abschluss der Haftpflicht schon mal nach diesem Service fragen.

Organisierte Reisen.
Teilnehmer organisierter Reisen können sich noch ein paar Gedanken zur Reiserücktritt- oder Reiseabbruchversicherung machen. Die zahlt eventuell anfallende Stornokosten, wenn der Reisende die gebuchte Tour „aus triftigen Gründen“ nicht antreten kann oder erstattet einen Teil des Reisepreises zurück, wenn er sie abbrechen muss. Am besten gleich über den Veranstalter abschließen, da der kaum ein Angebot empfehlen wird, das seine Kunden vergrault.

Kurzum: Wer optimal versichert sein möchte, sollte die gewünschten Leistungen gezielt nachfragen und kein Pauschalpaket ordern. Und – die beste Versicherung ist trotz allem immer noch die, die man nicht braucht. In diesem Sinne: Gute Reise!

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