Vierwaldstätter See (Archivversion) Zum Tell am See

Nur ein einziger Schuß - und aus Wilhelm Tell wurde ein Schweizer Nationalheld: Rund um den fjordartigen Vierwaldstätter See führen tolle Strecken zu den Schauplätzen der Tell-Sage.

Ist doch egal, ob Wilhelm Tell gelebt hat oder nicht, Hauptsache er hat den Geßler erschossen!« Voll tönt die Stimme des großen, kräftigen Mannes. Wild blitzen seine Augen aus dem von einem schwarzgrauen Vollbart und einem lockigen Haarschopf umrahmten Gesicht. Der Hüne mit dem Fellwams spannt seine Armbrust, legt an und nagelt mit dem Pfeil einen Apfel an einen Baumstamm. Die Tochter des sicheren Schützen, auf deren Kopf der Apfel lag, atmet auf.Sepp Steiner, Schweizer Original und berühmtester Tell-Darsteller des Landes, führt in einer Luzerner Hotelhalle vor staunenden Touristen die wohl bekannteste Episode eidgenössischer Geschichte vor. Schließlich dreht sich rund um den Vierwaldstätter See eben alles um den legendären Tell, von Beruf Bergbauer, Armbrustschütze aus Leidenschaft und freiheitsliebender Nationalheld. Egal, wie es die Historiker sehen, für die Schweizer sind Tells Taten eng verbunden mit der Gründung ihrer Nation im Jahr 1291 - so will es zumindest die Sage und so steht´s es im 1804 uraufgeführten Bühnenstück von Friedrich Schiller. Dort durchbohrt Tell zu guter Letzt den Landvogt Geßler mit einem Pfeil und lößt damit den langersehnten und erfolgreichen Aufstand der Eidgenossen gegen die verhaßte Habsburger Herrschaft aus. Das Ganze liest sich spannend wie ein Krimi und spielt in einer Region, die zu den schönsten in der Schweiz gehört. Gespannt machen Klaus und ich uns auf die Tour.Doch kaum haben wir Luzern in südlicher Richtung verlassen, stehen wir bei Hörw vor gesperrten Privatstraßen, die eine wassernahe Seeumrundung nicht erlauben. Bei Hergiswil quetscht sich die Straße dann zwischen, unter und neben der Autobahn und Eisenbahntrasse, bis endlich der kurvige Aufstieg zum Bürgenstock beginnt, an dessen Ende ein wunderschöner Blick über den westlichen Teil des Vierwaldstätter Sees, auf das morgendliche Luzern hinauf bis nach Küssnacht und auf das gegenüberliegende Weggis mit dem dahinter aufragenden Rigi für alles entschädigt. Träge treiben golden leuchtende Morgennebel von der Seeoberfläche tief unter uns auf. Der Pilatus im Westen, mit dem Rigi der meistbestiegene oder besser befahrene Berg am Vierwaldstätter See, zieht es vor, ganz wolkenverhüllt zu bleiben. Ohne Aussicht auf Aussicht beschließen wir, auf die steilste Zahnradbahnfahrt der Welt hinauf zum Gipfel des Pilatus zu verzichten.Auf der Aussichtsterrasse des Bürgenstock Hotels treffen wir unseren Tell-Darsteller vom vorigern Abend. Diesmal staunt eine Gruppe von Wirtschaftsinformatikern über die Apfelschuß-Performance. Sepp Steiner hat hier noch einen kleinen Schießstand, ähnlich wie auf einem Jahrmarkt, aufgebaut. Aus dem spaßigen Wettschießen wird schnell ernst: »Ist eine angekratzte Zehn so gut wie eine voll getroffene?« Dem echten Tell wäre es egal gewesen - Hauptsache der Geßler ist hin. Wir enteilen.Zwischen Buochs und Beckenried kann man das südliche Ufer wirklich befahren. Die Straße schlängelt sich hoch zum kleinen Seeli, einem wildromantischen Berggewässer, und weiter nach Seelisberg. Steil unter Seelisberg liegt die Rütli-Wiese - Geburtsort der Eidgenossenschaft und somit Schweizer Nationalheiligtum - in der Vormittagssonne. Wolken hängen zwischen den Felswänden, die den Urner See einzwängen. Zum Haus Treib, dem ehemaligen Schifferhaus, führt eine Zahnradbahn hinunter. Das weitere Westufer des Urner Sees ist kaum von Straßen erschlossen, da das Rütli ein ruhiger, nur Wanderern zugänglicher Ort bleiben soll.Durch einen kilometerlangen Tunnel erreichen wir gänzlich unromantisch und aussichtslos Altdorf am Südende des Sees. Aber auch von diese Seite führt kein Weg bis zur Rütli-Wiese. Hinter Bauen ist Schluß. Wir kehren um und schlagen uns bei Isleten auf einer jener schmalen Straßen in die Berge, an deren Beginn der gut sichtbare Fahrplan des Postbusses die Kraftfahrer vor Zeiten mit entsprechendem Gegenverkehr warnt. Die Palmen vor dem Restaurant Seegarten, an dem das Sträßchen abzweigt, passen so recht zur inzwischen sengenden Sonne. Eng windet sich der Weg unter Felsvorsprüngen hinauf, und in den ersten Spitzkehren erhaschen wir phantastische Blicke über den See. Im Örtchen Schwändi mit seinen schweren Holzhäusern endet die befahrbare Strecke an der Talstation der Eggen-Seilbahn. Gurgelnd fließt der Isitaler Bach durch die bunten Almwiesen, über denen sich schneebedeckte Gipfel in den blauen Himmel recken. Verspielt springen uns Kälber mit hell klingenden Glöckchen entgegen. Die ausgewachsenen Kühe sind abgeklärter, fallen aber mit dumpfen Glockenschlägen in das Konzert ein. Postkartenromantik.Zurück nach Altdorf. Doch bevor wir unsere Rundfahrt um den Vierwaldstätter See vortsetzen, entscheiden wir uns für einen Ausflug weiter in Richtung Süden durch das Tal der Reuß. Flußaufwärts entdecken wir auf einem Bergsporn bei Amsteg die Ruine Zwing-Uri. Das Gemäuer war eine der ehemaligen Zwingburgen, die die Habsburger Vögte von den Schweizern in mühevoller Fronarbeit errichten ließen, um das Alpenland besser beherrschen zu können.Ganz in der Nähe liegt Sepp Steiners Berghof, der seine Auftritte für heute schon beendet hat. Stolz zeigt unser Tell-Darsteller Fotoalben seiner berühmtesten Auftritte vor gekrönten Häuptern und im Fernsehen und erzählt uns seine Version der Sage. Tell könne sehr wohl gelebt haben, so der engagierte Hobbyhistoriker Steiner - aber nicht als einfacher Bergbauer, denn Bauern hätten keine Armbrüste führen dürfen. Tell sei vielmehr ein Junker gewesen, der gegen die Habsburger angetreten sei. Auch wäre es ihm nicht um die persönliche Ehre, sondern um den wichtigen Handelsweg über den Gotthard nach Italien gegangen - tatsächlich der historische Hauptgrund für die Gründung der Schweiz. Diese erstaunlich moderne, ökonomisch orientierte Version schließt Sepp Steiner mit den Worten: »Ohne Gotthard keinen Tell und auch keine Schweiz - oder?«Bald sitzen wir über alte waffenkundliche Folianten gebeugt. Historische Armbrüste sind eine weitere Leidenschaft des Tell-Mimen. Nach der Theorie folgt schnell die Praxis. Moderne Sportarmbrüste, unglaublich schwer zu spannende Nachbauten mittelalterlicher Schußwaffen und gar eine chinesische Mehrlader-Armbrust werden von uns im Hof ausprobiert. Auch hier macht Übung erst den Meister - wir sind froh, wenn wir überhaupt die Scheibe treffen.Nach einer Weile zieht es uns zurück zum See. Vorbei an Bürglen, dem Gebortsort des Tell, landen wir wieder in Altdorf, aber diesmal mitten auf dem Marktplatz, wo der berühmte Apfelschuß stattgefunden haben soll - und schauen hinauf zu einem gewaltigen Tell, der auf einem vier Meter hohen Sockel noch einmal dreieinhalb Meter aufragt. Die bewußte Armbrust geschultert, den linken Arm um den Sohn gelegt, treten auf den schwellenden Wadenmuskeln die Adern in einer Weise hervor, daß selbst Schwarzenegger erblassen würde. Um zu erfahren wie kräftig diese Beinchen gewesen sind, eilen wir zum Ort des berühmten Tell-Sprungs.Einige Kilometer nördlich von Flüelen halten wir oberhalb der Tellsplatte. Noch ein kurzer Fußmarsch hinab zum Seeufer, und wir erreichen die Stelle, an der Tell nach seiner Verhaftung in Altdorf durch einen kühnen Sprung dem Geßler aus dem Boot entwischte. Für die Schweizer zweifellos historisch ein bedeutender Ort, dennoch wirkt der berühmte Felsen irgendwie unspektakulär. Gleich daneben die Tellskapelle, in der auf vier kolossalen Gemälden bewegte Szenen aus dem Leben des Nationalhelden zu sehen sind. Viel beeindruckender ist der Blick auf das steile Ufer der gegenüberliegenden Seeseite.Doch auch unser Ufer erweist sich im weiteren Verlauf als phantastisch. Bis kurz vor Brunnen kommt zwischen den teilweise senkrechten Felsenwänden rechts und dem türkisschimmernden Wassers keine Langeweile auf. Kurz vor Brunnen ragt schließlich das mächtige Massiv des Fronalpstocks neben dem Ufer auf, gleich darauf geht´s auf einem kurvigen Bergsträßchen steil bergan, vorbei an Morschach und bis zum Axenstein mit »Rütli-Blick«. Wie angeklebt liegt die Rütli-Wiese inmitten der Felsen am gegenüberliegenden Seeufer. Beide Arme des Vierwaldstätter Sees lassen sich von hier oben überblicken.In Brunnen angekommen, warten wir auf die Fähre zum Rütli. Majestätisch läuft nach einer Weile die weißglänzende Uri ein, mit 96 Jahren auf dem Buckel der älteste der fünf Raddampfer auf dem See. Mit langsamer Fahrt kreuzen wir durch den gewaltigen, fjordähnlichen Einschnitt. Kurz vor der Anlegestelle passiert der Dampfer einen aus dem Wasser herausragenden, spitzen Felsbrocken, den Schillerstein, dessen Inschrift an den Dichter und das Schauspiel erinnert, welches den Tell weltberühmt gemacht hat.Von der Seebene sind wir rasch zum Rütli hinaufgestapft. Für ein Nationaldenkmal ist die naturbelassene Wiese erstaunlich bescheiden. In ihrer Mitte steht lediglich eine Schweizer Fahne, und eine kleine Tafel weist auf die historischen Ereignisse im Jahr 1291 hin, als sich die Vertreter der Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden hier heimlich trafen und die Eidgenossenschaft gründeten, um sich gegen die Habsburger Herrschaft zur Wehr setzen zu können. Zurück an der Anlegestelle, kündet ein über das Wasser verhallender, langgedehnter Pfiff unseren Retourdampfer an. Zwischen Brunnen und Hertenstein präsentiert sich das grüne, von Bootsstegen und kleinen Yachthäfen gesäumte Ufer sehr lieblich. Inzwischen hat die Sonne alle Motorradkollegen aus der Region auf die Straße gelockt, und phasenweise gleicht die gewundene Strecke einem Motodrom. Der Parkplatz vor dem »Eichwald«, einem Treffpunkt nur ein paar Kehren hinter Brunnen, ist mit Mopeds zugestellt. Sehen und gesehen werden, es herrscht gute Stimmung. Aber auch die unzähligen Seeterrassen der Gasthäuser verlocken uns immer wieder zu einer kurzen Pause. Mit Blumen gesäumte Seepromenanden in und um Örtchen wie Gersau, Vitznau oder Weggis - die kurvige Uferstraßen führt uns über weite Strecken durch einen einzigen, bunt leuchtenden Garten, immer mit Ausblick auf das gegenüberliegende, steilere Südufer, hinter dem in der Ferne die imposanten Schneegipfel der Alpen aufragen.Dem Küssnachter See folgen wir bis nach Küssnacht. Auf dem Weg zur Seebodenalp versteckt sich in einem Wäldchen die Ruine der Geßlerburg. Die berühmte Hohle Gasse, dort, wo das Drama zwischen Tell und Geßler sein tödliches Ende fand, liegt an einer Küssnachter Ausfallstraße: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen, es führt kein andrer Weg nach Küssnacht«, bei diesen vielzitierten Tell-Worten aus Schillers Schauspiel hatte ich mir immer das Bild einer Kleinstadtgasse vorgestellt. Tatsächlich ist der Hohlweg ein von kleinen Findlingen gesäumter, steinbelegter, steiler Waldweg. Am oberen Ende befindet sich eine weitere Tellkapelle. Ein Kiosk, ein naher Bolzplatz und eine Kalenderfabrik vervollständigen und profanisieren den Ort, der nichts von der schlichten Erhabenheit des Rütli hat.Wir fahren zurück nach Vitznau, um uns das Vergnügen einer Fahrt mit der Vitznau-Rigi-Bahn zu gönnen. Im letzten Jahr, rechtzeitig zum 125-jährigen Jubiläum, wurden die Oldtimer-Loks wieder ausgepackt. Unter vollem Dampf steht die kleine grün-rot-goldene »Nummer 7« eigenartig nach vorn geneigt in der Talstation Vitznau. Erst im steilen Hang liegt die Zahnradlok dann gerade.Uns bringt ein sehr viel jüngerer Triebwagen auf den Gipfel, vorbei an kleinen Bergdörfern, braunen Milchkühen und bunten Wiesen. Wie Raubvögel ziehen Gleitschirmflieger weite Kreise über unseren Köpfen - mit ihnen zu tauschen wäre im Augenblick mein größter Wunsch. Der Blick vom Gipfel der Rigi ist gigantisch - klar, daß Goethe die Rigi so schätzte. Schiller übrigens, der in seinem »Wilhelm Tell« die Gegend so lebendig beschreibt, war niemals hier. Er hat sich auf die Berichte Goethes verlassen. Aus 1797 Höhenmetern bietet sich der schönste Blick über den Vierwaldstätter See und seine Umgebung, bis hin zu den Giganten der Hochalpen. Majestätisch liegt der tiefblaue See unter uns. Und vielleicht hat er ja doch da unten gelebt, der Tell. »Denn was ist wichtiger«, hatte unser Tell, der Sepp Steiner gefragt, »das geschriebene Wort der Geschichte oder die lebendige Überlieferung?“

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