Vietnam (Archivversion) Mitten drin

Quirliges Chaos ist in Südostasien nichts Neues - es in Vietnam zu erleben, dagegen schon. Nach zwei Jahrzehnten Isolation meldet sich der kleine sozialistische Staat bei der Welt zurück.

Mit unbewegten Blicken sausen sie auf mich zu. Eine unübersehbare Masse von Tropenhelmen und Reishütten und quitschenden Fahrrädern und knatternden Mopeds, unter unablässigem, ohrenbetäubenden Geklingel. Alle 3,2 Millionen Einwohner Hanois scheinen gerade gleichzeitig in dieser Gasse unterwegs zu sein. Ich zögere, versuche ihnen auszuweichen und zur Seite zu springen, vergebens, jetzt bin ich erst recht verloren, vorne und hinten zischen sie an mit vorbei, eine 50er Honda streift mich fast noch am Arm, eine Fahrradrikscha rattert haarscharf an meinem Fuß vorbei, ein beherzter Sprung hilft gerade noch auf den Bürgersteig. Verdammt, ich bewältige in Hanoi kaum eine Straßenüberquerung zu Fuß - wie soll ich hier ab morgen Motorradfahren? Ich versuche nicht daran zu denken und tappe benommen weiter durch die schwüle Tropenhitze der Hauptstadt. Vietnam - ein Land, daß weite Strecken der Kindheit mit allabendlichen Kriegsnachrichten und Ho-Ho-Ho Chi Minh-brüllenden Demonstrationszügen und »Make Love not War«-Transparenten begleitete. Aber was war Vietnam wirklich? Ein kleines Land von Reisbauern im Südosten Asiens, richtig. Und weiter? Dann wurde es zappenduster. Vietnam assoziierte Krieg und sonst nichts. Jahrzehnte später bin ich nun hier, um das Land kennenzulernen, die erste organsierte Motorradreise zu begleiten und um zu erleben, was Vietnam tatsächlich ist. Westliche Touristen kommen noch nicht lange. Seit das sozialistische Land 1986 mit dem sogenannten »Doi Moi« nach russischem Vorbild eine Art Perestroika einleitete und schließlich die USA 1994 als letztes westliches Land das Wirtschaftsembargo aufhob, öffnet sich der eiserene Vorhang auch in Südostasien Falte um Falte für die Reisenden. Während fast alle auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, da Ausländer keine Fahrerlaubnis erhalten, bin ich nach einer theoretischen Unterweisung mit einem taufrischen vietnamesischen Führerschein ausgestattet worden und darf selbst fahren. Als Tribut an die staatliche Genehmigung begleitet uns Wan, eine Art Reiseaufseher, auf dem Weg gen Süden. Trotz Doi Moi fallen in einem nicht gleich alle Schranken für westliche Besucher.Aufflammende Lichter geben meiner Stadtrunde allmählich eine sanfte Illumination. Kleine Kocher und Grills werden überall entzündet, Tische und Stühle auf die Straße gestellt. Es ist Abendessenszeit, der Duft von exotischen Gewürzen und Curry und Ingwer steigt auf. Bei den Vulkanisören mischt sich noch der Geruch von verbranntem Gummi dazu, bei den Metzgern der von Blut und Hühnerdreck. Manchmal riecht es aber auch nur nach dem süßlichem Moder der Gosse, wie überall auf der Welt.Während an der Straße gesägt und gedengelt wird, kocht hintendran das Suppenhuhn. Leben und Arbeit ist eins in den schmalen ockerfarbigen Colonialhäusern, und öffentlich sichtbar ist es außerdem. Um sich abzuschotten wäre auch gar nicht der Platz, der Gehsteig wird als Arbeitsplatz mitgenutzt. In puppenstubenartiger Winzigkeit reihen sich die Betriebe aneinander. Hier pedalieren Schneider an alten Singer-Nähmaschinen, dort sortieren die Fischer ihren Fang. Nach Straßen getrennt, teilen sich die Handwerksinnungen die Innenstadt auf - übersichtliche Ordnungssysteme scheinen wichtiger wie Konkurrenzangst. Gelassen beobachten die Bewohner meinen Streifzug. Wer angeguckt wird, guckt einfach zurück, egal ob Mann oder Frau, ob weiß oder gelb. Es ist bloß ein Frage von Sekunden, wer mit dem Lächeln beginnt.Die erste Motorradfahrt am nächstenTag ist ungefähr so schrecklich, wie zu Fuß gehen. Nur daß man jetzt nicht mehr überfahren wird, sondern selbst überfährt, schlimmstenfalls. Ich habe die wildlackierte 500er Kawa irgendeines Saigoners Bikers, der sie für eine Vermögen an den Reiseunternehmer ausgeborgt hat. Auch wenn sie das erste Lebensjahrzehnt schon deutlich überschritten hat, macht sie ihren Job recht ordentlich. Vorsichtig tuckern wir im Konvoi zwischen Fahrrädern und Rikschas hindurch. Schwierig sind vor allem die Kreuzungen. Anstelle einer Vorfahrtsregelung drängen alle furchtlos in die Mitte und winden sich dann katzengleich um einander herum und in der gewünschten Richtung wieder davon. Mir steht der Schweiß auf der Stirn, da mir völlig schleierhaft ist, wie der unsichtbare Code funktioniert, mit dem die Vietnamesen das kollisionsfrei schaffen. Doch es klappt, intuitiv, oder so. Sie fahren einfach um mich herum. Nur nicht der Schwerverkehr. Der fährt nicht intuitiv, sondern brachial und fegt alle übrigen Verkehrsteilnehmer von der Piste. Kreuzung für Kreuzung, Adrenalinstoß für Adrenalinstoß tasten wir uns zwischen Alleen und Häuserreihen aus Hanoi hinaus, auf den Highway 1, der erste und wichtigste, der längs durch das schmale Land zur funkelnden Metropole des Südens führt, nach Saigon. Und was immer in Vietnam von Bedeutung ist, reiht sich an diesem rund 2500 Kilometer langen Weg auf. Er war und ist die Lebensader des Landes, das ähnlich viele Einwohner wie Deutschland hat, nämlich rund 73 Millionen, und dich sich auch auf etwa gleich vielen Quadratkilometern (331 689) verteilen. Entsprechend war dieser Weg das unablässige Ziel der amerikanischen Bomber und Tiefflieger. Holprig und löchrig und unendlich oft geflickt, führt das schmale Asphaltband gen Südosten. Die bis zu 3000 Meter hohen Berge des Nordens, die im Halbkreis die Ebene von Hanoi umgeben, bleiben hinter uns zurück, das Südchinesische Meer rückt in greifbare Nähe. Bis zur Havenstadt Vinh tost noch brandender Verkehr und unglaublicher Lärm, aber die Häuser werden allmählich kleiner, und grüne Reisfelder tauchen entlang der Straße auf. Männer und Frauen stehen bis zu den Oberschenkeln im Wasser und sicheln die dünnen Halme herunter. Begleitet von breithörnigen Wasserbüffeln, die behutsam durch die Brühe staksen. Nilpferdgleich lassen sie an tieferen Wasserstellen oft nur noch den massigen grauen Rücken und Augen und Nase genüßlich aus dem Modder ragen. Mit rund 3250 Kilometern Küstenlinie und unzähligen Quadratkilometern bewässerter Reisfelder ist Vietnam eine Wassernation, entsprechend sind die wasserfreundlichen Büffel das wichtigste Nutztier. Auf der Straße trotten sie gemeinsam mit Kühen und Ochsen vor hölzernen Karren mit Baumaterial oder Landprodukten. Manchmal liegen die abgearbeiteten Fahrer todmüde hinten auf der Ladefläche, und Tiere trotten selbständig nach Hause. Mit geradezu bienenhaftem Fleiß wird rechts und links der Straße gebaut, geerntet, gezimmert und gerackert. Im Rahmen von Doi moi wurde parallel zur Kollektivwirtschaft etwas privatwirtschaftlicher Erwerb erlaubt, was nicht zuletzt das Wirtschaftwachstum auf sensationelle zehn Prozent hochkatapultierte und das Land vom bettelarmen Reisimporteur in wenigen Jahren zum drittstärksten Reisexporteur der Welt machte. Wer die Menschen sieht, glaubt es sofort. Ich frage mich, ob sie jemals Pause machen. Wir erreichen Vinh. In der strategisch wichtigen Hafenstadt am Golf von Tonkin standen 1975, am Ende des »Vietnamkriegs«, gerade noch zwei Häuser. Ein Hilfstrupp des Bruderlandes DDR baute Vinh wieder auf. Entsprechend sieht die Stadt nun aus wie eine Ostberliner Vorortsiedlung. Plattenwohnblocks und rostig-grauer Stahlbeton allenthalben. Schaurig.In einem Lokal lerne ich Nghe kennen, eine junge Vietnamesin, die fünf Jahre in Erfurt als Näherin verbrachte. Sie ist froh, wieder hier zu sein. So schön Erfuhrt sei, wie sie zuvorkommend hinzufügt, aber Heimat sei Heimat. Ich frage mich, ob es für Nhge als Asiatin in Ostdeutschland wirklich so toll war, aber wie alle Völker dieses Kontinents sind Vietnamesen überaus höfliche Menschen. Was sie wirklich denken, bleibt meist offen. Für Europäer zumindest. Etwa 50 Kilometer hinter Vinh wird der Highway 1 deutlich schmaler und der Verkehr dünner. Die Verkehrsteilnehmer dafür um so abenteuerlicher. Was immer sich irgendwie von der Stelle bewegen läßt, wird auf dem allgegenwärtigen Fahrrad oder Moped transportiert. Ganze Schweine, tot oder lebendig, meterlange Bambusstangen, zwölf Doppelbettmatratzen, drei Kinder plus Mutter, ungezählte Kästen Coca-Cola, einmal gar ein Sarg oder 137 Paar Plastikpandoletten - Einfallsreichtum und Balancevermögen einer nahezu autolosen Nation scheinen unbegrenzt. Nur ab und an röhrt ein verzogener alter IFA-Laster über die Asphaltbuckel, oder ein knallbunter Ikarus-Bus scheucht hupend die Radler in den Graben. Meist schier berstend vor Fahrgästen, die noch an der Fenstern hängen und auf dem Trittbrett mitfahren. Auf dem Dach sind Fahrräder, Rucksäcke und Tierkäfige verzurrt, neben der Achse noch ein paar Koffer. Am bestechendsten sind die Gesichter. Diese Ausstrahlung von freundlichem Optimismus auch noch in der vertracksten Situation und ihre strahlende Herzlichkeit zu mir als Fremde hauen mich oft schier um. Theoretisch könnte ich als hellhäutige Langnase ja auch eine Amerikanerin sein. »Das ist egal«, werde ich später von einer Vietnamesin lächelnd aufgeklärt, »der Krieg ist seit über 20 Jahren vorbei, und wir leben jetzt.« Man freut sich über Touristen. Einmal aus grundsätzlicher Gastfreundschaft, zum anderen aber auch, weil Touristen Geld bringen.Auf einer zerschossenen und nur provisorisch instandgesetzten Brücke überqueren wir den Ben Hai-Fluß. Hier, an der schmalen Taille Vietnams, beginnt historisches Terrain. Exakt auf dem 17. Breitengrad verlief von 1954 und 1975 die Grenze zwischen Nordvietnam unter dem sozialistischen Regime Ho Chi Minhs und Südvietnam unter westlichem Einfluß. Nicht unvertraut. Nur daß hier nun die Kommunisten den Punkt machten und das wiedervereinigte Land regieren. Wenig später machen wir in Dong Ha einen Abstecher in Richtung laotische Grenze. In zahlreichen Windungen schraubt sich die kleine Straße hoch in das unwegsame Troungh Son-Gebirge. Hier begann ein Arm des sogenannten Ho Chi Min-Pfads, jenem legenderen Schleichweg der Vietcong-Soldaten, auf dem sie ihre Einheiten in Südvietnam mit Nachschub für ihren zähen Untergrundkrieg gegen die Amerikaner versorgten. Unter unendlichen Mühen und Opfern schafften sie alles auf Schultern und Fahrrädern über die verborgenen Gebirgspfade bis nach Saigon. In ihren verheerenden Entlaubungseinsätzen versuchten die Amerikaner schließlich per Dioxin die natürliche Deckung des Dschungels zu zerstören. Inzwischen wächst hier zwar wieder etwas, doch eher sprödes Unkraut als tropischer Wald.An dem umgepflügten Schlachtfeld von Keh Sanh, wo während der Tet-Offensive 1968 heftige Gefechte tobten, versucht uns ein kleiner Junge ausgebuddelte Habseligkeiten von toten Amerikanern zu verschachern. Eine verrostete Armbanduhr, ein paar verbeulte Erkennungsmarken. »Gerald DuPont« lese ich auf einer, darunter Geburtstag, Blutgruppe und Einheit. »One Dollar.« Ich hoffe bei Gott, daß es billige Imitationen sind, die der Kleine da in der Hand hält, und Familie DuPont nicht immer noch nach ihrem vermißten Sohn forscht. Der Stapel Granaten neben uns besteht hoffentlich auch bloß aus ausgeglühten Blindgängern. 58 000 Gi´s kamen in diesen Krieg um und 3.5 Millionen Vietnamesen. Ein lausiger, gottverlassener Platz hier oben. Ein eisiger Wind bläßt über die struppigen Büsche und dünn bewaldeten Höhenzüge. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor. Kurz vor Hué erwischt uns der Regen. Einer dieser Monsungüsse, die einen binnen Sekunden bis auf die Haut durchweichen, Gore Tex für Tage durchnässen, Straßen samt Schlaglöchern überfluten, Kerzenstecker zum Aufgeben zwingen und Visiere in undurchsichtiges Milchglas verwandeln. Unbeeindruckt erscheinen dagegen die Vietnamesen, die Plastikponchos über Reishüte und Fahrradladung ziehen und das Wasser einfach durch ihre unvermeidlichen Plastiksandalen fließen lassen. Manchmal überlege ich, ob sie eventuell Schwimmhäute haben.Hué gilt als der regenreichste Ort des Landes. Ich habe keinen Zweifel daran. Alle Gebäude und auch die traurigen, zerbombten Überreste der berühmten alten Kaiserpaläste, der Drachen und Pagoden sind mit grauschwarzem Schimmel überzogen, klammer Muff und Moder quilt aus allen Ecken. Nichts trocknet mehr, die Klamotten kleben in der hohen Luftfeuchtigkeit am Leib, und die Haut ist aufgeschwemmt wie in einem Dampfbad. Doch dann reißt der Himmel auf und in geradezu bilderbuchhafter Schönheit überqueren wir bei strahlender Sonne den Wolkenpaß, den Großglockner Vietnams gewissermaßen, der sich in vielen Sepentien und als Höhenweg am oberen Rand des Troung Son-Gebirge entlangzieht. Steil fallen die Felsen hier ins Meer und bilden eine natürliche Klimascheide zwischen dem kühleren Norden Vietnams und dem tropisch-heißen Süden. Weiße Strände breiten sich tief unten aus, an den Hängen leuchtet grüner Urwald. Weiß schimmern im Hintergrund die Marmorberge mit ihrem geheimnisvollen Höhlensystem. Schnell verlassen wir die Paßhöhe mit ihren fliegenden Händlern, die mit ununterbrochenen Zigaretten- und Kaugummi-Offerten jeden Ankömmling entnerven, quälen uns durch die brodelnde Hafenstadt Da Nang und flüchten endlich zum Strand. Unter Kokospalmen und verwitterten Pepsi-Sonnenschirmen falle ich erleichtert in den Mietliegestuhl einer zahnlosen alten Vietnamesin, betrachte die gemächlich anrollende Dünung des Chinesischenen Meeres und genieße die Stille. Zum ersten Mal auf dieser Reise. Nicht eine Fahrradklingel ertönt. Ich glaube, es ist der schönste Moment.

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