Vogesen (Archivversion) Grenzerfahrung

Jeder Meter in diesem Gebirge ist bedeckt. Von berauschenden Pässen, frankophiler Lebensart und gemeinsamer Vergangenheit. Deutsch-französische Konflikte stecken in jeder Scholle. Wer einen Blick riskiert, erfährt unter Umständen mehr über die einst so schmerzhafte Kontaktstelle der beiden Länder, als er je wissen wollte.

Erste blaue Löcher am Himmel. Steifer Gegenwind über der A 6, die dunklen Wolken über Westeuropa in Fetzen zerstäubend. Endlich! Entspannt kauere ich in der tiefen Sitzmulde und lasse das Motorrad mit der aufregendsten Stimme jenseits von Lafranconi und des Alpenhauptkamms gen Frankreich grollen. Rechte Hand knapp über Standgas, Tacho knapp unter 200. Suzuki GSX-R 1000.
Hockenheim, Walldorf, ab zur A 5. Ex-Revier nächtlicher
Autotester und freies Brennen bis Karlsruhe. Gefühlte Fahrzeit für 37 Kilometer: 1,7 Minuten. Durlach, Ettlingen, Karlsruhe-Maxau, es riecht nach Hafen, Rhein und Raffinerien. Fast unmerklich
ist sie da und auch schon vorbei, die französische Grenze bei
Lauterbourg. Nur im benachbarten Neulauterbourg erinnert im
alten Zollpavillon ein zusammen mit einem China-Imbiss untergebrachtes Museum an die Zeiten sichtbarer Grenzüberwachung. Die bis zum 27. April 1985, als die Kontrollen an kleinen Übergängen aufgehoben wurden, aktiv war.
Heute manifestiert sich der Eintritt ins Nachbarland anders. An roten Tabak-Röhren und der PMU-Bar in Lauterbourg beispielsweise, samt einer wehmütig hängen gelassenen Einladung zum »WM-Finale France–Italy« vom letzten Juli, bienvenue au France! Im nahen Wissembourg wehen die Trikoloren, und in
den Korbstuhl-Straßencafés swingt bereits der unnachahmliche
franco-alemannische Sprachmix der Elsässer, im Radio gallische Chansons. Resultat einer patriotischen Quotenregelung, die
den Sendern 60 Prozent Einheimisches in die CD-Schächte
diktiert. Frankreich – nicht immer war alles so nebenwirkungsfrei schön. Am wenigsten hier, in Elsass-Lothringen. Wo seit Jahrhunderten immer wieder Kämpfe um die Nationalhoheit entbrannten. Erbfeindschaft hieß das bei uns.
Spuren davon wenig später am Ostrand der noch niedrigen Vogesen. Zwischen sanften Hügelprofilen, Maisfeldern und verstreuten Apfelbäumen. »Ligne Maginot«. Mit einem Schlag ist die Vergangenheit präsent. Für diejenigen, die sich einlassen. Alle
anderen fahren einfach weiter. Ich folge dem Schild auf eine
holprige kleine Straße, ein vor Rost kaum mehr lesbarer Hinweis warnt vor »Virages« auf 3,5 Kilometer, und junger Wald bedeckt den nach wie vor zerklüfteten Boden. Im Erdreich halb verborgen die Betonwände einer Festung, oben drauf noch die Stahlkuppeln der Geschütztürme: Fort Schœnenbourg, die größte elsässische Anlage der Maginot-Linie, jenem schwer befestigten Verteidigungswall, den Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg zwischen Nordsee und Alpen errichtet hatte, um gegen künftige deutsche Angriffe besser gerüstet zu sein. Mit dem niederschmetternden Resultat, dass Hitlers Truppen kurzerhand über das neutrale
Belgien einmarschierten und 1940 bereits in Paris standen, während die Verteidiger hier noch eisern die Stellung hielten. Erst auf ausdrücklichen Befehl ihrer Generäle streckten sie die Waffen.
Kilometerlange, halbdunkle Gänge durchziehen den Untergrund der alten Festung, Wasser kondensiert bei elf Grad an
den Wänden, Lüftungsanlagen brummen, Schritte hallen dumpf. Rundum Reste der alten Militaria, an den Wänden die Konterfeis französischer Marschälle und das stets gleiche Farbfoto der
Côte d’Azur. Daneben Comic-Zeichnungen der Soldaten. Hilfe gegen das zermürbende, monatelange Ausharren unter Tage.
Raus, Sonne, Kurven, jetzt! Ohne Verzug geht es in die mitt-
leren Vogesen. Haguenau, Saverne, bald klettert die kleine D 218 engagiert durch üppigen Mischwald ins Gebirge, vorbei an mannshohen Farnen, Fliegenpilzen und leuchtendem Sandstein. Noch unkonzentriert schieße ich in der ersten Linkskehre prompt geradeaus in eine Route forestière – doch dann bin ich drin. Rolle die wendige GSX-R lustvoll auf dem schmalen Asphaltstreifen ab. Hier wird ohne Markierungen und Leitplanken gefahren, in den Vogesen sind Straßen Teil der Natur. Erste kleine Hotels tauchen auf und Anfeuerungen für Thomas Voeckler auf der Tour, den sympathischen jungen Nachwuchsradler aus dem Elsass, der 2004 tagelang die Tour de France in Atem hielt. Nur seit Ewigkeiten keine Tankstellen mehr. Mist. Kurz vor dem Col de Valsberg wird die Sache brenzlig, ich muss ins Tal hinab. Beim Peugeot-Händler in Wasselone zwei steinalte Zapfsäulen. Diesel und Superplus. Für 1,45. Na gut. Die Kassiererin ist blendender Laune, entschuldigt sich für die Preise und plaudert in wunderbarem
Elsässisch übers Motorradfahren, wo sie allerdings als Sozia
stets von Angst gepeinigt werde. »Aber vorne soll’s besser sei, hab’ isch gehört?« Viel besser! Ich versichere ihr, dass es nicht vergleichbar sei. Und die Suzuki nur gut fünf Liter schlucke,
ein Elsasstripp also immer finanzierbar sei.
Rasant geht’s zum Pass zurück, wo der Wald sich Rich-
tung Osten lichtet und wunderschön die Rheinebene freigibt.
Zackig kurvt die D 45 um den Bergrücken herum, um dann,
wie ein Scherenschnitt, einen Felssporn mit Kapelle vor dem Abendhimmel zu präsentieren: Rocher de Dabo. Mit Chapelle
St-Leon. Unfassbar schön und Heimat des Elsässer Papstes Leo IX. von 1049. Schon in der nächsten Kurve ist das Spektakel Fata-Morgana-gleich wieder entschwunden, bis es später nah und mächtig auftaucht. Sogar inklusive Hotel, dramatisch wie
am Eiger klebend! Ich wage kaum zu hoffen... geschlossen.
Schade, es ist nicht mal 19 Uhr und in den Dörfern bereits
alles Leben ausgeknipst. Läden, Lokale, Quartiere – komplett dicht. Abreschviller! Hier geht noch was. Im nächsten Logis de France-Hotel werfe ich aufatmend die Motorradklamotten ab, breite sämtliche Landkarten aus. Und entdecke ein paar fadendünne Linien zum Donon, dem mit 1008 Metern zweithöchsten Gipfel der mittleren Vogesen und schon vor 5000 Jahren magischer Ort der Kelten. Vermutlich Forstwege. Spannend! Am nächsten Morgen ist der Einstieg schnell gefunden, ein Renault Rapide schaukelt voran, so verwegen kann es folglich nicht
sein. »Route forestière, interdit à tout véhicule de 20.00 à 7.00 h«, tatsächlich ein Forstweg, aber nur nachts gesperrt. Auf den angespülten Resten des letzten Unwetters holpere ich dem Renault hinterher gen Donon. Noch bildet dünner Teer den Untergrund, aber die Richtung stimmt nicht ganz. Also rein in den Schotterweg mit Wanderdreieck. Jetzt kann die Gixxe mal zeigen,
was in ihr steckt. Und prasselt prompt ungerührt über die roten
Standsteinkiesel hinan. Doch schon bald kein Piep mehr von
Donon auf den hölzernen Wegweisern. Eine steinalte Michelin-Karte hilft weiter: Ich vermute uns kurz vor dem Melkplatz am
Col du Brechpunkt. Stimmt! Sehr schön, doch leider nicht der Weg zum Pass. Nun heißt es zurück und über die D 44. Schade eigentlich. Aber nicht weniger schön. Schlangengleich windet sich die Straße entlang der sprudelnden Sarre Rouge Riviere
zum Donon, wo das Department Moselle endet und Bass Rhin beginnt. Am Gedenkstein für die Gefallenen der (französischen) Ostfront winkt eine picknickende Straßburger Familie freundlich herüber, bevor hinter dem altehrwürdigen Hotel Velleda die
Talabfahrt nach Schirmeck beginnt.
Danach – wieder Vergangenheit. Und eine deutlich schwie-
rigere als die der Kelten. Camp Struthof. Einst fröhlicher Wintersportort, bis es die deutschen Besatzer 1940 zum Konzentrationslager umfunktionierten. Das westlichste des Reichs und das erste, das die Alliierten 1944 entdeckten. »Wollen Sie die Dokumentation auch sehen?« Die Kassiererin schaut mich ausdruckslos an. O Gott, welche Dokumentation? Hilflos druckse ich
rum, unschlüssig, wie genau ich hier alles wissen will. »Und die Gaskammern?« Sie redet erbarmungslos weiter. »Liegen einen
Kilometer entfernt, leicht zu finden.« Schnell versichere ich,
dass ich die nicht zwingend sehen muss. »Ist ohnehin alles ein Preis.« Das Ticket ist schon abgerissen, für fünf Euro das komplette Grauen. Als sie dann noch für die EU-Statistik die Herkunft
wissen will, bricht mir endgültig der Schweiß aus. Ob sie weiß, wie man sich als Deutsche an so einem Ort fühlt? Während sie das Kreuz bei A macht, wende ich mich der Foto-Dokumentation zu. Eine Darstellung, wie es zum Alptraum Faschismus in Europa kommen konnte. Schonungslos zusammengestellt, von den Versailler Verträgen über Hitler, Mussolini und Franco bis zur Entdeckung der KZs, sechs Millionen umgebrachter Juden und weltweit kaum mehr zählbaren Opfern an Soldaten und Zivilisten. Alles kein Geheimnis und dennoch kaum zu ertragen. Bewegt
registriere ich, dass sie auch Willy Brandts Kniefall in Warschau zeigen, Kohl mit Mitterand und die Menschen auf dem Brandenburger Tor 1989. Und mit der Brücke von Mostar, dass Völkermord offenbar nie endet. Wie betäubt taumele ich hinaus, betrachte die Reihen von Kreuzen der 40000 umgekommenen Lagerinsassen. Am Parkplatz grüßen ein paar Franzosen freundlich von ihren
Motorrädern herüber. Dankbar lächle ich zurück. Es scheint wirklich vorbei. Obwohl ich nicht weiß, wie sie das schaffen.
Jetzt hilft nur Odilia. Jenes wunderbare Kloster auf dem
nahen Mont Sainte-Odile, am Steilabbruch zur Rheinebene gelegen und frei von jeder Schuld. Um 700 von der Herzogstochter Odilia errichtet, 20 Jahre von ihr als Äbtissin verwaltet, mit wunderschönem Innenhof und freiem Blick zum Rhein. Unbeeindruckt von busweise anrollenden Besuchern scheint der Friede Odilias unter den alten Linden unverändert wirksam und beruhigt selbst aufgebrachteste Gefühle. Befreit stürze ich mich ins Tal, durch den einstigen Nobel-Ferienort le Hohwald, in dem bereits französische Generäle und Konrad Adenauer relaxten. Der dichte Wald weitet sich am Col du Kreuzweg, erste Schwarzfedern weiden auf sattgrünen Wiesen. Diese markant gezeichneten elsässischen Kühe, eisern dem harten Vogesenklima trotzend und dennoch vor Jahren fast ausgestorben. Erst die Begeisterung der Touristen rettete ihren Fortbestand. Links eine Ferme Auberge, rechts ein Tümpel voller Enten – und geradeaus der Rollsplitt! Heimtückisch, ankündigungslos und fast nicht sichtbar lauert er in feinen Linien. Ich höre ihn prasseln, bevor ich ihn sehe, mit einem Auge und bereits in Schräglage. Irgendwie schafft es die Tausender drüber weg. Puh!
Immer tiefer seilt sich die D 425 ab, die mächtige Sandsteinkirche von Breitenbach stemmt sich bereits aus dem Tal empor, darunter die hohen, schmalen Häuser von Villé. Auf der Gegenseite des Col de Fouchy, winzig, steil und wie im Motodrom
zirkelt er um alte Citroën, Hühner und Bauernhöfe herum, kleine Steinklötze und Leitplankenreste stehen schützend vor dem
Flug ins Nichts. Sainte-Marie-aux-Mines bildet das nächste Auffangbecken. Eine Bergarbeiter-Kleinstadt der vorigen Jahrhunderte, die mit ihren verschlossenen, grauen Häusern und doch charmant-rüder Betriebsamkeit ihre Ähnlichkeit zu den großen Schwestern in Ruhrgebiet und Mittelengland kaum verhehlen kann. Ungewöhnliche Spätsommer-Hitze drückt in die Häuserschluchten, die Suzuki walzt glühend durch den Feierabendstau zur D 48, die irgendwann erlösend gen Süden entweicht. Ins
weite Tal der Liepvrette und schließlich in weiten Rampen zu den Pässen Bagenelles und le Bonhomme, den ersten Tausender-Übergängen der Südvogesen.
Bereits in warmes Abendlicht getaucht, geht es nun im
Hechtsprung von Kehre zu Kehre, kein Splitt mehr, nichts, was irgendwie aufhalten könnte. Pass folgt auf Pass, ich bin inzwischen auf der Kammstraße Route des Crêtes angelangt. Herrlich eins geworden mit der Maschine fege ich dahin, vorsichtig die Drehzahl im Auge behaltend, ab der die GSX-R 1000 wie entfesselt explodiert. Plötzlich Querverkehr, mächtige 40-Tonner kreuzen: Der Col du Bonhomme, Haupt-Transitroute zwischen Colmar und Lothringen, ist erreicht. Müde und glücklich sinke
ich vom Motorrad, dehne die angespannten Muskeln. Zehn
Stunden Gixxe! Ich sollte es jetzt gut sein lassen.
Obwohl – wann wird es wieder so sein? Dieser Sommer, die Berge, die Maschine, das Licht? Weiter! Lac Blanc und Lac Noir liegen bereits still und dunkelschimmernd in ihren Felsenkesseln versunken, am Col de la Schlucht sitzen die letzten Gäste vor der
Brasserie. Entlang der Route des Crêtes klettern die Gipfel nun zusehends über 1200 Meter und strecken ihre von Eiszeitgletschern rundgeschliffenen Glatzen in den dunkelblauen Himmel. Jede aufwendigere Vegetation versiegt im herben Hochvogesenklima über 1000 Metern, letzte Wiesen und Büsche krallen sich an die Granit- und Gneisfelsen, die nun den Sandstein ablösen. Eine paar Schwarzfedern schreiten zur Melkstation, einige Feierabend-Biker zu ihren knackenden Sportmaschinen am 1424 Meter hohen Grand Ballon, der letzten und höchsten Bastion der Vogesen. Bevor sich die Route des Crêtes endgültig über Col du Silberloch und Herrenfluh ins Tal hinabkringelt. Eine grandiose Aufwärtskehre noch, blassweiß gezeichnet vom letzten Anfeuerungsstakkato für die Tour-Radler von 2005: Ulle, Matze, Vino, damals, als man noch hoffte und glaubte.
Leise dringen bereits die Kirchenglocken von Cernay herauf, als ich über den Petit Ballon hinab nach Munster cruise, in das vielleicht schönste Tal der Südvogesen. Die Störche haben sich bereits auf ihre zahllosen Nester verzogen, das verblichene »Grand Hotel« am Bahnhof bietet noch Zimmer für 39 Euro an und die Brasserie »Cigogne« die letzte Runde. Hoch befriedigt falle ich in einen der knarrenden Korbstühle. Wohlwissend, dass ein letzter Vergangenheitsbesuch noch vor beziehungsweise 600 Höhenmeter über mir liegt. Der schlimmste von allen: Le Linge. Ein Schauplatz des ersten Weltkriegs, an dem 30000 Soldaten 1915 einem sinnlosen Stellungskrieg zum Opfer fielen. Eine Schlacht von vielen, die 1914 bis 1918 an der »Westfront« zwischen Südvogesen und Flandern tobten und weit über eine Million französische und deutsche Soldaten das Leben kosteten (siehe auch Seite 109). Der tiefste Punkt in der Geschichte unserer Völker.
Grübelnd betrachte ich den Sternenhimmel. Der Linge muss morgen noch sein, danach ist endgültig Schluss mit der Düsternis. Dann geht es nach Colmar, wo Altes nicht tot, sondern sprühend lebendig ist. Und in die herrlich aufgebrezelten Orte an der Elsässischen Weinstraße. Auch wenn ich vermutlich spätestens
in Obernai genug von der Schunkelei haben werde. Und in die Berge abzweige, um »The Voice« noch mal alle ihre wunderbaren Bässe und Tenöre zu entlocken.

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