Vom Rhein zur Spree (Archivversion)

Hexenhäuser

Auf kleinen Wegen von Bonn nach Berlin, vom Rhein bis an die Spree, durch verwinkelte Dörfer und historische Städte, in denen man sich manchmal bis ins Mittelalter zurückversetzt fühlt.

Bald herrscht wieder Ruhe in Bonn. Wenn die Politikerkarawane die einstige Hauptstadt verlassen hat, wenn alle Fernsehsender und Radiostationen weggezogen sind, wenn alle Botschaften und Bundesverbände an der Spree und nicht mehr am Rhein wohnen. Vielleicht wird dann vor dem heutigen Bundestag auch wieder Kopfsteinpflaster verlegt, und die Parteizentralen erstrahlen neu im Fachwerk-Imitat.Auf historische Imitate muß das 50 Kilometer entfernte Zons nicht zurückgreifen. Eine völlig erhaltene Stadtmauer von 1100 Metern umgibt dort etwa die gleiche Anzahl Einwohner, die in urigen Stein- und Fachwerkhäusern wohnen, wie man sie in Amerikas Disneyland nicht besser hätte entwerfen können. Ein Modelldorf für Finanz-Minister Waigel: Vor 600 Jahren wurde Zons gegründet, um von den Rheinschiffern den Wegezoll zu erheben. Zum mittelalterlichen Ortstbild paßt meine mittelalte SR 500 offensichtlich gut. »Ein schönes Motorrad«, spricht mich der ältere Herr unvermittelt vor der Pfefferbüchse, einem alten Turm, an. Berthold heißt er und ist früher »Schwalbe« gefahren. Die ganze Niederrhein-Gegend bis nach Holland hat er erkundet. Doch als er dann in der Binnenschiffahrt gearbeitet hat, »auf einem modernen Schubschiff«, wie er stolz erklärt, blieb nicht mehr viel Zeit. Mit der Stadtgeschichte kennt er sich aus: »Zu Zeiten der Stadtgründung floß der Rhein noch direkt vor der Stadtmauer vorbei, heute muß man 300 Meter laufen, um ans Ufer zu kommen. Der Fluß ändert eben seinen Lauf.« Mittlererweile hat man seine Bewegungsfreiheit allerdings eingeschränkt. Heute ist der Rhein eingedeicht. Aber Hochwasser gibt es immer noch. Berthold zeigt mir die alten Markierungen an den Häusern. »In den 30er Jahren sind wir hier mit Kähnen durch die Straßen gefahren,« erinnert er sich.Ruhig zieht die SR später durch die traumhaften Kurven des Bergischen Landes und des Sauerlandes. Von Dormagen aus in Richtung Osten beginnen sich die Hügel und Kuppen stärker zu wellen, und je weiter man in das »Land der tausend Berge« vordringt, desto mehr Kurven reihen sich aneinander.Leider kann man auf die Spitze des Kahlen Asten, die mit 841 Metern höchste Erhebung in Nordrhein-Westfalen, nicht mit einem Fahrzeug fahren. An diesem wunderschönen Aussichtspunkt zweigt die Route nach Norden ab, über Korbach nach Lemgo. Die Strecke führt auf einem kleinen Höhenzug entlang, der nach links ab und an Blicke auf die flache Münsterländer Bucht freigibt. Immer wieder halte ich, genieße die Aussicht.Durch ein hohes Tor rolle ich in die Altstadt von Lemgo. Schiefe Fachwerk- und Steinhäuser aus dem 16. Jahrhundert prägen ihre romantische und urgemütliche Atmosphäre. So friedlich, wie es heute erscheint, ging es hier aber nicht immer zu. Lemgo war eine Hochburg der Hexenverfolgung. Das sogennannte Hexenbürgermeisterhaus zeugt heute noch davon: Es wurde als Kaufmannshaus 1568 gebaut, später residierte hier der Hexenhenker Hermann Cothmann. Auf sein Konto gingen allein 90 der 200 in Lemgo als Hexen gefolterten und ermordeten Frauen.Am nächsten Morgen rausche ich zum nahegelegenen Köterberg. Die fünf Spitzkehren unterhalb des Funkturmes sind ein Genuß. Fahrspaß pur. Verständlich, daß sich oben im Ausflugslokal am Wochenende die Biker tummeln. Doch jetzt unter der Woche geht es hier ruhig und beschaulich zu. Ruhig und beschaulich auch die nächsten Kilometer. Eine weitläufige Ebene erstreckt sich bis zum Weserbergland. Erst das letzte Stück bis zur Weserfähre in Polle und dann weiter bis nach Einbeck ist ein richtiges Sahnestückchen: Kurve für Kurve windet sich der griffige Asphalt über kleine Hügel und durch sonnige Felder. Und bis vor das Tor der Brauerei des Einbecker Urbocks. Wer hier allerdings hält, um während einer Besichtigung das würzige Bier zu probieren, sollte sein Motorrad für den Rest des Tages abstellen.Brocken-Hexen, soweit das Auge reicht. Hexen über den Straßen, Hexen an den Häusern, Hexen überall. In Wernigerode am Ostrand des Harzes sind sie ein gewichtiges Thema. Wegen der farbigen Fassaden der wunderschön restaurierten Fachwerkhäuser rund um den prächtigen mittelalterlichen Marktplatz heißt diese Stadt nicht zu Unrecht auch die »bunte Stadt am Harz«. Daß dieses Stadtbild nicht Opfer der abrißfreudigen und neubauwütigen DDR-Regierung geworden ist, verdanken die staunenden Besucher den Anwohnern, die sich jahrelang fast schon aufständisch gegen die Pläne der Obrigkeit zu Wehr gesetzt haben.»Seit der Wende ist es hier ruhig geworden. Früher war hier ein FDJ-Lager, da war viel mehr los, aber heute...« Hans spricht mich mit leuchtenden Augen an, als ich die SR auf dem außerhalb der Stadtmitte liegenden Sammelparkplatz abstelle. Im Stall hätte er noch eine MZ, erklärt er, aber die sei für seinen Sohn. »Wenn der in sechs Jahren »nen Führerschein machen darf, dann kriegt er die«, sagt er mit leichtem Bedauern darüber, daß er selber nicht mehr zum Fahren kommt. Als Zimmermann hat er bei der Restaurierung der Fachwerkhäuser alle Hände voll zu tun. Und von den einst wunderschönen Häusern gibt es noch genügend, die restauriert werden müssen. Noch am Nachmittag brausen wir auf kleinen Straßen nach Thale. Hoch über dem Ort befindet sich auf einem Granitfelsen der Hexentanzplatz. Der Sage nach starten in der Walpurgisnacht von hier aus die Hexen zu ihrem Flug auf den Brocken, dem höchsten Gipfel des Harzes. Gegenüber und von einer tiefen Schlucht getrennt wächst ein weiterer Felsen rund 250 Meter hoch in den blauen Himmel: die Roßtrappe. Ein nicht minder sagenhafter Ort, soll doch einst einem berittenem Burgfräulein auf der Flucht vor dem lüsternen Ritter Bodo der weite und rettende Sprung auf einem Pferd über die Schlucht gelungen sein. Sie landete auf der Roßtrappe, wie ein gewaltiger Hufabdruck beweißt. Der böse Ritter Bodo dagegen fiel in die Schlucht und ertrank in dem kleinen Fluß, der heute Bode heißt. Regen trübt die Aussicht und läßt mich die vielen Kurven bis Quedlingburg vorsichtiger fahren. Wie ein grauer Schleier verhängt plötzlich dichter Nebel den sonst traumhaften Blick auf die über 1600 Fachwerkhäuser unterschiedlichster Stilepochen dieser Stadt, die aussieht wie aus einem altdeutschen Bilderbuch. Unter dem Schloßberg, auf dem weithin sichtbar die doppeltürmige Stiftskirche steht, erstrecken sich in alle Himmelsrichtungen farbige und reich verzierte Fachwerkhäuser. Ein schier unüberschaubares schiefwinkliges Gassengewirr führt durch den mittelalterlichen Grundriß und zu den inzwischen über 300 Häusern, die mit einem blauweißen Schild als Bauwerk mit hervorragender historischer Bedeutung gekennzeichnet sind. Seit 1996 zählt die gesamte Altstadt zu einem von über 440 Denkmälern, die weltweit unter dem Schutz der UNESCO stehen. Und dieser Schutz ist auch dringend nötig: Zu DDR-Zeiten ist hier vieles verfallen. Die Sanierung, mit der vor wenigen Jahren begonnen wurde, wird noch lange Zeit dauern und viel Aufwand erfordern.Über die letzten Wellen des Harzer Granits rollt die SR 500 durch gelbe Felder. Im Rückspiegel taucht manchmal noch ein kleiner Hügel auf. Aber bald sind die Harzkurven bloße Erinnerungen. Durch Mischwälder führt der Weg nach Norden bis Stendal. Hinter der alten Hansestadt direkt an der Elbe liegt Tangermünde, eine Hansestadt, deren wunderschöne Bauwerke zum Teil sehr gut erhalten sind. Bereits im Jahre 1009 wurde Tangermünde zum ersten mal urkundlich erwähnt. Geparkt wird außerhalb. Doch schon bevor ich unter dem Stadttor durchgegangen bin, fühle ich mich wie auf einer Zeitreise. Allerdings nicht ins Mittelalter, sondern nur rund sieben Jahre zurück. Denn plötzlich weht mir die alte DDR-Fahne entgegen, mit Hammer und Zirkel, wie damals vor 1989. Darunter steht ein 30-Liter-Kübel mit Erbsensuppe, daneben wartet Klaus, der Besitzer. Er würde die Mauer - wenn er nur könnte - doppelt so hoch bauen wie damals. Der Frust der Wiedervereinigung schlägt mir als Wessi hier voll entgegen. Früher war Klaus Inhaber einer Gaststätte, jetzt ist er arbeitslos, und als Selbständiger bekommt er keine Arbeitslosenunterstützung. Also lebt er vom Verkauf der Erbsensuppe. 3,50 Mark sind da als persönlicher Beitrag für den Aufbau Ost gut investiert.Hier an der Elbe endet die Reise vom Rhein an die Spree. Noch ein paar Kilometer bis Potsdam, dann über die breitenAlleen, die schnurstracks in die neue Hauptstadt führen. Unsere Politiker werden diese Reise vermutlich nie genießen. Sie werden im Nachtexpreß auf dem kürzesten Weg von Bonn nach Berlin reisen oder ein Flugzeug besteigen. Es ist zugegebenermaßen auch schwer vorstellbar, daß die 672 Damen und Herren des Bundestags nach einer mehrtägigen Motorradreise vor dem neuen Berliner Plenarsaal von schweren Maschinen steigen.
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Unterwegstip (Archivversion)

Bei einer Tour von Bonn am Rhein bis Berlin an der Spree durchquert man die unterschiedlichsten Regionen Deutschlands. Attraktive Motorradstrecken führen durch das Rothaargebirge, das Weserbergland und durch den Harz. Wunderschöne Städte und Dörfer lassen auch in den Pausen keine Langeweile aufkommen.
Die Strecke: Ob man die Tour von Bonn nach Berlin oder in entgegensetzter Richtung fährt, ist egal. Wichtig ist lediglich, daß man möglichst kleine Landstraßen wählt. Lohnende Abstecher sind die kurvenreichen Strecken durch das Rothaargebirge zwischen Kirchhundem und Bad Berleburg. Ebenso kurvenreich und landschaftlich reizvoll sind die Strecken entlang der Weser im Weserbergland zwischen Höxter, Münden und Göttingen. Ein richtiges Highlight für Biker ist der Harz. Zwar sind an den Wochenenden die meisten Strecken hoffnungslos überfüllt, aber wer während der Woche hierher kommt, kann zwischen Goslar, Clausthal-Zellerfeld und Braunlage relativ ungestört fast schon alpine Straßenverläufe genießen. Übernachten: Hotels und Pensionen in allen Preisklassen finden sich überall entlang der beschriebenen Route. Ausführliche Infos gibt es bei den jeweiligen Fremdenverkehrsämtern unter folgenden Telefonnummern: Zons 021 33/532 96; Lemgo 052 61/21 33 47; Quedlingburg 039 46/28 66; Tanermünde 039 22/ 2971. Der Tip für Biker im Weserbergland: die Villa Löwenherz in Lauenförde, ein prächtiges Hotel und gleichzeitig internationaler Treffpunkt für Motorradfahrer. Im Sommer leider häufig ausgebucht. Infos unter 052 73/75 67. Literatur: Tips für Touren durch das Ruhrgebiet, das Weserbergland, den Harz und fünf weitere Regionen zwischen Röhn und Ostfriesland stehen in dem MOTORRAD-Reiseführer Deutschland, Band 1, aus der Edition Unterwegs. Für 29,80 Mark zu bestellen beim MOTORRAD-Leserservice, 70162 Stuttgart, Telefon 07 11/182-12 25; Fax 07 11/182-11 65. Als Übersichtskarte eignet sich die Deutschland-Karte (1:500 000) von Kümmerly+Frey, die interessanten kleinen Straßen findet man aber auf der Generalkarte (1:200 000) von Mairs besser.

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