Vorbereitung auf ein 24-Stunden-Mofarennen (Archivversion) Joe’s Garage

Dreizehn Freaks aus dem schwäbischen Biburg haben nur ein Ziel: Einmal ganz oben auf dem Siegertreppchen stehen bei Deutschlands brutalstem Mofarennen. Doch das Schicksal hat Zähne wie ein Wolf und ist tückischer als ein Minenfeld.

Es riecht nach Schweiß und Ideen. Joe, alias Thomas Linder, 25, rauft sich seine langen Haare, seufzt tief: »Heut’ Nacht werde ich zum ersten Mal seit Monaten befreit schlafen.« Die ölverschmierte Holzkiste, auf der er sitzt, steht mitten in seiner Werkstatt. Einem Juwel, das niemand in der uralten Scheune, erbaut 1898, vermuten würde. Acht auf acht Meter, drei Meter hoch, feuerfeste Türen, Industrie-Kunststoffboden, beleuchtet wie ein Fotostudio. Bandschleifer, Kompressor, vier Werkbänke, Lkw-breite Industrieschränke, massive Ständerbohrmaschinen, zwei Zeichenbretter, drei Schweißgeräte: Elektro, Schutzgas und WIG. Die Ausrüstung könnte mit der einer Schlosserei konkurrieren. Ein alter Verstärker presst gedämpften italienischen Dancefloor-Sound durch die selbst gebastelten Boxen, Detailzeichnungen diverser Mofa-Teile zieren blütenweiß gestrichene Wände. Draußen hat sich an diesem Samstag, 11. August 2001, eine gespenstische Ruhe wie ein großes Tuch herab gesenkt und, so scheint es, ganz Biburg unter sich begraben. Es ist die Ruhe nach und vor dem Sturm.Stürmisch ist jedoch nur selten in Biburg. Der oberbayrische Ort, 1200 Einwohner, eine Ampel, drei Kneipen, ein Autohändler, ein Metzger, drei Heizungsinstallateure, ein 36 Meter hoher Maibaum, verkörpert die süddeutsche Landidylle. Hier, wo abends Zündschlüssel im Wagen stecken und Geldbörsen auf dem Beifahrersitz liegen bleiben, muss nach dem Kelch des Lebens erst einmal gesucht werden, um daraus einen gierigen Schluck zu trinken. So wie im Juli 1998. Joe und zwei Freunde entdecken auf einer Veranstaltung in Rachau, Österreich, einen Flugzettel, auf dem ein 24-stündiges Mofarennen im oberpfälzischen Speinshart angekündigt wird. Längst Motorrad fahrend, besinnen sich die Freunde der alten Vespa-Bravo-Mofa, die in Heuböden und dunklen Kellern einer Wiederbelebung harren. Ein voll beladener Fiat Ducato – die Liebe zu Italien schlägt sich nicht nur in kulinarischen Vorlieben nieder – spuckt nach dreiwöchiger Vorbereitung zwei konkurrenzfähige 50-Kubik-Maschinen auf den Rundkurs in Speinshart, einem Stoppelacker mit Wasserloch. Das neu gegründete Team Schwabenracing erkämpft sich Platz 10 und 13 von 28 Startern und nimmt zusätzlich einen Pokal für das verrückteste Team entgegen. Die Jungs sind mit Schweißgerät und mobiler Werkstatt angereist und lassen die Konkurrenz freundlich am Improvisationstalent teilhaben.Zudem trägt die ideale und bewährte Verteilung der Aufgabenbereiche reife Früchte. Schließlich hatte die Jungs in Biburg schon Partys mit 10000 Leuten organisiert, 60 Meter Theke samt Dancefloor, Beschallung und Beleuchtung auf eine Wiese am Waldesrand gezimmert. Gemeinsam gelöste Probleme verschweißen stärker als Gas und Sauerstoff. Neben Joe kümmern sich Frank »Franko« Bankonin, 32, und Markus Schweitzer, 27, um die Mofakonstruktionen, arbeiten als Mechaniker während der Rennen. Franko, gebürtiger Hamburger und gelernter Konditor, im echten Leben Eierhändler, ist ein Berg von einem Mann. 115 Kilo Muskeln verteilen sich auf 1,90 Meter. Es scheint, als wäre Käpt’n Bluto, der Gegenspieler von Popeye, aus dem Comic entsprungen. Schrauben, die er anzieht, halten. Garantiert. Fürs leibliche Wohlbefinden ist Stefan »Jones« Birner, 32, zuständig. Ein Mann, der keine Fransen an der Jacke braucht, um cool zu sein, der den lauernden Blick eines Wolfes besitzt. Nach ihm hat das Leben schon vergeblich gebissen. Der Maschinenbau- und Schlossermeister ist nebenbei noch der logistische Leiter des Teams, ihn assistiert sein 22-jährigen Bruder Thomas »Bito«. Ein Typ, der den Bartschnitt annähernd so oft wechselt wie manche ihre Unterhemden und den Salat lieber fünf- statt viermal wäscht. Andreas »Nussi« Nussbaum, 25, Rettungsassistent, mimt den Boxenmanager. Führt schon im ersten Jahr der Teilnahme exakt Buch über Standzeiten der Mofas, registriert Fehlerquellen, plant Tankstopps, ist immer zur Stelle, wenn man ihn braucht – ein echter Samariter. In den Jahren 1999 und 2000 holt das Team erneut Plätze im vorderen Viertel und einen Pokal für das beste Mofa – ihre Vespa Bravo wurde von Luft- auf Wasserkühlung umgerüstet. Zum Sieg jedoch hat es nie gereicht. Heuer, im Jahre 2001, will man es endlich wissen.Rechtzeitig zu den Rennvorbereitungen wird die Werkstatt eingeweiht. Joes Oma Anna Dirr, 78, die weißen Haare dauergewellt, immer einen Rat oder Tadel im Mundwinkel, genehmigt den Umbau ihrer alten Scheune, registriert scharf: »Dass die Jungs so Schrauben können, das kommt davon, dass sie immer nur diese italienischen Autos fahren.« Ihr Enkel, einer der wenigen in seinem Alter, die den Zylinderkopf noch mit einer Feile planen können, soll einen vernünftigen Platz zum Schrauben haben. Erfolgreich verlaufen auch die Verhandlungen von Thomas »Schmiedi« Schmid, 25, Energieanlagenelektroniker und Marketingmanager von Schwabenracing. Vier Sponsoren sind bereit, das Team 2001 bei diesem verrückten Event zu unterstützen: Sonax liefert Reinigungsmittel, Mefo die Reifen, Castrol das Öl, der Rollershop Adelsried gewährt dicke Rabatte. Schließlich schlägt ein neuer Vespa-Motor ein 600 Mark tiefes Loch in die Kasse. Erstes Problem: Beim Zieleinlauf im vergangenen Jahr brach bei Fahrer Jürgen »Junior« Erdle, 28, nach einem missglückten Wheelie die Gebelbrücke. Eine großzügig dimensionierte Halterung aus einer hochfesten Aluminiumlegierung, augenscheinlich dazu befähigt, eine Suzuki Hayabusa zu bändigen, wird im Januar aus dem Vollen gefräst. Telefondrähte in ganz Europa glühen heiß. Joe und Markus sind auf der Suche nach einem italienischen Spezialzylinder. Neue, elegante, leichtere Dreispeichen-Felgen liefern die 15-Jährigen aus der Nachbarschaft gegen Joes Versprechen, ihnen alle Plattfüße der nächsten zehn Jahre kostenlos zu flicken. Kunstvoll vernietete Schaumstoffplatten sollen Vergaser und Luftfilter, bei den Bravo-Modellen bauartbedingt tiefliegend, vor Hustenanfälle durch Schlamm und Wasser schützen. Doch schon im April, bei ersten Fahrten auf der Teststrecke, 25 mal 90 Meter im Oval mit einer Wasserdurchfahrt, schlägt die Lagerung der Hayabusa-Brücke aus, die Motoren erweisen sich als zu anfällig. Im Mai glimmt Hoffnung in den Mechanikeraugen. Eine Edelstahlbuchse plus hart verchromte Laufschalen verleihen der Gabelbrücke ewiges Leben, der lang ersehnte Spezial-Zylinder mit aufwendigen Spülkanälen für besseren Durchzug und Mehrleistung im mittleren Drehzahlbereich kommt per Bote aus Italien. Alles bestens. Doch schon nach einer Minute Laufzeit zieht der Motor Wasser durch die Dekompressionsbohrung. Zwei Wochen lang tüftelt Joe daran, die beiden Teile, so unterschiedlich wie Mann und Frau, auf ewige Treue und Festigkeit zu vereinen. Plant, raspelt, fräst und dichtet, was das Zeug hergibt. Entdeckt in letzter Sekunde einen Löffel voll Sand im hintersten Winkel des Zylinders, pickt ihn Korn für Korn heraus. Rückstände der Gussform – Italien lässt grüßen.Die letzten Testfahrten am Freitag, 10. August 2001, verlaufen zufriedenstellend. 15 Stunden Vollgas haben den Überlebenswillen der Motoren bis dato nicht brechen können. Sie sind bereit für den Speinsharter Dauerstress. Die Internet-Homepage, www.schwabenracing.de, wird freigeschaltet.Den Fiat Ducato von einst hat längst ein 24-Tonner abgelöst. Sein Bauch verschluckt das Equipment, gut 10 Tonnen schwer. Zwei Rennmofas, 44 Kisten Getränke, Mannschaftszelt, Hauszelt, zwölf Stahlkäfige mit den Abmessungen doppelter Bierkästen mit Werkzeug und Motorenteilen, Stromaggregate, Aussichtsplattform, Tische, Stühle, Schlafsäcke, Schnelltankanlage, 500-Liter-Wassertank, drei Werkbänke, Schweißgeräte, ein Soundsystem mit 2 x 200 Watt, unzählige Utensilien von Hängematte bis zur Zigarette danach. Die Krönung der renntäglichen Dekadenz: die von Joe aus einer Gastherme entwickelte warme Dusche. Es ist Samstag, 11. August 2001, 17.10 Uhr, als die Lkw-Plane fällt, die Hände der Freunde zusammen klatschen und Joe sich seufzend auf seiner Holzkiste durch die Haare streicht. Monatelange Vorbereitung liegt hinter ihnen. Team Schwabenracing jetzt noch von der Fahrt durch die 24-stündige Hölle abzuhalten zu wollen, wäre so chancenreich, wie einen Pudding an die Wand zu nageln.Montag, 13. August 2001. Jones, Nussi und Bito sind die Ersten, die den Speinsharter Kurs mit dem 24-Tonner erreichen. Für das Rennen haben sie zehn Tage Urlaub genommen. Grüppchenweise rücken die Biburger innerhalb der Woche nach, beim Start am Samstagmorgen, exakt 8 Uhr, zählt das Team 32 Leute. Gridgirls und Daumendrücker mitgerechnet. Doch die Zeiten haben sich geändert. Der familiäre Touch des Mofarennens ist verflogen, die Worte des Streckensprechers klingen wie Befehle. Rauh, barsch, emotionslos. Zudem herrscht verbissener Konkurrenzkampf wie in der Formel 1. Fast so, als ginge es nicht um Pokale, sondern um eine Million Dollar. Nahezu jedes Team protzt mit pompöser technischer Ausstattung, kaum jemand, der ohne Schweißgerät und Ersatzmotor hier ist. Aus der Boxengasse, 312 Meter lang, starten 106 Teams auf die 1200 Meter lange Strecke. Diese wird zehnmal am Tag bewässert, hat eine Schlammdurchfahrt, einen Sprunghügel und ein Waschbrett – ist härter als je zuvor. Schwabenracing belegt mit beiden Maschinen um 10.13 Uhr die Plätze 1 und 17, als die Katastrophe naht. Auf das brutale Waschbrett nicht vorbereitet, bricht an beiden Mofas die Kassettenschwinge, die Schweißarbeiten nehmen 35 beziehungsweise 43 Minuten in Anspruch, werfen das Team weit zurück. Mehr als Platz 28 und 32 ist bis zum Abend nicht drin. Sonntagmorgen – das Rennen ist zweigeteilt – startet die Meute zur zweiten Etappe. Der Sender SAT1 wird Dauergast bei den Biburgern, filmt Freud und Leid der Materialschlacht. Grund genug für die Schwabenracer, selbst routinierte Griffe bedeutungsschwanger auszuführen. Aber auch Grund genug, sie respektlos aus der Box zu werfen als sie Servicearbeiten mit Micro und Kamera behindern. Als die Zielflagge um 17 Uhr das härteste Mofarennen Deutschlands beendet, hat das Siegerteam Sprengkommando Münchsreuth 771 Runden, oder 925 Kilometer abgespult. Die Ehre der schnellsten Runde, 1.35.30 Minuten, gebührt dem Team Bermuda Holiker. Schwabenracing belegt die Plätze 15 und 29. »Rennen fahren ist halt mehr, als nur gewinnen«, sagt Joe in diesem charmanten Tonfall, der ihm die Welt zu Füßen legen könnte, und blinzelt: »Im November gibt’s ein Drei-Tage-Mofarennen in Ulm.« Er streicht durch die langen Haare und blickt auf den Boden. Bis dahin sind es noch 73 Nächte. Hoffentlich werden sie nicht schlaflos.

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