Walliser Alpen (Archivversion) Zeitweise wolkig

Wer zwischen Rhone Gletscher und Genfer See unterwegs ist, erlebt alles. Die höchsten Pässe, die schönsten Viertausender und den härtesten Tourismus. Dennoch ist es die vielleicht beste Tour in der Schweiz.

»Bergfahrt Grimsel - Oberaar 6.00 - 6.15, 7.00 -7.15 Uhr usw.; Talfahrt Oberaar - Grimsel: 6.30 - 6.45, 7.30 bis 6.45 Uhr usw. Letzte Talfahrt 22.45 Uhr.« Ein paar Murmeltiere pfeifen in der Nähe, ein schräger Sonnenstrahl bringt die von Gletschern blankgeschliffenen Felsen zum Aufleuchten. Dahinter ragen ein paar steile Felszacken vor dem Himmel auf, drum herum regiert ewiges Eis. Ich ziehe den Jackenkragen enger, auf 2165 Metern weht ein frisches Lüftchen. 19.05 Uhr - perfektes Timing für die Bergfahrt. Die rund zwei Kilometer lange Sackstraße zum Oberaarsee ist so schmal, dass sich gerade ein Fahrzeug an der Felswand entlangtasten kann. Ausweichstellen gibt es kaum, also wird die Fahrrichtung halbstündlich abgewechselt. Natürlich halte ich irgendwo zu lang an, und es gibt ein kleine Rangelei zwischen der fetten TDM 850 und einem bereits talwärts fahrenden Auto, aber der Blick auf den Bergsee war einfach unwiderstehlich. Endlich angekommen zwischen den Viertausendern der Berner und Walliser Alpen, auf dem Hauptkamm des mächtigsten europischen Gebirges. Wo sich alles nur noch auf Fels und Eis reduziert, auf eine alpine Essenz aus Restvegetation, hartgesottenen Murmeltieren und dem Postbus. Und auf diese legendären Pässe, die sich in ungezählten Kehren seit Jahrhunderten über die Bergkämme und seit Jahrzehnten auch durch die Sinne besessener Biker winden. Hier oben zweigen sie ab. Den Grimsel hinab, dann links auf den Furka und über den alten Gotthard und den Nufenen wieder zurück. Fast 10 000 Höhenmeter in der Summe - das Bermuda-Dreieck für Motorradler. Für Tage kann man hier in voller Schräglage verloren gehen. Auf dem Grimselpass zwei kleine Gasthäuser, »Alpenrösli« und »Grimselblick«. Kantige graue Granitmauern mit warm roten Fensterrahmen. Als gelte es, das Unerbittliche dieser Gegend ein wenig abzumildern. Das Zimmer kostet 45 Franken, der Kaffee drei - ziemlich billig, für solch einen Logenplatz. Doch seit dem Bau der großen Alpentunnel im Lötschental und am Gotthard ist die Bedeutung dieser Übergänge sichtbar geschrumpft. Hier muss niemand mehr zwingend drüber. Von Oktober bis Mai sind sie ganz gesperrt. Im »Alpenrösli« zeigt ein Bild von 1861 den gewaltigen Rhone-Gletscher. Fast bis nach Furka reichte er damals hinab. Heute schiebt er seine gewaltige, blaugrün leuchtende Eispratze gerade noch bis zur Pass-Straße. An den Felswänden erinnern helle Streifen an seinen Rückzug. Ein höhlenartiger Fußpfad führt direkt in diesen jahrtausende alten Panzer eisiger Transparenz hinein. Ich fröstele vor Kälte und Ehrfurcht. Am Ende stehen zwei Bären mit einer Fotokamera. Für sieben Franken im Gletscher geknipst, lautet ihr Angebot, du und der Eisbär. O Gott, bloß raus. Ich haste hinaus, doch der Fluchtweg führt diabolischerweise mitten durch den angrenzenden Souvenir-Shop, vorbei an Gamsbarthüten, Postkarten und ausgestopften Steinadlern. 80 Pferdestärken retten mich von »Gruß vom Furka«-Gläsern und Wanderstock-Plaketten, tragen mich freudig bellend den Grimsel hinab, durch diese wahnsinnigen Serpentinen, breit wie der Rennkurs von Catalunia, in denen nicht mal Busse auf der Ideallinie ein Wimpernzucken auslösen oder die Schräglage vermasseln. Gas auf und hinab, die nächste Kehre fliegt heran, glatt und makellos wie Johnny Di Caprios Knabenbrust. Ein Blick über die Brüstung - die Strecke scheint frei bis fast hinab nach Brig. Hinein in die Kurve, zischend gehen die Bremsen auf Kontakt und die Reifen auf die Kante, der Horizont kippt, die Perspektiven verwischen, der Asphalt nähert sich und dreht langsam im rechten Augenwinkel vorbei, der Scheitelpunkt ist da, Gas auf und davon. Genial. Und noch einmal, unendlich oft - das Bermuda-Dreieck ist da. Meter um Meter verliere ich an Höhe, es wird wärmer, lieblicher. Gletsch taucht auf. Das erste Dorf, der erste Wegweiser: Furka oder Brig, die Schilder machen hier nicht lange rum. Brig. Ich will hinab, weiter an der jungen Rotten entlang, die mich grün und temperamentvoll sprudelnd seit dem Gletscher begleitet. Sprudelte sie zunächst noch brav neben der Straße dahin, stürzt sie sich nun immer wilder und verwegener zu Tal. Reifephasen eines Flusses, der unten schließlich als erwachsene Rhone gravitätisch wie Königin Mutter den Weg gen Genfer See und Mittelmeer antreten wird. Sie ist der rote beziehungsweise grüne Faden des Wallis. Dunkle Holzhäuser lösen nun zunehmend die beinharten Steingemäuer ab, von einem Meer bunter Blumen umgeben, deren Duft sich charmant mit dem der sonnenwarmen Balken mischt. Ich bin im Goms, dem oberen Teil des Kanton Wallis.In Ulrichen ein kleiner Laden. Auf kaum 40 Quadratmetern bieten er und seine betagte Besitzerin alles, was ansässige wie durchreisende Menschen brauchen. Nicht mehr und nicht weniger. Wein lagert neben übriggebliebenen Feuerwerkskörpern vom letzten Sylvester, ganze Käseräder neben Schulheften, frische Tortellini neben Klosteinen, Domestos zwischen Sonnenöl und Würstchen. Äpfel und Kekse werden im Tankrucksack geschichtet, es kann weitergehen. Links zeigt nun der Nufenen-Pass ab, geradeaus geht die Talfahrt weiter. Noch eine kleine Schonfrist bis Brig und der Auffahrt zum Simplontunnel, einer der wichtigsten Nordsüdpassagen zwischen der Westschweiz und Italien, dann ist die pulsierende Wirtschaftsader des 130 Kilometer langen Rhone-Tals erreicht. Fünfstöckige Betonklötze lösen die behaglichen Holzhäuser ab, Fast-Food-Lokale, Durchgangs-Campingplätze und Autoverkaufsplätze säumen nun die Strecke, Lkws donnern dahin. Die Temperaturen sind drastisch angestiegen, irgendwo zeigt ein Thermometer 31 Grad. Umgeben von Viertausendern, herrscht in dem gerade noch 500 Meter hoch liegenden ehemaligen Gletschertal ein geradezu mediterranes Klima, das neben Sprit und Hamburgern sogar Wein und Aprikosen hervorbringt. In Sion, der hübschen alten Hauptstadt des rebellischen Kantons Wallis, der sich erst 1815 der Eidgenossenschaft angeschlossen hatte und vorher lang zwischen den nördlichen Schweizern und den Grafen von Savoyen hin- und hergezerrt worden war, wirbt ein Plakat für die Austragung der Winterolympiade 2006. Wen wundert`s, immerhin liegen zwischen Chamonix, Crans Montana und Zermatt die Weltklasse-Pisten des Landes. Zermatt verfügt aber noch über eine weitere Angelegenheit von Weltniveau. Dort residiert gewissermassen die Ikone, der Inbegriff alpinen wie Schweizers Daseins, noch härter wie der Franke und treuer wie der Rütlischwur: das Matterhorn. In Visp biege ich ab ins Mattertal, das drittwestlichste von einem runden Dutzend Täler, die sich von Norden in die Walliser Alpenkette bohren. Die Straße steigt behutsam an, gabelt sich, links liegt Saas Fee, geradeaus das Allerheiligste. Ich gucke mir schier die Augen aus dem Kopf, bin richtig aufgeregt, da glaube ich es schon zu sehen, ein gewaltiger weißer Zacken, direkt vor mir. Irre! Aber es ist irgendein anderer Fels, geographisch kann es auch gar nicht sein. Also weiter. Aber statt Matterhorn tauchen riesige Parkflächen auf, Halden wie in Rüsselsheim oder Ingolstadt. Aber hier liegt keine Autofabrik, sondern der arme Ort Täsch. Weißrote Schranken verwehren die Weiterfahrt: Nach Zermatt geht´s nur noch per Schiene weiter. Es ist der letzte Ort im Tal und komplett autofrei. Und Täsch ist quasi der Vorhof zur Hölle, der die Besuchermassen zur weltberühmten Nachbargemeinde durchfiltert und für die Autoentsorgung zuständig ist. Welch eine Mission! Ob Täsch sich das mal so vorgestellt hatte? Ich habe nun die Alternative, mir hier und jetzt ein Zimmer zu mieten und morgen mit der Bahn das Horn besuchen zu gehen oder jetzt die Yamaha zu parken und mit dem ganzen Krempel unterm Arm nach Zermatt zu tingeln und dort eine Bleibe zu suchen oder aber das Ganze gleich zu stecken. Und statt dem Matterhorn in Grindelwald die Eiger-Nordwand angucken. Ist auch Fels und Eis und schweinisch hoch. Aber eben nicht das Horn. Also gut. Ich entscheide mich für die erste Variante, die TDM kommt ins Tiefparterre, ich in ein Ski-Appartement, und am nächsten Morgen versuche ich mich tapfer für die Seilbahnnummer zu motivieren. Trotzdem ist Zermatt ein Schock, eine unglaublich geschmacklose Kombo aus Stahlbeton und mit Schnitzereinen überladenen »Old Zermatt«- und »Alpine Blow«-Hotels, aus Hütchen- und Plüschtier-Verkaufständen, aus Kitsch mit deutschen, englischen und japanischen Untertiteln und natürlich dem porzellan- und stoffgewordenen Wahrzeichen in allen nur denkbaren Versionen. Der letzte Schrei scheint eine auf der Matterhornspitze balancierende lila Kuh. Geradezu Kunst drückt dagegen eine Postkarte in Andy-Warhol-Anmutung aus, die den Berg wie einst Marylin Monroes lasziv lächelndes Kussmündchen in wechselnden Pop Art-Farben moderiert. Wow! Ich dränge mich mühsam an den Shops, Cafés und Sommerskiläufern vorbei zur Seilbahnstation. Vom echten Berg noch immer keine Spur. Doch als zwischen Internet-Café und Mountain-Bike-Verleih eine Himmelslücke sichtbar wird und eine Windböe plötzlich die Wolkenbank beiseitefegt, liegt es vor mir. Ganz nah und stolz, die weltberühmte Silhouette darbietend. Kein Fels ist derart eindeutig. Die sich ebenmässig verjüngenden Seitenflanken und darüber wie ein Finale die kleine Hakenspitze on the top - perfekt! Bewegt starre ich es an, als sei es die Corona der verfinsterten Sonne. Sofort ist der ganze Mythos, das Theater darum klar. Doch die Chance war nur kurz, die Wolke wabert bereits wieder eifersüchtig heran und zack - schon ist das teure Ding wieder keusch verhüllt. Freie Sicht aufs Matterhorn gibt´s ähnlich selten wie Mondschatten auf der Sonne. Doch ich bin infiziert, eile weiter zur Seilbahnstation, löhne den unglaublichen Betrag von 56 Franken, um dann Station um Station nach oben zu rattern, immer diese Wolke im Visier, von der Tal- zur Mittelstation, von dort zum Schwarzsee, dann über Furi zum Abzeig Trockener Steg und von dort zum Klein Matterhorn. Ich fühle mich wie auf einem Verladebahnhof, doch geradezu süchtig klappere ich Höhenmeter um Höhenmeter ab. Nur noch einen einzigen Blick. Doch die Wolke lässt nicht locker, legt allenfalls mal ein Felsstück frei, einmal sogar die Spitze, aber nie mehr den ganzen Berg. Am endgültig letzten Punkt in 3820 Metern angekommen, liegen alle 51 Viertausender des westlichen Alpenhauptkamms plus einer Wolke in strahlendem Sonnenschein aufgereit. Ganz nah die 4634 Meter hohe Duforspitze des Monte Rosa, im Gegenlicht fluoreszierend, darunter ein einziges Meer aus ewigem Eis. In breiten Zungen leckt es hinab, bricht in tausend Spalten über die Felskanten talwärts, wandert in Kurven um zerklüftete Felsen. Ein paar Skiläufer sind unterwegs, Bergsteiger mit Pickel und Seilen. Einer Dame aus Wisconsin entfährt ein ergriffenes »My goodnes«, als sie die Eismassen sieht. Sie kenne die Rockies, erklärt sie, und die seien - sinngemäß übersetzt - einen Scheiß gegen das hier. So etwas sagen Amerikaner nicht oft. Ein eisiger Wind fegt über die kleine Aussichtsplattform, ich vergrabe mich tief in der Jacke. Meinem Kreislauf droht ständig das Aus, es ist verdammt hoch hier oben, auf dem Dach der alten Welt. Im Westen erkenne ich den Dent Blanche und den Grand Corbin, dort wird die Reise weitergehen. Als ich Stunden später wieder auf der TDM sitze, fühle ich mich erschöpft wie nach einem Interkontinentalflug. So etwas Ähnliches war es wohl auch. Die Andy Warhol-Postkarte in meinem Tankrucksack ist die einzige Erinnerung an den schönen Berg, den ich gerade eine Minute gesehen habe. Ich verlasse dieses sonderbare Tal, die Parkplätze und Bahnstationen, rolle wie betäubt ins Rhone-Tal zurück und ein Stück weiter westlich ins Val d`Anniviers. Über eine winzige Straße taste ich mich an einer schwindelerregenden Felswand hinauf, geniesse wieder zu Fahren statt zu Schweben, dirgiere die große Maschine behutsam durch geröllbedeckte Kurven und finstere Tunnels. Jedes PS will hier einzeln und sorgsam dosiert ans Hinterrad entlassen werden. Die ersten grob verblockten Holzhäuser von Vissoie und Ayer tauchen auf. Kleine Walliser Dörfer, in denen nun französische statt deutscher Kehllaute über die Straße fliegen - die Sprachgrenze ist überschritten. Geranien, bunte Wachstischtücher und rote Kronenburg-Schirme sind die einzigen touristischen Attraktionen. Der Rummel des Nachbartals ist wie ein Spuk vorbei und wird auch vor dem Mont Blanc nicht mehr beginnen. Stille umgibt die Täler Anniviers, Herens, Hérémence, Bagnes und Entremont, und als ich im Val d`Herens vor dem sonnenwarmen Holz einer Almhütte die Kekse aus Ulrichen aufesse und wieder die Murmeltiere pfeifen höre, merke ich, dass es verzichtbar ist, dieses Horn.

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