Weltreise (Archivversion) 50000 Kilometer nach Hause

Viele träumen von der ganz großen Reise, vom Trip des Lebens. Irgendwann ist es an der Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen. Oder es ganz sein zu lassen. Ein reiseverrücktes Paar aus Bielefeld entschied sich für Ersteres – und gönnte sich eine 15 Monate lange Auszeit, um von Neuseeland zurück nach Deutschland zu fahren.

Flughafen Auckland, Neuseeland, zehn Uhr Ortszeit. Tanja und ich sind nach zwei Tagen im Flieger am anderen Ende der Welt gelandet. Von hier wollen wir im Sattel unserer betagten Honda Africa Twin zurück nach Bielefeld fahren: grob geschätzt 50000 Kilometer. Auf dieses Abenteuer haben wir uns drei Jahre lang vorbereitet, haben das Motorrad vor sechs Wochen im Hamburger Hafen per Frachter aufgegeben, und uns am Frankfurter Flughafen schweren Herzens von unseren Familien verabschiedet. Und nun soll es tatsächlich losgehen.
Zuerst einmal muss die Honda aus der Kiste befreit und zuammengebaut werden. Wir nisten uns bei Kerry ein, einem 40-jährigen ehemaligen Dakar-Mechaniker und Motorrad-Weltenbummler, der sich nach vielen umtriebigen Jahren in dieser Stadt, der größten Neuseelands, einen urigen Motorradladen eingerichtet hat. Doch ein paar Tage später können uns selbst die spannendsten Rallye-Geschich­ten und der entspannte Lifestyle von Kerry und seinen Freunden nicht mehr halten. Wir wollen endlich auf Achse sein!
Kurs Nord. Gleich hinter der Stadt­grenze beginnt die Einsamkeit und begegnet uns das, wofür Neuseeland berühmt ist. Wind, Wiesen und Schafe auf dem Weg zum »Ninety Mile Beach«. Dort fliegt die Twin geradezu spielerisch mit Tempo 100 über den breiten, seinem Namen zum Trotz »nur« 55 Meilen langen Sandstrand entlang der aufgewühlten tasmanischen See. Danach geht’s nur noch in südliche Richtung. Vorbei an landschaftlichen Juwelen wie dem Tongariro-Nationalpark mit seinen drei imposanten Vulkanen oder den dampfenden Geysiren Rotoruras im Herzen der Nordinsel. Diese Reise hätte nicht besser beginnen können.
Per Fähre gelangen wir zur größeren Südinsel, deren Inneres sich noch einsamer präsentiert. Stundenlang rollt die Honda durch eine sanft gewellte, bräunliche Steppenlandschaft, bis irgendwann die schneebedeckten neuseeländischen Alpen auftauchen. Die Weiträumigkeit der Landschaft begeistert – bis zum nächsten Dorf kommen schon mal 80 Kilometer zusammen. Doch sobald wir jemand treffen, staunen wir über das große Interesse, das man uns und unserer Reise entgegenbringt. Die Menschen scheinen zudem neugierig auf Nachrichten aus »good old Europe«, Internet und Satellitenfernsehen zum Trotz.
Wir schalten einen Gang runter, lassen uns treiben. Zeit? Spielt kaum noch eine Rolle. Dieser Winkel der Welt ist zu fantastisch, um einfach durchzurasen. Fjorde, allen voran der Milford Sound, Regenwald, Gletscher, der mächtige Mt. Cook – Natur, die sprachlos macht. Erst nach vier Monaten und rund 12000 Kilometern schlagen wir wieder in Auckland auf. Die 16 Jahre alte Honda erhält eine sorgfältige Inspektion sowie einen neuen Satz Reifen, bevor sie in einer Kiste nach Australien verschifft wird.
Sydney übertrifft sämtliche Erwartungen. Die Metropole zieht mit ihren Häfen, tollen Gebäuden und freundlichen Bewohnern voll in ihren Bann. Doch das teure Stadtleben strapaziert unser Budget weitaus heftiger als erwartet: Wegen eines Streiks der Hafenarbeiter verzögert sich die Herausgabe der Honda um drei Wochen. Damit hatten wir nicht gerechnet.
Endlich wieder mobil, peilen wir Brisbane an und kreuzen über kleine Highways zwischen Küste und Inland durch eine überraschend grüne Landschaft, die wir in Australien kaum vermutet hätten. Die Karuah River Rallye war uns ebenfalls neu – ein gemütliches Treffen auf einer Lichtung mitten im Wald, zu dem rund 300 Endurofahrer angereist sind. Im Laufe des Abends lernen wir Motorrad­fahrer aus allen Ecken des Landes kennen. Es hagelt Einladungen, dazu jede Menge Streckentipps.
1000 Kilometer weiter westlich überqueren wir im Kosziusko-Nationalpark den Charlotte-Pass – mit 2000 Metern der höchste befahrbare Punkt Australiens. Die fast schon alpine Stimmung will auch nicht in das Bild vom endlos flachen Wüstenkontinent passen. Erst hinter Adelaide präsentiert sich Australien so, wie man es meist aus Reiseführern kennt: rot, staubig und grenzenlos. Über den 3000 Kilometer langen Stuart Highway hangeln wir uns durchs Outback. Vorbei am 869 Meter hohen Uluru, dem heiligen Berg der Aborigines, der bis vor einigen Jahren noch Ayers Rock hieß. Sämtliche Ländereien rund um dieses steinerne Monument sind heute wieder im Besitz der australischen Ureinwohner. Aus ihrer Sicht darf der Berg nicht bestiegen werden. Dass unzählige Reisende es dennoch tun, wird von ihnen widerwillig geduldet. Schwer beeindruckt von der mystischen Ausstrahlung dieser Gegend folgen wir dem Highway immer weiter in Richtung Norden. In Darwin, der abgelegensten Stadt Austra­liens, wartet bereits der Flieger, mit dem es nach Südostasien gehen soll.
Kuala Lumpur. Von ihren 1,5 Millionen Einwohnern wird diese Metropole schlicht K.L. genannt. Sie ist Heimat für die verschiedensten Kulturen und Religionen, und unzählige Moscheen, Kirchen und Tempel befinden sich hier in direkter Nachbarschaft. Nur 39 Prozent der Bewohner Kuala Lumpurs sind Malaien – den größten Bevölkerungsanteil stellen Chinesen. Ein Spaziergang über den klaustrophobisch engen chinesischen Markt ist ein absolutes Muss.
Kaum weniger bedrängt fühlt man sich im Verkehr. Viel zu viele Fahrzeuge mühen sich durch die Straßenschluchten. Dazu ist es irrsinnig heiß und schwül. Der Lüfter der Honda läuft ununterbrochen. Dennoch schaffen wir es irgendwie, Sunny Motosikals ausfindig zu machen, der am Stadtrand eine Motorradwerkstatt betreibt. Unter Weltreisenden gilt Sunny als Institution: der 50-jährige Malaie und seine beiden Söhne sind begnadete Zweirad­mechaniker, und die Honda benötigt dringend neue Lenkkopf- und Radlager. Sunny hat natürlich sämtliche Teile auf Lager. Weil das malaysische Festland mit Ausnahme der malerischen Cameron Highlands nicht sehr spektakulär ist, finden wir uns schon wenige Tage später an der thailändischen Grenze wieder.
Die Touristenziele Krabi und Phuket weit unten im Süden des Landes präsentieren sich wie aus dem Katalog. Die Honda rollt maximal im dritten Gang durch lichte Palmenwälder, vorbei an Ananasplantagen und entlang der weißen Strände. Wir fühlen uns wie im Paradies, zuckeln mit tagelangen Unterbrechungen gemächlich nordwärts, gelangen schließlich nach Chiang Mai.
Dort beginnt der Mae Hong Son Loop, eine spektakuläre Runde durch den äußersten Nordwesten Thailands. Die Strecke hat es wirklich in sich. Geschätzte 1000 Kurven, unzählige kleine Pässe, tropische Wälder, spektakuläre Wasserfälle, Dörfer, auf deren Märkten so exotische Speisen wie Käfer, Spinnen und Schlangen angeboten werden. Doch je näher wir an die Grenze zu Burma (Myanmar) gelangen, desto öfter fallen uns die riesigen Flüchtlingslager auf. Tausende sind aus Angst vor dem Terror der Militärdiktatur im Nachbarland nach Thailand geflohen, hausen als Rechtlose in armseligen Camps unter erbärmlichen Bedingungen. Mit gemischten Gefühlen peilen wir unser nächstes Ziel an: Laos.
Die »Schweiz Asiens« – diese Bezeichnung passt. Und zwar nicht nur, weil Laos ein kleines Land ist. Sondern weil es stundenlang durch eine berauschend schöne Bergwelt geht. Würden nicht gelegentlich Wasserbüffel stoisch über die kurvigen Bergstraßen trotten und Palmen die Aussicht beherrschen, könnte man sich wahrhaft bei den Eidgenossen in den Alpen wähnen.
Zehn Tage lassen wir das einmalige Flair der ehemaligen Königsstadt Luang Prabang am majestätischen Mekong auf uns wirken, bevor es uns weiter in den Süden zieht. Bei einer Etappe geht zum ersten Mal während der Reise das Benzin aus – mitten im Dschungel. Zum Glück wird in einem nahen Bretterverschlag Sprit verkauft. Eine halbe Stunde später stellt die Honda abermals ihre Arbeit ein. Der Grund für das plötzliche Aus? Diesmal unaufspürbar.
Eine Ewigkeit später findet sich die Twin auf der Pritsche eines Minivans wieder, der kaum größer als ein VW Passat erscheint und bereits mit 14 (!) Passagieren besetzt ist. Dass auch wir mit unserem Gepäck noch einen Platz auf der Ladefläche erhalten, grenzt an ein Wunder. Ebenso, dass der Wagen nicht zusammenbricht.
In Savannakhet, der mit 65000 Einwohnern drittgrößten Stadt des Landes, erkennt ein pfiffiger Mechaniker rasch die Ursache für den Defekt: Im Tank schwappt Diesel statt Benzin. Offensichtlich hat der blubbernde Auspuffsound des Twins den Tankwart an die allgegenwärtigen kleinen Traktoren erinnert.
Weiter im Süden verbreitert sich der Mekong enorm und bildet so die wunderschöne Wasserlandschaft der »viertausend Inseln«. Auf einer der größeren Inseln versuchen wir, uns etwas vom beneidenswert geruhsamen Lebensstil der Laoten anzueignen – und machen Urlaub vom Urlaub. Ausschlafen, Briefe schreiben, Fotos sortieren und die Internetseite auf den neuesten Stand bringen.
Die Suche nach einem Grenzübergang hinüber nach Kambodscha entpuppt sich einige Tage später als ein überaus nervenaufreibendes Unterfangen. Es gibt weder eine befestigte Straße noch Schilder, stattdessen endlose Möglichkeiten, sich im Wirrwarr der Lehmpisten heillos zu verirren. Der Posten schließlich besteht aus zwei windschiefen Bretterbuden inmitten des Dschungels. Die Einreise nach Kambodscha dauert dafür kaum länger als eine Stunde.
Über Phnom Penh peilen wir die größte religiöse Stätte der Welt an: Angkor Wat. In der mehr als 200 Quadratkilometer großen Tempelanlage lebten zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert rund eine Million Menschen. Mehr noch als die bewundernswerte Baukunst der Khmer fesselt die eigenartige Atmosphäre dieser Anlage, die mit dem Urwald verwachsen zu sein scheint. Ein unheimliches ständiges Summen liegt in der Luft, und unwillkürlich beginnt jeder zu flüstern. Ein Gefühl macht sich breit, wie wir es zuvor nur am Uluru in Australien verspürt haben.
Per Flieger geht’s mitsamt der Honda im Stauraum in wenigen Stunden nach Kathmandu. Die schnelle Veränderung macht uns zu schaffen. Nach insgesamt sechs Monaten im südostasiatischen Dschungel landen wir quasi mitten im höchsten Gebirge der Welt. Selbst die Hauptstadt liegt bereits auf 1400 Meter, und es dauert ein paar Tage, bis wir uns daran gewöhnen. Viele Male ziehen wir durch die fantastische Altstadt, die geradezu vollgestopft ist mit hinduistischen Tempeln, buddhistischen Stupas und weiteren Heiligtümern. Die pulsierende Lebendigkeit begeistert. Nur die Küche ist nicht unbedingt der Hit, kein Vergleich mit der in Laos, Thailand oder Kambodscha.
Letztlich kann uns dieses kleine Land nicht lange halten. So sehr Nepal ein Ziel für Bergsteiger und Trekkingfans ist – für Motorradfahrer halten die wenigen Straßen kaum Möglichkeiten bereit. Das idyllisch an einem See gelegene Pokhara ist die nächste und zugleich letzte Station auf dem Weg nach Indien.
Entlang des Himalaja-Hauptkamms treiben wir die Honda in immer höhere Regionen. Das Tibet ähnliche Ladakh fordert mit seinen endlosen Schlammpisten und tiefen Wasserfurten alles von uns und der Maschine, bietet aber auch einzigartige Gebirgslandschaften und eine zutiefst beeindruckende buddhistische Kultur. Die selbstlose Gastfreundschaft der Sikhs im goldenen Tempel, die endlose Fernsicht, die Stille auf den höchsten Pässen der Erde – das sind Erlebnisse, die vieles aufwiegen, was sonst schwierig zu ertragen wäre. Vor allem die Distanz- und Respektlosigkeit vieler Inder ist kaum auszuhalten. Das hartnäckige, aggressive Betteln, das immer gleiche, wenig schmackhafte Essen, Mineralwasser, das selbst in Flaschen nicht sauber ist und für eine zwei Wochen lange Antibiotika-Therapie sorgt. Indien ist nicht so oder so. Indien ist alles auf einmal und niemals einfach!
In Pakistan geht ein lang gehegter Traum in Erfüllung: Die Honda rollt bergan über den Karakorum Highway. Allein dieser Name sorgte daheim für Fernweh, handelt es sich bei dieser Strecke doch um einen der spektakulärsten Abschnitte der historischen Seidenstraße. Zwar entpuppt sich die Fahrt über das 900 Kilometer lange Teilstück hoch bis zur chinesischen Grenze längst nicht mehr als lebensgefährliche Expedition, doch der Trip ist noch immer ein Abenteuer. Hier und dort versperren Gerölllawinen die schmale Trasse, die extrem windungsreich in den Granit gesprengt wurde, und die anderen Verkehrsteilnehmer – allen voran die Fahrer der knallbunten Lieferwagen – zeichnen sich durch extreme Rücksichtslosigkeit aus. Dafür liefert die grandiose Hochgebirgslandschaft mit ihren isolierten Seitentälern überirdisch schöne Pano­ramen. Die ehemals gefürchteten Krieger dieser Region leben heute hauptsächlich vom Handel. Der Tourismus spielt noch keine große Rolle, wächst aber von Jahr zu Jahr.
Nach zehn Tagen erreichen wir die chinesische Grenze auf über 4700 Höhenmetern. Hier ist leider Schluss. Noch immer ist China Individualreisenden gegenüber sehr misstrauisch und hält die Grenze fest geschlossen.
Nur zwei Wochen später finden wir uns in der glühenden Wüstenhitze im Süden Pakistans wieder. Der Weg in Richtung Iran führt quer durch Belutschistan, ein Gebiet, in dem Stammesfehden und Entführungen nach wie vor an der Tagesordnung sind. Doch die kriegerischen, stolzen Belutschen haben offensichtlich kein Interesse an zwei Motorradtouristen auf einer betagten Africa Twin.
Der Grenzübertritt kommt einem Kulturschock gleich. Das durch viele Medien stets vermittelte Bild des Iran als reaktionäres und unterentwickeltes Terroristenparadies passt nicht zu dem, was wir sehen und erleben. Das Land verfügt über eine nahezu perfekte Infrastruktur, die Tankstellen präsentieren sich hochmodern und selbst in jedem noch so kleinen Wüstendorf findet sich ein Satellitentelefon. Das Bildungssystem scheint ebenfalls hervorragend zu sein: Sobald wir irgendwo halten, werden wir in nahezu perfektem Englisch angesprochen. Und im nächsten Atemzug zum Tee oder zum Essen eingeladen. Besonders fällt das überaus selbstbewusste Auftreten der Frauen auf – undenkbar in Pakistan, wo Frauen und Mädchen ihre Häuser praktisch nicht verlassen dürfen und vor Fremden regelrecht versteckt gehalten werden.
Leider gestattet das Visum nur einen zehntägigen Aufenthalt im Iran – einem Land, das fünfmal so groß wie Deutschland ist. Da reicht die Zeit gerade für einen kurzen Stopp in den beiden fantastischen Städten Isfahan und Yazd. Eine orientalische Märchenwelt wie aus Tausendundeiner Nacht. Vor allem bei Dunkelheit, wenn die großen Moscheen effektvoll beleuchtet werden. Tage könnte man hier verbringen. Aber es bleibt keine Wahl – erstmals während der Reise haben wir Zeitdruck, preschen gezwungenermaßen bis zur nächsten Grenze.
Erst in der Türkei können wir wieder wie gewohnt bummeln. Gemütlich tuckern wir am höchsten Berg des Landes, dem 5165 Meter hohen Ararat, vorbei hinunter zur Mittelmeerküste und weiter in Richtung Westen. In aller Ruhe genießen wir die gute touristische Infrastruktur und die türkische Gastfreundschaft, bereiten uns für den Endspurt vor. Eine Fähre bringt uns nach Griechenland, eine weitere nach Venedig. Kurz vor Weihnachten passieren wir mit eigenartigen Gefühlen in der Bauchgegend den Brenner. Und dann ist er plötzlich da, der Tag der Rückkehr. Unbeschreiblich, was einem da nach so langer Zeit auf Achse durch den Kopf rauscht. Eine Mischung widersprüchlicher Gefühle, ein Cocktail aus Wehmut und Sehnsucht nach der Ferne einerseits. Andererseits sind wir unendlich froh, wieder zu Hause zu sein, Freunde und die Familie zu treffen. Für sie waren es lange 15 Monate. Uns dagegen kommt es manchmal so vor, als seien wir nur ein paar Wochen unterwegs gewesen.

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