Weltreise (Archivversion)

Mein Traum vom Leben

»Jeder Tag, an dem ich ein Abenteuer erlebe, ist mehr Wert als 1000 gewöhnliche Tage!« Knapp zwei Jahre lang war die US-Amerikanerin Mariola Cichon zwischen Alaska und Feuerland, in Europa und Afrika unterwegs – bis ein schwerer Unfall in Gambia die Fortsetzung ihrer Weltreise beendete. Vorerst zumindest.

Vor mir erstreckt sich ein weiter, völlig unberührter Strand. Ich stelle den Motor der Kawasaki ab, schaue mich um. Gewaltige, flaschenförmige Baobabs spenden Schatten, braune, fußballgroße Früchte hängen an ihren Ästen. Wie aus dem Nichts landet urplötzlich ein riesiger Vogel in der Krone des alten Baumes direkt neben mir, schlägt wild mit seinen Flügeln, stößt grelle Schreie aus. Vermutlich bin ich in sein Revier eingedrungen. Dann vernehme ich eine weitere Stimme.»Sir, wollen Sie einen Affen kaufen?«Ein Junge, etwa acht Jahre alt, steht hinter meinem Motorrad, in seiner rechten Hand hält er einen Strick, mit dem er eine traurig dreinschauende Ziege führt. Ich nehme den Helm ab. Der kleine Junge starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an, ist für einen langen Moment sprachlos – eine motorradfahrende Frau! »Ist es nicht verboten, mit Affen zu handeln?«»Keine Ahnung, Sir..., sorry... Madam. Er ist noch ganz jung und wohnt bei mir zu Hause.«Die Reaktion des Jungen ist für mich keine Besonderheit mehr. Ganz im Gegenteil – ich habe mir den Umstand, dass eine allein auf einem Motorrad reisende Frau überall auf der Welt noch immer etwas Besonderes zu sein scheint, in den vergangenen 19 Monaten meiner Reise zwischen Alaska und Feuerland, in Europa und im Norden Afrikas schnell zunutze gemacht – der Überraschungseffekt hat mir bei einigen brenzligen Situationen sehr geholfen. In Kolumbien etwa ließ man mich, sobald ich den Helm abgesetzt hatte, recht schnell und unbehelligt die unzähligen Straßensperren und Blockaden passieren, die von der Polizei oder Armee und manchmal sogar von Guerillas errichtet waren. Auch in den meisten anderen Ländern, die ich während meiner bisher knapp 85000 Kilometer weiten Reise kennen lernte, half der »Frauen-Bonus« sehr.Die Stimme des Jungen holt mich aus meinen Gedanken zurück an den Strand im afrikanischen Gambia. »Ich kann dir einen Papagei verkaufen.« »Nein, tut mir leid, ich habe wirklich kein Interesse an einem Haustier.« Mit traurigen Augen verschwindet meine Strandbekanntschaft zwischen den Bäumen. Unweigerlich muss ich an eine Begegnung denken, die sich vor etwa einem Jahr in Honduras zugetragen hatte.Ich war auf dem Weg an das an der karibischen Küste gelegene Trujillo. Die Straße führte lange durch dichtes, tropisches Grün. Auf einmal stand dieser Junge mit erhobenen Armen am Straßenrand. Er hielt irgendetwas Grünes in seinen Händen. Ich hielt an – und entdeckte, dass es sich dabei um drei große und äußerst leben-dige Leguane handelte, die zu einem zappelnden Haufen zusammengeschnürt waren. Gleich darauf erschien die Mutter des Jungen und bot mir die Tiere für umgerechnet fünf US-Dollar zum Kauf an. Als ich verneinte, pries sie das äußerst schmackhafte Fleisch der Tiere an, die ihr Sohn erst an diesem Morgen gefangen hätte. Um die wunderschönen Kreaturen vor dem Kochtopf zu retten, handelte ich die Frau schließlich auf etwa vier Dollar herunter. Leider ist aus dem Kauf dann doch nichts geworden – ein weiterer Passant stoppte und erstand die Leguane für sechs Dollar. Als Reiseproviant.Der Vogel in der Baumkrone scheint mich inzwischen in seinem Revier akzeptiert zu haben. Sein Geschrei hat nachgelassen. Auch der Kühlerventilator der Kawasaki hat seine Arbeit endlich eingestellt. Das einzig vernehmbare Geräusch ist das Rauschen der Wellen. Der Wind hat inzwischen ein wenig zugenommen und treibt feinen Sand in mein Gesicht. Ein Gefühl, wie ich es aus der Wüste kenne. Meine Gedanken schweifen sofort ab, entführen mich in die mauretanische Sahara.Bis Chinguetti, einer ehemals bedeutenden Karawanenstadt auf der Route nach Mekka, waren es noch knapp 20 Kilometer. Die Straße ging schließlich in eine sandige, fahrerisch sehr anspruchsvolle Piste über. Ich stürzte oft, hatte zunehmend Mühe, das Motorrad auf dem losen Grund wieder aufzurichten. Aber irgendwie gelangte ich immer tiefer in diese Welt aus unentwegt höher aufragenden Dünenfeldern, vom Wind modellierte, grandiose Schönheiten. Gegen Abend ließ die untergehende Sonne die Sandberge in einem unwirklich erscheinenden Licht fast schon feuerrot leuchten. Die hypnotisierende Wirkung der Sahara ist einzigartig; und dennoch ähnelt die Stimmung in diesem Moment einem Augenblick, wie ich ihn in der südamerikanischen Schwester der Sahara erleben durfte – in der chilenischen Atacama-Wüste. Als ich dort gegen Abend auf einer hohen Düne gesessen hatte und sich vor mir das rot glühende, von Vulkanen umgebene Land erstreckte, begriff ich, dass es richtig gewesen war, trotz aller Schwierigkeiten meine Heimatstadt Chicago für einige Zeit zu verlassen, um einmal rund um die Welt zu reisen.Ich sitze noch immer am Strand von Gambia und schaue aufs Meer. Es ist bereits spät geworden, und ich muss mir einen Platz für die Nacht suchen. Längst habe ich mich sehr gut an mein Nomadenleben gewöhnt. Der Begriff »Heimat« hat eine neue Bedeutung erhalten: Heimat ist seit 635 Tagen dort, wo meine lieb gewonnene KLR 650 parkt, die ich »Roma« getauft habe. Mit ihr möchte ich weiter bis Süd-afrika nach Kapstadt, durch Australien, Asien, Europa – hoch bis zum Nordkap fahren. Zugegeben, ein langer Weg, der da vor mir liegt. Aber ich möchte keinen der bisher zurückgelegten Kilometer missen. Und ich freue mich ungemein auf das, was ich noch erleben werde. Dafür ertrage ich jede Anstrengung und jede Entbehrung. Ich fahre einige Zeit am Strand entlang und entdecke genug Stellen, an denen ich mein Zelt aufbauen könnte. Doch bläst es mittlerweile so stark, dass ich mich dagegen entscheide. Schon einige Male hatte sich der Wind als ziemlich unangenehm erwiesen. Der stürmischste Ort auf der Erde ist vermutlich Patagonien, die Südspitze Amerikas. Der Weg dahin hatte mich zuerst über den legendären Camino Austral geführt, eine im schmalen Chile aus dem Urwald geschlagene Trasse. An dessen Ende bog ich auf die nicht minder legendäre »Ruta 40« in Argentinien ab und schlug Südkurs ein. Die »40« zieht sich durch tischebenes Land, in dem man den patagonischen Stürmen viele hundert Kilometer schutzlos ausgeliefert ist, und andere Reisende hatten mir unzählige Horrorgeschichten über die Strecke erzählt. Aber ich war von Alaska bis dorthin gelangt, hatte den Dalton- und Dempster-Highway gemeistert und war auch auf den extrem schwierigen Pisten in den bolivianischen Anden nicht in gefährliche Schluchten gestürzt. Die Fahrt durch Patagonien hinunter nach Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, sollte eigentlich kein Problem sein.Die ersten 50 Kilometer spulte ich mit bester Laune ab. Bei gutem Wetter machte das Fahren auf der erstaunlich festen Piste sogar richtig Spaß. Hatten all die anderen mit ihren Erzählungen übertrieben? Wenige Minuten später jedoch brach die Hölle los – anders kann ich diesen Sturm nicht beschreiben, der sogar kleine Steine umherwirbeln ließ. Ich konnte mein Motorrad bei den heftigen Böen, die mich mit voller Wucht von der Seite trafen, kaum auf den Rädern halten, drosselte das Tempo notgedrungen auf etwa 20 Kilometer pro Stunde. Und kein Ort in Sicht, der Schutz hätte bieten können. Erst nach etwa zehn Stunden passierte ich die Einfahrt zu einer der riesigen patagonischen Schaf-Farmen, die »Estancia La Siberia«, wo ich wie ein Ehrengast aufgenommen wurde. Der Besitzer ließ es sich nicht nehmen, mir persönlich bei Opernmusik ein mehrgängiges Abendmahl zu servieren. Danach fiel ich wie tot ins Bett. Ich schwor mir, mich nie wieder solchen Strapazen auszusetzen, wenn sie irgendwie vermeidbar sind – nach Patagonien hätte man einfacher über die asphaltierte »Ruta 3« gelangen können. Lange hat dieser Schwur nicht gehalten. Gerade die schwierigen Strecken, die ich bis Brasilien und später in der Sahara unter die Räder genommen habe, waren die reizvollsten und interessantesten Etappen. Und wie sich in Gambia herausstellen sollte, die weniger gefährlichen. Der Tag am Strand liegt bereits eine Woche zurück, und ich fahre über eine recht gut ausgebaute Landstraße in Richtung Banjul. Urplötzlich schert ein entgegenkommendes Auto zum Überholen aus, ich versuche auszuweichen, aber ein Zusammenstoß ist unvermeidlich. Der Aufprall schleudert mich etliche Meter weit auf eine Wiese. Mein erster Gedanke: Ich lebe! Allerdings spüre ich sofort, dass beide Beine gebrochen sind. Es dauert viele äußerst schmerzhafte Stunden, bis man mich in das nächste Krankenhaus bringt. Dort kann mir nicht geholfen werden, da die Brüche am rechten Bein so kompliziert sind, dass eine Operation notwendig ist. So werde ich schließlich über Brüssel zurück nach Chicago geflogen, wo ich einige Wochen in einem Krankenhaus verbringen muss. Es wird vermutlich mehrere Monate dauern, bis alles wieder in Ordnung ist.Leider, denn ich möchte so bald wie möglich meine Reise fortsetzen, obwohl ich kein Motorrad mehr habe und mein Budget wegen der Kosten für diesen ungeplanten Heimataufenthalt nahezu völlig aufgebraucht ist. Was mich antreibt? Das Gefühl, etwas zu verpassen: Denn wie erwähnt, jeder Tag, an dem ich ein Abenteuer erlebe, ist mir mehr wert als 1000 gewöhnliche Tage.
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Weltreise von Mariola Cichon: Reportage (Archivversion)

Die WelT ist ein DorfDass Mariolas Geschichte in MOTORRAD erscheint, ist einer zufälligen Begegnung im bolivianischen Regenwald zu verdanken. Im Mai 2001 traf Unterwegs-Redakteur Michael Schröder dort während seiner sechsmonatigen Südamerikareise den Kölner Michael Schwamborn, der im Sattel einer Yamaha XT 350 den amerikanischen Doppelkontinent bereiste. Die Begegnung dauerte nur wenige Minuten, reichte aber aus, um Adressen auszutauschen. Schwamborn lernte später Mariola kennen, die ihn während ihrer Weltumrundung im Sommer 2002 in seiner Heimatstadt besucht hat (Foto links). Als Schwamborn später von Mariolas Unfall in Gambia erfahren hatte, meldete er sich in der Stuttgarter MOTORRAD-Redaktion, um einen Kontakt zwischen Schröder und der Amerikanerin herzustellen, die ihre Reportage im Krankenhaus in Chicago verfasst hat – nach eigener Aussage »die beste Therapie, um diesen schrecklichen Unfall zu verarbeiten«.

Weltreise von Mariola Cichon: Reportage (Archivversion)

»Ride of the heart«Seit dem Start ihrer Weltreise im Mai 2001 betreibt Mariola Cichon eine äußerst professionell gestaltete Internetseite. Unter www.rideoftheheart.com finden sich ausführliche Berichte (in Englisch) über die einzelnen Etappen dieser Tour sowie die entsprechenden Bildergalerien. Um ihre Seite von jedem Ort der Welt aus betreuen und ergänzen zu können, verwendete Mariola eine digitale Kamera (Olympus 3040) sowie ein Toshiba-Libretto-Minilaptop.

Weltreise von Mariola Cichon: Reportage (Archivversion)

In guter GesellschaftBereits 1931 berichtete eine Frau in »Das Motorrad« von den Erlebnissen einer nicht nur für damalige Verhältnisse spektakulären Reise: Hanni Köhler fuhr in Begleitung mit dem Fotografen Max Rischka mit zwei 18 PS starken 500er-Ardie, Modell »Silberpfeil«, von Indien über den Landweg zurück nach Berlin. Zitat aus Ausgabe 10/1931: »Jetzt beginnt unsere Indienreise! Mit Curry! Wir essen mit Todes-verachtung Reisgemüse, das mit diesem höllisch scharfen Gewürz gepfeffert ist. (...) Aber sonst: Stimmung glänzend, Appetit hervorragend, und wenn die Berichte über die kommenden Straßen günstig sind, dann sind wir sogar übermütig und pfeifen die Begleitung zum Grammophon und auf die Hitze. Das tun die Maschinen auch. Unsere Silberpfeile haben sich gut akklimatisiert. Sie schimpfen ab und zu (wie wir über den Curry) über ihr Futter (Reinbenzin), aber das bewahrt sie vor Überfütterung. Mit fünf Litern sind sie voll gesättigt, selbst Gebirgsüberquerungen vermögen nicht ihren Appetit zu steigern.« Neben Abendgarderobe und Schreibmaschine hatte Hanni Köhler tatsächlich auch ein Grammophon in den Seitenwagen geladen. Nach neun Monaten – die mit allen Schwierigkeiten gespickte Reise führte über Lahore, Teheran, Bagdad, Damaskus, Istanbul, Sofia, Budapest zurück nach Nürnberg und weiter bis Berlin – wurde die Abenteurerin vom Deutschen Damen Automobil Club überschwänglich empfangen, und P. Friedmann, »Hauptschriftleiter« von »Das Motorrad«, überreichte Hanni Köhler einen Lorbeerkranz als Würdigung für ihre Leistung.Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs brachen immer mehr motorradfahrende Frauen zu äußerst abenteuerlichen Reisen in alle Teile der Welt auf. Besonders gut dokumentiert ist die Fahrt der Engländerinnen Theresa Wallach und Florence Blenkiron, die 1936 von London aus zu ihrer Afrikadurchquerung von der Sahara bis Kapstadt starteten. Ihr Fahrzeug: ein Panther-Gespann, das zusätzlich noch einen schwer beladenen Anhänger zog! Die beiden hatten nicht einmal einen Kompass an Bord, dafür aber eine 16-Millimeter-Kamera, um diesen damals für kaum durchführbar gehaltenen Trip zu dokumentieren. Weder räuberische Nomaden, tiefer Sand, Hitze, Unwetter, Flussdurchquerungen, Krankheit noch diverse Pannen konnten die Engländerinnen davon abhalten, ihr Ziel zu erreichen. Theresa Wallach hat dieses grandiose Abenteuer als Buch unter dem Titel »The Rugged Road« verfasst (ISBN 095309826, etwa 23 Euro). Buch und der gleichnamige Film (VHS, schwarzweiß, ohne Ton, 35 Minuten) können zusammen für etwa 46 Euro in England bei Panther Publishing, E-Mail: orders@lavismarketing.co.uk, bestellt werden. Michael Schröder

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