Werners Satte-Liter-Schüssel (Archivversion) Werners Kulteisen

Eschenholz, Messing-Bierleitungen, Kohlenschaufel, der dicke Pott, wie einem Traktor entsprungen - Rötger Feldmann, Mitinhaber des Achterbahnverlags, erfolgreicher Comicfilm-Macher und Avantgardist der Spaß-Generation, beweist mit seiner Satte(n)-Liter-Schüssel, dass die Grenzen zwischen Comic und Realität schon mal arg ins Fließen kommen können.

Lange bevor Stefan Raab durch den Maschendrahtzaun glotzte und Guildo Horn sich mit seinem »Piep, piep, piep, ich hab dich lieb...« in die Herzen aller Frisösen knödelte, betätigte sich Rötger Feldmann alias Brösel als früher Wegbereiter des Trash. Strichelte Ende der 70er Jahre das schlichte Dasein zwischen Kneipe und Lehrstelle in Norddeutschlands Tiefebene auf Bierdeckel und Servietten. Mit der Comicfigur Werner - ein Taugenichts und ewiger Verlierer, dessen Lebenssinn im »rumhängen, Bölkstoff abpumpen, Dünnsinn labern, sich eins drauf ablachen« (»Cinema«) besteht – schaffte sich Feldmann eine Art Alter Ego. Ein Underdog, dessen Credo lautet: »Arbeitslos und Spaß dabei haben« (Eigenwerbung).»Wieso«, fragte das US-Blatt Hollywood Reporter kürzlich, »ist Werner, ein Bier saufender, motorradvernarrter Flachkopf, ein solcher Erfolg?« Blöde Frage! Eben weil er ein biersaufender, motorradvernarrter Flachkopf ist. Einer, der seinen Spaß möchte, und zwar in Gesellschaft. Der eigentliche Erfinder der Spaßgesellschaft heißt nämlich Brösel – nicht wahr, Herr Raab!Dennoch hat Brösel alias Werner ein Problem. Und das heißt Erfolg. Wie passt das zusammen: Bestseller, Blockbustert, an die Börse gehen, Penunze scheffeln wie Erzfeind Nobel-Schröder - und dabei die Attitüde des arbeits- und respektlosen Lithographen kultivieren, der er einst war? Nur zu behaupten, die Kohle hat mich nicht verändert, bin noch ganz der Alte ... Nee, läuft nicht. Auch wenn’s 150-prozentig stimmen sollte.Deshalb geht der kluge Mann viel einfallsreicher vor. Hat er einst sein Leben in den Comic projiziert, so verhält sich’s jetzt andersrum. War’s früher Brösel, der sich verwernersierte, so ist es heute Werner, der sich verbröselt. Und deshalb hat Brösel jenes Vehikel, mit dem Werner durch den dritten Comic-Film »Volles Roooäää!!! - Fäkalstau in Knöllerup« kesselt, nachbauen lassen.Brösel lenkt seinen mattschwarzen, leicht ramponierten V8-Van in Richtung Schuby, einem Dörfchen in der Nähe von Kiel, so echt wie Knöllerup. Die plüschige Inneneinrichtung des Sprit vernichtenden Ami-Schlittens sieht aus wie ein Mix aus Omas Wohnstube und der Sperrmüllmöblierung der Wohngemeinschaften aus den frühen Siebzigern. Brösel gibt sich als Darsteller seiner selbst. Alte schwarze Lederjeans, speckige Lederjacke, Cowboystiefel. Nicht fehlen darf die Nickelbrille mit dunklen Gläsern. Ganz wie zu alten Zeiten, als Brösel eine Horex fuhr, deren Teile mehr und mehr abvibrierten. Das Motorrad zerbröselte sozusagen, daher der Spitzname. Längst zur Kultfigur des motorradfahrenden Protests gegen die Welt der Spießer geworden, konserviert der 50-jährige Feldmann die Lebenseinstellung seiner Jugend: diffuser Protest gegen die bürgerliche Welt, Leistungsverweigerung, Abneigung gegen die Staatsorgane in Gestalt von Polizei, TÜV, aber auch gegen alles Moderne. »Schau dir doch mal die Scheiße heute an. Dieser ganze Plastikkram, 26 Ventile im Zylinder. Ist doch alles viel zu kompliziert. Da schraubt doch gar keiner mehr dran.« Noch ein Argument mehr für die Literschüssel.Inzwischen schieben Rötgers Bruder Andi – »Werner ist so eine Mischung aus Andi und mir«, sagt Brösel immer - und Timmi Kröger, ein Kumpel und Mitwirkender am Projekt - die Satte-Liter-Schüssel aus der Hinterhofbude. Das Ungetüm zieht alle Blicke auf sich. Vor allem diese Holzgabel in Parallelogrammbauweise mit eisernen Beschlägen aus den Zeiten der Kutsche. »Ist aus schön abgelagerter Esche gemacht. Den Stahlkern sieht man ja nicht«, merkt Andi an. Und dann der Riesentopf von Motor, der so hoch baut, dass kein herkömmlicher Tank mehr drüber passt, die fetten Treckerräder, der messingfarbene Rahmen, Federung hinten nicht vorhanden, offene Auspuffrohre ohne Schalldämpfung, Kohlenschaufel mit Blattfeder als Sitz. »Das ist doch unheimlich schön zum Motorradfahren. Schau mal: alles geschmiedet. So als wenn das 1911 oder 1890 gebaut worden wäre«, schwärmt Rötger und lacht, nimmt das alles nicht so ernst. Wohl aber, dass es unbedingt nötig war, die real existierenden Feldmanns mit Werners Vehikel aus »Volles Roooäää!!!« zu komplettieren. Auch dank dem der Feldmann-Clique verbundenen Motorenkonstrukteur Rainer »Düse« Traupel. »Ich habe irgendwann 1998 einen Anruf von Andi aus Spanien gekriegt und später Brösels Eins-zu-eins-Comiczeichnung.« Was dem Kfz-Meister genügen musste, um ans Werk zu gehen. Die Aufgabe: einen meterhohen Einzylinder zu bauen, würdig, die Satte-Liter-Schüssel anzutreiben. Damit das Teil möglichst nahe an Brösels Strichzeichnung kam, vollführte Düse einige konstruktive Klimmzüge: Weil der Nockenwellenantrieb wie ein Stoßstangenschacht ausschauen sollte, passte die reale Steuerkette, die immerhin zwei obenliegende Nockenwellen in Rotation versetzt, nur rein, indem sie eins zu eins übersetzt wurde. »Da musste ich noch ein Zahnradvorgelege im Kopf vorsehen.« Erst recht geriet das Kurbelgehäuse zu einer ingenieurstechnischen Spitzenleistung. Urmaterial: ein dickwandiges Rohr aus ALMG-S1, »die härteste noch schweißbare Alulegierung«, fachsimpelt Traupel, das vielfach mit diversen Teilen verschweißt wurde. Ferner die Kurbelwelle: »Fünffach gelagert, aus sechs Teilen zusammengesetzt. Das Pleuel entstammt einem Großkompressor.« Den treckermäßigen gewaltigen Zylinder entnahm der Motorenmann in der Tat einem Deutz-Traktor. »Die anderen Sachen hab` ich mir so zusammengesucht, oder Andi hat sie rangeschleppt.« Kettengetriebene Lichtmaschine vom Daihatsu-Curore - pfui japanisch -, Ölpumpe in Teilen aus der Honda CB 750 seligen Angedenkens, Vierganggetriebe und Primärantrieb schon etwas stilvoller aus einer alten Harley Panhead.Start the engine: Zwei Mann halten das tonnenschwere Gefährt, Andi spritzt ein Schnapsglas voll Benzin in den uralten Volvo-Vergaser, Timmi steigt auf den Kickstarter. Bamm, bamm, bamm, bamm, das Urviech beginnt zu beben. Brösel muss ran zur Fotofahrt. Vorher noch den schwatten Einteiler überziehen, und ab die Post. Schade, dass Helmut und Bruno nicht vorbeiguckten wie im Film. Dann hätte Brösel über die Staatsorgane ablästern können. Wie sein zweites Ich Werner. Und überhaupt fast ein jeder.

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