Westafrika (Archivversion) Auf die harte Tour

Zusammen mit drei Bekannten bricht Astrid Neudecker zu einem Trip durch Westafrika auf: Sie wollen ins sagenumwobene Timbuktu in Mali. Eine Reise, bei der längst nicht alles so verläuft wie geplant.

Wieder und wieder fahre ich verträumt mit dem Finger über die Landkarte Westafrikas – und jedes Mal landet mein Finger an der gleichen Stelle: Timbuktu. Sagenumwobene Stadt am Südrand der Sahara in Mali und einst eine bedeutende Karawanenstadt. Es galt als äußerst mühsam und gefährlich, dorthin zu gelangen. Auch heute liegt Timbuktu fernab der gängigen Reiserouten. Zudem zählt das Gebiet nördlich des Nigers zu den unsicheren Ecken Afrikas. Schwer erreichbare, exotische
Ziele haben mich schon immer gereizt, Afrika und Wüsten erst recht. Entsprechend fällt mein Entschluss: Ich werde mit dem Motorrad nach Timbuktu fahren. Drei afrikabegeisterte Freunde sind mit dabei.
Ausgangspunkt der Tour ist Dakar. Trotz mehrfacher Afrika-Reisen ist die Begegnung mit dem Schwarzen Kontinent stets ein Erlebnis. Schon in der Ankunftshalle des Flughafens stürzt sich eine wild gestikulierende Gruppe Farbiger auf uns: Es ist unglaublich, welche Jobs erfunden werden, um an das Geld von Touristen zu gelangen.
Die Bikes sind bereits zuvor per Luftfracht nach Dakar gebracht
worden. Doch noch sind sie nicht durch den afrikanischen Zoll. Uns graut mächtig davor. Völlig unberechtigt, wie sich bald herausstellt. Mit Hilfe eines geschäftstüchtigen Transiteurs lassen sich die Formalitäten in einer guten Stunde erledigen, weitere zwei Stunden später
stehen die drei KTM LC4 und eine Yamaha TT 600 startklar und
voll beladen bereit. Mit Kanistern für 60 Liter Benzin und 15 Liter
Wasser pro Motorrad. Dazu Campingausrüstung, Werkzeug, Ersatzteile und einige wenige Kleidungsstücke.
Unser Quartett ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen –
ohne die gemeinsame Leidenschaft für Wüstenfahrten hätten wir uns
vermutlich nie näher kennen gelernt. Wolfgang, Spitzname Doc
Koordinate, bereist die Sahara seit über 20 Jahren und pflegt bereits Monate vor einer Tour nächtelang am Computer zu sitzen, um Routen auszutüfteln. Sepp kennt als Schlosser jede Schraube der
KTM mit Vornamen und gilt als begnadeter Motorradfahrer.
Ein gutmütiger, ruhiger Typ, den so schnell nichts aus der sprich-wörtlich bayrischen Ruhe bringt. Stefans Spezialgebiet: aus billigem Schrott (meist) funktionsfähige Dinge zusammenzubasteln. Und ich? Ich liebe Afrika, die Wüste und spreche französisch,
die Amtssprachen im Senegal sowie in Mali. Zu viert in dieser
Besetzung waren wir noch nie unterwegs.

Das erste Ziel heißt Lac Rose, ein Salzsee 40 Kilometer nordöstlich von Dakar. Bakterien, die rotes Eisenoxid ausscheiden, sorgen für die ungewöhnliche Färbung seines Wassers. Am Ufer herrscht emsiges Treiben: Der See, fast so salzhaltig wie das Tote Meer, beschäftigt Arbeiter mit der Gewinnung des weißen Goldes.
In Kayar kommt der Atlantik in Sicht. Hier beginnt eine 200
Kilometer lange Strandetappe bis zur Mündung des Senegals. Wir lassen Luft ab: Ein Bar vorne und etwas mehr als 0,5 Bar hinten erweisen sich als optimale Kombination zum Sandsurfen.
Der Strand ist fast weiß, der Spülsaum gut zu befahren. Schwärme von Riesenkrabben flüchten vor uns in alle Himmelsrichtungen. Selten nur treffen wir auf Menschen.
Für unser erstes Nachtlager peilen wir die »Zebrabar« an. Der Campground am Ufer des Senegals ist ein beliebter Treff für Afrikareisende und eine hochaktuelle Informationsbörse. Viele Traveller bleiben wegen der angenehmen Atmosphäre länger als geplant.
Wir wollen jedoch schnellstmöglich weiter nach Mauretanien, in die Sanddünen. Doch keinesfalls über Rosso, den bekanntesten, gleichzeitig aber berüchtigsten Grenzübergang. In den Afrikaforen heißt es, die Beamten dort seien besonders schikanös und korrupt, ohne hohen Wegezoll dürfe niemand passieren. In der Trocken-
zeit gibt es zum Glück eine Alternative: den Damm von Diama. Am dortigen Checkpoint störe ich die Beamten beim Mittagsmahl: Sie kauern am Boden und stochern mit fettigen Fingern in einer Schüssel mit undefinierbarem Inhalt, bis der Älteste aufsteht,
die Finger am Gewand abwischt und um die Reisepässe bittet. Ratzfatz sind sämtliche Dokumente gegen ein kleines Entgeld
abgestempelt. Unter dem Strich hat uns der Grenzübertritt pro Nase knapp 30 Euro gekostet – nicht die Welt. Viel wichtiger:
die schnelle Abfertigung.
Auf einer üblen Sandpiste geht es weiter nordwärts. An das Fahren in tiefen Spurrinnen muss ich mich erst wieder gewöhnen. Ausweichen fällt aus – jede Menge Stachelbüsche und Akazien säumen den Weg. Da hilft nur: konzentrieren, Mut zusammen-
nehmen und hart am Gas bleiben!
Irgendwann treffen wir auf eine der wenigen asphaltierten Strecken in Richtung der Hauptstadt Nouakchott. Rötliche Dünen türmen sich rechts und links der Straße, gelegentlich tauchen trostlose Dörfer auf, ganz selten eine Versorgungsmöglichkeit.
Der Himmel nimmt allmählich eine eigenartige Farbe an. Sand liegt
in der Luft – Sand, den der Nordostpassat aus der Sahara bis an
die Küste weht. Wohl wissend, dass im Februar häufig mit heftigen Sandstürmen zu rechnen ist, beobachten wir das Schauspiel mit
gemischten Gefühlen. In wenigen Tagen soll es in die Wüste gehen – ein Traum, der schnell zum Albtraum werden kann.

Nouakchott markiert sozusagen den letzten »Boxenstopp« vor der Wüste. Schlechte Nachrichten an sämtlichen Tankstellen: Im Land herrsche Benzinknappheit! Man rät, bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufzutanken. Vor uns liegt eine weitere, endlos erscheinende Strandetappe, die nur bei Ebbe zu befahren ist.
Die Dünen reichen oft bis an den Spülsaum – ein gespenstisches Szenario. Könnte im Falle einer Panne eng werden.
Bei Nouâmghâr biegen wir endlich ab, querfeldein nach Osten. Der Wind hat sich gelegt – gottlob kein Sturm im Anmarsch. Laut Karte sind einige Dünengürtel zu durchqueren. Eigentlich kein Problem, doch wir haben die Rechnung ohne den mauretanischen Sand gemacht. Er ist butterweich, die Bikes werden ohne Vorwarnung regelrecht verschluckt. Als Stefan dann auch noch eine Rolle über den Lenker macht und sich dabei üble Prellungen zuzieht, beschließen wir, auf der Piste bis Akjoujt weiterzufahren.
Durch das Gewühle im Sand haben die Motorräder mehr Sprit verbraucht als erwartet – die Tanks sind fast leer, als wir die Ortschaft erreichen. Dann die Hiobsbotschaft: Es gibt kein Benzin, nicht einmal auf dem Schwarzmarkt! In Windeseile spricht sich herum, dass vier Europäer auf dem Trockenen sitzen. Ein geschäftstüchtiger Marokkaner bietet an, Benzin aus dem 200 Kilometer entfernten Atâr zu holen, für umgerechnet 1,80 Euro pro Liter. Wucher, doch wir haben keine Wahl. Nun heißt es warten. Die Stimmung in der Gruppe ist nicht mehr ganz so entspannt wie zu Beginn der Reise. Vor allem Wolfgang sieht seinen ehrgeizig entwicklten Routenplan durch die Zeitverzögerung gefährdet.
Um elf Uhr nachts endlich Erleichterung: Das Benzin ist da. Auf dem Rücksitz eines Pkw liegt ein 200-Liter-Fass, im Kofferraum stapeln sich 19 Kanister mit jeweils 20 Liter Inhalt. Ich verstreiche einige Tropfen davon auf der Hand, die Qualität scheint zum Glück in Ordnung. In Ländern der Dritten Welt herrscht
die Unsitte, Benzin mit Wasser oder Diesel zu panschen, eine
Katastrophe für die Motorräder.

Unser Plan sieht vor, in einer südlichen Schleife nach Atâr
zu gelangen. Auf hartem Untergrund geht es zügig voran. Bis zum ersten Dünengürtel, durch den nur ein Weg führt: ein Pfad, weich wie Puderzucker. Wir stecken, purzeln, schieben, bergen und kommen nur mühsam voran. Schließlich fährt Sepp voraus. Kurz darauf die Katastrophe: Sein Vorderrad taucht ein, geistesgegenwärtig gibt der routinierte Fahrer Gas, um nicht
stecken zu bleiben, was das Triebwerk der KTM mit einem lauten Knall quittiert. Sämtliche Versuche, den Einzylinder wieder zu starten, sind erfolglos: Der Schaden scheint ernst.
Wir stecken mitten in den Dünen, fernab jeglicher Zivilisation. Der einzige Ort für eine Reparatur befindet sich einige hundert Meter entfernt: ein Baum, der zumindest etwas Schatten spendet. Mit einem Geschirr aus Spanngurten ziehen die Jungs das Bike Zentimeter um Zentimeter bis zur völligen Erschöpfung dorthin.
Sepp macht sich sofort an die Arbeit. Irgendwie versuchen wir, ihn dabei vor dem Wind zu schützen, der feine Sandkörner durch jede noch so kleine Ritze bläst. Der absolute Horror, wenn man gerade einen Motor zerlegt. Die Diagnose ist erschütternd: Es fehlt ein Stück vom Kolben. Abgesplittert. Zudem sind der Ölabstreifring sowie ein Kolbenring gebrochen. Dieses Motorrad wird Timbuktu nicht erreichen, so viel steht fest. Doch wie bekommen wir den Bock überhaupt aus dem Sand? Sepp ist zuversichtlich. Er baut den Motor mit dem verbliebenen Kolbenring wieder zusammen, und dann das Unfassbare: Die todkranke Kati springt wieder an!
Wir haben vier Liter Öl dabei, damit schaffen wir es im
Schneckentempo zurück bis Nouakchott. Dort Kriegsrat. Ersatzteile schicken lassen? Zu zeitaufwendig. Sepps traurige Augen sprechen Bände – wir haben die gleiche Sehnsucht nach Timbuktu. Es gibt allerdings noch eine Möglichkeit: Sepp fährt bei mir hintendrauf mit. Zwar spreche ich den Vorschlag aus, bin insgeheim aber empört, dass Wolfgang selbst mitten in der Wüste nicht von seinem Prinzip abrückt, jemanden mitzunehmen. Stefan hat nur eine Einmannsitzbank, scheidet folglich für so ein Manöver aus. Zum ersten Mal frage ich mich, ob unsere Viererkonstellation tatsächlich eine gute Entscheidung war.
Schweren Herzens lässt Sepp seine KTM und einen Großteil seiner Habseligkeiten in Nouakchott zurück, zwängt sich in die schmale Lücke zwischen mir und den Gepäckrollen. Das kann ja heiter werden! Vor uns liegen einige tausend Kilometer. Die ursprünglich geplante Strecke können wir vergessen, zu zweit auf einem
Motorrad haben wir keine Chance im Sand. Der Gedanke, auf Teer nach Mali zu glühen, ist jedoch alles andere als antörnend. Und die
»Route d’Èspoir«, die Mauretanien von West nach Ost durchzieht,
erweist sich tatsächlich als entsetzlich trostlos.
In Aleg begegnet uns ein Paar aus Frankreich, die mit einem
Geländewagen die alte Oasenstrecke von Tidjikja nach Néma befahren wollen – 750 Kilometer Einsamkeit. Aber allein ist den beiden
das Unternehmen zu riskant, und so ist der Entschluss schnell gefasst: Sepp nimmt im Auto Platz, und wir fahren gemeinsam. Es geht also doch noch in die Wüste!
In Tidjikja endet der Asphalt. Von nun an nur noch tiefe, weichsandige Spurrinnen, die mit riesigen Kamelgrasbuckeln gesäumt sind. Ohne Sepp hintendrauf fährt meine KTM wie von selbst.
Zumindest fühlt es sich so an.

Wenige Kilometer vor der kleinen Oase Tîchît zeigt sich
Wolfgang beunruhigt. Irgendwas scheint mit seinem Vorderrad nicht zu stimmen. Die Radlager sind hinüber! Und die Ersatzteile befinden sich im Gepäck, das Sepp in Nouakchott zurückgelassen hat. Für Wolfgang ist die Reise zu Ende. Ein Pickup bringt ihn mitsamt dem Motorrad zurück in die Hauptstadt.
Stefan und ich wühlen uns weiter durch den mauretanischen Sand, im Rückspiegel stets der französische Geländewagen. Kurz vor Ouadane gibt die TT ein grässliches Geräusch von sich. Um den Schaden zu lokalisieren, muss Stefan zum zweiten Mal einen Motor mitten in der Pampa öffnen. Der Anschlag vom Kickstarter ist gebrochen, und nur mit viel Erfindungsgeist gelingt ihm eine Behelfslösung. In Néma trennen sich schließlich die Wege unseres Konvois: Die Franzosen fahren weiter nach Süden, wir nach Osten.
Die Grenze von Mali rückt in Sichtweite. Vor der Reise hat man uns vor dieser Region gewarnt. Banditentum und Überfälle seien an der Tagesordnung. Wir passieren einige Kontrollen –
alles scheint friedlich. Der Zustand der Piste ist jedoch miserabel, und Sepp und ich haben große Mühe voranzukommen. Zudem ist dieser Weg, angeblich eine Abkürzung, auf keiner Karte verzeichnet. 70 Kilometer Niemandsland. Kein gutes Gefühl. Erst in Lere lassen sich die Einreiseformalitäten für Mali erledigen. Zum Glück beginnt dort die erstklassige Hauptpiste in Richtung Timbuktu.

Komplett überwältigt stehen wir einige Stunden später am Ortsschild der sagenumwobenen Wüstenstadt. Wir haben unser Ziel doch noch erreicht, leider nur zu dritt. Uns ist nach einer Dusche, nach einem guten Essen, nach einem eiskalten Bier. Das Pech scheint allerdings weiterhin an uns zu kleben: Sämtliche Hotels und Herbergen sind ausgebucht. Erst nach
langer Sucherei kommen wir bei einer Familie unter, die ein Zimmer vermietet. Bei ihnen ist ein junger Touareg zu Gast, der aus dem 700 Kilometer entfernten Taoudenni stammt, wo sich die großen Salzminen befinden. Über Jahrhunderte sicherte der Handel mit dem weißen Gold den Bewohnern der beiden Städte ein gewisses Maß an Wohlstand. Heute würde zwar noch immer mit Salz gehandelt, erzählt der Junge, doch zum Überleben reiche es meist nicht. So sei er von seinen Eltern hierher geschickt worden, um Schmuck an Touristen zu verkaufen.
Tags darauf erkunden wir das Zentrum Timbuktus. Vom
einstigen Flair ist nicht mehr viel zu spüren. Die Karawanenstadt
ist kaum noch mehr als ein staubiges Wüstenkaff, das einzig
vom großen Namen und dem Glanz vergangener Tage profitiert. Obwohl wir wussten, was uns in etwa erwartet, sind wir schockiert. Dennoch ist das Gefühl, es bis hierhin geschafft zu haben, Belohnung und Befriedigung zugleich.
Auf einer kleinen Fähre überqueren wir den Niger und erreichen über eine brutale Wellblechpiste nach 200 Kilometern Douentza am Fuß der Hombori-Berge. Zwei Fahrtage später kommt das »Venedig Westafrikas” in Sicht, die quirlige Pirogenstadt Mopti. Durch regen Fisch- und Viehhandel hat sich dieser Ort zur wichtigsten Handelsmetropole des Nigerbinnendeltas entwickelt. Eselskarren, lärmende Mopeds, Menschen und Busse blockieren die Straße. Das bunte Treiben ist faszinierend.
Djenné, Bamako und Kayes – der Rückweg in Richtung Dakar verläuft relativ problemlos. Nur die Hitze macht uns zu schaffen. Im Westen von Mali und im Senegal herrschen Ende Februar tagsüber 40 Grad und mehr. Nachts kühlt es kaum ab, und wir leiden aufgrund der Temperaturen unter akutem Schlafmangel.
In Rosso steigt Sepp endgültig zum letzen Mal vom Sattel meiner KTM. Diesmal bleibt ihm die Horrorgrenze nicht erspart,
er muss schnellstmöglich nach Nouakchott im benachbarten Mauretanien, um irgendwie sein Motorrad zurück nach Dakar zu bringen. Er tut mir leid; was ihm nun bevorsteht, ist wahrhaftig kein Spaß. Im Rückspiegel sehe ich, wie er sofort von einer Horde von Schleppern umringt wird.
30 Stunden später schlägt er wieder bei uns auf. Sichtlich
gezeichnet, aber überglücklich, alles geschafft zu haben: Im Fond eines Minibusses befindet sich seine KTM. Zwei Tage später
warten alle Bikes am Flughafen auf den Rücktransport.
Dieser Trip hat Spuren hinterlassen. Die Pannen und die dadurch entstandenen Stresssituationen haben die Freundschaften unserer Vierergruppe auf eine unerwartet harte Probe gestellt.
So etwas überleben anscheinend nur die besten Beziehungen. Sepp und ich werden ganz sicher weiter zusammen durch Afrika reisen. In Gedanken sitze ich bereits schon wieder über einer Landkarte, doch noch kann sich mein Finger nicht entscheiden, wo er stehen bleiben möchte.

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