Westpyrenäen (Archivversion) Alles, was du willst

Flanieren im mondänen Seebad Biarritz, anschließend über ungezählte Kurven und Kehren durchs französisch-spanische Grenzgebiet – der äußerste Westen der Pyrenäen präsentiert sich als ein überaus lohnendes Revier.

Biarritz. Mit Standgas zuckeln Angelika und ich im Sattel der GS durch die Gassen der alten Hafenstadt. Eine Kreuzfahrt ohne festes Ziel, vorbei an Häuserreihen,
die von glanzvolleren Epochen erzählen. Verschnörkelte
Fassaden mit verzierten Balkonen, strahlend weiße
Fachwerkbauten mit blauen und roten Fensterläden und überall üppig blühende Hortensienbüsche – diese Stadt hat einfach Charme. Und Zeiten müssen das gewesen sein! Damals, als
Napoleon, Bismarck oder ein Victor Hugo zu Besuch kamen und Massentourismus noch unvorstellbar war. In diesem mondänen Seebad feierte die bessere Gesellschaft ihre Sommerfeste, hier war man unter sich. Wir bummeln vorbei an unzähligen Bistros und Cafés. Jetzt zur Mittagszeit ist es jedoch nahezu unmöglich, einen Sitzplatz zu ergattern. Das sonnige Klima des luxuriösen Badeortes garantiert über 2000 Sonnenstunden im Jahr – da hält es niemand drinnen aus.
Hinunter zum Wasser. Wir riechen das Meer bereits. Doch
bevor wir es erreichen, lassen wir uns vom Anblick des »Hôtel
du Palais« noch zu einem Stopp verleiten. Eine Herberge der Extraklasse. Mit einem riesigen Meerwasserpool, in dem schon Bing Crosby, Gary Cooper, Frank Sinatra und Jane Mansfield
gebadet haben. Eine Nacht in einem Haus wie diesem – irgendwie ein äußerst verlockender Gedanke. Wir drehen an der
nächsten Kreuzung und fahren standesgemäß vor. Verfolgt
von irritierten Blicken spazieren wir durch die Empfangshalle,
fragen – als sei es das Normalste der Welt – nach einem Zimmer. Die Junior Suite mit Blick auf den Pool und die Suite Impériale seien noch frei, erklärt uns der freundliche Herr an der Rezeption.
Im Preis von 675 Euro beziehungsweise 1350 Euro für eine
Nacht sei natürlich das Frühstück inklusive. Frühstück hin oder her – also doch wieder Zelt aufbauen.
Durch kleine Nebenstraßen rollen wir weiter Richtung Grande Plage, dem bekanntesten Strand der Stadt. Kleine grün, blau oder rot gestreifte Badezelte im Sand erinnern an Bilder aus
früheren Zeiten. Wir halten schließlich am Rand der Strandpromenade direkt vor einem Crêpes-Verkäufer, schmeißen unsere
Motorradklamotten in den Sand und lassen uns mit den süßen Fladen in der Hand daneben nieder.
Nachmittags, es wird zum Glück ein wenig kühler, nehmen
wir Kurs auf den Felsen St. Martin. Dort wartet der Leuchtturm mit seinen 248 Stufen auf eingerostete Motorradfahrerbeine.
Der Blick über Biarritz und über die Côte Basque entschädigt
für jeden Schweißtropfen. Immer wieder lässt der dunkelblaue
Atlantik seine weißen Wellen auf die roten Felsen donnern.
Etwas weiter tummeln sich die Sonnenhungrigen am Miramar
Beach, der nach einem weiteren alten Grandhotel benannt
wurde. Urlaubsstimmung macht sich in unseren Köpfen breit.
Wir entschließen uns zu einem Spaziergang, gehen auf die Suche nach der berühmten Grotte »Chambre d’Amour«, die
sich etwas nördlich des Leuchtturmes befindet. Der Legende nach soll dort, im »Zimmer der Liebe«, ein Pärchen von der Flut überrascht und eng umschlungen ertrunken sein. Wir sind also gewarnt, behalten das noch ferne Meer im Auge, als wir die Grotte erreichen – in der es allerdings kaum etwas zu sehen gibt.
Wieder im Sattel der GS, rauschen wir in den kleinen Hafen von Biarritz. Die Aussicht auf frische Crevetten lockt in eines
der urigen Restaurants, dazu ein trockener Weißwein aus der
Region – himmlisch! Ein perfekter Tagesausklang.
Früh am nächsten Morgen ein kurzer Besuch im Supermarkt, und schon geht es, perfekt gerüstet für ein Picknick, in südlicher Richtung hinaus aus dem Trubel der Stadt. Über die N 10 nehmen wir Kurs auf St. Jean-de-Luz. Dort biegen wir von der Küsten-
straße in Richtung Ascain auf die N 121 ab. Die Straße wird
ein wenig enger, der Asphalt dafür griffiger. Vor uns bauen sich
unter strahlend blauem Himmel die ersten Gipfel der Pyrenäen auf. Den Weg dorthin weisen unzählige Rennradler, die mit angespannten Waden bergauf sprinten. Für die herrliche Landschaft auf beiden Seiten der Straße haben die Sportler vermutlich
wenig Sinn. Wir dagegen umso mehr. Grüne, sanft hügelige
Wiesen und Felder wechseln sich mit dichten Wäldern ab,
und dazwischen glitzern immer wieder kleine Bäche und Seen
in der Sonne.
Entlang des Flüsschens Nivelle schrauben wir uns schließlich durch knackige Kehren in die Höhe. Eine Kurve folgt der anderen, kaum mal hundert Meter misst ein gerades Stück. Wir passieren bei Dancharia die spanische Grenze, staunen über noch spek-
takulärere Panoramen. In westlicher Richtung reicht der Blick
bis weit in die Biscaya, über Hügelketten, die in allen Grüntönen schimmern. Am Horizont verschmelzen Atlantik und Himmel blau in blau. Immer wieder halten wir am Straßenrand und genießen den Blick in die Ferne. Über unseren Köpfen kreisen Greifvögel, lassen sich von den warmen Aufwinden in die Höhe tragen. Außer ihrem schrillen Geschrei ist wenig zu hören. Nur ab und an einer dieser kleinen, knatternden Lieferwagen. Bauern, die einen Teil
ihrer Ernte ins Tal bringen. Abgesehen von Landwirtschaft und Tourismus gibt es nicht viel, womit im Departement Pyrénées-
Atlantiques Geld verdient werden kann.
Gegen Mittag lockt ein etwa 15 Kilometer langer Abstecher hinauf zum 1090 Meter hohen Pico Gorramakil. Unterhalb des Gipfels finden wir im Schatten eines uralten Baums den perfekten Ort für ein Picknick. Mit Käse, rohem Bayonner Schinken, Baguette und leckeren Weintrauben. Um nichts in der Welt würden wir
diesen Platz mit einem Tisch in einem Drei-Sterne-Restaurant
tauschen. Und so dauert es lange, bis wir über schmale, sich in den Hang schmiegende Wege wieder talwärts unterwegs sind.
Am Abend zurück in Biarritz. Wir halten vor einer kleinen
Bar, nehmen Platz, bestellen einen Pastis. Gleich darauf spricht uns ein Franzose, der am Nachbartisch sitzt, an. Er sei auch
Motorradfahrer und empfiehlt uns, unbedingt über den Col de Méhatché zu fahren. Die Pisten dort oben würden uns Spaß
machen. Wir sind gespannt.
Beladen mit Sack und Pack, preschen wir tags darauf über die D 918, die entlang der Nive verläuft, und erreichen recht schnell die Rampe des Passes auf den fast tausend Meter hohen Artzamendi. Zunächst geht’s durch dichten Wald, der sich jedoch bald lichtet und schließlich den Blick auf die umliegenden Berge freigibt. Die Strecke windet sich weiter steil bergan – mit einer Steigung von 21 Prozent. Oben am Col de Méhatché angekommen, trauen wir unseren Augen nicht. Nicht nur wegen der phänomenalen Aussicht, sondern auch wegen der diversen steinigen Wege, die sich ab hier kreuz und quer durch die Hügellandschaft ziehen – perfektes Endurogelände, leider aber nur bedingt Terrain für eine mit zwei Personen besetzte GS. Nach einigen recht unterhaltsamen Versuchen peilen wir wieder den Asphalt an.
Kurs Süd. Dabei überqueren wir bei Dancharia zum zweiten Mal die Grenze nach Spanien und kurven entlang des Rio Ultzama durch ein wild romantisches Flusstal. Hier in den spanischen
Pyrenäen gleiten wir einfach dahin, wiegen uns im Takt der Kur-
ven – Entspannung pur. Als wir bei Uriz an einer alten Kirche
vorbeirollen, fällt unser Blick auf die große, dunkle Wasserfläche des Itaiz-Stausees. Wir fahren hinunter zum Ufer, entdecken ein
einsames, lauschiges Plätzchen und entscheiden uns spontan,
dort unser Zelt aufzubauen. Wildes Campen – in dieser völligen Abgeschiedenheit stört sich garantiert niemand daran.
Über kleine Wege rollen Angelika und ich zurück nach Frankreich. Das Valle de Salazar und der Col de la Pierre St. Martin entpuppen sich als absolute Volltreffer. Wir orientieren uns
weiter am Verlauf der spanisch-französischen Grenze, nehmen allmählich wieder die Atlantikküste ins Visier. Zwischen Larrau und St. Jean-Pied-de-Port entdecken wir für heute die höchste
Ansammlung von Kehren inmitten einer schroffen Berglandschaft.
Später, in Cambo-les-Bains, gelangen wir auf die gut
ausgebaute »Route impériale des Cimes«, die von Hasparren nach Bayonne führt. Die Flüsse Adour und Nive teilen die
Stadt in drei Teile. Im Zentrum fühlen wir uns wegen der vielen Brücken fast schon an Venedig erinnert. Allerdings sind wir
ein wenig zu früh im Jahr in Bayonne gelandet. Am zweiten Wochenende im August findet dort ein Weinfest statt, das
in ganz Frankreich berühmt ist und regelmäßig viele tausend
Gäste anlockt. Angelika und ich, inzwischen zurück in dem kleinen Restaurant im Hafen von Biarritz, feiern unser eigenes Fest. Wir stoßen auf unseren gelungenen Trip in diesem Teil Frankreichs an – die Strecken, die Menschen, das Land – irgendwie hat alles gepasst.

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