Wien (Archivversion)

Zwischen Kaffeehaus und Katakomben

Gelassen bummelt es sich durch Wien, vom Prater bis zur Sachertorte - oder durch eine schaurige Welt der Toten tief unter der Stadt.

Noch eine Melange?« Aufmerksam, aber keineswegs aufdringlich holt mich die sympathische Chefin des »Café Mariahilf« aus meinen Gedanken wieder in die Wirklichkeit. Ein kurzes Zögern, dann ein zustimmendes Nicken. Es ist ja erst das dritte Schalerl Milchkaffee mit Schlagobers und dem obligatorischen Glas Wiener Leitungswasser. Soviel Zeit allmorgendlich muß sein.Selbst der Geschäftsmann, der schon seit längerem diverse Gazetten studiert, sieht offenbar keinen Anlaß zu übertriebener Eile, von den drei Pensionären, die bereits am frühen Morgen ein Spielchen wagen, ganz zu schweigen. Also schiebe auch ich phlegmatisch meinen Helm in die Ecke. Draußen funkelt derweil das rotes Lackkleid der kleinen BMWin den ersten Strahlen der Sonne.Der Atmosphäre im Wiener Kaffeehaus kann man sich nicht entziehen. Seit über 300 Jahren wird hier gesessen, gelesen, geplaudert, gespielt, geruht oder gearbeitet. Aber eines wird in der Donaumetropole voller Mythen und Legenden ganz sicher nicht: gehetzt. Schon in der Pionierzeit ging in Wien alles etwas langsamer vonstatten. Während um 1700 in Paris und London jeweils über 300 Kaffeesieder den braunen Trunk feilboten, gab«s hier in der Residenzstadt keine zehn dieser sittenstrengen Etablissements, in denen der Genuß von Tabak bis 1780 und der Zutritt für Frauen gar bis 1840 verboten waren. Dennoch avancierte das Kaffeehaus zur Wiener Lebensform - heutzutage allerdings nach der Devise: Totgesagte leben länger.»Der Tod, das muß ein Wiener sein« - Georg Kreislers tiefschwarze Ballade tönt leise aus dem Radio des »Mariahilf«. Unwillkürlich muß ich an die Sammlung von Accessoires zur Totenverehrung denken, die ich am ersten Tag meiner Expedition durch Kaffeehäuser und Katakomben entdeckt habe.Wenn Oma tot ist, zieht man sie ganz schick an, setzt sie in ihren Lieblingssessel und läßt sie fotografieren - im »Wiener Bestattungsmuseum« betrachte ich schaurig schöne Bilder gerade Verstorbener. Die ehedem überaus beliebten Leichenporträts sind seit 1891 aus hygienischen Gründen verboten.»Als schöne Leich« mit einem prachtvollen Kondukt den Weg ins Jenseits anzutreten gehört zur Wiener Lebensart«, erklärt Amtsrat Julius Müller. Nicht ohne schwarzen Humor führt er mich durch ein skurriles Panoptikum mit Exponaten wie einem Leichzug aus Pappmaché zum Selberbasteln oder einer pechschwarzen Zigarettenschachtel mit der silbernen Aufschrift »Rauchen sichert Arbeitsplätze« - ein Werbeartikel des ehemaligen Bestattungsunternehmens Kunz.»Einen regelrechten Skandal provozierte dieser 1784 vom Reformkaiser Joseph II. per Gesetz eingeführte Klappsarg.« Julius Müller weist auf eine ziemlich schäbige Totenkiste: Nach der Zeremonie klappte der Boden des wiederverwendbaren Transportsarges weg, und die sterblichen Überreste fuhren in einem groben Leinensack in die Grube. Um die kochende Volksseele zu beruhigen, revidierte der Kaiser seine Anordnung: Er nehme zur Kenntnis, daß der Wiener Wert lege auf eine langsame Verwesung seines Körpers.»Aus dir wird nie ein richtiger Café Racer«, knurre ich die F 650 an, während ich ihr in der Herrengasse die schwere Kette umlege. Wendig, wie sie ist, hat sie gerade im Einbahnstraßen-Labyrinth der Altstadt zweimal erfolgreich ein Kaffeehaus-Intermezzo boykottiert. Wie von selbst rauschte die kleine Rote durch die imposante Großstadtkulisse. Aber jetzt ist sie fällig. Denn direkt vor uns erstrahlt in imperialem Glanz das legendäre »Café Central«.Eine fast sakrale Atmosphäre strömt mir entgegen, als ich das »Central« mit seinen majestätischen Säulen, reich verzierten Deckengewölben und lichtdurchfluteten Rundbogenfenstern betrete. Hier also sollen so zynische Satiriker wie Alfred Polgar oder Peter Altenberg geschrieben und vor allem gelebt, soll Leo Trotzki beim Schachspiel die russische Revolution geplant haben. Kein Zweifel: Das kostbare Mamor-Interieur des »Café Central« ist überwältigend und der korrekt gekleidete Ober überaus charmant. Aber heiße Debatten führen hier heute nur noch Touristen über Unterkunft und Essen.Schon nach nur einem »Kurzen« (keine Bange, das ist kein Schnaps, sondern ein kleiner Kaffee) pilgere ich mit meiner Gefährtin zum Kapuzinerkloster, um ein anderes bayerisches Mädel zu besuchen: die Sissi.Düstere Katakomben verheißt der in eine braune Kutte gehüllte Mönch an der Klosterpforte, aber tief unten in der habsburgischen »Kaisergruft« erstrahlen fürstlich pompöse Zinn-Sarkophage. Ein gekrönter Totenschädel auf dem barocken Prunksarg Kaiser Karls VI. grinst mich höhnisch an, daneben starre ich schier erschlagen auf das gigantische Grabmal seiner Tochter Maria Theresia. Immerhin: Klappsarg-Kaiser Josef II. ruht konsequent in einer schlichten Metallkiste. Einzig der Sarkophag der unvergeßlichen Sissi ist mit frischen Blumen geschmückt - niedergelegt von touristischen Heerscharen. Romy Schneider war eben beeindruckender als 650 Jahre habsburgische Herrschaft.Doch noch heute regieren die toten Kaiser ein kryptisches Reich. Denn im Herzen von Wien kann man beinah ebenso viele Etagen hinab- wie in manchen Bürgerhäusern hinaufsteigen.Bis zu drei Stockwerke tief unter der Erde durchzieht ein mysteriöses Labyrinth verbundener Kellergewölbe die gesamte Altstadt. In Kellerkneipen aller Couleur laben sich die Lebenden, und in fünf Katakomben tanzen die Toten.Kaum aus den Grüften des Kapuzinerklosters auferstanden, streckt vier Häuserblocks weiter das erste Skelett den Arm nach mir aus: Die adeligen Leichen nämlich, die in den maroden Holzsärgen unter der Michaeliskirche hausen, sind mumifiziert. Nur noch aus Haut und Knochen besteht der Mann, der da mit Kniebundhose, Strümpfen, Schuhen und einem Perückennetz seit über zweihundert Jahren in dem feuchtkalten Gemäuer den letzten Schlaf schläft - ein Zeitgenosse Mozarts.Jetzt einen Leichenschmaus mit Blick auf den Michaelertrakt der Hofburg einnehmen. Schnell schleiche ich mich an der BMW vorbei und bestelle im »Griensteidl«, einstmals das Wohnzimmer von Hofmannsthal, Schnitzler und Kraus, eine Wiener Spezialität: Tafelspitz. Das Fleisch ist ebenso saftig wie sein Preis.Später treibt´s mich in die Wiener Vergnügungsparks. Razor-Skater rasen akrobatisch über den Betonboden, und kreischende Kinder springen auf Trampolins, während ich mich auf der Donauinsel todesmutig durch das Getümmel dränge. Inmitten der Menschenmassen schiebe ich an der buntbeleuchteten Gastronomie auf der Uferpromenade entlang. In der Tat nichts für schwache Nerven. »Jetzt ist es einen Moment lang vorbei mit dem Ernst des Lebens«, brüllt dicht neben mir eine zwei Meter große Clownspuppe unter hysterischem Gelächter. Panikartig flüchte ich vorbei an Pommesbuden, Geisterbahnen und einer neonglitzernden High-Tech-Konstruktion namens »Imperator«. Diesen Horrortrip durch den »Wurstelprater« hätte ich mir wahrlich sparen können. Im Rückspiegel dreht sich ganz langsam das nostalgische Prater-Riesenrad mit seinen roten Waggons - Tempi passati, vergangene Zeiten.Too much fun - selbst für eine Funduro: Ganz freiwillig schlängelt die Wendige in die Dorotheerstraße und gönnt mir als Trostpflaster einen Besuch im berühmten Künstlertreff »Café Hawelka«. Dunkel ist der Raum, dessen Tapete nurmehr von Veranstaltungsplakaten zusammengehalten wird, mit einfachem Mobilar und Kerzen auf den Mamortischen. Bis spät am Abend kümmert sich die inzwischen fast 80jährige Josefine Hawelka noch persönlich um das Wohlbefinden ihrer Gäste, zu denen in den 60er und 70er Jahren Künstler wie Artman und Hrdlicka gehörten.»Motorräder sind auf dem Zentralfriedhof leider verboten.« Der Pförtner an Tor 2 schüttelt mit ehrlichem Bedauern den Kopf, derweil ein Golf ungehindert auf das Areal braust. »Aber zu Allerheiligen gibt«s Hinweise für den Friedhofsverkehr im Radio«, denke ich entrüstet und betrete den gigantischen Gottesacker. Mit drei Millionen Anliegern beherbergt diese Nekropole mehr Einwohner als die Metropole Wien Lebende.Steinerne Todesengel, trauernde Frauengestalten, opulente Putten und dämonische Sphinxen zieren die prunkvollen Mausoleen. Berauscht von diesen sakralen Formen wäre ich gern ein »Pompfüneberer« - jemand, der einem prächtigen Trauerzug folgt, ohne den Dahingeschiedenen zu kennen. Doch wer hier ruht, den kennt man: Wie eine Ahnengalerie muten diese Ehrengräber an, fein säuberlich getrennt nach Schauspielern, Komponisten, Malern und Politikern.Plötzlich bin ich allein. Alles ist still. Nur eine leichte Brise streicht durch die Büsche, Sträucher und Gräser, die die faszinierenden Grabmäler überwuchern. Vorsichtig lasse ich mich auf einer verfallenen, mit Säulen verzierten Ruhestätte nieder. Hier in dem verlassenen israelitischen Teil der Totenstadt umfängt mich ein melancholischer Zauber, dem ich mich nicht zu entziehen vermag.Unweit des Zentralfriedhofs wirkt der trübe graue Himmel noch trostloser als das Industriegebiet am Hafen Albern. Auf dem »Friedhof der Namenlosen« zieren keine prächtigen Skulpturen die ewigen Ruhestätten. Keine frischen Blumen oder brennenden Grablichter zeugen von Trauer. Nur schlichte schmiedeeiserne Kreuze schmücken die mit Efeu überwucherten Erdhügel. Wer auf diesem totenstillen Gottesacker beigesetzt worden ist, war schon im Leben einsam - nicht erst im Tod.»Alle die sich hier gesellen, / Trieb Verzweiflung in der Wellen / Kalten Schoß / Drum die Kreuze die da ragen, / Wie das Kreuz das sie getragen, / Namenlos«, lese ich auf der schwarzen Gedenkplatte am Eingangstor.Über hundert Wasserleichen hat die Strömung der Donau zwischen 1900 und 1935 hier an das Ufer geschwemmt. Selbstmörder oder Unfallopfer, von denen die meisten niemals identifiziert wurden. Bis der Hafen Albern gebaut und der vormals mächtige Strom eingedämt wurde. »Ich kenne fast alle ihre Geschichten.« Plötzlich steht neben mir ein freundlich lächelnder alter Mann mit einer Sense in der Hand. Fuchs sei sein Name und Totengräber sein Beruf. Über sechzig Jahre pflege er diesen Friedhof - erst hauptberuflich, nun ehrenamtlich.»Auf dem Grab der Amalie Gettler«, berichtet der 88jährige Herr mit dem großen weißen Schnurrbart, »habe ich eines morgens die Leiche ihres Sohnes gefunden. Er hatte sich eine Kugel in den Kopf geschossen.« Bedächtig wandern wir durch das Gräberfeld bis zu der Ruhestätte von Stefan Molner. »Das war der Sohn meines Vorgängers. Sein ahnungsloser Vater wurde gerufen, um einen unidentifizierten Selbstmörder, der sich stranguliert hatte, vom Baum loszuschneiden«, erzählt der Pensionist mitfühlend.Jeden Tag zündet der alte Herr Fuchs in der kleinen Friedhofskapelle eine Kerze für die Toten an. »Aber zu Allerheiligen, da verteilen die Wiener Donaufischer mit Lichtern geschmückte Kränze auf dem Fluß - zum Andenken an die Namenlosen«, berichtet mir der Totengräber, bevor er sich wieder bückt und die Sense schwingt.«Na, wo bist du heute gewesen?« Die Stimme von Herbert Nezval, der aus purer Leidenschaft für Kaffeehäuser abends im »Mariahilf« kellnert, schreckt mich auf. »Nirgendwo«, antworte ich und denke spontan an Alfred Polgars Kaffeehaus-Definition: »Es ist ein rechtes Asyl für Menschen, die die Zeit totschlagen müssen, um von ihr nicht totgeschlagen zu werden."
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Unterwegstip (Archivversion)

Eine Reise durch Wien ist ein Ausflug in eine geschichtsträchtige Großstadtkulisse, vom Walzer zum Fiaker, von den Lipizanern bis zum Prater - und in die Kaffeehäuser.
ANREISE: Von München gelangt man am schnellsten über die A 8 Richtung Salzburg und dann in Österreich auf der A 1 über Linz nach Wien.REISEZEIT: Dank eines günstigen Klimas hat die Donaumetropole immer Saison. Wer allerdings diffuse Nebelschwaden über Friedhofslandschaften und bunte Blätter im Wiener Wald favorisiert, sollte den Herbst anvisieren.ÜBERNACHTUNG: Den antiquierten Charme bürgerlicher Wohnhäuser erlebt man in der »Pension Mozart«, Theobaldgasse 15, Telefon 00 43 1/5 87 85 05, ab 100 Mark pro Doppelzimmer. Ebenfalls zentral, aber großstädtisch nüchtern eingerichtet ist das »Hotel Post«, 114 Mark pro Doppelzimer, Am Fleischmarkt 24, Telefon 0 04 31/5 15 83-0.GASTRONOMIE: In einem schummerigen Kellergeschoß offeriert das »Brezl-Gewölb«, Ledererhof 9, schmackhafte Spezialitäten wie Nockerl-Varianten, Tafelspitz und Wiener Schnitzel. Im »Stadtbeisel«, Naglergasse 21, wird man, umgeben von Teilen der alten Stadtmauer, bodenständig verköstigt.Kaffeehäuser: Zweifellos findet sich in einem der rund 1800 Kaffeehäuser für jeden Geschmack das passende »Wohnzimmer«. Sehenswert: das Café Central,Ecke Herrengasse/Strauchgasse, ehemals legendäres Literatencafé mit glanzvoll imperialem Interieur, oder Café HawelkaDorotheergasse 6, ein alteingesessenes Künstlercafé. Besonders symphatisch ist das Café Mariahilf, Theobaldgasse 15.Aktivtäten: Das »Wiener Bestattungsmuseum« Goldeggasse 19, zeigt schaurig Schönes. Das dem »Institut für Geschichte der Medizin« angegliederte Josephinum, Währinger Straße 25, ist ein anatomisches Wachsfigurenkabinett, das posierende Skelette und enthäutete Menschenmodelle zeigt. In Wien lohnt es sich, den gigantischen »Zentralfriedhof«, Simmeringer Hauptstraße 243, den Biedermeier-Friedhof »St. Marx«, Leberstraße 6, den alten israelitischen Friedhof »Währing« am Währinger Park und den »Friedhof der Namenlosen«, Hafen Albern, anzuschauen. Auf diesen Friedhöfen sind die Grabstätten von Strauß, Schubert, Mozart oder Curd Jürgens. Ins unterirdische Totenreich gelangt man unter der »Michaelerkirche«, dem »Kapuzinerkloster« und dem »Stephansdom«.LITERATUR: Gute Infos bieten »Wien, Richtig Reisen« von Eva Bakos, DuMont Buchverlag, 44 Mark, und der HB-Bildatlas »Wien«, HB-Verlag, für 14,80 Mark. Michael Horvath und Fritz Panzer erzählen über »Erweiterte Wohnzimmer - Leben im Wiener Kaffeehaus«, Buchkultur Verlagsgesellschaft, für 72 Mark.Weitere Infos: Wiener Tourist-Information, Kärntnerstraße 38, A-1010 Wien, Tel.: 00431/5138892-0.

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