Winter-Reise Oberbayern (Archivversion) Rutsch-Fest

Schnee und Eis glänzen auf den Straßen, die Hausstrecke ist unter der weißen Pracht kaum wiederzuerkennen - eine Motorradtour an einem sonnigen Wintertag ist ein einmaliges Erlebnis.

Meine Füße kribbeln vor Freude. Das Blut schießt in die Zehen. In der warmen Badewanne tauen meine Lebensgeister langsam wieder auf. Wohlige Wärme kriecht in jede Pore des Körpers. In meinen Ohren knistert der Badeschaum wie zerberstende Eisberge. Ich lege meinen Kopf zurück, schließe die Augen. Im Geist spule ich den heute gelaufenen Film nochmals an den Anfang zurück. Aufdringliches Kratzen und Schaben von Metall auf Steinboden reißen Sabine und mich unsanft aus dem Schlaf. Wie benommen quäle ich mich aus dem Bett und schaue aus dem Fenster, um der Ursache für die frühmorgendliche Ruhestörung auf den Grund zu gehen: Neuschnee. Straßen und Autos liegen unter einer flauschigen, weißen Decke, ein paar Kinder haben bereits den ersten Schneemann gebaut, und unsere Nachbarn schippen und schaben fleißig wie die Ameisen. Doch der kristallklare, stahlblaue Himmel verspricht einen Super-Tag - zum Motorradfahren. Es muß einfach sein. Mitten im Winter. Trotz der Eiseskälte und obwohl wir eigentlich keine eingefleischten Winterfahrer sind.Keine hundert Meter vom Haus entfernt erfahre ich auch schon die ersten »Winterfreuden«. Das Hinterrad versucht mich erst rechts zu überholen, dann prescht es auf der linken Seite nach vorne. Nur mit Mühe bekomme ich die abenteuerliche Pirouette in den Griff. Die Straße ist spiegelglatt, mein Adrenalinpegel hat seinen Höchstpunkt erreicht. Ergo lerne ich Lektion eins der Winterfahrt: gemäßigter Gasgriff.Auf dem ersten Kanaldeckel folgt der nächste Adrenalinschub und damit Lektion zwei: Jeder Gully ist dein potentieller Feind, jeder dunkle Fleck auf der Straße kann dich flachlegen. Vorsicht ist angesagt. Von nun an schaue ich wie ein Luchs nach jeder noch so kleinen Kleinigkeit auf der Straße.Schneidend kalter Fahrtwind sticht trotz Sturmhaube wie tausend Nadeln auf unsere Wangen ein, und meine Nase kommt mir vor wie die Spitze eines Eisbergs. Schließe ich jedoch das Visier, läuft es in Sekundenschnelle an. Zu allem Überfluß bildet sich auf der Kunststoffscheibe von der Atemluft sofort eine Eisschicht - und auch meine Brillengläser beschlagen sofort. Trotz des schönen Wetters habe ich das Gefühl, als führe ich ständig durch eine dicke Nebelwand. Also hoch mit der Klappe und Tempo drosseln, damit der Fahrtwind die Gesichtszüge nicht vollständig erstarren läßt. Jetzt verstehe ich, warum einer meiner Bekannten, ebenfalls Brillenträger, bei der Fahrt zur Kristallrallye in Norwegen einen Taucherschnorchel benutzte: Der raffinierte Kerl bezog damit seine Atemluft aus dem Inneren der Kombi. Das sah zugegebenermaßen etwas seltsam aus, aber dem lästigen Visier- und Brillenbeschlagen hat er damit ein für allemal ein Ende bereitet.München liegt hinter uns. Nachdem wir nicht mehr nur noch mit uns selbst und unserer Verpackung beschäftigt sind, können wir endlich ein Auge auf die bizarre Winterwelt werfen und entdecken Dinge, an denen wir zu einer anderen Jahreszeit vielleicht achtlos vorbeigefahren wären: Ein steinernes Kruzifix ist von Eiskristallen »überwuchert«, als hingen Parasiten an ihrer Beute. Oder die Nadelbäume. Schwer beladen ächzen sie fast hörbar unter der Schneelast auf ihren Ästen. Hecken und Zäune sind inmitten der weißen Pracht mit den Gärten und Feldern zu einer homogenen Masse verschmolzen. Wir entdecken unsere Hausstrecke völlig neu.Nebel am Kesselberg. Wie Blinde tasten wir uns vorsichtig die Serpentinen hinauf. In manchen Kehren liegen Eisplatten. Ich muß mich selbst immer wieder zur Vorsicht ermahnen. Nur nicht leichtsinnig werden. Meter für Meter schrauben wir uns aufwärts Richtung Walchensee. Es wird lichter. Schemenhafte Umrisse der Berge erscheinen – dann reißt die Suppe schlagartig auf. Wir stehen über den Nebelwolken. Sonne blendet. So schnell können die Augen gar nicht adaptieren. Erst mit etwas Verzögerung nehmen wir unseren Höhenflug in seinem ganzen Ausmaß wahr. Aus dem weißen, flauschigen Nebelmeer weit unter uns ragen ein paar Berggipfel wie Felsen in der Brandung heraus. Einfach gigantsich. Die Dunstschicht trennt die Welt des Winters von der des Frühlings. Unten kalt, oben warm und sonnig. Normalerweise ist´s andersrum. Das liegt daran, weil sich kalte und warme Luftschichten übereinanderschieben, die völlig unterschiedliche Temperaturzonen bilden. Ein Phänomen des Winters.Nach und nach schwappt ein Wagen nach dem anderen aus der milchigen Brühe. Jede zweite Autobesatzung hält an, um das faszinierende Naturschauspiel zu beobachten. Nur ein älterer Mann hat mehr Augen für mein Motorrad als für die Landschaft. »Im Sommer fallen die Motorradler an der Kesselbergstrecke ein wie die Heuschrecken«, erzählt mir der Herr unaufgefordert, »darum ist die Strecke an Wochenenden auch für Zweiradler gesperrt.« Jetzt bitte alles, nur keine endlose Diskussion über Vorurteile, denke ich mir. Doch nichts dergleichen. Er interessiert sich nur für die Maschine und outet sich schließlich als »Ehemaliger«: »So eine hatte ich auch mal... Und im Winter bin ich auch schonmal zum See raufgefahren.«Je höher wir kommen, desto frühlingshafter wird es. Im gleißenden Sonnenlicht liegt der Walchensee spiegelglatt vor der Karwendelgruppe. Sie gleicht einer mächtigen vereisten, fast schon unwirklichen Kulisse. Auch die Gasthäuser am Ufer kommen mir wie Attrappen vor. »Geschlossen«. »Betriebsferien«. »Ruhetag«. Auf den Tischen und Bänken der Strandcafés liegt eine dicke Schneedecke. Wo sonst Kaffee und Kuchen serviert wird: gähnende Leere. Die Fensterläden sind zugeklappt. Der benachbarte Segelbootverleih ist eingemottet; Ruder- und Tretboote liegen geschützt auf dem Trockenen. Ein einsamer Skiläufer schlurft auf der Straße zur Bushaltestelle. Ein Ferienort im Winterschlaf. Verwaist, fast unheimlich. Die Chance, unter diesen Umständen eine Tasse Ovomaltine zu bekommen, erscheint illusorisch. Kein Grund also zum Verweilen.Wie eine übers Bett geworfene weiße Daunendecke liegt der Schnee über dem Werdenfelser Land. Nur hier und da unterbricht ein Heustadl die monotonen Buckel. Wo sonst Kühe grasen und Mountainbiker Single-Trails abfahren, spuren vereinzelt ein paar Langläufer die Loipe parallel zur Straße. Anachronistische Begegnungen. Die Skiläufer wollen nicht in unser von der grünen Jahreszeit geprägtes Bild vom Motorradfahren passen. Und wir gehören wohl auch nicht in deren Vorstellung vom Wintersport, denn immer wieder werden wir gefragt, ob es nicht zu kalt sei für einen Motorrad-Trip.Zuerst bemerke ich die bunten Punkte auf dem Hügel nur im Augenwinkel: Eine Schar Kinder saust vor Freude johlend auf ihren Schlitten die Pisten hinab. Die Mutigeren jagen auf Schneebobs vorneweg; ein paar Praktiker rutschen auf dem Hosenboden den Berg hinunter. Etwas abseits wird gerade einer eingeseift. Ich wage es und bitte eines der Kinder um seinen Schlitten. Einmal nur. Ich komme mir vor wie der »Kindergartencop«, zwischen all den vor Freude kreischenden Kleinen, die wohl noch nie ein Michelin-Männchen auf einem Schlitten gesehen. Ich nehme Anlauf und springe auf den kleinen Schlitten. In einer mir irrwitzig vorkommenden Geschwindigkeit gehts sofort den steilen Hang hinab. Das Lenken klappt leider auf Anhieb nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Die Stiefelbremsen zeigen ebenfalls nicht die gewünschte Wirkung: Ich drifte gefährlich vom Kurs ab – schnurstracks auf eine Schanze zu. Nichts zu machen. Tolpatschig wie ein Albatros hebe ich mitsamt Schlitten ab. Die Kinder grölen. Ich lande mit dem Gesicht voraus im Schnee. Noch mal runterfahren, johlen die Kids. Nein, danke. Einmal reicht. Eigentlich wäre jetzt ja Sabine an der Reihe. Doch sie schüttelt nur den Kopf, vielleicht ein anderesmal.Auf kleinen, stellenweise vereisten Nebenstraßen tasten wir uns vorsichtig in Richtung Ammersee. Nur ab und zu geht´s über eine festgefahrene Schneedecke, auf der die Profile zumindest etwas Halt finden. Viel unberechenbarer sind die nach Asphalt aussehenden, aber in Wirklichkeit von einer schmierigen Matsch-Schicht überzogenen Straßenabschnitte. Die Enduro-Reifen übernehmen unter diesen Umständen nur sehr beschränkte Haftung – wenn überhaupt. Dafür stimmt Sabine ein Loblied auf die ABS-Bremsen der BMW R 1100 GS an, denn nicht nur einmal bewahrten die geregelten Stopper sie vor ungeplanten Rutschpartien.Rund um den Ammersee führen alle Wege früher oder später zum Wallfahrtskloster Andechs. In Biertrinkerkreisen so etwas wie das Mekka des dunklen Doppelbocks. Im Sommer, wenn sich Massen von Menschen kollektiv am »Maßhalten« üben, ist von der abgeschiedenen Ruhe eines Klosters nur wenig zu spüren: Es herrscht Biergartenstimmung.Beim Betreten des »Bräustüberls« läuft meine Brille schlagartig an. Wie eine Keule schlägt uns die Wärme des Gastraums mitten ins Gesicht. Eine Dunstglocke von beißendem Zigarettenrauch hängt zwischen den holzgetäfelten Wänden. Fröhliches Stimmengewirr dringt uns entgegen. Auf den Tischen wird Deftiges serviert, Bierkrüge machen die Runde. Bayerische Gemütlichkeit. Im Winter hat Andechs tatsächlich noch Charme.Zurück in der Kälte. Kurs Süd, Richtung Berge. Einen steilen, völlig vereisten Stich schleichen wir uns in Schrittgeschwindigkeit zum Staffelsee hinunter. Er ist im Gegensatz zum Ammersee eine einzige riesige Eisfläche. Mitten auf dem See spazieren Fußgänger. Schlittschuhläufer drehen auf blankgefegten Stellen elegante Pirouetten. Auch wir versuchenh uns mit den dicken Motorradstiefeln beim Eislaufen, doch es bleibt bei einem kläglichen Ansatz.Im Gegensatz zum wesentlich kleineren Staffelsee sind die beiden »großen Brüder« Ammersee und Starnberger See nicht zugefroren. Nur ein paar windgeschützte Buchten sind vereist. Schilfgras steckt dort wie in Beton gegossen. Scheinbar unsinnig stehen Stege auf festem Eisgrund. Auf einem dieser Schiffsanlegestellen attackiert mich plötzlich ein Hund. Er kommt wie ein Irrer über die Planken angeschossen und beißt sich in der Thermokombi fest, die er wohl mit einer Wurst verwechselt. Als der Spitz den Lapsus bemerkt, verliert sich sein Interesse ebenso unvermittelt, wie er mich davor »angefallen« hat.Der Starnberger See liegt regungslos vor uns. Keine Surfer. Keine Segler. Selbst die weiße Flotte der »königlich-bayrischen Gebirgsmarine« überwintert im Trockendock. Wenn Frau Sommer auf der anderen Hälfte der Erdkugel Urlaub macht, erholt sich die ganze Gegend von der Hektik der warmen Jahreszeit.Schonzeit haben bis Februar auch die Fische. »Von September bis Januar geht gar nix net«, erzählt ein Fischer aus Ammerland am Starnberger See. »I kim aber im Moment vom See zruck, dia Renken und Forelln san fangfrisch.« Als Beweis hält er uns eine gut fünfzig Zentimeter lange Seeforelle vor den Helm. Wir entscheiden uns jedoch für eine pfannengerechtere Renke. Von der Riesenforelle könnten wir uns wohl eine ganze Woche sattessen. »A Renkn, dös is a lachsartiger Fisch, woanders sagns Felche«, klärt uns der Seefischer auf. »In Buttr acht Minutn auf jeder Seiten obraten, mit Salz und Pfeffa verfeinern und dann no mit Zitronensaft beträufeln.« Keine Frage, der Fisch wird heute abend in unserer Pfanne bruzeln. Die kulinarische Krönung dieses phantastischen Tages. Eines muß man dem Winter zugestehen: Er verbreitet manchmal eine fast magische Stimmung. Sie verzaubert die Hausstrecke in eine unbekannte Route. Aber leider sind die Wintertage verdammt kurz. Viel zu bald bricht die Dämmerung herein. Mit Einbruch der Dunkelheit wird der Fahrtwind wieder empfindlich frisch. Auf der Heimfahrt kriecht trotz Griffheizung klirrende Kälte aufdringlich in die Handschuhe, dann in die Stiefel, zwängt sich durch die Visierschlitze. Das Blut pulsiert immer zäher. Uns ist saukalt. Zu Hause werden wir uns in der Badewanne erst wieder auftauen müssen...

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