Winterfahrt zur alemannischen Fasnacht (Archivversion) Narren Sprung

Die Rottweiler Fasnet steht dem berühmten Karneval im Rheinland kaum nach. Und wenn man als Motorrad-Narr schon mitten im Winter dafür angefahren ist, kann man sich gleich im nahen Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb austoben. Närrisch gut!

"Als Tor oder Narr werden Personen bezeichnet, die sich unreif, dumm, tollpatschig, voreingenommen, vorurteilsbehaftet und unwissend verhalten", liest man bei Wikipedia zum Begriff "Narr". Frank Zielke ist gerne Narr, sogar überzeugter Narr und als solcher Mitglied in der Rottweiler Narrenzunft. Und die beste Zeit für mich, einen Narren wie Frank inmitten seiner Zunft zu besuchen, ist die Faschingszeit. Fasnet, wie sie im Südwesten Deutschlands heißt.

Bin auch ich ein Narr, wenn ich das mitten im Winter mit dem Motorrad tun will? Vielleicht, doch der Wetterbericht macht Mut: Weitgehend trocken und Temperaturen um null Grad. So läuft die BMW F 800 ST am Sonntagmorgen vor Fasching mit gemächlichen 110 Stunden-kilometern auf der A 81 nach Süden bis zur Ausfahrt Rottweil. Vorletzte Nacht hatte es noch geschneit, jetzt strahlt die Sonne über der leicht gezuckerten Landschaft und den völlig trockenen Straßen. Das Thermometer im Cockpit der BMW misst angenehme fünf Grad. Na also, geht doch! Zur Linken – das heißt im Osten – zeichnen sich markante Klötze des Westabbruchs der Schwäbischen Alb ab, die wie aufgestellte Dominosteine in den Himmel ragen.

Eigentlich wollte ich Frank zur Proklamation treffen, dem großen Auftritt der Narren, die am Mittag offiziell Rathaus und die Stadt Rottweil übernehmen. Aber es ist perfektes Motorradwetter, und die Felsen der Schwäbischen Alb sind zu verlockend. Motorradnarren zieht es einfach in die Berge, was Frank, selbst Motorradfahrer, auch so geht. Nur: Als ernsthafter Narr ist er zur Fasnet unabkömmlich. Schnell ist unser Treffen auf den Abend verschoben. Im "Becher", dem Traditionslokal der Rottweiler Narren und Motorradfahrer, werden wir uns schon finden.

Im Alleingang schwenke ich von Rottweil nach Süden bis Spaichingen. "Langsam fahren – Narrentreiben", steht da unter dem Ortsschild. Allein die schmierige Paste aus Konfetti, Luftschlangen und anderen Fasnet-Überbleibsel auf der Straße wird jeden Motorradfahrer einbremsen. Hier muss es vor ganz kurzer Zeit heftig zugegangen sein, während jetzt kein einziger Narr zu sehen ist. Also weiter – rauf auf die Alb. Hinter Dürbheim gleich schon eine richtige Serpentinenstrecke, auf der ich die 800er den Alb-Anstieg hochjage. Knackige Schräglagen im Februar. Was für ein Gefühl! Vor Narren wird hier noch nicht gewarnt. Oder sollte man vor mir warnen?

Oben auf der Alb liegt ordentlich Schnee. Vor Mahlstetten rodeln maskierte Kinder einen Hang hinunter, fast schneller, als ich im Moment vorwärtskomme. Denn auf der viel kälteren Hochfläche lauern im Schatten und unter Bäumen immer wieder fiese Ecken, wo noch rutschiger Schneegriesel mit verborgenen Eisresten liegt. Da fußele ich im Schritttempo vorsichtig darüber. Die Metzeler-Roadtec-Reifen sind ein gutes Werkzeug für sommerliche Kurvenfahrten. Auf Schnee und eisigem Matsch müssten Stollen her. Doch die Sonne arbeitet wacker an der Beseitigung solcher Wintertücken.

Unten im Tal gibt es diese Handicaps nicht, und so erreiche ich flott Mühlheim an der Donau. Der Ort auf steilem Bergsporn ist motorradfreundlich angelegt: drei enge Kurven bis zu den ersten Häusern. Fast übersieht man im Fahrspaß das nun schon bekannte Warnschild vor dem Narrentreiben. "Um halb drei kommet se hier nimmer durch," meint eine Dame im Marketenderinnen-Kostüm, die vor dem alten Rathaus, einem "altalemannischen Fachwerkbau von 1400", rote Flüssigkeit in einen kupfernen Hexenkessel gießt: "Früchtepunsch. Gleich beginnt der Umzug der Kinderfasnet." Die Kleinen strömen bereits wie Ameisen aus allen Gassen auf die Hauptstraße. Männer in Landsknechtkleidung streben derweil zielgerichtet dem Wirtshaus zu, aus dem lauter Gesang ertönt. Bald ist hier alles dicht – im Wirtshaus und auf der Straße.

Ich bleibe nüchtern, wähle den Abstecher in das wunderschöne Tal der jungen Donau. Die gebärdet sich kurz vor Fridingen passend zum Narrentreiben: verrückt. Sie versickert einfach. Ein Teil ihres Wassers plätschert klammheimlich zum Rhein hinüber. Auch die ausgelassenen Schlenker des Donautals passen zur Fasnet. Ich folge ihnen ein Stück weit, um über Stetten einen Schwung nach Südwesten zurück ins Bäratal zu machen. Nun sind die "Alb-Tausender" dran, die senkrecht aufragenden Dominosteine, die mich auf der Autobahn so magisch angezogen haben. Der Staufenberg etwa, der mit seinen 955 Meter Höhe als riesiger Klotz das Tal der Bära regelrecht abzuriegeln scheint. Ich umgehe den Felsen östlich und treffe hinter Nusplingen auf den nächsten Brocken. Diesmal kommt er mir mitten auf der Straße entgegen und ist schwarz-weiß gestreift. Ein Traktor zieht einen riesigen Faschingswagen, auf dem Jungs und Mädels in Sträflingskleidung johlend Fasnet-Stimmung verbreiten. Auf dem Highway ist die Hölle los – in Obernheim, einige Kilometer weiter, muss kurz vorher wohl ausgiebig auf der Straße gefeiert worden sein. Das Schild "Hexenfasnet" erklärt alles – und entschuldigt den schon bekannten Belag aus Konfetti auf der Straße. Vorsichtig passiere ich die Stadt. Es wird Zeit, vom Acker zu kommen, denn die Sonne steht schon tief. Die Runde nach Norden über Schömberg zurück nach Rottweil muss zügig absolviert werden. Allerdings mit einem kleinen Abstecher von Tieringen zum Lochenstein hoch, denn beim Blick auf die Karte wird deutlich, dass die Alb hier wieder ein Stück Serpentinenstrecke bereit hält. Spaß muss sein – für Narren aller Art!

"Deine Luftschlangen und deine Pappnase hättest du zu Hause lassen können", höre ich am Abend beim Treffen mit Frank Zielke und seiner Narrenzunft im "Becher". Mein Versuch, mich mit bewährten Karnevals-Insignien als Stimmungskanone zu präsentieren, scheitert. Das Rottweiler Narrentreiben habe nichts mit Karneval am Rhein zu tun, mit Polonaise-Tanzen und albernem Klamauk. Es sei jahrhundertealtes Brauchtum, das mit viel Aufwand gepflegt werde. Und so erfahre ich von den wertvollen Masken, die nur am FasnetsMontag und Fasnets-Dienstag getragen würden. Und auch da nur bis zum 18-Uhr-Gebetsläuten, denn die Rottweiler Narren seien "Tagnarren". Nach 18 Uhr sind sie sozusagen in Zivil – indes nicht weniger närrisch. Keinen Spaß verstehen sie dagegen bei den Regeln für die Teilnahme am "Narrensprung", den großen Umzügen am Fasnets-Montag und Fasnets-Dienstag. Wer mitmarschieren will, braucht einen Narrenbrief und ein Kostüm, das exakt den klassischen Vorbildern entspricht. Am nächsten Morgen, dem Fasnets-Montag, zeigt das Thermometer der BMW Minusgrade. Es ist sieben Uhr und noch dunkel. Doch am Tag des Narrensprungs sind in den Gassen von Rottweil schon geisterhafte Gestalten unterwegs, als ich mich mit der BMW klammheimlich in die eigentlich für allen Verkehr gesperrte Innenstadt mogle. Unweit des Schwarzen Tores parke – nein verstecke – ich die Maschine in einer Gasse und mische mich unter Volk und Narren. Da tummelt sich das "Gschell" mit seinem bunten, über und über mit Schellen behängten Kleid und der lächelnden Maske. Der "Federahannes" ist unterwegs mit gebleckten Zähnen und grimmigen Wildschweinhauern, die im Kontrast zu seinem federgeschmückten Umhang stehen. Mit seiner Sprungstange ist er der Namensgeber des Narrensprungs. Das "Biß", der "Schantle", das "Fransenkleid" und der "Guller" sind weitere Figuren, die alle pünktlich um acht Uhr durch das Schwarze Tor ihren über drei Stunden dauernden Umzug durch die Stadt beginnen. Trommeln, Pauken, Blaskapelle und Peitschen-geknalle, dazu das Klingen von Tausenden Schellen der sich im Takt bewegenden Menschen, die mit ihren starren Masken vorbeiziehen – der Narrensprung lässt die Luft zittern, geht unter die Haut, wirkt wie eine Mischung aus venezianischer Eleganz und archaischem Ritual. Und er ist spontan. Immer wieder entdecken die Narren in der Menge Bekannte, die es zu hänseln gilt. Oder sie werfen Süßigkeiten unter das Volk, winken, hüpfen, machen Verrenkungen und kaspern umher.

Beim Versuch, nach dem Narrensprung mein Motorrad wieder aus der abgeriegelten Innenstadt herauszukriegen, werde ich prompt gestoppt. Nicht von der Polizei, die den ganzen Tag schon nicht zu sehen war und wahrscheinlich selber verkleidet ist. Nein, von den Narren, die nun in Gruppen die Gassen unsicher machen und jeden hänseln, der ihnen unmaskiert über den Weg läuft.

Mit Mühe schaffe ich es aus der Stadt – denn raus muss ich. Und zwar wieder alleine, Kumpel Frank ist ja jetzt vollbeschäftigt mit Hänseln. An sein Motorrad denkt er heute sicher nicht. Dabei ist das Wetter erneut verlockend. Zwar wolkig und etwas kälter als gestern, wie die F 800 als fahrbares Digitalthermometer anzeigt. Zur Kompensation schalte ich die Griffheizung ein und wärme mir an den nächsten Kurvenstrecken das Herz. Die finde ich allerdings erst hinter Schramberg, denn westlich von Rottweil führt die B 462 meist als kerzengerader Stich ins höchste deutsche Mittelgebirge. Aber dann kommen Kurven, wie die von Lauterbach Richtung Hornberg, wo sich ein enges Sträßchen den Hang hinunterschlängelt, dass es eine Freude ist. Der Schwarzwald ist ebenso bekannt für solche Sahnestücke aus Asphalt wie für seine Kuckucksuhren.

Die Strecke von Hornberg nach Triberg ist typischer Schwarzwald: steile Hänge zu beiden Talseiten, Kurven, Tunnel. Und die berühmten Kuckucksuhren. Vor der Einfahrt in den Zuckerhut-Tunnel bei Triberg stoppt mich der charakteristische markig laute Ruf. Tatsächlich, aus der "Größten Kuckucksuhr der Welt" stößt gerade ein metergroßer Vogel heraus und stimmt pünktlich zur vollen Stunde ein. Die "Uhr" hat dabei fast die Größe eines Einfamilienhauses und ist mit ihrem Riesenuhrwerk begehbar. Auch in Triberg dominiert der Kuckuck die örtliche Souvenirszene: Geschickt hat man die Uhren so gestellt, dass eigentlich zu jeder Zeit irgendwo aus einem Laden ein Kuckuck ruft. Mitten im Winter.

Um den Eindruck zu verfestigen, muss ich auch noch hoch nach Schonach zur "Ersten größten Kuckucksuhr der Welt" – wieder in Einfamilienhaus-Größe. Welche nun wirklich größer ist, die Triberger oder die Schonacher Uhr, hat man außergerichtlich geregelt – und so gibt es eine "erste größte" und eine "größte". Als dann aber im Harz noch eine weitere "größte Kuckucksuhr" auftauchte, zog man vor Gericht. Schließlich hatten die Harzer die Fernsehantenne mitgemessen.

Ein wenig größenwahnsinnig werde auch ich jetzt, denn es zieht mich weiter nach oben. Über die Wilhelmshöhe und Oberprechtal will ich eine kleine, feine Runde nach Norden fahren und auf kurvenreicher Straße – so verheißt es die Karte – nach Gutach einschwenken. Obwohl dunkle Wolken am Himmel aufziehen. Es sieht aus wie ein Gewitter im Winter. Wenig später entlädt sich dann tatsächlich das "Gewitter". Zwar ohne Blitz und Donner, doch mit einem heftigen Graupelschauer. Im Bushäuschen am Abzweig zum Skilift Rohrhardsberg suche ich Schutz. Sieht verdammt übel aus: Die Straße mit einer zentimeterdicken, nassweißen Schicht überzogen. Kein reines Eis, aber verdammt schmierig. Da wird der Motorradfahrer – besonders mit sportlich knappem Reifenprofil – ziemlich kleinlaut. Und wartet, bis Autos vorbeikommen und Spuren durch den Matsch ziehen. Wie auf Schienen balanciere ich äußerst vorsichtig in diesen Rinnen wieder zurück, um nicht meinen eigenen Narrensprung hinzulegen. Mit jedem Meter, den ich tiefer gelange, wird es besser. In Triberg ist der Schneegriesel nur noch Wasser – und damit können meine Reifen umgehen.

Die Wolken scheinen in den Bergen hängen zu bleiben, und ich setze meine Runde Richtung Sankt Georgen fort. Obwohl die B 33 hinter Triberg nochmals kräftig nach oben führt, bleibt sie eisfrei. Und als ich in Sankt Georgen links abbiege Richtung Tennenbronn, sind die Straßen gar wieder trocken. Flott geht es nun nach Rottweil zurück, wo ich Frank und seine Co-Narren um 18 Uhr im "Becher" treffe. Alle haben ihr "Kleidle" für heute abgelegt und erzählen begeistert von den Narreteien des Tages. Wie man denn da die kalte Dusche eines Aschermittwoch übermorgen überstehen könne, will ich wissen. "Indem ich mein Gewand in den Schrank hänge und die Suzuki GSR 600 aus der Garage hole," meint Frank. "Motorrad-Narr kann man das ganze Jahr sein. Aber vorher kommt noch der Fasnets-Dienstag."

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