Wintertour Finnland (Archivversion)

Eiszeit auf dem Motorrad

Die eigenen Grenzen und die der 34 Jahre alten Guzzi auszuloten war die Motivation Frank Siepmanns für seine eisige Finnlandtour. Bei Temperaturen von bis zu minus 25 Grad zog es ihn mit Beifahrer Michael Schmidt bis zum Polarkreis.

Nach 24 Stunden ist es überstanden. Die raue Dünung der winterlichen Ostsee hat sich gelegt, als die Leinen der Fähre über die Hafenpoller in Helsinki fliegen, Eiskristalle tanzen in der Luft. Endlich sind wir da, wo wir hin wollten – im winterlichen Finnland. Es ist noch stockfinster, als das Guzzi-Gespann morgens um sechs aus dem Schiffsbauch rollt und eine eisige Brise in die offenen Helmvisiere fegt. Minus 18 Grad. Auf stillen, schneebedeckten Straßen geht es durch die Hauptstadt gen Norden. Die Fahrt auf dem breiten Highway ist easy, so dass Lathi, die Stadt der weltberühmten Skisprungschanzen und unser erstes, vorsichtig bemessenes Etappenziel, bald erreicht ist. Doch dort beginnt das Problem. Eine Großveranstaltung blockiert alle Quartiere. Selbst in der Jugendherberge ist nichts zu kriegen. Na gut, es steckt noch genug Wärme für ein paar zusätzliche Kilometer in unseren dicken Anzügen, und bei Mikkeli hatten wir ebenfalls eine Herberge ausfindig gemacht.

Den Highway haben wir längst verlassen und tasten uns nun über kleine, fast verkehrsfreie Nebenstraßen durch die ersten Hügel der Finnischen Seenplatte. Das Gespann braucht deutlich mehr Schwung, um die kleinen, aber rutschigen Steigungen zu packen. Gottlob ist niemand unterwegs, so dass wir in aller Ruhe an unserem Fahrstil feilen können. Anfangs driftet das Hinterrad noch unkontrolliert weg, doch bis Mikkeli stellt sich ein ordentliches Fahrgefühl für die italienische Diva ein. Sogar Bremsen klappt irgendwann.

Wir peilen die wunderschöne Jugendherberge südlich der Stadt an, die laut Prospekt das ganze Jahr geöffnet ist. Von wegen! Als wir bei einbrechender Dämmerung anrollen, ist alles dunkel. Herbergseltern verreist, erklärt ein missmutiger Nachbar in holprigem Englisch. Und alle Hotels im Umkreis von 50 Kilometer seien ebenfalls zu, fügt er noch hinzu, bevor er in seinem warm erleuchteten Haus verschwindet. Michel und ich schauen uns an, kramen die Schlafsäcke hervor und besetzen kurzfristig die kleine Veranda vor der Herberge. Es ist stockfinster und klirrend kalt. Doch eine andere Wahl haben wir nicht. Der Benzinkocher taut fauchend Schnee für Tee und Suppe – es wird fast schon gemütlich.

Am nächsten Morgen zeigt das Thermometer 19 Grad unter null. Aber die Schlafsäcke haben sich bewährt. Müsste man nicht so dringend, wäre es gar nicht so übel. Schon bald dampft das Kaffeewasser, und erste Wärme durchdringt den Körper.

Auch die zweite Etappenlänge ist mit Bedacht gewählt. Gerade mal 90 Kilometer sind es bis nach Puumala, ein kleines Dorf am Saimaa-See. Dort quartieren wir uns für zwei Tage ein, genießen die einsamen Wälder. Mit Schneeschuhen stapfen wir Stunden durch die verschneite Natur. Hier und da treffen wir Eisfischer auf den zugefrorenen Seen oder einen Skilangläufer in den Loipen.

Als wir zur Weiterfahrt aufbrechen, beginnt es zu schneien, was schon bald für erhebliche Schwierigkeiten sorgt. Es ist zwar wärmer – die Temperaturen liegen »nur noch« bei minus 5 Grad –, dafür wird die Fahrerei durch den matschigen Neuschnee zu einer extrem rutschigen Angelegenheit, der Grip der Reifen sinkt gegen null. Angestrengt kämpfen wir uns parallel zur russischen Grenze weiter in den Nordosten. Wir müssen höllisch aufpassen, um das Dreirad auf Kurs zu halten. Bereits beim geringsten Dreh am Gasgriff stellt es sich quer. Schwerstarbeit am breiten Lenker ist angesagt, weshalb wir uns nun beim Fahren abwechseln. Glücklicherweise sind die Straßen rechts und links meist wie bei einer Bobbahn durch große Schneewälle begrenzt. Viel passieren kann also nicht.

Und irgendwann ist sie erreicht, die finnische Sauna. Unser Vermieter bietet an, seine mitzubenutzen. Herrlich, so ausgekühlt nach eisiger Motorradfahrt. Wir erfahren erst ganz zum Schluss, wo das Tauchbecken liegt. Lediglich 22 Meter weiter – ein Loch im zugefroreren See neben der kleinen Holzhütte dient zur Abkühlung. Es kostet reichlich Überwindung, und nur wenige Sekunden später sind wir hektisch wieder draußen, aber es ist irre! Der ganze Körper prickelt und pulsiert, vergessen ist alle Härte der Tour. Über uns funkelt der Sternenhimmel, rundum herrscht völlig Stille, die nur vom gelegentlichen Knacken des Eises durchbrochen wird. Der schönste Moment der Reise.

Was der Sternenhimmel am Abend schon andeutete, bewahrheitet sich am nächsten Morgen: Strahlende Sonne glänzt am klaren Winterhimmel, fortgeweht das Tief der letzten Tage. Das winterliche Finnland, von dem wir geträumt hatten, breitet sich um uns aus. Die glitzernde, oft viele Kilometer weit unberührte Schneelandschaft verströmt einen geradezu märchenhaften Zauber. Mit dem Hoch kommt allerdings auch die Kälte, legt sich eisig über das Land. Tags klettert das Thermometer kaum mehr über minus 20 Grad, nachts fällt es auf klirrende 35 Grad unter null.

Das morgendliche Anziehritual entwickelt sich so langsam zur Tortur. Funktionsunterwäsche, Pullover, Fleece, Weste, Motorrad-jacke, Regenüberzug – eigentlich ziehen wir alles an, was wir dabei haben! Bewegen können wir uns darin nicht mehr wirklich, doch es hält immerhin für runde 100 Kilometer warm. Dann Tankstelle, Kaffee und Aufwärmen.

Durch einsame und nahezu unbesiedelte Weite nähern wir uns allmählich dem Polar-kreis. Begleitet von faszinierenden, tausendfach gebrochen Lichtspielen der Sonnenstrahlen in den Eiskristallen und ein paar Ren-tieren, die fern am Waldrand stehen. Winter in seiner schönsten Form.

Am Oulujärvi-See erreichen wir bei Kajaani den nördlichsten Punkt der Reise. Halb Finnland haben wir gepackt und drehen nun langsam wieder Richtung Süden ab. Die Temperaturen bleiben äußerst frostig. Nur die brave, alte Moto Guzzi scheinen die beißenden Minusgrade, die jeden Morgen auf der Quecksilberskala erscheinen, kein bisschen zu beeindrucken. Während die Skandinavier ihre Autos jeden Abend an die Steckdose anschließen, um Batterien am Leben zu halten und Standheizungen zu schüren, schüttelt sich der alte Zweizylinder komplett ohne Starthilfe auch bei minus 35 Grad ins Leben. Was nicht nur uns, sondern selbst die Finnen beeindruckt. In Rautalampi taucht eines Morgens ein Fotoreporter auf und will eine Story für die Titelseite der örtlichen Tageszeitung. Michel und ich schieben die Guzzi ins richtige Licht und geben unser erstes Interview.

Wir kriegen schnell weiteren Kontakt, der Sohn der Nachbarn unserer Herberge lädt uns ein, mit ihm auf den zugefrorenen Seen das traditionelle Eisfischen zu lernen. Mit einem speziellen Handbohrer bohrt er kleine Löcher in die dicke Eisschicht, dann heißt es ausharren, bis etwas anbeißt ... und das kann dauern! Während meine Geduld bald erschöpft ist und ich lieber spazieren gehe, harrt Michel tapfer aus, bis er am Abend grinsend einen dicken Fisch zum Essen rauszieht.

Langsam arbeiten wir uns zurück nach Helsinki. Wir meiden weiterhin die großen Bundesstraßen und schlingern stattdessen über die kleinen, schneebedeckten Nebenstraßen durch die Weiten der Finnischen Seenplatte. Inzwischen ist die Drifttechnik so verfeinert, dass wir kaum genug bekommen können und immer neue Abzweige versuchen. Wann gibt es auf unseren vollen Straßen schon so einen Spaß?

Plötzlich dann ein kleiner Schrecken. Eingemummelt als Beifahrer im Seitenwagen, zeigt mir ein Seitenblick zum Vorderrad, dass wir gerade dabei sind, den dicken Bolzen der Schwingenlagerung zu verlieren. Ein Stopp am Straßenrand offenbart das ganze Ausmaß des Schadens. Das Gewinde ist defekt, uns bleibt nichts anderes als zu improvisieren. Die Hände sind bald steif gefroren, während wir versuchen, die Lagerung wieder in die richtige Position zu bugsieren. Schließlich sichern wir das Ganze mit Draht, Kabelbindern und einer Lochschiene vor dem Herausrutschen. Ein paar bange Kilometer, doch es hält. Pünktlich zu einem wunderbaren Sonnenuntergang kommen wir in Joutsa an. Und dann stehen plötzlich regelrechte Farbenvorhänge senkrecht am Himmel, bilden ein fantastisches Lichtspiel in Violett, Rot und Grün – das Polarlicht! Zum ersten Mal auf dieser Reise.

Entspannt verbringen wir die letzten Nächte in Finnland. Noch einmal Holzsauna mit dampfendem Aufguss, noch einmal der obligatorische Sprung ins Eiswasser, ein letztes Mal das herrliche Wohlgefühl, das anschließend durch den Körper jagt. Und anhält, bis wir mit der Guzzi in den Bauch der Fähre abtauchen. Während wir im Treibeis langsam durch die Ostsee nach Deutschland tuckern, entsteht in unseren Köpfen bereits ein neuer Wintertraum: Sibirien!
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Bikes winterfest machen (Archivversion)

Solospass im Schnee (Archivversion)

Wer sich solo in den Schnee wagt, sollte ein geeignetes Motorrad und passende Bereifung wählen. Mit Supersportlern wird man ebenso wenig glücklich wie mit Tourern. Auf schneebedeckter Fahrbahn taugen ausschließlich leichte Enduros. Erstens vertragen die auch mal einen Ausrutscher, ohne dass gleich Sturzteile für Hunderte Euro anfallen, und zweitens sorgen sie dank ihres breiten Lenkers für das nötige Feingefühl bei Richtungswechseln. Maximalen Grip bieten bei­spielsweise die bei Mefo (Telefon 09723/91910) erhältlichen Spikes-Reifen (pro Satz knapp 400 Euro, in Deutschland jedoch ohne Straßenzulassung). Selbst auf hartem Schneeuntergrund mit Eisplatten verbeißen sie sich derart, dass sogar Wheelies und Stoppies gelingen. Ohne Schneeunterlage fährt es sich mit Spikes hingegen wie auf Eiern. Sinnvolle und zugelassene Alternativ-Stollen bieten idealerweise extrem weiche Gummimischungen, die bei eisigen Temperaturen auf Asphalt gut und auf Schnee noch akzeptabel funktionieren. Auch diesbezüglich ist Mefo Ansprechpartner Nummer eins. Reifenhersteller Heidenau bietet für viele Mittelklasse-Straßenmotorräder und Enduros eine spezielle Winterreifen-Kollektion (siehe MOTORRAD 2/2008, Seite 72), die auch bei eisiger Kälte für ausreichend Bodenhaftung sorgt – zumindest, solange die Aus-flüge lediglich auf Asphalt und nicht auf Schnee stattfinden.

Infos (Archivversion)

Eine Wintertour zum Polarkreis ist sicher nicht jedermanns Sache. Wer sich aber traut und sein Motorrad entsprechend präpariert, kann Winter in seiner schönsten Form erleben.
Allgemein
Mit dem Motorrad im Winter nach Finnland heißt: Temperaturen bis zu minus 30 Grad und tiefer. Allerdings handelt es sich dann um trockene Kälte mit geringer Luftfeuchtigkeit. Finnland liegt dabei im russischen Klimaeinfluss. Die Straßen sind durchgängig mit Schnee beziehungsweise Eis bedeckt, lassen sich aber meist gut befahren. Bei Neuschnee dagegen kann es vorkommen, dass selbst die Hauptstraßen für kurze Zeit gesperrt werden.

Unterkünfte
Die besten Erfahrungen haben wir mit Jugendherbergen und sogenannten Finnhostels gemacht. Die Preise liegen im Schnitt bei 20 Euro pro Person, Selbstversorgung ist angesagt. Der Standard dieser Herbergen ist sehr hoch, wobei meistens in Zwei- bis Vierbett-Zimmern übernachtet wird. Saubere WCs, Küche und hauseigene Saunen sind obligatorisch in Finnland. Aktuelle Adressen für Übernachtungen auch im Winter findet man unter: Yrjönkatu 38 B15, FI-00100 Helsinki, Telefon +35895657150, info@srm.inet.fi, www.hostellit.fi.
Mit einem gültigen Jugendherbergsausweis erhält man 2,50 Euro Ermäßigung pro Nacht.

Fährverbindungen
Inzwischen gibt es auch im Winter einige Verbin-dungen zwischen Deutschland und Finnland. Dauert die Überfahrt von Travemünde zirka 36 Stunden, schafft man es von Rostock nach Helsinki in 24 Stunden. Dabei liegen die Preise für zwei Personen inklusive Gespann bei rund 500 Euro. Informationen unter www.superfast.com oder www.vikingline.de.

Literatur
Gute Orientierung liefert die Karte des RV Verlags: Finnland, 1:750000, ISBN 3-575-33218-5, für 7,50 Euro. Zwei informative Reiseführer erscheinen bei Marco Polo: Finnland, ISBN 3-8297-0262-0, für 7,95 Euro als idealer Taschenführer, dazu der Baedeker-Führer für 19,95 Euro, sehr ausführlich und mit Straßenkarte, ISBN 3-89525-478-9. Beide ergänzen sich gut und sind unterwegs eine nützliche Hilfe. Alternativ dazu bietet der DuMont Verlag einen hervorragenden Führer für 22,95 Euro, ISBN 3-7701-7624-3.

Motorrad/Winterausstattung
Obwohl die Guzzi 34 Jahre alt ist, sprang sie selbst nach Nächten mit minus 34 Grad problemlos an. An die Moto Guzzi 850 T ist ein Squire-ST2-Seitenwagen angebaut, hinten war ein normaler Enduroreifen aufgezogen (Spikes-Reifen siehe Kasten oben). Eine exakte Einstellung von Zündung und Vergaser sowie Motorenöl im Bereich von 10 W 30 beziehungsweise Kardanöl im Bereich 80 W 90 ist obligatorisch. Für Notfälle sollte man ein Ladegerät dabei haben oder eine Ersatzbatterie im Kofferraum montieren. Zum Einsatz kam diese zum Glück nicht.
Bei der Kleidung haben wir auf die ganze Palette an Winterbekleidung zurückgegriffen. Von Funktionswäsche über Winterstiefel und Handschuhe, die vor allem wasser- und windabweisend sein sollten, bis zu Thermoanzug und Sturmmaske, die auch die Nase schützt. Beim Helm hat sich der Schuberth C2 (Klapphelm) bewährt, da er sich gut anziehen lässt, wenn die Sturmmaske vorm Gesicht sitzt. Das Visier sollte beschlagfrei sein. Für das Gepäck sind Seiten- und Gepäcktaschen erste Wahl, die einen Rollverschluss anstelle eines Schlosses besitzen, da das meist ohnehin nur zufriert. Die Firma Ortlieb bietet Packsäcke, die sogar bei Temperaturen von über minus 30 Grad nicht zer- oder einreißen, wenn sie wie vorgesehen gerollt werden. Sollte jemand bei eisigen Temperaturen draußen schlafen wollen, bietet sich der Lite 2000 von Carinthia an, mit guter Wärmeentwicklung und einer Fleece-Einlage, die sich gleichzeitig als Jugend-herbergs-Schlafsack eignet.

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