Wintertour (Archivversion) Ein irres Gefühl

Mit einem Gespann über die Alpen bis zum Mittelmeer und wieder zurück, zelten am Watzmann und hoch bis zum Sella-Joch: mitten im Winter ein Erlebnis zwischen Spaß haben und fürchterlich frieren.

Gegenwind. Eisregen. Seitenwind. Schnee. Sturmböen. Nebel. Zuerst eines nach dem anderen. Das macht die Sache gerade noch erträglich. Dann plötzlich alles auf einmal. Es stürmt, schneit, schüttet von allen Seiten. In Sekundenschnelle schwindet endgültig die Sicht. Keine Lampe der Welt hätte eine Chanche gegen die weiße Nebelwand knapp drei Meter vor uns. Das Gespann schlingert vom Wind getrieben irgendwo auf der verschneiten Autobahn zwischen München und Salzburg ruckartig hin und her. Bloß runter vom Gas. Tempo 50. Mit geschlossenem Visier geht überhaupt nichts mehr. Völlig beschlagen. Hoch damit. Schmerzhaft peitscht bitterkalter Dezemberwind ins Gesicht, die Mischung aus Schneeflocken und Eisregen macht´s. Als ob jemand einem eine Bürste mit spitzen Nägeln in die Haut drückt. Rechts unter mir sitzt Thomas. Tief in den Beiwagen verkrochen, friert er bewegungslos vor sich hin. Sehen kann er durch die völlig verschmierte Plexiglasscheibe schon lange nichts mehr. Einfach aushalten ist seine Devise. Nur wenn wir ein anderes Fahrzeug überholen, zuckt er zusammen. Weil Autos aus seiner Perspektive betrachtet eben ganz anders aussehen. Wir sind beide zum erstenmal mit einem Gespann unterwegs.Gegen 22 Uhr geben wir auf. Längst wollten wir in Berchtesgaden sein. An der Bar eines kleinen Hotels in Rosenheim tauen wir langsam auf. »Morgen«, behauptet der Wirt, »scheint wieder die Sonne.« Wir schlafen kaum in dem miefigen Dunst feuchter Jacken, Hosen und Schuhe. Damit die Klamotten trocknen, läuft die Heizung auf Hochtouren. Im Zimmer sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Und mir tun die Arme weh vom Lenken. Gespannfahren ist doch schwerer als ich dachte: Auf geraden Strecken schlingert das Ding hin und her, dafür läuft es in Kurven sturr geradeaus. Na prima.Ein wunderbarer Tag beginnt. Wir freuen uns wie Kinder, weil die Sonne scheint, weil die kurvige Strecke bis Berchtesgaden durch eine vom Schnee verzauberte Landschaft führt. Und weil Gespannfahren auf vereisten Straßen viel leichter ist als auf Asphalt. Statt zu lenken genügt ein wenig Gas, und die Richtung stimmt. Wunderbar. Uns gefallen die breiten Sommerreifen, die so wenig Grip haben. Weil man besser driften kann als mit rutschfesten Winterschlappen.Prächtig glänzt der imposante Watzmann mit seiner schneeweißen Kuppe im tiefblauen Himmel. Irgendwo dort plätschert der langgezogene Königssee an die steilen Ufer im Nationalpark Berchtesgaden. Ein wunderschönes Panorama, glaubt man den Postkarten, die es am Parkplatz für Seebesucher in der Ortschaft Königssee gibt. Bis zum Wasser sind es ichweißnichtwieviel Wanderminuten. Zu viele für uns. In den dicken Winterklamotten schwitzen wir schon jetzt. Also kaufen wir eine Ansichtskarte, driften über den verschneiten Parkplatz, verschwinden auf der nächsten Landstraße, genießen das pure Lustgefühl, einfach über Strecken zu rauschen, die, so scheint es, von Motorradfahrern für Motorradfahrer gebaut wurden.Einmal rund um den Salzberg. Was für Ausblicke auf die verschneiten Täler tief unter uns. Feiner Schnee rieselt. In den Kristallen bricht sich das Sonnenlicht tausendfach. Bäume, Häuser, Autos, alles glänzt, alles schimmert in unendlich vielen Farbtönen irgendwo zwischen Weiß und Blau. In der klaren Luft sehen wir an manchen Stellen viele Kilometer weit. Weiter hinten wachsen steile Berge in den Himmel, ab und zu stechen scharfkantige Felsenspitzen aus der dicken Schneedecke hervor. Schade, daß Wintertage so unsagbar kurz sind. Gegen 14 Uhr liegen viele Täler längst im Schatten, kurz nach vier ist die Sonne verschwunden. Plötzlich ist es wieder bitterkalt.»Ihr spinnt!« Mehr sagt der Chef vom Campingplatz Allweglehen in der Nähe von Berchtesgaden nicht. Dann grinst er. Ihm gefällt, daß es noch zwei »richtige« Motorradfahrer gibt. Und führt uns zu einen Platz mit Aussicht auf den Watzmann. Doch mit dem Fernblick ist plötzlich Schluß. Schlechtes Wetter zieht auf. Unser Nachbar aus dem Wohnwagen sagt, daß es ab morgen tagelang regnen soll. Wir hoffen, daß er irrt. Das Zelt flattert jämerlich im feuchten Wind. Keine Macht der Welt wäre imstande, auch nur einen Hering in den gefrorenen Boden zu drücken. Eine Leine ans Motorrad, die andere an den Baum. Es wird schon nicht so schlimm werden. Es beginnt schon heute abend zu regnen.Zurück nach Berchtesgaden. Wenn schon kein festes Dach über dem Kopf, dann zumindest ein gutes Essen im Bauch. Unrasiert und ungewaschen, in schmuddeligen Motorradklamotten, rechts die Helme, links Tankrucksack und Fototasche, marschieren wir ins erstbeste Restaurant, gutbürgerlich und gut besucht. Die lassen uns nie und nimmer rein. »Ihr armen Kerle«, die herzliche Bedienung schüttelt den Kopf, »ganz steifgefroren seid ihr ja.« Sofort bekommen wir einen Platz nah am Kamin, sofort kümmert man sich liebevoll um uns. Lächelnd ignoriert das Personal unsere feuchte Spur durch den blitzblanken Gastraum und die triefnaßen Jacken und Regenhosen, die wir mit schlechtem Gewissen über mehrere Stuhllehnen verteilt haben. Die Jungs vom verrauchten Stammtisch nicken respektvoll und prosten uns zu. Damit hatten wir nicht gerechnet. Motorradfahrer, die im Winter unterwegs sind, scheinen einen Bonus zu haben. Wir finden kaum noch unser Zelt. Dichter Nebel, die Sicht gleich Null. Dazu eine unangenehme Mischung aus feinem Schnee- und Eisregen. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit gleicht das Innenzelt einer Tropfsteinhöhle. Waschen und Zähneputzen fällt aus. Schweigend krabbeln Thomas und ich in die feuchtkalten Schlafsäcke. Trotzdem, gemütlich ist es schon. Irgendwie. Die Kerzenlaterne verteilt schummriges Licht in der kleinen Kuppel und wärmt ein wenig. Null Grad messen wir im Zelt kurz vorm Einschlafen. Morgen wird die Sonne scheinen. Ganz bestimmt.Sie tut es nicht. Dicke Regentropfen platschen morgens gegen acht rhythmisch auf die Zeltplane. Ein fürchterliches Geräusch. Schlafsäcke, Klamotten, Stiefel, alles naß. Lustlos stehen wir auf. Was für eine schwachsinnige Idee, im Winter zu zelten. Um alles zu trocknen, blockieren wir stundenlang Wasch- und Aufenthaltsraum, hängen das durchgeweichte Zelt über den Eßtisch auf, verteilen Schlafsäcke und Jacken strategisch auf den Heizkörpern. Der Chef lacht. Nein, Geld für die Übernachtung wolle er keines von uns. Weil ihm die Idee einer Motorrad-Winter-Camping-Tour gefällt. Er wünscht uns nur besseres Wetter. Weiter im Süden, am Mittelmeer, dort soll die Sonne scheinen.Berchtesgaden, Lofer, Kitzbühel, der 1274 Meter hohe Thurn-Paß. Gesehen haben wir während der letzten 100 Kilometer nichts. Nichts als Nebel. Für das Stück haben wir drei Stunden gebraucht, sind völlig naß und durchgefroren. Die Lust, Motorrad zu fahren, blieb längst auf der Strecke. Und jetzt liegt vor uns auf der steilen Nordrampe zum Felbertauerntunnel eine dicke Schneedecke, stellenweise glänzt sogar Eis. Vom Räumdienst keine Spur. Fünfter Gang, fast Vollgas und trotzdem nur noch Schrittgeschwindigkeit. Der Reifen schmirgelt über die weiße Pacht, das Gespann schiebt fast quer die Steigung hoch. Bloß nicht stehenbleiben. Das hieße umkehren. Dem jaulenden Boxer wird jetzt zum erstenmal richtig warm um die Zylinderköpfe. Aber wir wollen da hoch, unbedingt. Erst hinterm Tunnel glänzt wieder der Asphalt. Der Räumdienst hat hier ganze Arbeit geleistet, meterhoch türmt sich der Schnee rechts und links der Fahrbahn. Dafür nimmt der Eisregen zu. Wir halten mißmutig aus bis Lienz, den Plöckenpaß überqueren wir erst morgen. Wenn überhaupt.Es hat aufgehört zu regnen. Plötzlich euphorische Hektik. Packen, frühstücken, tanken, losfahren. Alles in einer Stunde, das ist Rekord. Mit Dampf geht´s rauf auf den 1362 Meter hohen, unspektakulären Paß. Dann der Blick hinunter auf die Straße, die sich wie ein Kunstwerk ins italienische Tal windet: Kurven ohne Ende, ein trockener Belag, ein wenig Sonne. Na bitte, Biker brauchen nicht viel, um glücklich zu sein. Frühlingshafte Temperaturen, je tiefer wir kommen. Wie im Rausch vergeht die Abfahrt. Gas geben, kuppeln und schalten, Bremsen, plötzlich ist der Spaß wieder da. Hingebungsvoll verlagert Thomas in den engen Kurven sein Gewicht im Boot. Damit wir nicht ganz abheben. Linke Ecken im Drift, rechte mit dem Beiwagenrad hoch in der Luft. Endlich klappt´s mit dem Gespannfahren, endlich wieder Tempo, endlich wieder zwei strahlende Gesichter. Hätten wir mehr Zeit, wir wären ein zweitesmal rauf- und runter gefahren. Doch pünktlich um 16.22 Uhr geht am Mittelmeer die Sonne unter. In zwei Stunden also. Und wir freuen uns seit Tagen auf eine Flasche Bier im Strand vor einem rot schimmernden Meer. Noch zirka 100 Kilometer müssen wir bis dorthin zurücklegen, also drehen wir noch einmal den Hahn auf. Bis Grado, einem kleinen Fischerort auf einer spitzen Landzunge.Wir sind pünktlich auf die Minute, nein, auf die Sekunde. Keine Zeit mehr zum Bier holen. Wir drängeln dreist durch den Verkehr, parken nicht ganz legal in der Nähe der für Fahrzeuge gesperrten Strandpromenade, sprinten die letzten Meter bis zum Wasser. Und erleben, wie der glutrote Feuerball im schimmernden en Meer versinkt. Bier hin oder her, wir freuen uns wie die Schneekönige. Zum einen, weil es richtig warm ist und wir endlich die unsäglichen Winterklamotten ausziehen können. Zum anderen, weil der Strand nur uns gehört. Niemand stört. Niemand redet. Nur sanfte Wellen, die leise und rhythmisch auf glatte Steine am Ufer klatschen. Und vor uns eine wie Gold glänzende Fläche bis zum Horizont. Das Bier muß warten.Als wir dann endlich in einer kleinen Kneipe sitzen, lesen wir in einer Tagezeitung etwas von einer Schönwetterfront über den Dolomiten. Ein Blick auf die Uhr, es ist gerade sechs. Ein Blick in Richtung Thomas, dann ist alles klar. Kaffee statt Bier, Sella-Joch statt Zeltplatz am Mittelmeer. Bis Longarone könnten wir es heute noch schaffen.Und wirklich, am nächsten Morgen ein wolkenloser Himmel. Dann die ersten milden Strahlen der Sonne, die langsam hinter einer verschneiten Bergspitze hervorkommt. Einfach himmlisch. Jetzt nur keine Zeit verlieren. Hinter Longarone verschwinden wir auf einer schmalen Straße in Richtung Arabba. Langsam steigt der Weg durch eine enge Schlucht. Links unter uns tönt und schäumt ein reißender Wildbach, bis sich plötzlich die Felsen öffnen. Und uns der Atem stockt. Gewaltig präsentiert sich vor uns der Monte Civetta, über 3200 Meter hoch, ein Koloß aus Stein, schneeweiß und grell glänzend. Wir halten und staunen. Dann sind wir nicht mehr zu bremsen. Wir wollen ganz nach oben, auf die höchsten Straßen, die durch die Dolomiten führen. Uns lockt der Gedanke an eine grandiose Fernsicht über eine der schönsten Regionen der Alpen. Trotz der bitteren Kälte. Auch wenn die Sonne scheint - die Höhe und der Fahrtwind sind trotz elektrisch beheizbarer Motorradanzüge eine erfrischende Kombination.Langsam schlittern wir mit ständig durchdrehenden Hinterrad über die festgefahrene Schneedecke auf das 2239 Meter hohe Pordoi-Joch. Ein Heidenspaß. Täler und Berge liegen unter einer dicken Schneedecke. Kaum jemand kommt uns entgegen, völlig fremd und winzig klein wirkt das einsame rote Gespann inmitten dieser weißen Welt. Dann die senkrecht aufragenden Felsen der Sella-Gruppe. Unglaublich imposant und majestätisch. Wir sind völlig aus dem Häuschen.Eine Stunde später stehen wir auf dem 2213 Meter hohen Sella-Joch. Eisiger Wind treibt feinpulvrigen Schnee in unsere frostigen Gesichter. Ein letztes Mal beleuchtet die untergehende Abendsonne die Gletscher an der mächtigen Marmolada und die Orgelpfeifen-ähnlichen Felsenspitzen der Sella-Türme. Bis auf das Pfeifen des Windes herrscht Ruhe. Kein Auto und kein Motorrad weit und breit. Ein irres Gefühl.

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