Wüstenreisen (Archivversion)

Alle verrückt, oder was?–––––

Einmal nach Afrika fahren, einmal das Dünenmeer der Sahara sehen - wer hat nicht schon mal davon geträumt? Und schließlich ist die größte Wüste der Welt ohne großen Aufwand übers Mittelmeer erreichbar. Was aber dann? Wieviel Enduro braucht der Mensch, den dort die Sandlust packt?

Sie habe einfach nur nach Afrika gewollt, erklärt Testredakteurin Monika Schulz freimütig, wenn sie von der ersten großen Motorradreise ihres Lebens erzählt. Nach Marokko. Vor zehn Jahren mit einer Yamaha XS 650 Special. Einem Chopper. Einem Softchopper, um genau zu sein, wie das damals eben so hieß. »Was anderes kam überhaupt nicht in Frage. Die XS war mein Motorrad, und damit ging ich halt auch auf Tour.« Nicht anders sah das auch Frank Siepmann, der mit einer alten Moto Guzzi Le Mans nach Libyen reiste. Ein hoher Lenker dran, ein Gepäckträger, und los ging´s. »Die festen Pisten sind noch locker zu fahren«, schreibt er in seinem Reisetagebuch, und freut sich »an dem tiefen Donnern der Lafranconies. Nur die harten Schläge auf meinen Körper durch den kaum vorhandenen Federweg bremsen etwas mein Tempo«. Als er in Tunesien schließlich auf die ersten Ausläufer des Grand Erg Oriental trifft und »der Sand auf der Piste immer weicher wird, stellen sich bei der Guzzi erste Fahrwerksprobleme ein. Ich muß körperliche Schwerstarbeit leisten, damit sich nicht immer wieder das Vorderrad in den Sand gräbt und dann verreißt«. Sind es Verrückte, die mit solchen Vehikeln in das neun Millionen Quadratkilometer umfassende Areal aus Sand und Felsen aufbrechen? Guinnessbuch-Aspiranten, die auch per Ultralight zum Nordpol oder im Schlauchboot über den Atlantik reisen würden, irgendwo zwischen Wahnsinn und Geltungssucht rangierend? Mitnichten. »Es war ganz einfach Fernweh«, erklärt Monika Schulz ihre unbefangene Reisestimmung, »und ich dachte, ich fahr` halt mal, so weit ich komme.« Tatsächlich ist Nordafrika nicht nur den Off Road-Cracks vorbehalten. Es ist mehr als nur GPS-Terrain und Dünenrausch für Sport-Enduristen. Speziell Marokko und Tunesien machen es dem Neuling leicht, in Kontakt mit dem schwarzen Kontinent zu treten. Per Fähre unkompliziert und ohne große Formalitäten erreichbar, bieten sie ein dichtes Straßennetz und passable Pisten zu den landschaftlichen Highlights. Vor allem Marokko, das sogar vom ADAC-Schutzbrief abgedeckt wird, gilt als Afrika-Einstiegsdroge Nummer eins.Grundsätzlich schadet eine Enduro in Afrika freilich nicht. An der XS 650 »hing nach wenigen Wochen der Hinterreifen in Fetzen runter und das Motorrad hätte es sicher auf den Rüttelpisten zerbröselt, wenn ich nicht ein paar netten Jungs mein Gepäck aufgeschwatzt hätte«, erinnert sich Monika. Jede durchschnittliche Enduro bietet dagegen genügend Federweg und Stabilität, um Mensch und Material ausreichend vor afrikanischen Straßen und Pisten zu schützen. Wer allerdings das richtige Geländeabenteuer sucht, der muß sein Motorrad mit Bedacht auswählen und ausrüsten. So stehen beispielsweise in der libyschen Sahara bis zu 800 Kilometer ohne Versorgung an. Solche Etappen sind mit Serien-Enduros nicht mehr zu packen. Hier müssen im vorhinein die Anforderungen und die entsprechenden Umrüstmöglichkeiten des Motorrads ermittelt werden. Vor allem, was die Unterbringung der Wasser- und Treibstoffvorräte angeht. Neben den Expertentips in der einschlägigen Literatur (Seite 146) sind dabei Expeditionsausrüster wie Bernd Woick oder Klaus Därr und der Informationsaustausch mit anderen Reisenden hilfreich. Zum Beispiel bei Fernreisetreffen. Mitunter scheint aber der Abenteuergeist zu überwiegen. »Auf jeder Sahara-Tour sammle ich Typen ein, die sich übernommen haben«, berichtet Christoph Del Bondio von Team Aventura. »Völlig blauäugig stolpern viele da hinein, fahren das falsche Motorrad, haben kaum Fahrerfahrung und dazu meist hoffnungslos überladene Maschinen.« 50 Prozent aller Sahara-Enduristen bewegten sich auf einem gefährlich schmalen Grat zwischen Abenteuer und Risiko. Welches ist nun aber das richtige Motorrad? Eine allgemeingültige Anwort gibt es nicht. Zu sehr hängt die Wahl von der Anforderung der Tour ab sowie der körperlichen Konstitution und Erfahrung des Piloten. Für den einen ist eine BMW R 100 GS optimal, für den anderen eine Suzuki DR 350. Wer beispielsweise mit Begleitfahrzeug und Gepäcktransport unterwegs ist, kann ein ganz anderes Motorrad fahren wie ein Transafrika-Aspirant, der - womöglich mit Sozius - für Monate auf Tour geht. Und ein 1,90 Meter großer Mike Tyson-Typ kann mehr Maschine und Zylinder aus dem Sand stemmen als ein 1,60 Meter kleines Fliegengewicht, das auch von 34 PS noch spielend über die Kämme getragen wird. Ernsthaft eingesetzte Enduros müssen ihrem Fahrer passen wie ein Maßanzug. Und der sollte sie kennen wie die besagte Westentasche daran. Fahrerisch wie technisch. Denn Wüste fordert Mensch und Material extrem, Schrauben gehört zur Tagesordnung, kitzlige Fahrmanöver ebenso. Engverbunden ist damit das lästige, aber zentrale Enduro-Thema: Gepäck. »Ohne alles« wäre ja am schönsten - geht aber nicht. Leider. Je extremer die Tour, um so mehr Sprit und Ausrüstung muß mit. Und um so schlimmer fährt sich die Fuhre dann. So sind beispielsweise Dünenpassagen in vollem Ornat eigentlich nur noch von echten Profis sicher zu bewältigen. Eine Möglichkeit ist, sich mit ein paar Freunden zusammenzuschließen und das Gepäck in einem Begleitfahrzeug zu transportieren. So organisiert Ralf Beck aus Villingen-Schwenningen dies seit Jahren in seinem Freundeskreis. »Wir legen die Kosten für Fähre und Sprit zusammen und nehmen einfach einen alten Nissan-Pick up mit, den abwechselnd jeder mal fährt.« Eine sichere Sache, die den Streß deutlich mindert.Der zweite Weg bedeutet, das Motorrad kompromißlos auszurüsten. Mit optimal plazierten Zusatztanks, Spezialgepäckträgern, Alu-Koffern und so weiter. Gute Anleitung bieten dazu die Bücher »Motorradreisen« von Thomas Troßmann und »Sahara« von Herbert Worm aus der Edition Unterwegs. Grundkenntnisse in Sachen Fahrtechnik vermitteln Enduro-Lehrgänge und -Touren in ausgeprägten Sandgebieten, wie dem Enduroland Senftenberg oder der südfranzösischen Gascogne (Infos beim ACTION TEAM, Seite 144). Denn die Fahrerfahrung vom Feldweg hinterm Haus reicht mit Sicherheit nicht, um den Großen Östlichen Erg zu bezwingen. Besondere Aufmerksamkeit braucht das Thema Orientierung und Navigation. Wer sich in der Sahara zurechtfinden will, sollte sich bei Expeditionsausrüstern bestes Kartenmaterial (Michelin, I.G.N,) besorgen sowie die zielsichere Kompaßpeilung lernen. Was das neue Wundermittel GPS dem Wüstenaspiranten bringt, steht ab Seite 136. Bleibt der schlimmste anzunehmende Zwischenfall auf so einer Reise - der Sturz. Eine Angelegenheit, die beim Geländefahren einberechnet werden muß wie ein Platten oder ein verstopfter Luftfilter. So ist protektorenverstärkte Cross-Ausstattung vom Scheitel bis zur Sohle am Menschen ebenso unverzichtbar wie die maximale Sturzsicherung aller wesentlichen Teile am Fahrzeug. Ebenso stehen Grundkenntnisse und - ausrüstung in erster Hilfe im Pflichtenheft, denn in der Sahara kann es sich ziehen, bis ein Helfer vorbeikommt. Was eine Nordafrikareise stets unwägbar macht, sind die politischen Verhältnisse. So sind die elf Saharastaaten immer wieder in Unruhen und Bürgerkriege verstrickt. Grenzen werden unvermittelt geöffnet oder geschlossen, Routen sind in die eine, nicht aber in die andere Richtung befahrbar, Visa, die gestern noch Einlaß gewährten, sind morgen schon Makulatur. Ganz besonders trifft dies seit vier Jahren auf Algerien zu, dem einstigen Dorado der Wüstenfreaks und »in seiner landschaftlichen Vielfalt von keinem anderen Saharastaat erreicht«, wie Josef Geltl von Explo-Tours bedauert, der vor 15 Jahren die erste Sahara-Motorradreise nach Tamanrasset organisierte. »Im Norden terrorisiert die islamische Heilsfront das Land, während im Süden bettelarme Tuareg ums Überleben kämpfen und Touristen mitunter Autos und Wertsachen abknöpfen.« Deswegen hätten er und alle anderen Motorrad-Reiseveranstalter sich aus Algerien zurückgezogen. Politisch nicht unumstritten, aber zumindest stabil, bietet inzwischen Libyen eine Alternative. Problematisch sind dort allerdings die enormen versorgungslosen Distanzen. Dafür bleibt der Reisende sonst relativ unbehelligt, die Infrastruktur ist gut und die Menschen zurückhaltend und hilfsbereit. In Ägypten wiederum wackelt die politische Lage ebenfalls, dort muß außerdem mit gezielten Anschlägen auf Touristen gerechnet werden. Ungeachtet dessen entwickelt sich Ägypten zum neuen Brückenkopf für Transsahara-Reisende, die an den geschlossenen Grenzen von Tschad und Sudan scheitern und denen der theoretisch noch mögliche Algerien-Transit zu riskant ist: Per Schiff geht es von Suez über das Rote Meer und Saudi-Arabien bis nach Eritrea. Aktuelle Informationen über die Reisesituation in Nordafrika erfährt man über die Hotline von Expeditionsausrüster Klaus Därr jeden Donnerstag von 14 bis 20 Uhr (und nur dann!): Telefon 089/28 20 32.Wer die Sahara ohne den ganzen logistischen Aufwand kennenlernen möchte, der vertraue sich einem der rund 20 Veranstalter für Wüstenreisen an (siehe Kasten auf Seite 144). Doch auch hier gilt: Organisierte Afrikareisen lassen sich nicht mit anderen Pauschaltouren vergleichen. Auf Hotelluxus wird fast überall verzichtet, statt dessen haben die Touren Outdoor- und zuweilen sogar Expeditionscharakter. Von den Teilnehmern wird Improvisationsbereitschaft, Engagement sowie erwartet. Art und Leistungen der Reisen ähneln sich bei den einzelnen Veranstaltern: Übernachtet wird meist im Zelt, gekocht im Servicemobil. Ausnahmen bilden einige Marokko- und Tunesienreisen. Die drei Kategorien »Rundreise«, »Off Road« und »Expedition« informieren in der Tabelle über den Charakter der Tour. In der Regel stimmen die Guides die Pistenwahl vor Ort nach Können und Neigung der Teilnehmer ab. Bei allen Veranstaltern ist ein Allrad-Begleitfahrzeug dabei, das sich um Gepäck, Verpflegung und technischen Service kümmert und im Notfall als Lumpensammler fungiert. Medizinische Betreuung leisten in der Regel die in erster Hilfe ausgebildeten Tourguides. Einige Veranstalter bieten zusätzlich noch Leih-Enduros an, fast alle einen Transportservice der eigenen Maschine in die Starthäfen am Mittelmeer. Die Routen sind indessen bei den einzelnen Anbietern verschieden. Hier lohnt das Reiseführerstudium vor der Buchung, wenn bestimmte Wünsche anliegen. Noch wichtiger ist die Erkundigung nach den Referenzen des Veranstalters, will man nicht unterwegs feststellen, daß man einem Amateur sein Leben anvertraut hat. Denn der Berufsstand Reiseveranstalter ist nicht geschützt, jeder kann per Zeitungsinserat seine Organisationsdienste anbieten. Interessant sind organisierte Touren für fortgeschrittene Afrikafahrer bei den Expeditionsreisen in Regionen und Länder, die allein nur unter hohem organisatorischem Aufwand bereist werden können. Neulingen bieten sie dagegen bereits bei einer leichten Marokko-Tour die Möglichkeit, gefahrlos ihre ersten Schritte in Afrika zu machen. Für die es natürlich auch individuelle Wege gibt. Als sich Franks Moto Guzzi am Erg Oriental die erste Düne in den Weg stellt, erklimmt er sie einfach zu Fuß. »Ein anstrengendes Unterfangen, wie sich bald herausstellt, aber auf dem Grat werden wir für alle Mühen mit einem traumhaft schönen Ausblick über ein ockerfarbenes Dünenmeer entschädigt. Daß wir hier mit unseren Motorrädern nicht mehr weiterkommen, stört uns in diesem Augenblick gar nicht. Wie zwei Kinder sitzen Tina und ich im Dünensand und freuen uns an dieser unglaublichen Natur.« Und darum geht es doch, oder?
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Wüstenreisen: Beratung und Literatur (Archivversion) - Literatur

1: GEO Special SaharaPhasthische Bilder, interessante Geschichten und ein ausführlicher Info-Teil, 14,80 Mark.2: Motorrad Reisen zwischen Urlaub und ExpeditionAlles über Ausrüstung, Planung und Durchführung von Sahara-Reisen von Thomas Troßmann. Aus der Reihe Reise Know-How für 34,80 Mark.3: SaharaSechs spannende Geschichten sowie ein ausführlicher Info-Teil über Motorrad-Reisen in der Sahara von Herbert Worm. Aus der Edition Unterwegs für 29,80 Mark.4: Libyen Reise HandbuchSehr guter Reiseführer mit genauen Streckenbeschreibungen. Von David Steinke aus dem Conrad Stein Verlag für 34,80 Mark.5: TransSahara, Band 1Alles über die Planung von Sahara-(Auto-)Reisen vom Expeditionsausrüster Klaus Därr. Bei Reise Know-How für 39,80 Mark.6: Durch AfrikaAusführliche Streckenbeschreibungen aus ganz Afrika, Infos über Unterkünfte, Stadtpläne, Zoll und vieles mehr. Bei Reise Know-How für 56,80 Mark.7: TunesienGut recherchiertes Reisehandbuch mit vielen nützlichen Infos über das Land. Von Barbara Rausch im Eigenverlag für 29,80 Mark.8: TunesienSehr ausführliches Werk mit Routenbeschreibungen und komplettem Info-Teil. Von Wolfgang und Ursel Eckert, bei Reise Know-How für 44,80 Mark.9: MarokkoMit vielen Wegbeschreibungen und ausführlichem Info-Teil. Eigentlich unentbehrlich.. Von Erika Därr bei Reise Know-How für 44,80 Mark.Nicht abgebildet: Der aktuelle Libyen-Führer von Gerhard Göttler, Reise Know-How, für 39,80 Mark. Mit genauen Streckenbeschreibungen und GPS-Koordinaten. Außerdem von Fridhjof Ohin eine GPS-Pistenbeschreibung von Libyen, für 32 Mark im Eigenverlag. 10: KartenWegen ihrer sehr guten Geländedarstellung gehören die Michelin-Karten zu den besten Übersichtskarten: Nord- und Osatafrika sowie Nord- und Westafrika im Maßstab von 1:4000000; Tunesien und Nord-Algerien sowie die Marokko-Karte im Maßstab 1:1000000 für je 14,80 Mark.

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