Zentralfrankreich (Archivversion) Alles im Lot

Sie kennen Frankreich, nicht aber den Lot? Keine Sorge, Sie sind nicht allein. Dabei ist der Lot einer der längsten Flüsse der Grande Nation und leitet interessierte Verfolger vom Zentralmassiv durch ein tolles Stück Frankreich in Richtung Atlantik.

Bei Mende erhasche ich den ersten Blick auf ihn. Jenen Fluss, um den sich so viele Geheimnisse ranken. Mit 491 Kilometern ist der im Zentralmassiv entspringende und knapp 100 Kilometer vor Bordeaux in die Garonne mündende Lot einer der wassertechnischen Schwerathleten Frankreichs. Zudem wird er auf einem guten Teil seines Weges noch von einer der schönsten Pilgerrouten des Landes begleitet: der Via Podiensis. Doch in Mende, etwas abseits dieses französischen Jakobswegs, ist trotz Kathedrale und Märtyrer-Grab kein Pilger zu sehen.
Über die Schnellstraße dirigiere ich die Triumph Speedmaster nach Banassac, schwenke dort auf die D 988 und lenke den Cruiser gemütlich in Richtung St. Geniez-d’Olt. Der Verkehr nimmt ab, die Ortschaften werden kleiner, die Umgebung einsamer. Nach einer Weile reagiere ich erstaunt, dass überhaupt noch ein Fahrzeug entgegenkommt. Mitunter trifft der Blick auf den Lot, der schmal und quirlig gen Westen strömt. Sein Lauf beschreibt so viele Schleifen, dass er zwischen Quellgebiet und Mündung fast 300 Kilometer Umweg zusammentrödelt.
In St. Geniez d’Olt läuten die Glocken der mittelalterlichen Église des Pénitents. Gleich daneben, im blumengeschmückten Innenhof des Augustinerklosters, rankt Efeu um die vom Zahn der Zeit angenagten Arkaden. Am Quai du Lot, der kurze Zeit später erreicht ist, wuchert der Efeu an den ockerfarbenen Steinmauern der Häuser empor. Zwischen den Dachschindeln wächst Moos, die Risse in den Mauern haben die Anwohner mit Geranienkübeln verdeckt. Die Souvenirlädchen in den gepflasterten Gassen ausgenommen, gleicht die Szenerie einem Bild wie vor Jahrhunderten. Enten schaukeln unter der Lot-Brücke, Schwalben umschwirren Türmchen und Erker: ein Ort im Dörnröschenschlaf.
Dem Lot folgend streift die Strecke Ste. Eulalie-d’Olt, ein weiteres mittelalterliches, geraniengeschmücktes Nest. Dann schlängelt sich die Straße komplett begrenzungs- und mittelstreifenfrei durch herrliche alte Platanen- und Kastanienalleen. Mal trifft der Blick auf den um alte Brückenpfeiler gurgelnden Lot, mal auf die Wiesen und Wäldchen der sanft gewellten Landschaft. Mitunter grast eine Schafherde auf den Auen. Steinaltes Gemäuer hier, ein Schlösschen dort – fast wie eine englische Parklandschaft.
In Espalion steigt der Duft frisch gebackener Croissants in die Nase, als wolle man mich daran erinnern, im tiefsten Frankreich unterwegs zu sein. »Noch 1368 Kilometer bis nach Santiago de Compostela« – auf dem Pont Vieux findet sich ein erster Hinweis auf die Jakobspilger. Daneben ein Schild der UNESCO, die nicht nur die Brücke aus dem 13. Jahrhundert, sondern gleich die gesamte Pilgerroute Via Podiensis 1988 zum Weltkulturerbe erklärt hat. Verständlich. Schon der Blick auf das malerische Lot-Ufer mit ehemaligen Gerbereien, verwinkelten Altstadtgassen und die hoch über dem Ort thronende Burg Calmont d’Olt geben den Juroren recht. Ich befinde mich auf einem der vier großen Jakobswege Frankreichs.
Pilgerreisen verzeichnen zweistellige Zuwachsraten, doch im Ort ist lediglich ein in Bronze gegossener, lebensgroßer Taucher nahe der alten Brücke am Ufer zu entdecken. Eigentlich kein Wunder, dass keine Pilger zu sehen sind, wenn in der
Kirche ein Museum für Taucheranzüge – ja, tatsächlich, mitten im Zentralmassiv – residiert. Im Lot, also gut 200 Kilometer vom Meer entfernt, wird dort erläutert, wurden die ersten Tauchversuche mit den 1865 in Espalion entwickelten autonomen Tauchgeräten unternommen. Bestehend aus einem luftgefüllten Metallkanister plus Atemregler konnte erstmals ohne Rettungsseil und Luftschlauch getaucht werden. Und das in den hier kaum hüfthohen Fluten des Lot.
Bei einer Ortsrunde wird dann klar, dass Espalion noch weitere Gotteshäuser zu bieten hat, mit Besonderheiten ganz anderer Art. Die Église St. Bernard d’Olt ziert ein Weihwasserbecken aus riesigen Meeresmuscheln, während die Église de Perse mit blutrünstigen Szenen der Apokalypse und des Jüngsten Gerichts aufwartet, die ein Steinmetz im elften Jahrhundert in das Südportal gemeißelt hat. Die schwere Tür öffnet sich knarzend auf Knopfdruck, und ein menschenverschlingender Drachenkopf blickt mir direkt ins Auge. Auch das Innere der Kirche ist mit Fabeltieren geschmückt. Die Idee war, den leseunkundigen Pilgern des Mittelalters die biblischen Geschichten in Bildern nahe zu bringen.
Inzwischen infiziert vom Pilger-Gedanken hole ich mir im Touristenbüro eine Jakobsweg-Karte und unternehme einen Abstecher entlang der Via Podiensis nach Norden ins Aubrac-Massiv. Eine gute Entscheidung. Das Sträßchen schlängelt sich durch Laub- und Fichtenwälder, passiert eine verwaiste Skistation und erklimmt schließlich ein karges Hochplateau. Schier endloses Weideland breitet sich aus, darauf ein paar vereinzelte Schafe und Kühe, darüber tief hängende Wolken und ein Regenbogen am Horizont. Sicherheitshalber streife ich das Regenzeug über und treibe die Speedmaster über die Hochebene in Richtung Aubrac. Eisiger Wind kriecht in den Jackenkragen. Bis zu tausend Meter Höhenunterschied trennen das Aubrac-Massiv vom Tal des Lot, das das Ende des rauen Nordens und den Beginn des lieblichen Südens markiert. Allmählich dämmert mir, weshalb die aus dem Zentralmassiv anrückenden Pilger den Ort Espalion am Ufer des Lot als »erstes Lächeln des Südens« bezeichnen.
Kurz vor Aubrac überhole ich einen jungen Wanderer in Regenhaut. Und bingo, an seinem Rucksack baumelt eine Jakobs-
muschel – seit dem Mittelalter quasi der Ausweis der Pilger. Die erste Begegnung mit seiner Spezies auf meiner Tour. Ein plötzlich einsetzender Regenguss treibt mich weiter, an der alten Kirche und den pittoresken Steinhäusern Aubracs vorbei zur Überdachung vor dem »Salon de thé«. Nach einer Weile erscheint mein Pilger triefend nass, aber mit strahlendem Lächeln. Regen und Kälte seien nichts im Vergleich zu den Torturen im Mittelalter, als die Pilger im Aubrac-Massiv noch mit Wölfen und Wegelagerern rechnen mussten, erklärt mir Richard. Der Düsseldorfer hat gerade sein Wirtschaftsstudium absolviert und überbrückt mit dem 1523 Kilometer langen Fußmarsch von Le Puy nach Santiago de Compostela nun die Zeit bis zum Eintritt ins Berufsleben. Das schicke Restaurant »Chez Germaine« schräg gegenüber heißt Richard und alle anderen Pilger herzlich und selbstlos willkommen: »Ein Picknick-Saal steht Ihnen kostenlos zur Verfügung«. Schieres Gift für die Gewinnmaximierungs-Regeln aus Richards Wirtschaftsstudium.
Als der Regen nachlässt, fahre ich weiter nach St. Chély-d’Aubrac. An der Snack-Bar St. Jacques (»Sauerkraut rund um die Uhr«) verschwindet gerade eine Gruppe mit Riesenrucksäcken in einer Herberge mit Muschel-Emblem. 7,50 Euro kostet hier die Nacht! Als ich mich umgehend einmieten will, schickt man mich um Entschuldigung bittend wieder weg – »Übernachtung nur mit Pilgerausweis«. Enttäuscht tuckere ich durch die engen Pflastersteingassen zur »Brücke der Pilger« und beobachte neidisch, wie die Wanderer über moosbewachsene Pfade entschwinden.
Die Rückfahrt in Richtung Lot hebt rasch wieder meine Stimmung. In schön geschwungenen Kurven zwirbelt sich die Straße über die Hochebene und schwingt sich dann mit grandioser Aussicht ins Lot-Tal hinab. Unter stahlblauem Himmel rausche ich über Espalion nach Estaing, ergattere dort einen Platz im Café du Château mit freiem Blick auf die hoch über dem Ort thronende Burg. Auf einmal ertönt Hufgetrappel, und der Ducati-Fahrer am Nebentisch weitet die Augen. Wie Don Quichotte aus La Mancha sieht der hoch zu Ross über die Lot-Brücke nahende Pilger aus: langes Haar, stolzer Blick, Schlafsack und Decke lässig am Sattel verzurrt. Doch es ist André aus Zittersheim im Elsass, der eineinhalb Jahre für seinen Pilgerritt nach Santiago de Compostela eingeplant hat.
Viel mehr ist nicht herauszubringen, denn beim Anblick Andrés sind sämtliche Kinder Estaings herbeigestürmt, löchern den Pilger nach seinen Reiseerlebnissen und tätscheln sein Pferd Indie. Während André Indie mit den Kindern im Schlepptau auf
die Weide bringt, setze ich die kurvige Flussfahrt fort. Bald fliegen die Lot-Schluchten in den Augenwinkeln vorbei und die Brücke von Entraygues-sur-Truyère. Ein Abstecher in die Truyère-Schluchten muss sein, schon wegen der wenig befahrenen Sträßchen.
Anschließend folge ich dem inzwischen zum Kanufluss mutierten Lot und seinem Nebenfluss Dourdou in Richtung Conques.
So verwunschen die Anfahrt durch die Waldeinsamkeit, so erstaunlich ist der Trubel in dem Dörfchen, das schon von Weitem mit zweisprachigen Schildern und Großparkplatz auf sich aufmerksam macht. Als der Motor der Triumph verstummt, vernehme ich die Glocken der Abbaye Ste-Foy, die – ausgestattet mit Goldschatz und Reliquie – zu den bedeutendsten Wallfahrtskirchen Frankreichs zählt. Vorbei an schiefergedeckten Fachwerkhäusern ist rasch das berühmte Westportal der Abtei erreicht, dessen fantasievoll in Stein gemeißelte Darstellung des Themas Hölle einem mittelalterlichen Comic Strip gleicht. Gut 120 Teufel, Engel, Drachen sind dort auszumachen, außerdem ein an den Füßen aufgehängter Trunkenbold.
Der Jakobsweg (Wanderweg GR 65) verläuft mitten durch den Ort. Streift die Crêperie »Le Parvis«, die »Pilger-Crêpes« mit Likör feilbietet, und Souvenirläden, die hölzerne Pilgerstäbe offerieren. Das Gästehaus der Abtei heißt alle Pilger herzlich willkommen: »Stellen Sie Ihre Rucksäcke ab und nehmen Sie sich etwas zu trinken.« Bis zu 10000 Pilger kämen jedes Jahr, in heiligen Jahren noch mehr, erläutert Volontär Claude, der die Priester von Conques bei der Versorgung der Gäste entlastet. »Motorradfahrer zählen nicht als Pilger«, lacht Claude auf meine Frage hin, man müsse die Strecke ohne Motor bewältigen. Fahrräder werden akzeptiert, ebenso Rollstühle, Pferde und Esel. Eine Kanadierin habe sich und ihren Pilgeresel für den Abend angemeldet, ob sie tatsächlich komme, stehe freilich in den Sternen. Schließlich sind Esel stur und gehen nur, wenn sie wollen. Was man tun könne, um sie von der Stelle zu bewegen? Claude schaut zum Himmel: »Beten.«
Meine Triumph taugt zwar nicht zum Pilgern, setzt sich dafür auf Anhieb in Bewegung, schafft mehr als 30 Kilometer pro Tag und fährt Tempo nach Wahl. Über Capdenac-le-Haut, Figeac und Cajarc geht es in ausgelassener Kurvenhatz zum Künstlerdorf St. Cirq-Lapopie, das hoch über dem Lot-Tal auf einem Steilfelsen thront. Ineinander verschachtelte Fachwerkhäuser, eine befestigte Kirche, ein Aussichtsfelsen mit Burgruine – das gesamte mittelalterliche Felsennest steht unter Denkmalschutz. Und bietet einen herrlich Blick hinab auf den Lot, der sich nach den schroffen Kalkfelsen von St. Cirq-Lapopie weitet und nun sogar Hausbooten Platz bietet.
Ein in die Felsen geschlagenes Panoramasträßchen führt in das von Höhlen gespickte Bouziès, wo ich den nach Westen mäandrierenden Lotschleifen nach Cahors folge. Die schroffen Felsen treten allmählich zurück, sanfte Weinberge übernehmen das Regiment – die ältesten Frankreichs. Bereits Cäsar schwärmte vom Cahors-Wein, dessen Reben bis zu den platanengesäumten Boulevards im Stadtzentrum und dem mittelalterlichen Pont Valentré reichen. Im »Garten der Pilger« studiere ich neben einer Jakobsmuschel aus Pflanzen die Michelin-Karte. Der nun breit und mächtig dahinströmende Lot verabschiedet sich in Cahors westlich zur Garonne, der Jakobsweg schwenkt nach Süden zu den Pyrenäen ab. Ich möchte durch das im Norden parallel zum Lot verlaufende Tal der Célé in Richtung Figeac wieder zurück. Nächste Woche bin ich zu Hause. André wird dann gerade in Cahors eintreffen. Und wenn ich die Triumph im Herbst einmotte, mit seinem Pferd Indie über die schneebedeckten Pyrenäen ziehen.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote