Zwarte Cross (Archivversion)

Völlig gaga

Einmal im Jahr laden niederländische Zweiradfreaks zu einem Mega-Event ein – zum »zwarte cross«.

Ein Baumstamm, der dröhnende Motorengeräusche von sich gibt, rollende Genitalien in Neon und ein Panzer, der seltsame Surfer auf ihren Brettern hinter sich herzieht. Menschenmassen, die laut jubelnd entlang einer staubigen Piste stehen, um schrill vermummten Gestalten zu applaudieren. Die kommen auf Fahrzeugen daher, als hätte man die Kulissen von Mad Max, den Flintstones und Batman geplündert und miteinander zu neuen, noch wilderen Kreationen verschweißt. Ein Drehtag in Hollywood? Außerirdische? Ein Fehler in der Matrix?Nix von alldem! Die Antwort findet sich weder in der kalifornischen Filmmetropole noch in einer fernen Galaxie, sondern in einem kleinen holländischen Ort namens Halle nahe der deutschen Grenze. Und sie heißt »zwarte cross – schwarzes Cross«. Rund 40000 Besucher – welcher Veranstalter träumt nicht von solchen Zahlen? – zelebrierten Mitte Juli das inzwischen größte und garantiert abgefahrenste Cross-Spektakel Europas. Eine hochgradig explosive Mischung aus Motorsport, Musikfestival, Karneval, Kirmes und Loveparade, die seit 1997 von der niederländischen Rockband »Jovink and the Voederbietels« organisiert wird. Dabei gab’s diesen Event schon in den sechziger Jahren, allerdings in einer weniger abgefahrenen Version: »Zwarte cross« war die Bezeichnung für illegal veranstaltete – also »schwarze« – Rennen, die heimlich auf irgendwelchen Äckern und stets im Schutz der Dunkelheit ausgetragen wurden. Wer hier siegte, war in der Szene ein Held, bei den niederländischen Behörden ein Feind – die Polizei hatte für diese wild wuchernde, nächt-liche Betriebsamkeit wenig Verständnis. Oder einfach nur Angst um die holländischen Tulpenfelder. Auf jeden Fall gaben die Stollenfreaks ihre geheimen Aktionen schließlich auf. Zu hoch waren die Strafen, wenn man bei einem Rennen auf frischer Tat ertappt wurde. Zurück ins hier und jetzt. Seit sechs Jahren feiert man mit dem Segen der Behörden und seit 1999 sogar auf dem WM-Kurs des örtlichen Cross-Clubs statt auf umgepflügten Lehmböden. Das Areal platzt längst aus allen Nähten, wenn Fans aus ganz Europa anreisen, um zu sehen, was rauskommt, wenn Motorbegeisterte wochenlang dem kreativen Schrauberwahn verfallen. Ist dann noch das eine oder andere Bier im Spiel, entstehen aus Motorrädern, Trikes, Traktoren und allem, was sonst noch Räder hat, zum Teil undefinierbare fahrbare Untersätze, die während ihrer Runde um den Kurs schon durch ihre pure Optik die Zuschauer begeistern.Gekämpft wird in verschiedenen Klassen. Zum Beispiel der Super-Schwergewichtsklasse. Dort laufen die dicksten Dinger, wie das Monstergefährt »Foruki« vom deutschen GS-Club. Eine gewaltige, dreirädige Fuhre mit überlanger Gabel und Hochlenker, angetrieben von einem Ford-V6-Motor, der in einen Suzuki-Rahmen gefrickelt wurde und so für die Namensgebung sorgte. Ausgestattet mit einem Schirmhalter und einem Tablett für Biergläser, erobern die Jungs unter dem frenetischen Jubel der Zuschauer die Hügel der Crossbahn. So ganz ohne Regeln kommt aber auch diese Veranstaltung nicht aus. Die wichtigste: Verkleidungszwang für die Fahrer. Egal, ob mit Pappnase, im Weihnachtsmannkostüm oder als Gladiator mit Gummipuppe aus dem Sexshop auf dem Schoß – je schriller, desto besser. Dagegen spielen Rundenzeiten absolut keine Rolle mehr. Wäre ja für die Zuschauer ziemlich schade, wenn diese außergewöhnliche Parade mit Tempo vorbeirauschen würde.Und was ging sonst noch ab? Auf vier Bühnen gaben sich 30 Bands die Ehre, nebenan demonstrierten Stuntfahrer, wie man die Schwerkraft austrickst, und ganz nebenbei fanden konventionelle Motocross-Wettbewerbe statt. Mehr geht eigentlich nicht an einem Wochenende. Oder vielleicht doch – das Programm für das nächste »zwarte cross« soll, so die Veranstalter, noch umfangreicher werden. Kaum zu glauben.
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Zwarte Cross: Reportage vom Spaßrennen in Holland (Archivversion)

Wer das Spektakel einmal live erleben will: Auch 2004 wird es eine Ausgabe des »zwarte cross« geben. Vom 16. bis 18. Juli wird in Halle auf der internationalen Cross-Strecke De Kappenbukten wieder mächtig gefeiert werden. Wer Lust hat, kann in einer der zahlreichen Klassen an den Start gehen – natürlich nur mit Verkleidung. Weitere Infos und die Ausschreibung (in holländischer Sprache) erhält man unter www.zwartecross.nl.

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