Zwischen Genfer See und Grenoble (Archivversion) Startbahn 08: Wind aus Südwest

Wer am Genfer See den Mont Blanc vors Visier kriegt und Lust auf ein paar ordentliche Pässe verspürt, findet in den Savoyer Alpen jede Menge Startrampen zu wunderbaren Höhenflügen zwischen den Viertausendern.

Motorräder, isch asse sie!” schimpft Nanette und blickt von der Terrasse ihres Hauses bei Gex in Richtung Col de la Faucille. Eine "Arley-Davidson” röhrt vorbei, gefolgt von zwei "Onda” und einem halben Dutzend "Dücatie”. Von Gex zügig emporkletternd, zwirbelt sich die Passstraße bis auf 1320 Höhenmeter. Dort folgen die Biker der N 5 kurvenreich zum Col de la Givrine und der serpentinengespickten Fahrbahn hinunter nach Nyon, ballern zurück nach Gex und nehmen – "mon Dieu!” – den Col de la Faucille erneut unter die Räder. An sonnigen Wochenenden dröhnen mitunter Hunderte "motos” an Nanettes Haus vorbei. In Schräglage, mit funkensprühenden Seitenständern, satt trommelnd oder schrill kreischend, von einer "Kürv” zur nächsten. Hm. Unterschiedliche Sichtweisen jenes Kurven-Karrees, das ich kurz zuvor mit der noch knisternden Triumph Daytona mit genauso kreischendem Motor zur Anreise genossen habe.

Zwischen Kaffee und Landkartenlesen wandert der Blick über den Genfer See zu dem dahinter emporragenden Mont Blanc und verliert sich schließlich im fernen Gipfelmeer der Savoyer Alpen. In Gedanken lassen sich die dazwischenliegenden Kurvenstrecken ausmalen. Fünf Tage Urlaub! Mit einem Zug leere ich den Café au lait und erkläre Nanette, in vier Tagen wieder hier zu sein.

Piano, piano rolle ich die Auffahrt hinab, gehe die erste Links-Rechts-Kombination in gefühltem Zeitlupentempo an. Doch kaum ist Nanettes Haus im Rückspiegel verschwunden, gebe ich Gas, ballere via Gex nach Divonne-les-Bains und über die französisch-schweizerische Grenze Richtung Nyon. Als der Genfer See ins Blickfeld rückt, lange ich in die Eisen, öffne das Visier und rolle westlich auf die Uferstraße. Die ersten Villen tauchen auf, Weinberge und in Rolle der erste Ferrari. Dann kommt’s geballt: Yachthäfen, Segelboote, Casinos. Hier lebt die Upper Class.

Unmittelbar hinter Morges beginnen die Vororte Lausannes. Fünf Hügel weit erstreckt sich die Hauptstadt des Kantons Waadt. In zahllosen Schleifen windet sich ein kompliziertes Straßengeflecht über Brücken, an Treppen und Terrassen vorbei in Richtung Zentrum. Bergauf und bergab, meist one way, im quirligen Verkehrsstrom, der sich an malerischen Kathedralen und schicken Parks entlang sowie durch dunkle Häuserschluchten und helle Geschäfts- und Bankenviertel windet. Dann endlich ist die Stadt durchquert.


Auf dem Weg nach Vevey Blumen über Blumen. In Kübeln neben der Fahrbahn oder an den Straßenlampen hängend drapiert. Seit Wahlanwohner Jean-Jaques Rousseau von Vevey in den höchsten Tönen schwärmte, ist diese Ecke des Genfer Sees Treffpunkt der Reichen, Schönen und Berühmten. An der Strandpromenade ankert gerade das Ausflugsschiff "Nestlé Frisco Dessert Liner”, schon von weitem erkennbar an der aufgemalten Eistüte im Posterformat. An "Babette’s” Strandkiosk gibt es Nescafé in Plastikbechern und Eis der Marke Nestlé Frisco, eine Kugel für drei Schweizer Franken. Spätestens beim Blick auf die "Avenue Nestlé” dämmert es mir: Vevey ist Sitz des schweizerischen Multis.

An Tempo ist am Seeufer nicht zu denken, zwei Ecken weiter taucht bereits Montreux auf. Pinien hier, Zypressen dort. Vögel trällern in Bananenstauden, Schwäne schaukeln auf den Wellen, Kinder sausen mit Inlineskates die Uferpromenade entlang. Rechter Hand rauschen Springbrunnenfontänen, linker Hand erscheint das "Grand Hotel Suisse”, auf dessen Panoramaterrasse livrierte Kellner Champagner servieren. Wohin man blickt: Schnörkel und Stuck. Die früheren Stars des Montreux Jazz Festivals ziehen in Bronze gegossen an mir vorbei: B. B. King, Dizzy Gillespie, Ray Charles. Dann der Montreux Palace, unbestrittenes Highlight unter den Prachtbauten der Stadt, durch dessen blank gewienerte Fenster gewaltige Kronleuchter, funkelnde Kristallgläser und schicke High-Society-Damen zu erkennen sind. Beim Blick in die Schaufenster ziehe ich vorsichtshalber die Sonnenbrille auf, so stark blenden diamantenübersäte Uhren: Rolex, Cartier, Dior. Brad Pitt lächelt schmuck-behängt von Plakaten.


Vor dem Casino weisen Türsteher die vorbeistöckelnden Damen auf die Gewinnchancen hin. Super Jackpot: 100000 Schweizer Franken und ein BMW Z4. Mindesteinsatz: zwei Schweizer Franken. Ich beginne zu rechnen. Wenn ich gewönne, könnte ich in der Bijouterie Versace ein mit funkelnden Steinen besetztes Feuerzeug für 579 Franken und einen Brillantring (4650 Franken) erstehen, den Z4 gegen ein Motorrad tauschen und den Rest des Geldes bei Rilsa-Agence Immobilière für die Anzahlung eines 30-Quadratmeter-Appartements im Zentrum Montreux‘ für schlappe 1,25 Millionen Franken verwenden.

In Richtung schweizerisch-französische Grenze ist hinter Villeneuve endlich wieder ein Misthaufen am Straßenrand zu sehen. Vor den Bauernhäusern liegen Schubkarren, Kinderfahrräder und Fußbälle herum, ein Hund döst mitten auf der Straße. Plakate mit der Aufschrift "La chasse est arrivée!” flattern an den Platanen – endlich Jagdsaison! Und die schneebedeckten Berge der Savoyer Alpen rücken endlich näher.

Ich folge der N 5 nach Evian. Als es dort schon wieder mit teuren Yachten, Palmen und verschnörkelten Jugendstil-palästen losgeht, habe ich genug. Nichts wie weg hier! Schnell zapfe ich noch einen Liter Wasser an der Evian-Quelle "La Source Cachat” ab, und dann ab in die Berge. Der D 903 und der D 12 über Thonon-les-Bains folgend, ist rasch der Col de Cou erreicht, von dort schlängelt sich die Straße zum Col de Terramont und weiter nach St. Jeoire. Bis jetzt ist die Strecke schön, aber nicht außergewöhnlich. Spektakulär wird’s erst am 1557 Meter messenden Col de la Ramaz. Mal schluchtig in die Felshänge geschlagen, mal mit Panoramaaussicht schlingt sich die Straße über die Berge. Vor der Passhöhe ermutigen verblichene Graffiti auf dem Asphalt die einstigen Bezwinger: Lance Armstrong und Jan Ullrich. Bequem bei 3500 Umdrehungen durch die Landschaft cruisend stelle ich mir vor, wie hier einst Hunderte von Fans die keuchenden Tour-de-France-Radler anfeuerten, während mich lediglich einige Kühe neugierig beäugen.

Über Taninges kurve ich hinunter in den weiten Talkessel von Cluses , folge dort der dicht befahrenen N 205 parallel zur "Autoroute Blanche” in einer gewaltigen Schneise zwischen Bergketten in Richtung Mont Blanc. Doch nur wenige Kilometer weiter bei Salanches schwenke ich genervt von der hektischen Hauptroute ab auf ein Winzsträßchen hoch nach Cordon – "dem Balkon des Mont Blanc”. Und tatsächlich: Wie auf einer Kinoleinwand präsentiert sich dort oben der 4807 Meter hohe Felsklotz.

Um Europas höchsten Berg aus einer weiteren Perspektive zu genießen, muss ich allerdings noch einmal auf die N 205. Lasterschlangen versägend blase ich gen Osten. Bevor die Straße mit all ihren Lkws im 11,6 Kilometer langen Mont-Blanc-Tunnel – dem siebtlängsten Straßentunnel der Welt – gen Italien abtaucht, halte ich mich weiter östlich und komme am Bossons-Gletscher vorbei, der fast bis zur Straße leckt.

In Chamonix schließlich wunderbare Entspannung: Das Office de Tourisme an der Place de l‘Eglise hat Sinn für Muße und Liegestühle in der Sonne drapiert, aus denen man räkelnd den Berg der Berge betrachten kann. Genau das Richtige nach Stunden im Sattel eines Sportlers. Später entdecke ich an der "Place de Garmisch-Partenkirchen” – die gehobeneren Orte der ersten Stunde alpiner Touristik erweisen sich die Ehre – verblichene Postkarten, auf denen Damen der besseren Gesellschaft mit rüschenbesetzten Sonnenschirmen vor der weiß gepuderten Bergkulisse flanieren.

Beim Blick auf die Landkarte stelle ich fest, dass man von hier theoretisch eine tolle französisch-schweizerisch-italienische Runde via Großer St. Bernhard um den Mont Blanc drehen könnte. Doch leider hauptsächlich auf stark befahrenen, fettrot in der Karte verzeichneten Hauptrouten. Da muss es Besseres geben.


Fündig werde ich südlich von St. Gervais und Megève bei Praz-sur-Arly. Wild und verwegen kurvt die Strecke durch die Schlucht, die der Isère-Zufluss Arly hier in die Landschaft gegraben hat. Dem Schild "Col de l’Arpettaz” folgend, findet sich ein winziges, die Felsglatze des 2407 Meter messenden Montagne Charvin streifendes Passsträßchen. Die Fahrbahn ist schmal, kurvig, wenig befahren – toll! Hier ein paar Almen, dort eine Handvoll Mountainbiker, die wie Scherenschnitte zwischen Wolkenfetzen verschwinden. Bergab ist der Asphalt regelrecht pockennarbig zerfressen, und in schier endlosen Windungen rumple ich über Steine, Schlamm und Löcher. Erst nach dem Schild: "Attention: Chaussée deformée!” (Vorsicht: Straßenschäden) wird’s besser.

Bei Ugine geht’s über die Schnellstraße nach Marlens und weiter zum Col de l’Epine. Ebenso schmal wie der vorherige Pass, aber mit brandneuem, Daytona-gerechtem Belag. Blumengeschmückte Holzchalets fliegen im Augenwinkel vorbei, und schon ist der nächste Anstieg erreicht: der Col des Aravis mit bereits hochalpinem Charakter. Wo die Sonne schon hinter den Gipfeln abgetaucht ist, weht ein eisiges Lüftchen. Auf der Passhöhe wärme ich mich schlotternd an den Kuh-, Schaf- und Ziegenfellen, die ein Souvenirladens herausgehängt hat. Sogar Zebrafelle gegen die Kälte zählen zum Programm, außerdem Plüsch-Bern-hardiner und Fußwärmer aus Hasenfell. Wer dann immer noch friert, findet drinnen diverse Brände und Liköre – "Dégustation gratuite” (Umsonst zu probieren). Ich streichle verzichtend den Rücken des Plüsch-Bernhardiners, werfe einen letzten Blick auf die Felszacken ringsum. Dann beginnt der Abstieg durch eine wildromantische Schlucht nach Notre Dame de Bellecombe.


Der nächste Tag beginnt wolkenverhangen. Auf der Passhöhe des Col de Saisies zeigt das Thermometer gerade noch klamme zehn Grad. Außer Schafen, Kühen und einem vor seiner Hütte dösenden Basset sind keine Lebewesen unterwegs. Nur wer Fell hat, scheint sich an diesem Morgen ins Freie zu trauen. Fröstelnd ziehe ich die Sturmhaube über den Kopf und wünsche mir den Fußmuff aus Hasenfell vom Col des Aravis herbei. Schussfahrt hinab nach Beaufort. Ringsum dschungelgrün bewachsene Berge, die Siedlungen in den Tälern von Wolken verdeckt – eine dramatisch schöne Szenerie. Mit jeder Kehre wird’s ein wenig wärmer. In Beaufort herrscht dann wieder Spätsommer.


Noch ein Croissant in der Bou-langerie "Le Petit Randonneur”, um gestärkt die Serpentinen hinauf zum Lac de Rosseland unter die Räder zu nehmen. Der See strahlt karibisch blau, die Berge dahinter sind mystisch dunkel in Wolken gehüllt, irgendwo stürzt ein Wasserfall von Schieferwänden herab. Ein letzter Anstieg durch karge Felsen bis zur Vegetationsgrenze auf 2000 Metern, dann mit angelegten Ohren hinab nach Bourg-St. Maurice. Die schneebedeckten Dreitausender im Osten lösen bereits beim Anblick Gänsehaut aus, also weiter Richtung Moutiers und auf eine schmale Verbindung nach Brides-les-Bains. Ein Bad mit Thermalquellen! Genau das Richtige nach einem verfrorenen Motorradtag.

Beim abendlichen Bier beginne ich über der Landkarte zu grübeln, wie weit ich mich eigentlich noch nach Süden abtreiben lassen will. Die Verlockungen sind unerschöpflich, ein Pass am andern, fast alle sehen sehr spannend aus. Beim letzten Schluck "Blonde du Mont Blanc” habe ich die Lösung: So weit fahren, wie der imposante Fast-Fünftausender gerade noch im Blickfeld bleibt. Salomonisch. Ergibt folgende Runde: Col de la Madeleine, Col du Glandon und Col de la Croix de Fer, alle um die 2000 Meter hoch und – fast un-vermeidlich – das Skisport-Mekka l‘Alpe d’Huez auf 1860 Metern.


Doch kaum habe ich Frankreichs höchstes Skidorf und legendäres Etappenziel der Tour de France verlassen, ist alle Disziplin wieder dahin. Wie magisch zieht es mich gen Süden auf den Col d’Ornon. Und der Col Accarias muss auch noch dran glauben. Regelrecht willenlos geht es über Monestier-de-Clermont nach Grenoble und dort in südwestlicher Richtung zu den Schluchten des Vercors weiter. Erst in Villard-de-Lans reiße ich mich schließlich am Riemen und die Maschine strikt auf Nordkurs. Col de Vence, de Porte, du Cucheron, de Plainpalais und de Leschaux verglühen unter den Rädern. Irgendwann ist dann der Mont Blanc wieder zu sehen. Von keinem Abstecher lasse ich mich mehr verführen, bleibe konsequent wie Odysseus beim Gesang der Sirenen.

Erst als Annecy und Genf hinter mir liegen und ich mich dem legendären Kurven-Karree am Col de la Faucille nähere, werde ich schwach. Hinter Gex sehe ich kurz hoch zu Nanettes Haus – niemand auf der Terrasse – bingo! Und gebe Gas.

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