Zypern (Archivversion) Zwei Welten - tausend Wege

Zypern ist nicht einfach bloß eine Insel. Zypern beherbergt auf 9851 Quadtrakilometern eine Grenze, zwei Länder, zwei Gebirge und rund 2000 Kilometer Forstwege. Wer bietet mehr?

Wie schwerelos fliegt die Maschine unter mir dahin. Fegt über die feste Erdpiste, kurvt um kleine Felsbrocken, taucht behende in Senken, setzt über Kuppen, pflügt durch quadratmetergroße Pfützen - unbeirrt und unerschrocken zieht die Kleine ihre Bahn, von mir eher begleitet als gelenkt. Langsam fällt das taube Gefühl des Ankommens ab, von der vierstündigen Flugreise hierher zum südöstlichsten Ende Europas. Mitgerissen von dieser genialen Piste zwischen Pafos und Akamas und von dieser hochmotivierten 350er, die wie ein guter Schäferhund sowohl den Weg als auch die Gangart dafür zu kennen scheint. Immerhin stammt sie von hier. Danke nochmals. Rechts türmen sich seit ein paar Kilometern helle Kalkfelsen auf, links brandet das östliche Mittelmeer auf den Strand. Seit einer halben Stunde etwa liegt das touristische Einzugs- oder besser Ausstrahlungsgebiet von Pafos hinter mir, mit seinen Hotels, Restaurants, Souvenirläden, seinen ganzen Hügelketten voller Appartmenthäuser aus gräßlich grauem Spritzbeton. Wer von Zypern die romatische Postkartenphantasie mit weißen, kubischen Häusern vor blauer Meer-Himmel-Kombo hat, eventuell noch von der unvermeidlichen Katze komplettiert, den weckt Pafos brutal. Ich gestehe, ich gehöre dazu. Zypern ist eine überaus ausgeschlafene Insel, die trotz jahrzehntenlangem politischem Zankapfeldasein und einer inzwischen 24jährigen Teilung in eine türkische und eine griechische Hälfte ein kleines Wirtschaftswunder vollbrachte und eine stetig wachsende Wirtschaftsbilanz aufweist. Geographisch zwar Afrika und Asien näher als Europa, repräsentiert Zypern dennoch einen Lebensstandart in etwa auf norditalienischem Niveau. Ein Geländewagen kommt auf dem Weg entgegengekrochen. Seine roten Kennzeichen entlarven in als Mietfahrzeug - eine interessante Sicherheitsvorkehrung, denn der von der einstigen Kolonialmacht Großbritannien hinterlassene Linksverkehr sorgt bei Touristen mitunter für gefährliche Verwirrung. Rote Schilder signalisieren aber so jedem Entgegenkommenden, daß hier eventuell mit unpassender Fahrbahnwahl zu rechnen ist. Ich bin allmählich auf der Akamas-Halbinsel angelangt, und laut Karte sollte nun ein kleiner Saumpfad über den gut 600 Meter hohen Gebirgszug nach Osten hinüberführen. Tatsächlich, ein schmaler, steiniger Weg zweigt östlich ab und klettert auf den Kamm. Schweißtriefend oben angelangt, kann ich über die grünen Akamas-Hügel und das Meer hinweg bis zu den blassen Umrissen des Kyrenia-Gebirges blicken. Die Orientierung wird nun allerdings schwieriger. Brauchte man am Meer bloß gedankenlos der einzig vorhandenen Fahrspur zu folgen, teilt sich hier der Weg immer wieder, führen zahllose Abzweige und Pfade zwischen Krüppelkiefern und Büschen ins Nichts. »Adonis-Trial« ist in eine unerwartet auftauchende Wandermarkierung geritzt. Knapp daneben, ich will zur Aphrodite-Bucht. In der Mythologie zwar Seite an Seite, trennt die Schönen hier ein ganzer Bergkamm. Mist. Die 1:200 000er Karte hilft nicht weiter, Wanderkarten gibt`s von Zypern nicht. Also taste ich mich nach innerem Kompaßkurs über herrliche Schotterpfade gen Osten weiter durch. Mal klappt es kilometerweit problemlos, mal bremsen unüberwindliche Steilhänge oder Sackgassen den Vorwärtstrieb alle paar Meter. Irgendwann rettet mich schließlich ein weiterer Wegweiser in das Örtchen Polis, wo die Badestelle Aphrodites mehr als deutlich ausgeschildert ist. Schließlich ist die hellenische Schönheit zum ähnlichen Wahrzeichen Zyperns geworden wie Frau Rauscher und ihr Äbbelwoi für die Frankfurter Klappergass`. Ich umfahre ein paar Busreisegruppen und flüchte in sichere Entfernung auf einen Wanderweg, der sich hoch über dem Wasser an der steilen Akamas-Westseite entlangschlängelt. Darunter breitet sich das türkisgrüne Meer zwischen rotgrauen Felsen aus, die Bucht hinter Bucht formen. Atemberaubend. Verständlich, daß Aphrodite mit ihrem Schönheitssinn ausgerechnet hier ihr Bad nahm. Von Adonis übrigens dabei heimlich oben ohne beobachtet - woraufhin unzähligen Legenden ihren Anfang nahmen. Momentan baden unten am Wasser aber lediglich ein paar weißhäutige Engländerinnen. Nun ja, die Mythen des Alltags. Östlich von Polis, dem touristischen Zentrum der Akamas-Region, folge ich langen, dunklen Kieselstränden weiter nach Nordosten. Bald bauen sich die ersten Ausläufer des Tróodos-Gebirges auf, die Küste wird steiler. Die Straße schraubt sich in die Berge hinauf, die Häuser stehen immer vereinzelter, viele sind verlassen. Dann plötzlich ist der blauweiße Schlagbaum da: Hinter ihm die Enklave Kokkina, erste Vorbotin der Nordrepublik. Ein paar Soldaten, die sich die Zeit mit einem Fußballmatch vertreiben, blicken aufmerksam herüber. Rein darf ich eh nicht, Touristen können nur in der Hauptstadt Nicosia ein paar Stunden über die Grenze. Hier beginnt »turkish occupied area« wie wenig später ein Schild in den Bergen verkündet. Daneben eine handgemalte Silhouette der Insel, der obere Landesteil rot, der untere gelb getüncht, von der heruntergeronnen roten Farbe des türkischen Nordens dramatisch untermalt. Hier ist die wunde Stelle Zyperns. Als die britischen Kolonialherren 1960 die Insel der Selbständigkeit überantworteten, definierte die junge Republik griechische und türkische Zyprioten als zwei Volksgruppen. Während diese in friedlicher Koexistenz die gesamte Insel bewohnten, wurde die Sache zwischen Nicosia, Athen und Ankara zu einem ständig köchelnden Machtkampf, der 1974 mit der Zypernkrise und dem Einmarsch der türkischen Truppen und schließlich 1975 der Teilung der Insel in eine griechische und eine türkische Republik gipfelte. Auf die Teilung folgte, wie fast immer in der Welt, die Vertreibung. Die Griechen wurden in den Süden verjagt, die zypriotischen Türken schob man nach Norden ab. Zigtausende von Menschen verloren dabei ihre Heimat. Überall auf der Insel finden sich noch verlassene Häuser mit aufgepinselten Registrierungsnummern, allmählich einstürzende Ruinen voller Gerümpel und Katzendreck, in denen mitunter noch alte Waschmaschinen und Küchenschränke vom überstürtzen Aufbruch der Bewohner vor 24 Jahren erzählen. Neben dem holprigen Sträßchen, das die Enklave durch das Gebirge umgeht, stehen die von Granaten durchschlagenen Außenmauern von ein paar Gehöften. Alles übrige haben vermutlich die Bewohner einer kleinen Barackensiedlung in der Nähe abmontiert. Ein uralter Laster verfällt unter einem Baum, bereits bis zum Führerhaus im Erdreich versunken. Etwas weiter begrüßen mich die »Welcome«-Schilder des kleinen Dorfes Mosliere. Rührende Bemühungen, den einen oder anderen Durchreisenden zur Einkehr zu bewegen. Doch hier kommt niemand mehr vorbei. Wie einst am Schlesischen Tor in Berlin hat die Grenze jede wirtschaftliche und verkehrstechnische Anbindung abgeschnitten. Was früher von Nicosia in gut einer Stunde erreichtbar war, muß nun über einen mühseligen, fast eine Tagesreise beanspruchenden Umweg durch das Tróodosgebirge erkauft werden. Im Grenzort Kato Pyrgos zeugen noch ein paar verwaiste Hotels davon, daß man hier einst auf bessere Zeiten hoffte. Alte Chevi-Pick-ups rollen über die Dorfstraße, die Fahrer in ausgemusterten Armee-Jacken, den Kaffee gibt´s für die Hälfte des üblichen Tarifs. Ich bin endgültig auf der B-Seite der Insel angelangt. Am Ortsausgang von Kato Pyrgos verwehrt ein Soldat die Weiterfahrt auf der verödeten Straße nach Osten. Ich biege nach Süden ab, in der Hoffnung, den dünn in der Karte verzeichneten Verbindungsweg durch das Tróodosgebirge zu finden. Wegweiser gibt es kaum, wer hier unterwegs ist, weiß, wo er hin muß. Doch ein altes, vor lauter Rost kaum mehr lesbares Schild ist noch da, weist den Weg nach Kampos, einer zentralen Station in der Nähe des Klosters Kykko. Von dort müßte der südliche Ausstieg aus dem Wald ebenfalls zu finden sein. Denn sie sollen tatsächlich markiert sein, diese 2000 Kilometer Forstwege, die die Briten im 19. Jahrhundert bei ihren ebenso segens- wie umfangreichen Aufforstungsarbeiten auf der von den Osmanen fast gänzlich abgeholzten Insel angelegt haben. Und wahrhaftig. Schon nach den ersten Kilometern auf den breiten, locker zu fahrenden Wegen offenbaren sich geradezu paradiesische Verhältnisse für Off Roader: Als hätte es der Schwäbische Alb-Verein organisiert, sind alle wichtigen Abzweigungen mit Wegweisern und sogar Kilometerangaben versehen. Unglaublich. Gut 40 Kilometer weit führt die Piste in einer schwungvollen Berg-und-Talbahn durch die ausgedehnten, duftenden Kiefernwälder, an lichten Stellen immer wieder Ausblicke auf die grünen Hügelketten bietend. Gelegentlich kommt ein Auto entgegengeschlichen, doch die meiste Zeit fege ich allein über den weichen, roten Waldboden hinweg. In Kykkos wird es kurzzeitig etwas kompliziert, ich gerate auf einen unbeschilderten Weg, der sich wie eine alte Südtiroler Militärstraße aus dem Wald erhebt und schwindelerregend an einer schroffen Felswand entlanghangelt. Die Vegetation wird karger, Krüppelkiefern und Wildblumen krallen sich tapfer in Steinritzen und die dünne Erdkruste. So toll der Weg ist - die fehlende Markierung irritiert mich, und ein Blick auf die Karte klar, welchem Irrgarten ich mich hier aussetzen könnte. Der Sprit reicht maximal noch für 80 Kilometer - zu wenig für Experimente. Notgedrungen kehre ich zur nächsten erreichbaren Asphaltstraße bei Kykkos zurück. Doch dann deutet tatsächlich wieder so ein kleiner Pfeil in einen Waldweg: »Agios Nikolaos 21 km«. Und genau dort will ich hin.Schon bald folgt die Fahrspur einem kleinen Bachlauf, vom einem dichten Blätterdach dschungelartig verdunkelt. Hier scheint die Naßzelle der Insel zu sein, der Weg ist schlüpfrig, Efeu und Flechten ranken über dunkel bemooste Baumstämme, riesige Wasserpfützen breiten sich aus. Ein kleiner Gasstoß, und schon driftet die Kiste herrlich aus den Kurven raus, federt sanft über den weichen Boden. Die Sonne steht bereits ziemlich tief, als mich oberhalb des funkelnden Aspokremmos-Stausees die bröckelige Asphaltdecke wieder empfängt. Eigentlich sollte ich zurück ins Hotel. Doch ich habe eine andere Idee, das letzte Licht könnte gerade noch reichen. An der Küstenstraße biege ich kurzerhand gen Osten ab, habe kaum ein Auge für die gewaltige weiße Steilküste, die sich neben der stark befahrenen Verbindungsstraße Hunderte von Meter ins Meer stürzt, genial eigentlich, doch ich suche etwas anderes. Da ist es, fast versteckt zwischen Felsen und Gestrüpp. Der Eingang ist schon zu, ich kletterte kurzerhand über den Zaun, kraxele eine kleine Bäuschung hinauf - und es liegt vor mir: ein kleines Amphitheater, vielleicht gerade mal 50 Meter durchmessend, etwa 20 Sitzreihen aus hellem Granitgestein, das antike Theater von Kourion. Wie benommen sinke ich auf eine der Bänke. Tief unten, hinter der Bühne quasi, breitet sich das Meer schimmernd bis zum Horizont aus, darüber der allmählich dunkler werdene Himmel der Ägäis. Eine Aufführung in diesem kleinen Halbrund, hoch oben, irgendwo zwischen Himmel und Erde schwebend, wird der helle Wahnsinn sein. Am nächsten Tag muß ich nach Nicosia. Natürlich muß ich nicht wirklich, doch wer Berlin kennt, muß in diese Stadt. Auch hier haben die Machthaber nach Kriegsende 1975 kurzerhand die Grenze mittendurch gezogen. Schon von weitem leuchtet der riesige Halbmond über dem Nordteil der Stadt, von den Türken provozierend in den nördlichen Bergen plaziert. Zwischen britischen Kolonialstil-Häusern und alten MGs taste ich mich langsam in das Zentrum der Stadt vor. Als die Straßen stiller werden, zunehmend Schrottautos die MGs ersetzen und die Rollgitter der Läden aussehen, als wären sie seit Jahren nicht mehr aufgezogen worden, weiß ich, daß ich da bin. Dennoch trifft mich von Soldaten bewachte die Barriere aus Sandsäcken und Stacheldraht wie ein Schock. Es ist zu lebendig und intensiv, um als über 20 Jahre alte politische Maßnahme begreifbar zu sein. Es sieht gewaltsam, hart und unversöhnlich aus. So, als wäre der Krieg erst seit gestern zu Ende, und nicht bereits seit einem Vierteljahrhundert. Hinter der Barriere liegt ein Kriegsszenario aus halbzerstörten Häusern, die noch Einschußlöcher in den Wänden und Reifenstapel zur Deckung auf Dächern und herunterbrechenden Balkonen tragen. Herausgerissene Türen, zerborste Schaufenster - ein paar herumstreifende Katzen und ein UN-Jeep sind das einzig Lebendige darin. Es ist die UN-Pufferzone, die die noch immer verfeindeten Parteien auf Abstand hält. Dahinter sind türkische Fahnen und Minarette vor dem Himmel zu sehen. Ich wandere ein wenig durch die verödeten Gassen vor der Barriere, merke, daß es dennoch an manchen Stellen leise lebt. Hinter einer alten Fabriktür surren die Maschinen einer Näherei, nebenan wabern die Kleberdämpfe der Schuhfabrik »Amore« aus einer halboffenen Tür, ein paar Straßen weiter wird einer der zerstörten Läden renoviert. Man beginnt sich zu arrangieren. Irgendwann stoße ich wieder auf eine belebte Einkaufstraße, Cher dröhnt mit »Strong enough« aus einem Fenster, ein paar junge Blauhelm-Soldaten sitzen in einer Kneipe beim Kebab und der Stoffladen gegenüber hat tarnfarbene Baumwoll-Rollen im Sonderangebot. Ein paar Schritte noch, und ich bin am Café »Checkpoint Charley« angelangt, einer kleinen Bude mit drei Tischen davor und dem Stachdraht dahinter. Wie betäubt nehme ich Platz, denke an Berlin, das kleine Theater überm Meer und an die mit dieser genialen 350er erlebten Pisten, versuche die Verbindung herzustellen. Es wird schwierig.

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