BMW S 1000 RR Werks-Superbike (Archivversion)

Laptop und Lederhos‘n

Direkt nach dem Ende der WM-Saison 2008 begann für BMW die Superbike- Zukunft. Auf der Rennstrecke von Valencia saßen bei Testfahrten erstmals die beiden Werks-Rennfahrer für 2009, Troy Corser (Foto) und Ruben Xaus, auf der S 1000 RR und lieferten Grund zu Optimismus.

Drei Tage nach dem Finale der Superbike-WM 2008 in Por-timão/Portugal konnte das neu formierte BMW-Superbike-WM-Werksteam mit Ruben Xaus sowie dem zweifachen Superbike-Weltmeister Troy Corser erstmals auf der brandneuen S 1000 RR ausrücken. Allerdings nicht wie zum Beispiel Yamaha und Aprilia mit ihren ebenfalls komplett neuen WM-Superbikes am Finalort in Portugal, (siehe Seite 128) sondern im fast 1000 Kilometer entfernten Valencia. BMW hatte sich für den diskreteren Rahmen privater und exklusiver Testtage auf der spanischen MotoGP- und Superbike-WM-Strecke entschieden, „weil wir unseren neuen Fahrern in Ruhe die Gelegenheit geben wollten, das Motorrad und auch das Teampersonal kennenzulernen“, schilderte BMW-Motorrad-Motorsportchef Berti Hauser, „schließlich ist bei uns im Gegensatz zu den anderen Herstellern alles neu.“

Außerdem war im gesamten BMW-Team Höchstspannung zu spüren, angefangen bei Hauser selbst über Teamchef und Projektleiter Rainer Bäumel, sämtliche Ingenieure und Mechaniker bis hin zu anwesenden BMW-Management-Mitarbeitern, die eher im Hintergrund wirken. Wolfgang Martens, mit langjähriger Erfahrung aus verschiedensten Motorsportbereichen gesegnet und bei BMW als Crewchief für Ruben Xaus zuständig, brachte es auf den Punkt: „Wir haben das Projekt übers Jahr mit größtem Elan vorangetrieben. Dieser erste Test hier mit den zwei Fahrern, die nächstes Jahr auch die Rennen fahren werden, ist die Stunde der Wahrheit.“

Die bange Ungewisssheit währte indes nicht lange. Vor allem Troy Corser war schnell zu überraschenden Aussagen über sein künftiges Renngerät bereit. „Der Motor ist erstaunlich. Er gehört sicherlich jetzt schon zu den stärksten Aggregaten im Superbike-WM-Feld“, lobte der Weltmeister von 1996 und 2005, „und auch die Harmonie mit dem Fahrwerk zeigt sich bereits auf einem guten Niveau.“

Gegen Ende der beiden Valencia-Tage ließ sich der Australier zu einer begeisterten Einschätzung hinreißen: „Schon jetzt habe ich das Gefühl, dass die BMW mein Motorrad ist, also meinen Ansprüchen und meinem Fahrstil sehr gut entspricht.“

Dass dies keine Sprüche eines hoch bezahlten, alternden, nicht mehr ernst zu nehmenden Frührentners sind, zeigte Troy Corser mit seinen Rundenzeiten. 1.35,5 Minuten war sein Bestwert am zweiten Tag. Damit wäre eine virtuelle BMW mit der Startnummer elf in den beiden Superbike-WM-Rennen in Valenica im April durchaus im Bereich der realen Corser-Yamaha unterwegs gewesen. Troys schnellste Runden lagen damals bei 1.35,2 und 1.35,8, was im Ziel zu den Rängen drei und fünf führte. Selbstverständlich ist davon auszugehen, dass auch die Superbike-Mitbewerber seither nicht auf der Stelle treten, aber dennoch geben diese Werte Anlass zu weiß-blauem Optimismus.

Eine Hauptursache der ermutigenden Test-Premiere der neuen Kombination BMW/Corser dürfte in einem Geistesblitz von Thomas Franz liegen, dem Cheftechnikers der Projekts und der BMW-Partnerfirma „Alpha Racing“, welche für den operativen Ablauf der Renneinsätze zuständig ist (siehe nächste Seite). Der aus dem Schwarzwald stammende Ex-Rennfahrer und fanatische Motoren-Mann verpasste einem der extrem kurzhubigen und hörbar drehzahlgierigen BMW-Reihenvierzylinder eine höhere Schwungmasse. Und traf damit bereits im Voraus genau Anforderungen seines Starfahrers. „The heavy bike – das schwere Motorrad“, wie die S 1000 RR mit der dickeren Schwungscheibe der Einfachheit halber von Corser getauft wurde, rückte schon bald ins Zentrum der weiteren Testarbeit. „Die spezielle Fahrdynamik eines Rennmotorrads steht den theoretischen Vorteilen eines Hochleistungsmotors mit möglichst geringer Schwungmasse entgegen“, so Thomas Franz, „da wir nur auf zwei Rädern und natürlich auch in Schräglage unterwegs sind, brauchen wir ein deutlich gutmütigeres Ansprechverhalten. Das versuche ich mit der erhöhten Schwungmasse zu erreichen.“

Die Testerfahrungen des anderen BMW-Werks-Superbikers bestätigen dies. Der Katalane Ruben Xaus, mit Ausnahme seiner beiden MotoGP-Jahre 2004/2005 seit 2001 ausschließlich auf Ducati-Superbikes unterwegs, wünschte sich zunächst mehr Leistung und vor allem Drehmoment im eher niedrigeren Drehzahlbereich. „Die Spitzenleistung des BMW-Motors ist sehr beein-druckend“, erklärte er, „aber mir ist das Ansprechverhalten noch etwas zu radikal und zu spät.“ Xaus fand den Schlüssel zur schnelleren Entwöhnung von den Ducati-Traktoren ebenfalls im „Heavy Bike“, das unmittelbar vor Testschluss auch auch in sein Gesicht ein optimistisches Lächeln treiben konnte.

Zum großen Geheimnis, das BMW nach wie vor um die Konstruktion des Zylinderkopfes der S 1000 RR macht, war auch in Valencia nichts Habhaftes aus Motorsportchef Hauser oder Teamchef Bäumel herauszubekommen, so dass die Spekulationen weiter wild sprießen. Der vom gegenüber den japanischen Konkurrenzmaschinen nur wenig abweichende Gesamteindruck geprägte Verdacht, es gäbe vielleicht gar kein Geheimnis, und das Bayern-Superbike entspreche komplett dem erfolgreichen Mainstream japanischer Art, markiert das eine Extrem der Auguren. Auf der anderen Seite wird über elektronisch angesteuerte, stufenlos in der Länge variable Ansaugkanäle ebenso gemutmaßt wie neuerdings wieder über desmodromische Zwangssteuerung der Ventile, die der wenige Tage nach den Valencia-Tests abgelöste BMW-Entwicklungschef Peter Müller vor längerer Zeit dementiert hatte. Wobei diese Geheimniskrämerei spätestens Mitte Dezember in den Hintergrund treten wird, wenn bei den offiziellen Superbike-WM-Testfahrten im südafrikanischen Kyalami die BMW S 1000 RR erstmals im realen Vergleich auf die hochgerüsteten Konkurrenten trifft.
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Bayerisch schnell (Archivversion)

Für die praktische Umsetzung des Superbike-WM-Einstiegs von BMW zeichnet die extra für diesen Zweck gegründete Firma „Alpha Racing“ verantwortlich. Ihr erster Streich: der Neubau der Teamzentrale.
Rennsport hat mit Geschwindigkeit zu tun – und zwar nicht nur auf der Rennstrecke. Wird das Tempo, mit dem die neue Heimat des ebenso neuen BMW-Superbike-Werksteams für die Weltmeisterschaft 2009 aus dem Boden gestampft wurde, als Indiz für das Potenzial der Truppe in Sachen Speed gewertet, muss sich wohl niemand um den Erfolg des ehrgeizigen Unternehmens sorgen.

„Vor einem Jahr standen wir hier auf einer grünen Wiese, für die es noch nicht einmal einen Flächennutzungs- geschweige denn einen Bebauungsplan gab“, erklärten Josef Meier und Josef Hofmann stolz, als sie am 17. Oktober die Gäste zur Einweihungsfeier der schmucken Rennfabrik begrüßten. Dem staunenden Publikum präsentierten sie auf einem 17000-Quadratmeter-Grundstück am Ortsrand von Stephanskirchen bei Rosenheim ein Ensemble aus einem dreistöckigen Verwaltungsrundbau, drei Werkshallen, einer Mitarbeiterkantine sowie einem Appartement mit vier Schlafräumen. Auf knapp 7500 Quadratmeter Geschossfläche ist jede Menge Platz, unter anderem für drei Hightech-Prüfstände und Spezialmaschinen zur Einzelteilherstellung. Vom Baubeginn bis zum Bezug der ersten Halle vergingen nur neun Monate.

Josef Meier und Josef Hofmann, „die Seppen“, wie sie intern kurz genannt werden, sind die Geschäfstführer der Firma „Alpha Racing“, die gegründet wurde, um als Dienstleister für BMW Motorrad Motorsport den praktischen Teil des WM-Projekts zu erledigen. Ihre Umtriebigkeit, sicher aber auch der gefühlvolle Umgang mit ihrem bayerischen Umfeld machte scheinbar Unmögliches möglich. Dabei sind Meier und Hofmann auch anderweitig sehr rege. Zusammen führen sie seit 1992 die Tuning-Firma „Alpha Technik“, deren Hauptsitz nur wenige Meter entfernt von der neuen Rennfabrik steht. Beide sind Motorradhändler, Hofmann in Stephanskirchen, Meier in Saal an der Donau. Ab 2009 werden sie als Streckenbetreiber zudem die Geschicke des Eurospeedway Lausitz lenken. Ein schier unglaubliches Mammutprogramm, das den mit einer gehörigen Portion bayerischer Gemütlichkeit gesegneten Machern jedoch keine Anzeichen von Stress entlockt.

So engagiert, wie Meier und Hofmann die „Alpha Racing“-Aktivitäten vorangetrieben haben, schmiedeten im Vorfeld bei BMW Berti Hauser und Peter Müller die Pläne für die Rückkehr der Bayern in den Straßensport auf WM-Niveau – über Jahre hinweg. „Für mich ist das hier ein wahr gewordener Traum“, schwärmte BMW-Motorrad-Motorsportdirektor Hauser denn auch bei einem Rundgang durch die Hallen des „Alpha Racing Competence Center“. Peter Müller, bis Mitte November bei BMW Motorrad Leiter Entwicklung und Baureihen und als solcher Hausers Chef, erklärt die Kooperation mit „Alpha Racing“: „In einem Konzern wie BMW gelten Arbeitszeitbestimmungen, die streng einzuhalten sind. Deshalb ist eine WM-Kampagne mit ihren Wochenendeinsätzen und Nachtschichten mit Werksangestellten nicht zu machen – da hätte ich ständig beim Betriebsrat gestanden, um Ausnahmeregelungen zu verhandeln.“ 45 Mitarbeiter werden in Stephanskirchen allein für das Superbike-Projekt tätig sein. In Kürze richten sich außerdem 16 Kollegen des ebenfalls BMW-extern von der Firma Speedbrain geführten BMW-Offroad-Werksteams in der noch unbelegten dritten Halle ein.

Fraktionsübergreifende Fachsimpeleien werden dann sicher auch in der eleganten Werkskantine stattfinden, deren Realisierung den BMW-Leuten zunächst zweitrangig erschien. „Aber die Seppen haben gesagt: Wer gut arbeitet, muss auch gut essen“, berichtet Hauser, „also haben sie‘s gebaut.“ Und der Pfarrer hat bei der Einweihung alles gesegnet – so viel Zeit muss in Bayern eben sein, bei aller Liebe zur Geschwindigkeit. abs

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