Die WM-Premiere von Georg Fröhlich (Archivversion)

Der Ernst des Lebens

Der erste Grand Prix ist der schwerste: Georg Fröhlich musste bei seinem WM-Einstand in Jerez mehr Lehrgeld bezahlen, als ihm lieb war.

Eigentlich hätte sich Georg Fröhlich am Samstagabend mal entspannt zurücklehnen können. Schließlich war die erste Hürde auf dem Weg zum Grand-Prix-Fahrer genommen: Mit seiner Honda hatte sich der Sachse für den 125er-WM-Lauf in Jerez qualifiziert.
Seine Trainingszeit von 1.52,538 Minuten bedeutete den drittletzten Startplatz in der letzten Reihe des 39 Fahrer starken Felds, aber mehr hatten das Team und Georg Fröhlich selbst bei der WM-
Premiere auch nicht erwartet. »Ich muss mich ganz hinten anstellen und dann nach oben arbeiten”, machte sich der gerade 16-jährige Youngster keinerlei
Illusionen.
Etwas stressfreier hatte sich der Sachse den ersten Auftritt auf dem WM-Parkett allerdings sicher vorgestellt. Am Samstagabend war er jedenfalls hundemüde, verspürte keinen Appetit und fühlte sich schlecht. Was hatte dem schmächtigen Blondschopf die Laune verdorben? Es liefen gerade die letzten Minuten des abschließenden Zeittrainings, als Fröhlich an die Box fuhr und nachchecken ließ,
ob er noch genügend Sprit an Bord hat. Er bekam das Okay, ging wieder raus auf die Strecke, denn eine schnelle Runde hätte der Zeitplan gerade noch erlaubt.
Sein Cheftechniker Sepp Schlögl
hatte die Trainingssitzung innerlich schon abgehakt und sich aufs stillche Örtchen verzogen – schon war es passiert. Bei einsetzendem Regen rutschte Fröhlich aus, wurde in hohem Bogen von der
Maschine geworfen, worauf der WM-Neuling gleich eine Institution kennen lernte, welche die Fahrer tunlichst zu meiden versuchen: das Klinomobil von Grand-Prix-Arzt Claudio Costa. Dorthin wurde er mit Schmerzen in der linken Hand gebracht, außerdem hatte er bei dem Abflug die Maschine in den Bauch bekommen und ließ sich auch in diesem Bereich vom WM-Doktor durchchecken. Der entdeckte außer Prellungen an
der Hand zum Glück keine Verletzungen. Neben aufmunternden Worten gab’s
Eisbeutel und eine Salbe für die Hand sowie schmerzstillende Tabletten – einem
Start am Sonntag sollte so eigentlich nichts im Wege stehen.
Doch im Team von ADAC und Honda machten sich leise Zweifel breit. Schließlich war der Sturz am Samstagnachmittag nicht Fröhlichs erster an diesem Tag gewesen. Bereits im freien Training am Morgen hatte er Bekanntschaft mit einem Kiesbett der andalusischen Strecke gemacht. Niemand wollte den Teenager bei seinem ersten WM-Lauf verheizen. Zumal er auch abseits der Rennpiste zurzeit einiges um die Ohren hat: Die Abschlussprüfung in der Realschule steht unmittelbar vor der Tür.
Bis dato war in der Karriere des Sachsen alles mit fast spielerischer Leichtigkeit gelaufen. Mit elf Jahren, 1999, stieg der Sprössling eines selbständigen Kfz-Meisters aus Wechselburg in den ADAC-Minibike-Cup ein – und holte in der zweiten Saison gleich den
Titel. 2002 starteten der ADAC und
Honda den 125er-Cup mit dem Ziel, möglichst bald deutsche Fahrer in die Weltmeisterschaft zu bringen.
Georg Fröhlich gehörte zur ersten Generation des Talentschuppens. Obwohl er im Auftaktjahr nicht Meister
wurde, fiel er den Verantwortlichen der mit 125er-Honda-Production-Racern gefahrenen Serie positiv auf. Sie holten
ihn für 2003 ins 125er-IDM-Team. Auf
Anhieb vier Laufsiege und am Ende der Vizetitel – Georg Fröhlich machte die Chefs von ADAC und Honda happy. Der Kandidat für den Aufstieg in die WM
war gefunden. Eine Wildcard für die zehn Europa-Grand-Prix-2004 gab es ohne Probleme, denn der GP-Promoter Dorna ist ebenfalls daran interessiert, dass
Erfolg versprechender Nachwuchs aus Deutschland in die WM nachrückt. Beste Voraussetzungen also für Georg Fröhlich, zumal er sich dank der Betreuung des erfahrenen Technikers Sepp Schlögl, der schon bei Weltmeistern wie Dieter Braun und Toni Mang schraubte, ganz aufs Fahren konzentrieren kann.
Am Fahrgefühl an sich hat sich für den fliegengewichtigen Youngster in der WM aber einiges geändert. Zum einen ist der Konkurrenzdruck natürlich deutlich größer, zum anderen mussten gegenüber der letztjährigen IDM-Maschine Zusatzgewichte ans Motorrad gepackt werden, um das höhere Limit bei den Grand
Prix zu erreichen. 52,3 Kilogramm mit Rennbekleidung wog Georg Fröhlich in Jerez, das Motorrad bringt 71 Kilo auf die Waage – da fehlen noch gut zehn Kilo, um die in der 125er-WM geforderten 134 Kilo von Fahrer und Bike zu schaffen. Mit Wolframstahl, auf mehrere Portionen verteilt und an günstigen
Stellen am Chassis befestigt, hat Sepp Schlögl die 125er-Honda aufgerüstet. Was das Handling der Maschine erschwert und vom Piloten eine noch exaktere Linienwahl erfordert.
Nun also die Nagelprobe in Jerez. Die Schmerzen an der linken Hand
waren am Sonntagvormittag noch nicht verschwunden, doch Georg Fröhlich biss die Zähne zusammen und entschied sich für einen Start. Ein guter Entschluss, wie sich nach 23 Runden
im strömenden Regen herausstellen sollte. Weder Aquaplaning noch das durchdrehende Hinterrad seiner Honda oder die vielen gestürzten Konkurrenten konnten den Sachsen aus dem Konzept bringen. Konstant zog Fröhlich seine Bahn und beendete seinen ersten Grand Prix auf dem 22. Platz – Respekt. Betreuer und ehemaliger GP-Fahrer
Adi Stadler brachte es auf den Punkt: »Das Minimalziel ist erreicht.«
Die Glückwünsche des Teams ließen nicht lange auf sich warten, aber war auch der Youngster selbst mit seinem Ergebnis zufrieden? »Nicht wirklich”, gestand Georg Fröhlich, »weil ich überrundet worden bin.« Das ist angesichts der schwierigen Bedingungen durchaus zu verschmerzen, zeugt jedoch vom Ehrgeiz und Kampfgeist des jungen WM-Debütanten.
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Kommentar von Ex-WM-Fahrer Jürgen Fuchs (Archivversion) - »Ein
enormer Druck“

Der Einstand in der Motorrad-WM ist wie eine kalte Dusche. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen:
Georg Fröhlich wird verdammt hart gegen wachsende Zweifel ankämpfen müssen. Denn jeder in dem GP-Starterfeld hat schon einmal irgendwelche Meisterschaften dominiert und das Gefühl bekommen, der Beste zu sein. Dann fahren sie dir in der WM erst einmal dermaßen
um die Ohren, dass du wieder ganz am Anfang stehst. Eine enormer Druck!
Talent oder technische Überlegenheit stellen sich in
dieser Phase oft sogar als Falle heraus, weil es den
Fahrer verleitet, darauf zurückzugreifen. Je früher der Fahrer erkennt, dass er für diese Liga sehr, sehr hart
arbeiten muss, umso besser für den Lernprozess. In der WM gibt es bessere Trainingsmöglichkeiten, besseres Material sowie Konkurrenten, denen man etwas abschauen kann. An der Performance von Georg wird man sehen, ob ihn der Druck am Lernen behindern wird.
Das Förderprogramm des ADAC hat den Erfolg durch optimale Betreuung und ein günstiges Gewichtsreglement in der IDM erst einmal etwas süßer schmecken lassen als die Brocken, die Georg Fröhlich jetzt
schlucken muss. Mich hat Jean-Philippe Ruggia bei
meiner WM-Premiere beim Überrunden vom Motorrad geholt – ein Jahr später habe ich ihn besiegt...

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